„Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird das Evangelium verkündigt“ (Mt 11,5, ZB). Dieses Jesus-Wort steht stellvertretend für die durch Jesus von Nazareth verkündigte Heilsbotschaft der angebrochenen Königsherrschaft Gottes, welche sich nach der Vorstellung des antiken Judentums endzeitlich – bei gleichzeitiger Entmachtung des Teufels – uneingeschränkt vollzieht. „Als Folge der Entmachtung des Satans ist ein Eindringen in seinen Herrschaftsbereich möglich, indem der kranke Mensch vom Bösen befreit und in seiner schöpfungsgemäßen Bestimmung wiederhergestellt wird“. Das göttliche Heil wird also schon im Hier und Jetzt gegenwärtig und leiblich erfahrbar in Handlungen Jesu, in Heilungen und Exorzismen. Trotz höchst unterschiedlicher Deutungsperspektiven (z.B. allegorisch-spirituelle, rationalistische, existenziale, tiefenpsychologische, sozial- und kultkritische oder feministische Deutung) werden Wundererzählungen beinahe durchweg positiv bewertet (z.B. als Hoffnungs-, Befreiungs- oder Glaubensgeschichten; oder als Texte, die zu einer neuen Existenzmöglichkeit führen oder innerpsychische Konflikte auflösen). Grundsatzkritik an den neutestamentlichen Wundertexten äußert die Disability-Perspektive, eine radikale Form der sozialkritischen Wunderdeutung. Die Disability-Perspektive wird in dieser Arbeit dargestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Disability-Perspektive
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht neutestamentliche Wundererzählungen aus der kritischen Perspektive der Disability Studies. Das primäre Ziel ist es, das in diesen biblischen Texten vorherrschende, oft exklusivistische Menschenbild zu dekonstruieren, welches Behinderung mit Leiden oder Schuld gleichsetzt, und stattdessen Impulse für eine inklusive, wertschätzende Theologie und kirchliche Praxis im Umgang mit menschlicher Vielfalt zu entwickeln.
- Kritische Analyse des Menschenbildes in neutestamentlichen Wunderheilungen
- Dekonstruktion des Tun-Ergehen-Zusammenhangs und spiritueller Ausbeutung
- Reflexion der metaphorischen Verwendung von Behinderung in biblischen Texten
- Konzeption von Inklusion als sozialer Heilungsauftrag der Kirche
- Förderung einer neuen Normalitätsvorstellung in der Theologie
Auszug aus dem Buch
Disability-Perspektive
„Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird das Evangelium verkündigt“ (Mt 11,5, ZB). Dieses Jesus-Wort steht stellvertretend für die durch Jesus von Nazareth verkündigte Heilsbotschaft der angebrochenen Königsherrschaft Gottes, welche sich nach der Vorstellung des antiken Judentums endzeitlich – bei gleichzeitiger Entmachtung des Teufels – uneingeschränkt vollzieht. „Als Folge der Entmachtung des Satans ist ein Eindringen in seinen Herrschaftsbereich möglich, indem der kranke Mensch vom Bösen befreit und in seiner schöpfungsgemäßen Bestimmung wiederhergestellt wird“.
Das göttliche Heil wird also schon im Hier und Jetzt gegenwärtig und leiblich erfahrbar in Handlungen Jesu, in Heilungen und Exorzismen. Trotz höchst unterschiedlicher Deutungsperspektiven (z.B. allegorisch-spirituelle, rationalistische, existenziale, tiefenpsychologische, sozial- und kultkritische oder feministische Deutung) werden Wundererzählungen beinahe durchweg positiv bewertet (z.B. als Hoffnungs-, Befreiungs- oder Glaubensgeschichten; oder als Texte, die zu einer neuen Existenzmöglichkeit führen oder innerpsychische Konflikte auflösen). Grundsatzkritik an den neutestamentlichen Wundertexten äußert die Disability-Perspektive, eine radikale Form der sozialkritischen Wunderdeutung. Letztere „bereichert die Auslegung der Heilungsgeschichten, indem sie die Wahrnehmung dafür schärft, dass Krankheit nicht nur als ein individuelles Schicksal verstanden werden kann, sondern ein Symptom von politischer und ökonomischer Ausbeutung, von Hunger, Gewalt und Krieg“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Disability-Perspektive: Dieses Kapitel stellt die kritische Auseinandersetzung mit neutestamentlichen Wundererzählungen durch die Disability Studies dar, demaskiert die Stigmatisierung behinderter Menschen in diesen Texten und fordert eine Umdeutung hin zum inklusiven sozialen Heilungsauftrag.
Schlüsselwörter
Disability-Perspektive, Wundererzählungen, Inklusion, Heilung, Neues Testament, Menschenbild, Normalität, Tun-Ergehen-Zusammenhang, Behindertenfeindlichkeit, Exklusion, Befreiungstheologie, soziale Heilung, biblische Hermeneutik, Stigmatisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die neutestamentlichen Wundererzählungen aus der spezifischen und kritischen Perspektive der Disability Studies.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Kritik am biblischen Menschenbild, die Dekonstruktion von Normalitätsvorstellungen und die Forderung nach Inklusion statt rein medizinischer Heilung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, problematische Deutungen aufzuzeigen, die behinderte Menschen ausgrenzen, und stattdessen eine inklusive Interpretation der Texte anzuregen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein theoretisch-analytischer Ansatz gewählt, der theologische Exegese mit den kritischen Theorien der Disability Studies verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Problematisierung des Tun-Ergehen-Zusammenhangs, der Verwendung von Behinderung als Metapher und der Unterscheidung zwischen medizinischem Heil und sozialer Inklusion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Disability-Perspektive, Wundererzählungen, Inklusion, Heilung und eine kritische Theologie.
Warum ist das Buch Hiob für die Argumentation wichtig?
Das Buch Hiob dient als wichtige Ausnahme, da es den traditionellen Tun-Ergehen-Zusammenhang, der sonst Leiden oft als Strafe für Sünde deutet, explizit hinterfragt.
Was bedeutet der „soziale Heilungsauftrag“ konkret?
Dies bedeutet, dass die Kirche nicht an der physischen Veränderung von Körpern arbeiten soll, sondern an der Veränderung der Umgebung, um Inklusion in der Gesellschaft zu ermöglichen.
- Quote paper
- Samuel Haug (Author), 2022, Die Disability-Perspektive in der Wunderdidaktik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1438213