Hyperkinetische Störung (HKS), Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) mit Hyperaktivität (ADHS), Attention Deficit Disorder (ADD) with Hyperactivity (ADHD), Minimale cerebrale Dysfunktion (MCD) – allein die verschiedenen Bezeichnungen für ein Phänomen zeigt wie vielfältig und schwer abgrenzbar AD(H)S ist. Allein die Frage, ob bei AD(H)S eine Krankheit vorliegt oder ob es sich vielmehr um ein Syndrom, also ein Bündel von Verhaltensweisen mit gleicher Ursache bzw. in gehäuftem Auftreten, handelt, ist ungeklärt. Im Wesentlichen bezeichnet der Terminus AD(H)S Verhaltensauffälligkeiten wie motorische Unruhe, Konzentrationsschwäche, Unaufmerksamkeit und hohe Ablenkbarkeit, Reizbarkeit und Launenhaftigkeit, gestörte Feinmotorik und Koordinationsschwierigkeiten, erhöhte Sensibilität und distanzloses Verhalten, Überforderung in der Einordnung von außen kommender Reize und Gefühlsausbrüche.
Über die Entstehung der AD(H)S gibt es viele verschiedene – nicht immer valide – Hypothesen. Die Flut von Publikationen zu diesem Thema, die hohe Emotionalität der Diskussion und die Präsenz des Themas in den Medien und der pädagogischen Fachliteratur erscheinen wie ein Dickicht zugespitzter und unversöhnter Positionen.
Dennoch: Die Frage, ob es AD(H)S gibt, kann beantwortet werden: Es gibt Kinder, aber auch Erwachsene, die mit dieser Diagnose belegt werden. Das Phänomen ist deshalb real – und gemäß dem Thomas-Theorem damit in seinen Folgen real. Welche der Herangehensweisen an das Phänomen „richtig“ ist, welche Hypothesen gesichert sind und welche Entwicklung die Forschung nehmen wird, bleibt ungeklärt.
Diese Arbeit geht den Weg durch dieses Dickicht mit einer klaren Akzentuierung: AD(H)S betrifft zunächst einmal die Beobachtung eines bestimmten Verhaltens, das sich auf der körperlichen Ebene manifestiert. Nach einem breiten Zugang zu einer Definition des AD(H)S werden körperorientierte Therapieverfahren in ihrer Relevanz für pädagogisches Handeln im Umgang mit der Diagnose AD(H)S beleuchtet.
