Im Rahmen dieser Arbeit wird eine hypothetische Problemanalyse der zwei Themenfelder AD(H)S und Trainingsraum-Methode vorgenommen, die damit gleichzeitig kritisch zusammen gedacht werden.
Schüler:innen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/(Hyperaktivitäts-)Störung - AD(H)S - werden im Unterricht häufig als Störungen wahrgenommen, die für Lehrkräfte eine erhebliche Herausforderung darstellen. Befürworter:innen von Trainingsraum-Methoden, Trainingsraum-Programmen, Timeout-Räumen und konzeptuell ähnlichen didaktischen Interventionen können hierin eine mögliche Lösung sehen, auf durch Schüler:innen mit AD(H)S hervorgebrachte Unterrichtsstörungen zu reagieren.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. BEZUGSQUELLEN
3. DISKUSSION ZUM PROBLEMFELD AD(H)S UND TRAININGSRAUM AUS SICHT EINER ANGEHENDEN SONDERPÄDAGOGIN
3.1. Verhaltensreflexion
3.2. Handlungsalternativen
3.3. Eigenverantwortlichkeit und Selbststeuerung
4. HYPOTHETISCHE PROBLEMANALYSE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN FÜR DAS ZUKÜNFTIGE HANDLUNGSFELD SCHULE
4.1. Negative Verstärkerbilanzen durchbrechen
4.2. Machtverhältnisse auflösen
4.3. Beziehungsarbeit fördern
5. FAZIT
Zielsetzung & Forschungsbereich
Diese Arbeit untersucht kritisch die Eignung der Trainingsraum-Methode als didaktisches Mittel für Kinder und Jugendliche mit AD(H)S-Symptomatik. Ziel ist es, die spezifischen Schwierigkeiten dieser Schülergruppe bei der Umsetzung der Trainingsraum-Anforderungen aufzuzeigen und eine professionelle sonderpädagogische Haltung für dieses Spannungsfeld zu entwickeln.
- Kritische Analyse der Kompatibilität von Trainingsraum-Konzepten mit AD(H)S-spezifischen Fertigkeitsdefiziten.
- Untersuchung von Machtverhältnissen und Beziehungsdynamiken im schulischen Kontext.
- Herausarbeitung negativer Auswirkungen von aus Ausschluss-Sanktionen resultierenden Verstärkerbilanzen.
- Entwicklung von Handlungsempfehlungen für Lehrkräfte zur positiven Beziehungsstärkung.
Auszug aus dem Buch
3.1. Verhaltensreflexion
Bründel und Simon formulieren drei zentrale Ziele, die ihres Erachtens nach mit dem sogenannten Trainingsraum erreicht werden. Erstens werde das Ausmaß an Unterrichtsstörungen reduziert. Zweitens würden Lehrkräfte respektvoll auf Unterrichtsstörungen reagieren. Drittens würden Schüler_innen ihr Verhalten im Trainingsraum reflektieren und akzeptable Alternativen (siehe Kap. 3.2.) für ihr Störverhalten finden (vgl. Bründel und Simon 2013, S. 11). Grundsätzlich können alle drei Ziele kontrovers diskutiert werden und wurden sie dies auch in der Vergangenheit (vgl. beispielsweise Bröcher 2005; Wellenreuther o. J.). Der dritte Aspekt scheint eine spezifische Schwierigkeit für Kinder und Jugendliche mit AD(H)S darzustellen. Deshalb wird dieser nachfolgend näher betrachtet.
Die Annahme der Trainingsraum-Methode ist, dass Schüler_innen ihr vorheriges Verhalten überdenken und sich (wie im folgenden Abschnitt näher ausgeführt) im Trainingsraum für die Zukunft andere Verhaltensmöglichkeiten erarbeiten. Konzepte dieser Art beruhen demnach auf Verhaltensmodifikationen durch Selbstreflexion. Die allgemeine Kontroverse um den Trainingsraum verdeutlicht, dass bereits für Schüler_innen ohne spezifische Förderbedarfe zu hinterfragen wäre, ob dieser Ansatz didaktisch sinnvoll ist. Als eines der Hauptargumente kann genannt werden, dass es ausschließlich um das Ziel einer Verhaltensmodifikation geht, bei der subjektlogische Gründe, die hinter dem Verhalten der Kinder und Jugendlichen stehen, unberücksichtigt bleiben.
