Noch immer wird häufig davon ausgegangen, dass negative äußerliche Einflüsse zwangsläufig negative Entwicklungsfolgen bei betroffenen Kindern verursachen, besonders wenn diesem Prozess nicht gezielt durch professionelle Hilfe entgegengewirkt wird. Die sehr aktuelle Theorie der Resilienz, welche zunehmend Beachtung findet, widerspricht diesem Denkansatz.
Die Resilienzforschung belegt, dass widrige Lebensumstände nicht automatisch die kindliche Entwicklung beeinträchtigen, stattdessen lassen diese bei einigen Kindern erstaunliche Fähigkeiten zum Vorschein kommen oder gar entstehen, um solche negativen Einflüsse „abzuwehren“ (Wustmann, 2004: 18). Demnach gibt es zwar Risikofaktoren, welche Entwicklungsstörungen begünstigen; auf der anderen Seite bewahren so genannte Schutzfaktoren viele Kinder vor einer gravierenden Beeinträchtigung bzw. befähigen sie, trotz einer durch Risikofaktoren bedingten Benachteiligung ein erfolgreiches, ausgeglichenes Leben zu führen. Resilienz kann als Produkt dieser schützenden Einflüsse betrachtet werden. Es kommt vom Englischen „resilience“ und bezieht sich auf die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken. So wird erklärt, weshalb verhältnismäßig viele Kinder trotz eines erhöhten Entwicklungsrisikos zu leistungsstarken und stabilen Persönlichkeiten heranwachsen. Doch ob ein Kind resilient ist oder nicht kann man nur dann eindeutig feststellen, wenn es erfolgreich besondere Schwierigkeiten be-wältigt hat und sich im Vergleich zu Kindern welche ähnliche Risikobelastungen erlitten ha-ben, positiv entwickelt (Wustmann, 2004: 18).
Resilienz bezieht sich nicht nur auf die reine Abwesenheit einer psychischen Beeinträchtigung sondern auch auf den Erwerb bzw. den Erhalt altersangemessener Fähigkeiten und Kompetenzen der normalen kindlichen Entwicklung. Damit ist auch die Bewältigung von altersspezifischen Entwicklungsaufgaben gemeint, in der frühen Kindheit beispielsweise ge-hören dazu die Entwicklung von Sprache und Autonomie. Von der Bewältigung einer solchen Entwicklungsaufgabe hängen die Fähigkeit zur Erfüllung der darauf folgenden Aufgabe sowie das Selbstbewusstsein und die Stabilität der Persönlichkeit ab (Wustmann, 2004: 20).
Den tatsächlichen Auswirkungen dieser gefährdenden und schützenden Umstände möchte ich in dieser Hausarbeit mit Hilfe der Frage „Wie beeinflussen Schutz- und Risikofaktoren die kindliche Entwicklung?“ nachgehen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. STUDIEN ZU RESILIENZ
2.1.DIE „KAUAI-LÄNGSSCHNITTSTUDIE“ VON EMMY WERNER UND RUTH SMITH
2.2.DIE „BIELEFELDER INVULNERABILITÄTSSTUDIE“ VON DR. FRIEDRICH LÖSEL UND DORIS BENDER
3. RISIKOFAKTOREN
3.1 BIOLOGISCHE RISIKOFAKTOREN
3.2 FAMILIÄRE UND SOZIALE RISIKOFAKTOREN
4. SCHUTZFAKTOREN
4.1 SCHUTZFAKTOREN DES INDIVIDUUMS
4.2 SCHUTZFAKTOREN DER FAMILIE
4.3 SCHUTZFAKTOREN DES UMFELDES
5. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss von Schutz- und Risikofaktoren auf die kindliche Entwicklung und geht dabei der Forschungsfrage nach, wie diese Faktoren das Heranwachsen von Kindern beeinflussen. Ziel ist es, das Phänomen der Resilienz besser zu verstehen und aufzuzeigen, wie Kinder trotz widriger Lebensumstände eine stabile Persönlichkeit entwickeln können.
- Theorie der Resilienz und psychische Widerstandsfähigkeit
- Analyse bedeutender Langzeitstudien (Kauai-Studie und Bielefelder Invulnerabilitätsstudie)
- Kategorisierung biologischer, familiärer und sozialer Risikofaktoren
- Identifikation und Wirkweise von Schutzfaktoren in Individuum, Familie und Umfeld
- Ableitung von Ansätzen für die Soziale Arbeit zur Förderung resilienten Verhaltens
Auszug aus dem Buch
2.2.Die „Bielefelder Invulnerabilitätsstudie“ von Dr. Friedrich Lösel und Doris Bender
Mit dieser Studie wollte man 1999 die seelische Widerstandskraft von Personen, welche einem erhöhtem Entwicklungsrisiko ausgesetzt sind, untersuchen sowie Phänomene der Resilienz auch außerhalb des familiären Systems erfassen.
