Die konstruktionsgrammatischen Zweitspracherwerbsforschung hat eine Reihe von empirischen Untersuchen im Bereich des kindlichen Zweitspracherwerbs hervorgebracht. Zum Umgang mit Formeln und Konstruktionen (als eines der elementaren Themen der Konstruktionsgrammatik) bei erwachsenen Lernern wurde jedoch bisher nur wenig geforscht. Auch die Aussagen in der Literatur gehen in den meisten Fällen nicht über Annahmen und Vermutungen hinaus.
Diese Arbeit ist ein Ansatz zur konstruktionsgrammatische Untersuchung und Analyse von Äußerungen erwachsener Lerner des Deutschen als Zweitsprache. Zunächst werden dazu die theoretischen Grundlagen ausschnitthaft dargestellt, um vor diesem Hintergrund die untersuchten Daten zu besprechen. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob von Erwachsenen beim ungesteuerten Zweitspracherwerb formelhafte Sequenzen ähnlich wie von Kindern genutzt werden und ob diese überhaupt vorkommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Konstruktionsgrammatik und Erstspracherwerb
2.2. Formelhafte Äußerungen und Konstruktionen im Zweitspracherwerb
2.2.1. Bei Kindern
2.2.2. Bei Erwachsenen
3. Konstruktionsgrammatische Analyse von Äußerungen erwachsener italienischer Lerner des Deutschen (aus dem ESF Projekt)
3.1. Sprecher 1: Marcello
3.2. Sprecher 2: Angelina
3.3. Vergleich und Zusammenfassung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht aus konstruktionsgrammatischer Perspektive, ob erwachsene Lerner beim ungesteuerten Zweitspracherwerb ähnlich wie Kinder formelhafte Sequenzen nutzen und diese im Laufe ihres Spracherwerbs analysieren. Ziel ist es, am Beispiel italienischer Muttersprachler zu eruieren, ob auch bei Erwachsenen eine formelbasierte Stufe des Sprachgebrauchs existiert oder ob sie primär einen analytischen Zugang über Wort- und Regelwissen verfolgen.
- Konstruktionsgrammatische Grundlagen im Erst- und Zweitspracherwerb
- Analyse formelhafter Sequenzen bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen
- Empirische Fallstudie anhand von Daten aus dem ESF-Projekt
- Vergleichende Untersuchung der Sprachstile von Marcello und Angelina
- Einfluss von Input, Motivation und kommunikativem Kontext auf den Spracherwerb
Auszug aus dem Buch
3.1. Sprecher 1: Marcello
Marcello kommt aus der italienischen Stadt Monopoli und kam im Jahre 1981 nach Deutschland (Heidelberg) im Alter von 22 Jahren. Zum Zeitpunkt der Befragung arbeitete er in einem Café, das einem anderen bekannten Italiener gehörte und wohnte bei seiner italienischen Tante. Der Kontakt mit der Zielsprache war daher auf den Umgang mit Kunden im Café oder an öffentlichen Stellen (z.B. bei Bewerbungsgesprächen) beschränkt. Seine Äußerungen zeigen jedoch ein starkes Bemühen seine Kompetenzen in der Zielsprache zu verbessern, da dies für ihn z.B. mit besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland zusammenhing.
Im Laufe des Untersuchungszeitraumes ist durchaus eine Verbesserung seiner sprachlichen Fähigkeiten im Deutschen erkennbar. Zu Beginn bestand noch eine Reihe von Verständnisproblemen, die sich sowohl auf phonologische als auch lexikalische Schwierigkeiten bezogen. In solchen Fällen wiederholte er oft den Teil der Äußerung, den er nicht verstanden hatte:
(5) 01-NOV-1982; 1. Monat
Int: ?wieviel ham sie in ;italien verdient?
Ma: <viifiil>
<versteht nicht>
Int: in italien ?wieviel ham sie verdient? [umgangsspr. ausgesprochen: hams]
Ma: hams
Int: <?wieviel haben ;sie + in italien verdient?>
<besonders deutlich>
Ma: fäcdiint
Int: ?wie hoch war der lohn in italien?
