In dieser Hausarbeit wird Iphigenies Abwendung von den Göttern analysiert, wobei zunächst ein Blick auf das allgemeine Götterbild in dem Werk Iphigenie auf Tauris geworfen werden soll, um sich ausgehend davon mit Iphigenies Beziehung zu den Göttern im Speziellen auseinanderzusetzen. Hier wird es besonders um Iphigenie in Form des Opfers der Götter und ihrer anschließenden Emanzipation von diesen gehen. Zudem soll am Ende noch ein Blick auf Iphigenie als eigenständig handelndes Subjekt geworfen werden.
Oftmals scheint es leichter zu sein, auf Obrigkeiten und deren Herrschaft zu vertrauen, die Eigenverantwortung abzugeben und das Schicksal in die Hände anderer zu legen. Doch genau darin liegt auch die Gefahr der Unmündigkeit und der Aufgabe des eigenen Ichs. Sich Mündigkeit, womit auch Selbstbestimmung und Urteilsfähigkeit gemeint sind, zu erarbeiten, scheint zunächst der anstrengendere Weg zu sein. Wenn dieser jedoch betreten wird, kann er auch die Sicht auf die Weiten des Neuen und Unentdeckten öffnen und ungeahnte Lebensperspektiven und Möglichkeiten darbieten.
Auch die Figur der Iphigenie in Goethes Drama Iphigenie auf Tauris, beginnt den Prozess dieses selbstbewusst-aufgeklärte[n] Hinausgehen[s] über das christliche "Dein Wille geschehe" zu durchleben. Mit der Entscheidung, nicht weiterhin auf die Götter zu vertrauen und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, emanzipiert sie sich von den Göttern und deren Obrigkeit und beginnt als eigenständiges Subjekt zu agieren. Sie befreit sich aus ihrer Unmündigkeit und betritt den Weg des eigenverantwortlichen Handelns.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Götterbild in Iphigenie auf Tauris
3 Iphigenie und die Götter
3.1 Iphigenie als Opfer der Götter
3.2 Iphigenies Emanzipation von den Göttern
4 Iphigenie als eigenständig handelndes Subjekt
5 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Emanzipationsprozess der Titelfigur in Goethes Drama Iphigenie auf Tauris. Ziel der Analyse ist es herauszuarbeiten, wie sich Iphigenie schrittweise von einer fremdbestimmten Existenz unter dem Einfluss einer machtbesessenen Götterwelt hin zu einem moralisch autonom handelnden Subjekt entwickelt, das Selbstverantwortung als Kern humanitären Handelns begreift.
- Analyse des Götterbildes und der religiösen Obrigkeit in Iphigenie auf Tauris.
- Untersuchung von Iphigenies Rolle als Opfer göttlicher Willkür.
- Herausarbeitung der Entscheidungskrise im Kontext des "Parzenliedes".
- Darstellung des Prozesses der Mündigkeit und eigenverantwortlichen Lebensgestaltung.
Auszug aus dem Buch
3.2 Iphigenies Emanzipation von den Göttern
„Freiheit bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, aus eigenem Willen Entscheidungen zu treffen und nach Maßgaben des Könnens umsetzten zu können.“ Zu dieser Erkenntnis gelangt auch Iphigenie im Laufe des Werkes Iphigenie auf Tauris und wird sich somit „ihrer moralischen Eigenverantwortung“ bewusst. Sie durchläuft einen „Prozess der Erkenntnis, Freiwerdung, Aufklärung.“ Sie beginnt sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und gelangt im Laufe des Dramas immer mehr in ein eigenverantwortliches Denken und Handeln.
Iphigenie besitzt von Anfang an eine „kritische Distanz zu bestimmten Verhaltensweisen der Götter“ und unterstützt die Opferung von Menschen nicht. Später wird aus dieser anfänglichen ‚kritischen Distanz‘ eine klare Ablehnung. Auch der Umgang der Inselbewohner mit den Menschenopfern missfällt Iphigenie und sie „widersetz[t]“ (A 1835) sich sogar König Thoas Willen, indem sie ganz klar sagt, dass sie keine Menschenopfer durchführen wird und diese Aufgabe jemand anders übernehmen solle (vgl. A 1831–1864).
