Diese Arbeit untersucht die bedeutende und oft unterschätzte Rolle von Frauen in der Mafia. Sie beleuchtet, wie Frauen nicht nur als Gattinnen, Geliebte und Mütter, sondern auch als aktive Teilnehmerinnen, Bosse und Verräterinnen innerhalb mafiöser Strukturen agieren. Ziel der Arbeit ist es, die historische Entwicklung der Mafia in Süditalien und ihre funktionalen Aspekte darzustellen sowie die verschiedenen Rollen, die Frauen in diesem kriminellen Kontext einnehmen.
Die Mafia in Italien scheint auf den ersten Blick eine rein männliche Welt zu sein. Frauen tragen aber eine bedeutende Rolle in mafiokratischen Strukturen bei. Frauen mafioser Familien sind selbst Akteurinnen der Mafia. Dabei nehmen sie häufig sowohl auf materieller als auch auf symbolischer Ebene eine wichtige Rolle ein. Sie sind in den kriminellen Aktivitäten ihrer Ehemänner involviert, geben ihnen Halt und vermitteln auch mafiose Werte an die folgenden Generationen. Im ganzen mafiotischen Kontext gibt es aber auch Frauen, die sich der Mafia abwenden und dann beginnt ein gefährliches Leben, das von Angst, Bedrohungen und Schutzprogrammen gekennzeichnet ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Begriffserklärung Mafia und ihre Entstehungsgeschichte
1.1 Zum allgemeinen Begriff der Mafia
1.2 Die historische Entwicklung der Mafia in Süditalien
1.2.1 Verschiedene theoretische Ansätze zur Mafiaproblematik
1.2.2 Der rassisch-kriminologische Mythos
1.2.3 Der folkloristische Mythos
1.2.4 Der kulturalistische Mythos
1.2.5 Die Pyramidenmetapher
1.2.6 Die Netzmetapher
1.2.7 Die Betriebsmetapher
1.2.8 Der soziogenetische Horizont
1.2.9 Giordano's Plädoyer auf die verschiedenen mafiotischen Deutungsparadigmen
2 Begriffserklärungen "Kernfamilie", "Mafiafamilie" und "Familismus"
2.1 Die Kernfamilie
2.2 Die Mafiafamilie
2.3 Der Familismus
3 Mafiose Mütter - Die Weitergabe der mafiosen Werte an die Kinder
4 Die Patinnen. Die Frauen der Mafia
4.1 Die Rolle der Frauen innerhalb der Mafia
4.2 Die Mafia-Chefinnen und die Vollmacht, Morde in Auftrag zu geben
5 Für oder gegen die Mafia
5.1 Das Schicksal von Rita und anderen Frauen in der Mafia
Resümee
Nachwort und Ausblick
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Frauen in mafiotischen Strukturen Süditaliens, wobei insbesondere ihre Funktion als Ehefrauen, Mütter und Akteurinnen in kriminellen Netzwerken beleuchtet wird. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu klären, wie Frauen mafiose Werte an weitere Generationen vermitteln, welche Machtpositionen sie innerhalb der Clans einnehmen und unter welchen Bedingungen sie sich ggf. gegen die Mafia entscheiden.
- Historische und soziologische Deutungsansätze des Phänomens Mafia
- Die Bedeutung der Kern- und Mafiafamilie für die Reproduktion mafioser Identität
- Weibliche Handlungsspielräume und Machtstrukturen in kriminellen Organisationen
- Konfliktlinien zwischen familiärer Bindung und staatlicher Justiz
- Fallbeispiele weiblicher Aussteigerinnen und deren Konsequenzen
Auszug aus dem Buch
1.1 Zum allgemeinen Begriff der Mafia
Obschon der Begriff „Mafia“ ein spezifisches Phänomen beschreibt, bestehen zwischen den unterschiedlichen Mafiaorganisationen Süditaliens einige Unterschiede. In diesem Kapitel soll die allgemeine Begrifflichkeit von Mafia sowie ihre Machenschaften kurz dargestellt werden bevor auf die Entstehungsgeschichte und ihrer verschiedenen Interpretationen eingegangen wird.
Der Begriff Mafia gehört heute zu einer langen Liste von Wörtern wie „Pizza“, „Spaghetti“ oder „Opera“, die den Italienern überall auf der Welt attribuiert werden. Mafia, auch Cosa Nostra genannt, gilt für ein ganzes Weltspektrum von Gangs als eine Art Auffangschirm – Chinesen, Japaner, Russen, Tschechen, Albaner, Türken etc., welche letztendlich wenig oder gar nichts mit dem sizilianischen Original zu tun haben. In verschiedenen Regionen Süditaliens gibt es kriminelle Assoziationen die manchmal auch „Mafia“ genannt werden: die Sacra Corona Unità in Apulien, die ’Nndrangheta in Kalabrien und die Camorra in der Stadt Neapel und Umgebung. Die Camorra beispielsweise ist älter als die Mafia. Dennoch ist keine andere illegale Gesellschaft im weitesten Sinne so stark und gut organisiert oder gar erfolgreich wie die Mafia (Dickie 2004:1 [meine Übersetzung]).