Dies erinnert zunächst an das imitative Verhalten bei Kindern, dient hier jedoch hauptsächlich dazu, um anzuzeigen, dass eine Äußerung oder ein Teil dieser nicht verstanden wurde und dass der Hörer diese/n erklärt oder übersetzt haben möchte (was vom Sprecher auch erkannt wird und zuerst dazu führt, dass er seine Aussage deutlicher wiederholt und später neu formuliert). Dieses Verhalten wird auch bei Kindern im Zweitspracherwerb beobachtet (siehe Wray 2002, 63) und könnte durchaus auch eine Ausweichstrategie sein, weil zu dem Zeitpunkt keine andere Äußerung zur Verständnissicherung (z.B. „das verstehe ich nicht“ oder „können sie das wiederholen“) bekannt ist oder erinnert wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert den theoretischen Hintergrund der Zweitspracherwerbsforschung sowie die Relevanz der Konstruktionsgrammatik und definiert die Zielsetzung der Analyse anhand von Lernerdaten.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel führt in die Grundkonzepte der Konstruktionsgrammatik ein, diskutiert den Erstspracherwerb bei Kindern und überträgt diese Theorien auf den Zweitspracherwerb bei Kindern und Erwachsenen.
3. Konstruktionsgrammatische Analyse von Äußerungen erwachsener italienischer Lerner des Deutschen (aus dem ESF Projekt): Im Hauptteil werden die Sprachdaten von zwei Probanden detailliert analysiert, um die Verwendung von Formeln und die Entwicklung abstrakter Konstruktionen im Zeitverlauf nachzuzeichnen.
3.1. Sprecher 1: Marcello: Die Analyse zeigt die Entwicklung Marcellos auf, bei dem sich eine Perfektkonstruktion mit „haben“ schrittweise zu einer abstrakteren Struktur mit variablen Elementen entwickelt.
3.2. Sprecher 2: Angelina: Bei Angelina ist keine vergleichbare Entwicklung abstrakter Konstruktionen erkennbar; ihre Äußerungen bleiben durch basale Wortkombinationen und starke interlinguale Einflüsse geprägt.
3.3. Vergleich und Zusammenfassung: Die Gegenüberstellung verdeutlicht, dass Marcello erfolgreicher Konstruktionen aus dem Input extrahiert, während Angelina eher eine analytische und fragmentierte Herangehensweise zeigt.
4. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Quantität des Inputs und die kommunikative Motivation entscheidende Faktoren für den Spracherwerb und die Nutzung formelhafter Strukturen bei Erwachsenen sind.
Schlüsselwörter
Zweitspracherwerb, Konstruktionsgrammatik, Formelhafte Äußerungen, ESF-Projekt, Sprachproduktion, Interimsprache, Grammatikerwerb, Input, Holistische Speicherung, Spracherwerbsforschung, Lernerdaten, Perfektkonstruktion, Kommunikation, Sprachliche Schemata, Italienische Muttersprachler
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob erwachsene Lerner beim ungesteuerten Zweitspracherwerb formelhafte Äußerungen als Ausgangspunkt nutzen, um daraus grammatische Konstruktionen zu entwickeln, wie es in der Forschung für Kinder belegt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Konstruktionsgrammatik, der Vergleich zwischen kindlichem und erwachsenem Zweitspracherwerb sowie die Rolle von Input und Motivation für den Lernerfolg.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es herauszufinden, ob Erwachsene beim Zweitspracherwerb tatsächlich formelbasierte Stufen durchlaufen oder ob sie eine rein analytische Strategie über Wort- und Regelwissen anwenden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine konstruktionsgrammatische Analyse von Spontandaten zweier erwachsener italienischer Lerner des Deutschen durchgeführt, die dem Korpus des ESF-Projekts entnommen wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Sprachbiografien und die spezifischen Äußerungen der zwei Lerner (Marcello und Angelina) über einen längeren Zeitraum hinweg analysiert und hinsichtlich ihrer Verwendung von Formeln und Konstruktionen verglichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Schlüsselwörtern zählen Zweitspracherwerb, Konstruktionsgrammatik, formelhafte Äußerungen, Input, ESF-Projekt sowie Sprachproduktion.
Welche unterschiedliche Entwicklung zeigen die zwei untersuchten Probanden?
Während Marcello eine Tendenz zur Bildung abstrakterer Konstruktionen mit variablen Leerstellen zeigt, bleibt Angelinas Sprachgebrauch deutlich basaler, weniger zusammenhängend und stärker durch den Rückgriff auf Einzelelemente geprägt.
Warum ist das Ergebnis der Analyse bei Angelina eher als „analytisch“ einzustufen?
Bei Angelina ist kaum eine Entwicklung komplexer Konstruktionen nachweisbar; sie scheint eher Wörter und kleine Einheiten eher regelgeleitet oder isoliert zusammenzusetzen, ohne die bei Marcello beobachtete systematische Zerlegung von Formeln in abstrakte Schemata zu vollziehen.
- Arbeit zitieren
- Christine Porath (Autor:in), 2009, Formelbasierter Zweitspracherwerb bei erwachsenen Lernern, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/140816