Für Schüler_innen mit AD(H)S kann angenommen werden, dass das Trainingsraumziel der Selbstreflektion zur Verhaltensmodifikation ganz grundsätzlich nur schwer erreicht werden kann. Lauth und Schlottke machen darauf aufmerksam, AD(H)S-Betroffene weisen in Bezug auf kognitive und soziale Anforderungen erhebliche Defizite auf. Für Kinder ab acht Jahren, welche die Störung aufweisen, werden beispielsweise Fertigkeitsdefizite festgestellt, die sich unter anderem dadurch ausdrücken, dass die Verarbeitung eigener Erfahrungen bei den Betroffenen nur unzureichend erfolge. Zudem bestehe ein Mangel darin, verallgemeinerbare Regeln ableiten zu können (vgl. Lauth und Schlottke 2019, S. 46). Beide Aspekte sind wesentliche Voraussetzungen für Verhaltensmodifikation durch Selbstreflexion.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Problemstellung und Hypothese werden eingeführt, wonach Trainingsraumkonzepte für Kinder mit AD(H)S aufgrund ihrer spezifischen störungsbedingten Fertigkeitseinschränkungen kein geeignetes Mittel darstellen.
2. BEZUGSQUELLEN: Es werden die zentralen theoretischen Säulen der Arbeit vorgestellt, insbesondere die verhaltenstherapeutischen Ansätze von Lauth und Schlottke sowie die methodischen Grundlagen der Trainingsraum-Konzepte nach Balke, Bründel und Simon.
3. DISKUSSION ZUM PROBLEMFELD AD(H)S UND TRAININGSRAUM AUS SICHT EINER ANGEHENDEN SONDERPÄDAGOGIN: Die Untersuchung beleuchtet die Schwierigkeiten bei der Verhaltensreflexion, bei der Einhaltung von Regeln und der Selbststeuerung, die AD(H)S-Schüler vor grundlegende Herausforderungen stellen.
4. HYPOTHETISCHE PROBLEMANALYSE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN FÜR DAS ZUKÜNFTIGE HANDLUNGSFELD SCHULE: Es erfolgt eine Reflexion über die negativen Auswirkungen von Sanktionen und Machtungleichgewichten, ergänzt durch Empfehlungen für eine beziehungsorientierte pädagogische Praxis.
5. FAZIT: Die eingangs aufgestellte Hypothese wird bestätigt; Trainingsraumkonzepte werden als defizitorientierte Symptombehandlung abgelehnt und durch den Bedarf an systemischer, ganzheitlicher Förderung ersetzt.
Schlüsselwörter
AD(H)S, Trainingsraum-Konzept, Verhaltensmodifikation, Selbstreflexion, Sonderpädagogik, Unterrichtsstörungen, Inklusion, negative Verstärkerbilanzen, Machtverhältnisse, Beziehungsarbeit, emotionale Entwicklung, soziale Entwicklung, Inhibitonskontrolle, pädagogische Haltung, Schülerförderung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit setzt sich kritisch mit dem Einsatz der Trainingsraum-Methode bei Schülern mit AD(H)S auseinander und hinterfragt die pädagogische Sinnhaftigkeit dieses Konzepts in Bezug auf diese spezifische Störungsbilder.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, eine sonderpädagogische Position zur Zusammenarbeit zwischen AD(H)S-Schülern und lehrerzentrierten Sanktionssystemen wie dem Trainingsraum zu entwickeln und Alternativen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine hypothetische Problemanalyse, die auf der theoretischen Auseinandersetzung mit Fachliteratur zur Verhaltensmodifikation, AD(H)S-Symptomatik und Trainingsraum-Konzepten basiert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die Verhaltensreflexion, Handlungsalternativen, Eigenverantwortlichkeit und Selbststeuerung sowie die Bedeutung von Machtverhältnissen und Beziehungsqualität im Unterricht.
Was ist das zentrale Ergebnis der Analyse?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Trainingsraum-Konzepte aufgrund der bei AD(H)S-Betroffenen vorliegenden Defizite bei der Selbstregulation und Reizverarbeitung als didaktisch ungeeignet zu bewerten sind.
Welche Schlagworte charakterisieren das Dokument am besten?
Hauptbegriffe sind AD(H)S, Trainingsraum, Verhaltensmodifikation, Sonderpädagogik, Beziehungsarbeit und Inklusion.
Warum wird die Selbstreflexion im Trainingsraum für AD(H)S-Schüler kritisiert?
Laut den herangezogenen Theorien fehlt es Betroffenen oft an den notwendigen kognitiven Voraussetzungen, um aus eigenem Störverhalten verallgemeinerbare Regeln für zukünftiges Handeln abzuleiten.
Welche Rolle soll die Sonderpädagogin nach Ansicht der Autorin einnehmen?
Die Sonderpädagogin sollte im System Schule vermittelnd tätig werden und als Advokatin der betroffenen Kinder fungieren, um negative Verstärkerbilanzen durch einen positiveren, beziehungsorientierten Ansatz zu ersetzen.
- Quote paper
- Kirsten Garbade (Author), 2020, Ab in den Trainingsraum mit AD(H)S!? Hypothetische Problemanalyse von AD(H)S und der Trainingsraum-Methode, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1387351