Die Mafia war schon um 1890 eine mörderische und hochentwickelte kriminelle Vereinigung mit sehr starken politischen Verbindungen und internationaler Reichweite (Dickie 2004:XVI [meine Übersetzung]). Die Herausbildung von Cosa Nostra entstand in Amerika. Italienische Immigranten, Schlägertrupps, positionierten sich kurz nach der Jahrhundertwende und erpressten Schutzgeld von den Neuankömmlingen. Sie verbanden ihr „Ehrenkodex“ mit der alten Heimat. Er lieferte den Schleier der Respektabilität für ihre wahren Intentionen, nämlich reich zu werden. Dabei waren Männlichkeit und Gewalt die beiden Säulen ihrer Identität. Die Mafia erlebte ihren Durchbruch in Amerika zur Zeit der Prohibition, als sie sich mit illegalen Bars und Spielcasinos sich bereitreicherte.
Zusammenfassung der Kapitel
Begriffserklärung Mafia und ihre Entstehungsgeschichte: Dieses Kapitel erörtert die Begrifflichkeit und die historischen Ursprünge der Mafia, wobei verschiedene soziologische Deutungsmuster und Metaphern analysiert werden.
Begriffserklärungen "Kernfamilie", "Mafiafamilie" und "Familismus": Hier werden die Funktionsweisen der traditionellen Kernfamilie der Mafiafamilie gegenübergestellt und das Konzept des "Amoralischen Familismus" als Erklärungsmodell für das Misstrauen gegenüber dem Staat untersucht.
Mafiose Mütter – Die Weitergabe der mafiosen Werte an die Kinder: Dieses Kapitel analysiert die zentrale Rolle der Mutter bei der Sozialisation der Kinder in mafiose Werte und die damit verbundene Aufrechterhaltung der Strukturen.
Die Patinnen. Die Frauen der Mafia: Das Kapitel beleuchtet die aktive Rolle der Frau in der Mafia, von der Unterstützung der Ehemänner bis hin zur Übernahme von Führungsaufgaben und Logistik bei kriminellen Aktionen.
Für oder gegen die Mafia: Die Arbeit schließt mit einer Betrachtung von Aussteigerinnen und den damit verbundenen existentiellen Risiken sowie der Konfrontation mit dem traditionellen Ehr- und Racheverständnis.
Schlüsselwörter
Mafia, Süditalien, Geschlechterrollen, Organisierte Kriminalität, Mafiafamilie, Soziologie, Sozialisation, Ehrenkodex, Clan-Strukturen, Patriarchat, Frau in der Mafia, Cosa Nostra, Amoralischer Familismus, Justiz, Aussteigerinnen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der soziologischen und anthropologischen Untersuchung von Frauen, die in mafiotische Netzwerke in Süditalien eingebunden sind oder aus diesen ausbrechen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen Familienstrukturen der Mafia, die Rolle der Mutter als Wertevermittlerin, weibliche Machtpositionen innerhalb von Clans und die soziopolitischen Deutungen der Mafia-Existenz.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die meist vernachlässigte Rolle der Frau im Mafiakontext zu analysieren und aufzuzeigen, wie diese Frauen sowohl als Stütze des Systems als auch als Akteurinnen innerhalb dieses Umfelds agieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte, sozialanthropologische Analyse, die auf soziologischen Theorien und dokumentierten Fallstudien basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Mafia-Metaphern, die Struktur der Mafiafamilie, die Sozialisation durch die Mutter, die Funktion weiblicher Clan-Mitglieder sowie die riskanten Wege des Ausstiegs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Begriffe sind Mafia, Sozialisation, Geschlechterrollen, Clan-Strukturen, Amoralischer Familismus und das Spannungsfeld zwischen staatlicher Justiz und familiärer Loyalität.
Wie unterscheidet sich die "Mafiafamilie" von der bürgerlichen "Kernfamilie"?
Während die bürgerliche Kernfamilie als erzieherische Institution für die Außenwelt dient, fungiert die Mafiafamilie als ökonomisches und territoriales Machtinstrument, das durch rituelle Statusverträge und totale Loyalität geschützt ist.
Warum fällt es Frauen in mafiotischen Kontexten oft schwer, auszusteigen?
Der Ausstieg ist aufgrund der starken familiären Verwobenheit, der sozialen Ächtung als "Verräterin" und der ständigen Bedrohung durch Racheakte aus dem eigenen Milieu hochgefährlich.
- Arbeit zitieren
- Deniz Dogan (Autor:in), 2014, Die Rolle von Frauen in der Mafia. Mittäterschaft, Führung und Verrat in Süditalien, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1493338