Bereits als Thoas während seines ersten Disputs mit Iphigenie anspricht, dass er Diane die Opfer mit „Unrecht […] vorenthalten ha[t]“ (A 507 f.), deutet Iphigenie das als „Ausdruck menschlicher Willkür.“ Sie spricht von einem Missverstehen der Himmlischen und nennt als Beispiel ihre eigene Errettung vom Opferaltar (vgl. A 523–527). Ihr Leben war den Göttern lieber als ihr Tod. Sie richtet sich damit ganz klar gegen die Bedeutung des „heiligen Gebrauch“ (A 528 f.). Für sie gibt es keinen Grund eine Tradition fortzuführen, die auf der Tötung von Menschen basiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einführung führt in das zentrale Thema der Mündigkeit sowie der Emanzipation von obrigkeitlichen Strukturen ein und skizziert den Aufbau der Untersuchung von Iphigenies Entwicklung im Drama.
2 Das Götterbild in Iphigenie auf Tauris: Das Kapitel analysiert die Darstellung der Götter als willkürliche Machtinstanz und beleuchtet den Tantalidenfluch als Ursache für die fremdbestimmte Existenz der Protagonistin.
3 Iphigenie und die Götter: Hier wird das Spannungsverhältnis zwischen Iphigenie und den Göttern untersucht, wobei der Fokus auf ihrer anfänglichen Rolle als Opfer und ihrer schrittweisen Abkehr von der göttlichen Autorität liegt.
3.1 Iphigenie als Opfer der Götter: Dieser Abschnitt thematisiert Iphigenies Abhängigkeitsverhältnis zu den Göttern, das durch ihre Rettung und ihr Priesteramt auf Tauris begründet ist, sowie ihre damit einhergehende Entfremdung von der Heimat.
3.2 Iphigenies Emanzipation von den Göttern: Dieser Kernabschnitt zeigt auf, wie Iphigenie durch das kritische Hinterfragen göttlicher Aufträge und das bewusste Ablehnen ritueller Gewalt einen Prozess der Selbstwerdung einleitet.
4 Iphigenie als eigenständig handelndes Subjekt: Das Kapitel thematisiert den Übergang vom reflektierenden Denken zum tätigen Handeln, in dem Iphigenie durch eine bewusste Tat ihre Autonomie gegenüber göttlichen Anweisungen behauptet.
5 Resümee: Die Zusammenfassung resümiert Iphigenies Weg der Selbstfindung, der sie von einer unmündigen Dienerin zu einem eigenverantwortlichen, human handelnden Subjekt reifen lässt.
Schlüsselwörter
Goethe, Iphigenie auf Tauris, Emanzipation, Mündigkeit, Götterbild, Autonomie, Eigenverantwortung, Menschenopfer, Tantalidenfluch, humanitäres Handeln, Selbstbestimmung, Aufklärung, Subjektwerdung, Freiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Emanzipationsprozess der Figur Iphigenie in Goethes Drama Iphigenie auf Tauris und ihren Weg weg von göttlicher Fremdbestimmung hin zum autonom handelnden Subjekt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Götterbild in der Klassik, das Konzept der Mündigkeit im Sinne der Aufklärung, die Rolle von Traditionen wie Menschenopfern sowie die moralische Autonomie des Individuums.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie Iphigenie ihre Abhängigkeit von den Göttern überwindet und unter welchen Bedingungen sie zu einem eigenständigen, selbstverantwortlich handelnden Subjekt heranreift.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einer literaturwissenschaftlichen Analysemethode, die den Primärtext in den Kontext zeitgenössischer sowie aufklärerischer Diskurse setzt und durch sekundärliterarische Quellen belegt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des Götterbildes, eine Analyse von Iphigenies Rolle als Priesterin und Opfer sowie eine Detailbetrachtung ihrer Emanzipationsschritte und ihres schließlich autonomen Handelns im fünften Akt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Wichtige Begriffe hierfür sind Autonomie, Mündigkeit, Emanzipation, Götterbild, Eigenverantwortung und Humanität.
Welche Bedeutung hat das Parzenlied für die Entwicklung der Figur?
Das Parzenlied markiert für Iphigenie eine entscheidende Krisensituation; es verdeutlicht ihr die abgründige Kluft zwischen den Göttern und den Menschen und bestärkt sie in ihrer Abkehr von einer theonomen Existenz.
Inwiefern spielt der Begriff der "Unmündigkeit" in der Arbeit eine Rolle?
Der Begriff bezieht sich auf Kants Definition: Iphigenie befreit sich von der passiven Ergebenheit gegenüber den Göttern und beginnt, ihren eigenen Verstand und ihr Gewissen als Entscheidungsgrundlage zu nutzen.
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- Anonym (Autor:in), 2022, Iphigenies Bruch mit den Göttern. Iphigenies Emanzipation von den Göttern in Goethes "Iphigenie auf Tauris", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1415454