Im vorliegenden Studienprojekt soll erforscht werden, wie sich Philosophieschüler:innen der Oberstufe einen sinnvollen Umgang mit rassistischen Textpassagen in philosophischen Schriften (am Beispiel von Kant) vorstellen. Diese Fragestellung wurde bisher in der Philosophiedidaktik noch nicht untersucht, weshalb es sich um ein exploratives Vorhaben handelt.
Die Forschung in diesem Feld ist für den Philosophieunterricht insofern von Relevanz, als sie Impulse für einen veränderten Umgang mit Rassismus in philosophischen Texten liefern kann. Ich vertrete die Hypothese, dass die Schüler:innen die Ignoranz rassistischer Textpassagen, wie sie gegenwärtig oft im Philosophieunterricht praktiziert wird, ablehnen.
Zu Beginn wird der theoretische Hintergrund des Studienprojekts näher erläutert, indem das Vorkommen rassistischer Inhalte in den Werken Kants sowie der Umgang mit rassistischen Textpassagen im Philosophieunterricht näher erläutert wird.
Anschließend wird die methodische Vorgehensweise des Studienprojekts vorgestellt, woraufhin die Ergebnisse präsentiert und diskutiert werden. Abschließend wird kurz auf die Perspektiven des Forschungsvorhabens für den Philosophieunterricht hingewiesen.
"Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen." Diesen Satz liest man genauso in der 1802 erschienen Schrift "Physische Geographie" des deutschen Philosophen Immanuel Kant – ein Fakt, der den meisten Philosophieschüler:innen unbekannt ist. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Rassismus im deutschen Schulsystem oft ausgeblendet wird und die Auseinandersetzung mit rassistischen Textpassagen daher häufig vermieden wird.
Dabei ist Kants Geographie kein Einzelfall. In vielen bekannten philosophischen Schriften finden sich Äußerungen, die wir aus heutiger Sicht als rassistisch (aber auch sexistisch oder antisemitisch) wahrnehmen. Problematisch ist dabei, dass in der akademischen Philosophie bisher kein Konsens über den Umgang mit diesem Phänomen herrscht. Für den Philosophieunterricht existiert hier somit keine Orientierung – vermutlich ein weiterer Grund, weshalb Rassismus in philosophischen Schriften in der Schule einfach aus der Rezeption ausgeklammert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Rassismus in den Werken Immanuel Kants
2.2 Umgang mit rassistischen Textpassagen im Philosophieunterricht
3. Methodische Vorgehensweise
4. Ergebnisse
5. Diskussion
6. Perspektiven für den Philosophieunterricht
Zielsetzung & Themen
Das Studienprojekt untersucht die Einstellungen von Oberstufenschüler:innen zu einem bewussten Umgang mit rassistischen Textstellen in klassischen philosophischen Werken, exemplarisch dargestellt anhand von Immanuel Kants „Physische Geographie“, und prüft, ob die Lernenden einen pädagogischen Wandel hin zu rassismuskritischer Bildungsarbeit befürworten.
- Wahrnehmung von Rassismus in klassischen philosophischen Schriften
- Konfrontation von Philosophieschüler:innen mit Kants Rassentheorie
- Evaluation unterrichtspraktischer Handlungsoptionen im Umgang mit rassistischen Inhalten
- Verbindung von Fachdidaktik und rassismuskritischer Bildungsarbeit
- Analyse von Schüler:innenvorstellungen zu rassistischer Sprache im Unterrichtskontext
Auszug aus dem Buch
2.1 Rassismus in den Werken Immanuel Kants
Beschäftigt man sich mit Rassismus in den Schriften Kants oder Möglichkeiten des Umgangs mit rassistischen Textstellen in klassischen Werken der Philosophie, ist es sinnvoll, den Begriff Rassismus erst einmal einzugrenzen.
Obwohl viele verschiedene Definitionen dieses Begriffes existieren, ist festzuhalten, dass Rassismus aus soziologischer Perspektive vor allem durch drei Prozesse gekennzeichnet ist: Homogenisierung, Polarisierung und Hierarchisierung. Rassisten teilen Menschen aufgrund von Aussehen, Kultur oder Religion in (vermeintlich) einheitliche Gruppen (oder Rassen) ein (Homogenisierung), stellen die verschiedenen Gruppen dann als grundsätzlich verschieden und miteinander unvereinbar gegenüber (Polarisierung) und bringen sie schließlich in eine Rangfolge (Hierarchisierung). Dieses Verfahren dient dabei in der Regel der Legitimation gesellschaftlicher Hierarchien. Rassismus wird daher im Folgenden als die Überzeugung von der Existenz einer Hierarchie grundsätzlich verschiedener homogener Rassen verstanden.