Gliederung
1 Klärung der Problemstellung. Eingrenzung. Erkenntnisinteresse
2 Was ist AD(H)S?
2.1 Symptomatik des AD(H)S
2.2 AD(H)S als Krankheit: Das biopsychosoziale Modell zur Entstehung von AD(H)S nach Döpfner et al.
2.3 „Generation AD(H)S“? – Daten zur Prävalenz von AD(H)S
2.4 AD(H)S als Verhaltensstörung: AD(H)S ist erlerntes Verhalten
2.5 AD(H)S als Zuschreibung: Durch Etikettierungsprozesse produziert?
2.5.1 Das soziologische Konzept des labeling approach
2.5.2 AD(H)S – Ein Etikett?
2.6 Wie kommt es zur Diagnose AD(H)S?
2.7 Innehalten und Zusammenschau: Was ist AD(H)S?
3 Was brauchen Kinder mit AD(H)S-Diagnose? Pädagogische Zielvorstellung für den Umgang mit hyperaktiven Kindern
3.1 Zieldimension: Personale und soziale Integration
3.2 Zieldimension: Risikofaktoren schwächen, protektive Faktoren stärken
3.3 Zieldimension: Neue Lernerfahrungen ermöglichen
3.4 Zieldimension: Die Disposition der Erwachsenen
3.5 Zusammenfassung. Oder: Bei sich selbst zu Hause sein
4 Körperorientierte Therapiewege
4.1 Warum körperorientierte Interventionen?
4.1.1 Körperliche Ausdrucksweisen des AD(H)S
4.1.2 Mögliche Effekte psychomotorischer Therapiewege
4.2 Hatha-Yoga: Eine Interventionsmöglichkeit für Kinder mit AD(H)S
4.3 Kampfkünste: Sportarten mit therapeutischem Zusatzwert
4.4 Erlebnispädagogische Perspektiven
5 Konsequenzen für den pädagogischen Umgang mit dem Phänomen AD(H)S
6 Bei sich selbst zu Hause sein. Ziel verantwortlicher Pädagogik
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen AD(H)S durch eine interdisziplinäre Brille, die medizinische, soziologische und pädagogische Perspektiven vereint, um einen verantwortungsvollen Umgang mit betroffenen Kindern zu entwickeln. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, wie eine Pädagogik, die den Körper und die Persönlichkeitsentwicklung in den Mittelpunkt stellt, Kindern helfen kann, ihre Ressourcen zu stärken und zu einer stabilen Identität zu finden.
- Kritische Reflexion der medizinischen Diagnosepraxis und Etikettierungsprozesse.
- Entwicklung pädagogischer Zielvorstellungen zur Förderung von Personalisation und Sozialisation.
- Analyse körperorientierter Interventionsmöglichkeiten wie Psychomotorik, Hatha-Yoga und Kampfkünste.
- Integration erlebnispädagogischer Ansätze zur Stärkung der Handlungskompetenz.
- Formulierung von Konsequenzen für eine ganzheitliche pädagogische Praxis im Alltag.
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Körperliche Ausdrucksweisen des AD(H)S
AD(H)S manifestiert sich durch das Verhalten auf der körperlichen Ebene. ALTHERR 1993, 13f beschreibt die körperliche Erscheinung von hyperaktiven Kindern als ein Zuviel an kraftvoller und schneller Bewegung, mit großen Schwierigkeiten in der Feinmotorik und der motorischen Lernfähigkeit. „Gleichzeitig wird ein großer sensorischer Reizhunger ohne entsprechende Möglichkeit zur Reizverarbeitung beobachtet“ (ALTHERR 1993, 14). Kiphard beschreibt, dass AD(H)S-Kinder sich ein erhöhtes Reizniveau verschaffen, „um damit das vestibuläre System zum Reagieren zu zwingen“ (KIPHARD 2001, 62): Kinder mit AD(H)S brauchen „reizintensive, abenteuerliche Spitzenerlebnisse, die mit überschäumender Funktionslust, aber auch mit Angstlust einhergehen.“ (EBD., 61), denn sie suchten aufgrund der hohen Reizschwelle ihres vestibulären Systems riskante und aufregende Situationen.
VON LÜPKE 2001, 114 identifiziert in der klassischen AD(H)S-Trias der Kernsymptome Hyperaktivität, Konzentration- und Aufmerksamkeitsmangel und Impulsivität das Konzept der „Minimalen Cerebralen Dysfunktion“ (MCD), das KIPHARD 1983/1995 aus psychomotorischer Sicht beschreibt und dabei die körperlichen Ausdrucksformen der Störung auf der Ebene des Verhaltens, der Wahrnehmung und der Bewegung genauer schildert: Zu den von KIPHARD 1983/1995, 245ff dargestellten Störungsmerkmalen gehören auf der Verhaltensebene neben einem unbeherrschten und labilen, zwischen Defensive und Aggression pendelnden Verhalten auch durch Mutlosigkeit und Minderwertigkeitsgefühl geprägte Selbstwertstörungen, die mit Schwierigkeiten im Kontaktverhalten einhergehen. Meist ist das Kind im zwischenmenschlichen Kontakt gehemmt, jedoch sind auch distanz- und respektloses, aggressives Verhalten Ausdruck dieser Verhaltensstörung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Klärung der Problemstellung. Eingrenzung. Erkenntnisinteresse: Dieses Kapitel führt in die Vielfalt der Bezeichnungen und die Problematik der Abgrenzung von AD(H)S ein und begründet den Weg der Arbeit durch die verschiedenen fachwissenschaftlichen Positionen.
2 Was ist AD(H)S?: Hier werden drei Perspektiven – die medizinische, die lerntheoretische und die soziologische – beleuchtet, um ein umfassendes Verständnis für das Phänomen als Interaktionsphänomen zwischen Kind und Umwelt zu gewinnen.
