Fernando Solanas drehte 1992 das argentinische Road Movie El Viaje. Es handelt vom 17-jährigen Martin Nunca, einem argentinischen Jungen, der mit seiner Mutter und
dem Stiefvater in Ushuaia auf Feuerland lebt. Von dort bricht er auf, seinen leiblichen Vater zu suchen. Auf seiner Reise durch den südamerikanischen Kontinent entdeckt er
verschiedenste Orte und Länder, sammelt Erkenntnisse und Erfahrungen. 1980 erläuterte der Franzose Michel de Certeau in seinem Werk Kunst des Handelns, inwiefern sich der Mensch mit alltäglichen Handlungsweisen Situationen und Objekte
auf seine Bedürfnisse hin anpasst. Diese Arbeit soll nun herausfinden, inwiefern in El Viaje die gezeigten Bewohner ähnliche Handlungsweisen anwenden, um sich aus ihrem
Status von durch Politiker und ausländische Investoren Beherrschten, einen Vorteil zu verschaffen und damit Teile ihrer Alltagskultur preisgeben. De Certeau soll dabei
nicht nur im Bezug auf Objekte angewendet werden, wie er es in seiner Theorie beschrieben hat, sondern insbesondere auf alltägliche Handlungsweisen. Eine Analyse
des Films mittels dieser Theorie könnte zeigen, was Martin auf seiner Reise tatsächlich entdeckt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung und Hintergründe zu El Viaje
2.1 Verlust politischer und wirtschaftlicher Identität
2.2 Verlust visueller Identität
3. Michel de Certeau – „Kunst des Handelns“
4. Darstellung von Alltag, Kultur und Revolution in El Viaje, unter Berücksichtigung der Theorien De Certeaus
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den argentinischen Film El Viaje von Fernando Solanas im Kontext der soziologischen Theorien von Michel de Certeau, um zu analysieren, wie die Protagonisten und die Bevölkerung durch alltägliche Handlungsmuster Widerstand gegen politische und wirtschaftliche Fremdbestimmung leisten.
- Analyse der lateinamerikanischen Identitätssuche im Film
- Kritik am neoliberalen Einfluss und der kulturellen Dominanz Hollywoods
- Anwendung der Konzepte „Strategie“ und „Taktik“ von Michel de Certeau
- Untersuchung von Alltagspraktiken als Mittel des stillen Widerstands
- Reflexion über die Rolle des revolutionären Kinos in der heutigen Zeit
Auszug aus dem Buch
2.1 Verlust politischer und wirtschaftlicher Identität
Der 1936 in Buenos Aires geborene Solanas sieht das Filmemachen als politische Herausforderung. Er benutzt seine Werke, um Ungerechtigkeiten herauszustellen und Lösungen aufzuzeigen, meist aus einer sozialistischen Sichtweise heraus. Auch in El Viaje sind die politischen Anspielungen nicht zu übersehen. Solanas prangert ganz explizit die neoliberale Politik Carlos Menems (regierte Argentinien von 1989-1999) an, der unter anderem Staatsfirmen und Fernsehanstalten privatisierte, den argentinischen Pesos an den US-Dollar knüpfte und das Land an die internationalen Märkte anschließen wollte. Dabei vernachlässigte er die Bedürfnisse der Bevölkerung und vergrößerte während seiner Regierungszeit neben der Arbeitslosigkeit auch die Außenschuld. Der Regisseur kritisiert daher die Aufgabe nationaler Souveränität durch das Eindringen westlicher Investoren an und will die Zerstörungen aufdecken, die durch die neoliberale Politik, korrupte Politiker und das Ausland hervorgerufen wurden. Im Film wird beispielsweise mit Szenen darauf hingewiesen, in denen Lastwagen die Außenschuld bei Indios einzutreiben versuchen oder ganze Landstriche, wie etwa Patagonien, an Ölfirmen verkauft werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Film El Viaje und die zentrale Fragestellung nach der Anwendung der Theorien von Michel de Certeau auf die dargestellte Identitätssuche.
2. Einführung und Hintergründe zu El Viaje: Analyse des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontextes des Films sowie der Kritik von Solanas am Einfluss westlicher Medien.
3. Michel de Certeau – „Kunst des Handelns“: Erläuterung der soziologischen Kerntheorien von De Certeau, insbesondere der Konzepte von Alltagspraktiken, Konsum und der Unterscheidung zwischen Strategie und Taktik.
4. Darstellung von Alltag, Kultur und Revolution in El Viaje, unter Berücksichtigung der Theorien De Certeaus: Konkrete Untersuchung der Filmszenen hinsichtlich der Taktiken des Alltags, mit denen sich die Bevölkerung ihren Raum gegen staatliche und ökonomische Unterdrückung zurückerobert.
5. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse und Fazit zur Bedeutung der Reise des Protagonisten Martin Nunca für eine neue lateinamerikanische Identitätsbildung.
Schlüsselwörter
El Viaje, Fernando Solanas, Michel de Certeau, Lateinamerika, Identität, Alltagskultur, Taktik, Strategie, Widerstand, Neoliberalismus, Drittes Kino, Konsum, politische Teilhabe, kulturelle Identität, Filmsoziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert den argentinischen Roadmovie El Viaje hinsichtlich der soziologischen Konzepte von Michel de Certeau.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Suche nach lateinamerikanischer Identität, die Kritik an politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten sowie die Analyse des Alltagslebens als Widerstandspraxis.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es soll untersucht werden, inwiefern die Bewohner in El Viaje durch spezifische Alltagspraktiken einen Spielraum gegen ihre Unterdrückung gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine filmwissenschaftliche und kultursoziologische Analyse angewandt, die den Film vor dem Hintergrund der Theorie Kunst des Handelns von Michel de Certeau interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in De Certeaus Werk und deren direkte Anwendung auf die Filmszenen, um Taktiken des Widerstands im Alltag zu identifizieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Identität, Taktik, Strategie, Alltag, Widerstand und postkoloniale Kritik am westlichen Einfluss auf lateinamerikanische Kulturen.
Warum spielt die Unterscheidung von Strategie und Taktik eine so große Rolle?
Diese Unterscheidung ist zentral, um zu verstehen, wie machtlose Individuen (Taktik) innerhalb eines fremdbestimmten Systems (Strategie) dennoch eigene Handlungsspielräume erschließen können.
Inwieweit lässt sich das Konzept des „Dritten Kinos“ auf den Film anwenden?
Solanas' theoretische Ansätze zum revolutionären Kino fließen in El Viaje ein, auch wenn der Film moderne filmische Mittel nutzt, um das Publikum zur aktiven Identitätsfindung anzuregen.
Welche Bedeutung hat der Schluss des Films im Kontext der Arbeit?
Der Schluss betont den Aufruf des Regisseurs an die Jugend, sich ihrer Geschichte und Wurzeln bewusst zu werden, um die Zukunft des Kontinents aktiv zu gestalten.
- Arbeit zitieren
- Markus Stegmann (Autor:in), 2008, Medienwissenschaftliche Analyse des Road Movies "El Viaje" im Hinblick auf Michel de Certeaus Theorie in „Kunst des Handelns", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/147151