Die Zielgruppe bildeten Jugendliche aus Heimbetreuung welche ursprünglich aus einem unterprivilegierten Multi-Problemmilieu stammten. Merkmale hierfür waren beispielsweise unvollständige Familien, Armut und Erziehungsdefizite, Gewalttätigkeit und Alkoholmissbrauch.
Die an dieser Studie beteiligten Forscher befragten zunächst Mitarbeiter von 60 verschiedenen Einrichtungen der Jugendhilfe nach Beobachtungen von resilientem Verhalten einzelner Jugendlicher. Mithilfe dieser Informationen bildeten sie die „Gruppe der Resilienten“, bestehend aus 66 Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren aus 27 Heimen. Die Vergleichsgruppe stellten 80 Jugendliche dar, welche aus den selben Heimen kamen und deren Risikobelastung gleich hoch wie die der Jugendlichen aus der „Gruppe der Resilienten“ eingeschätzt worden war, die jedoch ausgeprägte Erlebens- und Verhaltensstörungen zeigten. Sie wurde als „Gruppe der Auffälligen“ bezeichnet. Beide Gruppen bestanden jeweils zu drei Fünftel aus Jungen und zu zwei Fünftel aus Mädchen. Auf folgende vier Merkmale wurden die Gruppen anschließend untersucht: biographische Belastungen und Risikobedingungen, Problemverhalten bzw. Erlebens- und Verhaltensstörungen und personale und soziale Ressourcen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Resilienztheorie ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem Einfluss von Schutz- und Risikofaktoren auf die kindliche Entwicklung.
2. STUDIEN ZU RESILIENZ: In diesem Kapitel werden mit der Kauai-Längsschnittstudie und der Bielefelder Invulnerabilitätsstudie zwei zentrale Untersuchungen vorgestellt, die das Verständnis der Resilienz maßgeblich geprägt haben.
3. RISIKOFAKTOREN: Hier werden verschiedene biologische sowie familiäre und soziale Belastungsfaktoren definiert, die eine negative Entwicklung bei Kindern begünstigen können.
4. SCHUTZFAKTOREN: Dieses Kapitel widmet sich den schützenden Ressourcen auf Ebene des Individuums, der Familie und des sozialen Umfeldes, die negativen Einflüssen entgegenwirken.
5. FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert, wie Erkenntnisse aus der Resilienzforschung in der Sozialen Arbeit praktisch angewendet werden können.
Schlüsselwörter
Resilienz, Resilienzforschung, Schutzfaktoren, Risikofaktoren, kindliche Entwicklung, Kauai-Längsschnittstudie, Bielefelder Invulnerabilitätsstudie, psychische Widerstandsfähigkeit, Soziale Arbeit, Ressourcenorientierung, Erziehung, Kindeswohl, Prävention, Entwicklungsrisiko, Persönlichkeitsentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Resilienzforschung und untersucht, wie Kinder trotz belastender Lebensumstände eine gesunde und stabile Persönlichkeit entwickeln können.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind die Definition von Resilienz, die Analyse klassischer Langzeitstudien, die Identifikation von Risikofaktoren sowie die Bedeutung von Schutzfaktoren in verschiedenen Lebensbereichen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel besteht darin, zu ergründen, wie Schutz- und Risikofaktoren die kindliche Entwicklung beeinflussen und welche Erkenntnisse daraus für die Praxis gewonnen werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erkenntnisgewinnung verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Auswertung bekannter empirischer Langzeitstudien sowie fachwissenschaftlicher Literatur zur Resilienz.
Was wird im inhaltlichen Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung bedeutender Studien, die systematische Darstellung von Risikofaktoren (biologisch, familiär, sozial) und die detaillierte Betrachtung von Schutzfaktoren auf individueller, familiärer und umfeldbezogener Ebene.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Resilienz, Schutzfaktoren, Risikobelastung, psychische Widerstandsfähigkeit und Soziale Arbeit charakterisiert.
Welche Rolle spielt die „Bielefelder Invulnerabilitätsstudie“ für die Argumentation?
Die Studie dient als wichtiges Beispiel dafür, wie Resilienz bei Jugendlichen in schwierigen Lebensverhältnissen, wie etwa in Heimen, untersucht wird und welche persönlichen Ressourcen zur Krisenbewältigung beitragen.
Wie bewertet der Autor die Förderung von Resilienz in der Praxis?
Der Autor sieht in der Resilienzforschung eine wertvolle Ergänzung für die Soziale Arbeit, warnt jedoch davor, diese als bloße Selbsthilfeprogramme zu verstehen, da Kinder bei andauernden Belastungen weiterhin auf professionelle Unterstützung angewiesen sind.
- Arbeit zitieren
- Theresa Reckstadt (Autor:in), 2008, Resilienz. Wie beeinflussen Schutz- und Risikofaktoren die kindliche Entwicklung?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/142637