Umstritten ist, inwieweit der deutsche Philosoph Immanuel Kant diese Position vertrat. Die Frage, ob es sich bei ihm um einen überzeugten Rassisten handelt, wird stark diskutiert. Während der amerikanische Philosoph Robert Bernasconi Kant für einen virulenten Rassisten hält, lehnt Rolf Elberfeld diese These ab. Im Vergleich zu Houston Stewart Chamberlain oder Arthur de Gobineau werde ihm zufolge deutlich, dass Kant kein Rassist gewesen sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das Fehlen einer Auseinandersetzung mit Rassismus in philosophischen Texten im Schulunterricht und führt in die Fragestellung ein, wie Schüler:innen mit rassistischen Inhalten bei Kant umgehen würden.
2. Theoretischer Hintergrund: Das Kapitel definiert Rassismus als theoretisches Konstrukt und diskutiert kritisch die rassistischen Äußerungen in Kants Werken sowie die pädagogischen Möglichkeiten des Umgangs damit.
3. Methodische Vorgehensweise: Hier wird das explorative Design des Studienprojekts beschrieben, inklusive der Stichprobe (n=15) und des Erhebungsinstruments, das auf einer Konfrontation mit einem Kant-Text basiert.
4. Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit der befragten Schüler:innen Kant-Texte mit rassistischen Inhalten für den Unterricht befürwortet, sofern diese explizit gekennzeichnet und thematisiert werden.
5. Diskussion: Die Diskussion reflektiert die Ergebnisse vor dem Hintergrund rassismuskritischer Bildungsarbeit und weist auf die Limitationen der kleinen Stichprobe sowie Optimierungsmöglichkeiten für zukünftige Studien hin.
6. Perspektiven für den Philosophieunterricht: Dieses Kapitel skizziert Möglichkeiten, wie Rassismusthemen in den Philosophieunterricht integriert werden können und betont die Notwendigkeit einer reflexiven Auseinandersetzung mit rassistischer Sprache.
Schlüsselwörter
Rassismus, Immanuel Kant, Philosophiedidaktik, rassismuskritische Bildungsarbeit, Schüler:innenvorstellungen, Philosophieunterricht, rassistische Textpassagen, Schulkultur, Diskriminierung, Physische Geographie, Ethik, Diversität, rassismuskritische Pädagogik, Vorurteile, De-Konstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Forschungsarbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie Schüler:innen der gymnasialen Oberstufe mit rassistischen Inhalten in klassischen philosophischen Texten, insbesondere bei Immanuel Kant, umgehen sollten und welche pädagogische Haltung sie dazu einnehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zentrale Felder sind die Rassismuskritik in der Didaktik, die ethische Einordnung von Kants Werken im Unterricht und die empirische Erhebung von Schüler:innenerwartungen an den Umgang mit diskriminierenden Textstellen.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das primäre Ziel ist es, erstmals empirisch zu erforschen, ob Schüler:innen den bisherigen Status quo der Ausklammerung rassistischer Texte ablehnen und stattdessen eine kritische Thematisierung im Unterricht befürworten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um ein exploratives Studienprojekt, bei dem quantitative und qualitative Daten mittels eines neu konstruierten Erhebungsinstruments in einem Philosophie-Grundkurs erhoben und ausgewertet wurden.
Was wird primär im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erstreckt sich von der theoretischen Fundierung des Rassismusbegriffs und dessen Anwendung auf Kant bis hin zur methodischen Herleitung der Erhebung und der Darstellung der gewonnenen Ergebnisse.
Durch welche Schlüsselwörter wird die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Rassismus, Fachdidaktik, Kant, rassismuskritische Bildungsarbeit und Schüler:innenvorstellungen definiert.
Warum wurde Kant als Beispiel gewählt?
Kant wurde gewählt, da er einerseits durch seine universelle Moralphilosophie im Lehrplan fest verankert ist, seine rassistischen Texte jedoch einen starken Kontrast dazu bilden, was die Problematik im Unterricht besonders verdeutlicht.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für den Philosophieunterricht?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass ein aktiver, rassismuskritischer Umgang mit problematischen Textpassagen sinnvoller ist als deren pauschaler Ausschluss aus der Lektüre, um Schüler:innen zur Reflexion anzuregen.
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- Jan Caspers (Author), 2023, Der Umgang mit rassistischen Inhalten in Werken von Immanuel Kant. Studienprojekt über die Wahrnehmungen von Schülern der 13. Klasse, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1387938