3 Was brauchen Kinder mit AD(H)S-Diagnose? Pädagogische Zielvorstellung für den Umgang mit hyperaktiven Kindern: Das Kapitel entwickelt auf Basis von Maria Montessoris Konzept der Normalisation pädagogische Ziele, die über die bloße Symptombekämpfung hinausgehen und die Persönlichkeitsentwicklung fördern.
4 Körperorientierte Therapiewege: Diese Sektion stellt konkrete Ansätze wie Psychomotorik, Hatha-Yoga, Kampfkünste und Erlebnispädagogik als Mittel zur Förderung der Selbstwahrnehmung und zur Integration des Körperschemas vor.
5 Konsequenzen für den pädagogischen Umgang mit dem Phänomen AD(H)S: Hier werden thesenartige Forderungen für die pädagogische Praxis und Bildungspolitik entworfen, um einen ganzheitlichen und protektiven Umgang mit betroffenen Kindern zu sichern.
6 Bei sich selbst zu Hause sein. Ziel verantwortlicher Pädagogik: Das Fazit fasst zusammen, dass das übergeordnete Ziel verantwortlicher Pädagogik die Unterstützung des Kindes ist, in sich selbst Geborgenheit zu finden und eine stabile Identität zu entwickeln.
Schlüsselwörter
AD(H)S, Hyperaktivität, Körperorientierte Therapie, Psychomotorik, Hatha-Yoga, Kampfkünste, Erlebnispädagogik, Montessori, Normalisation, Selbstkonzept, Identitätsbildung, Sozialisation, Pädagogische Praxis, Etikettierung, Selbstregulation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen AD(H)S nicht nur als medizinische Diagnose, sondern als komplexe pädagogische und soziologische Herausforderung, und schlägt körperorientierte Wege für eine förderliche pädagogische Begleitung vor.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Arbeit behandelt die Definition von AD(H)S, die Risiken der Etikettierung, pädagogische Zielvorstellungen (wie die Normalisation) und verschiedene körperzentrierte Interventionsmethoden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, von einer rein defizitorientierten Betrachtung hyperaktiver Kinder wegzukommen und Wege aufzuzeigen, wie Pädagogik durch körperorientierte Ansätze die Ressourcen der Kinder stärken kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die medizinische, soziologische und pädagogische Fachliteratur sichtet, reflektiert und in ein eigenes Konzept für verantwortungsvolles pädagogisches Handeln integriert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden körperorientierte Verfahren wie Psychomotorik, Yoga, Kampfkünste und Erlebnispädagogik auf ihre Relevanz und Wirkung für Kinder mit AD(H)S hin untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind AD(H)S, Körperorientierung, Personalisation, Sozialisation, ganzheitliche Pädagogik, Selbstkonzept und Ressourcenorientierung.
Warum kritisiert die Autorin den Fokus auf eine reine Diagnose?
Die Diagnose kann zur Etikettierung führen, bei der das Kind auf das Störungsbild reduziert wird. Dies kann die Selbstzuschreibung „ich bin krank“ fördern und die Handlungsmächtigkeit des Kindes einschränken, anstatt seine Entwicklung zu unterstützen.
Welche Rolle spielt die „Kampfkunst“ in der pädagogischen Arbeit mit hyperaktiven Kindern?
Kampfkünste bieten einen strukturierten Rahmen, der nicht nur motorische Fähigkeiten schult, sondern durch Rituale und den bewussten Körperkontakt auch soziale Kompetenzen und ein stabileres Selbstbild vermittelt.
Was bedeutet der Titel „Bei sich selbst zu Hause sein“?
Er beschreibt das pädagogische Ideal, dass Kinder durch Struktur, Anerkennung und Erfahrung lernen, ihren eigenen Wesenskern zu entdecken und eine stabile Identität zu entwickeln, statt sich nur fremden Normerwartungen anzupassen.
- Arbeit zitieren
- Heike Kellner-Rauch (Autor:in), 2007, Bei sich selbst zu Hause sein - Reflexionen zum Phänomen AD(H)S im Lichte körperorientierter Therapiewege, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/138153