In dieser Hausarbeit wird die Beurteilung weiblicher Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen in den durch Deutschland besetzten östlichen Gebieten herausgegriffen. Gegenstand der Analyse ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der dort stattgefundenen weiblichen Beteiligung von 1945 bis in die Gegenwart. Inwiefern benannten und bewerteten Historiker*innen der unterschiedlichen historiographischen Strömungen die Rollen und mögliche Tatbeteiligung von Frauen, die im besetzten Osten im Einsatz waren? Inwiefern wurden diese Frauen nach 1945 durch die bundesrepublikanische Forschung und Öffentlichkeit etwa als Täterinnen identifiziert und benannt? Oder wurden sie als Mitläuferinnen und passive „Rädchen im Getriebe“ wahrgenommen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Historischer Kontext des Behandlungsgegenstands
2.1.1 Die nationalsozialistischen Verbrechen in den besetzten Ostgebieten
2.1.2 Frauen in den besetzten Ostgebieten
2.2. Die Geschichtswissenschaftlichen Strömungen und ihre Beurteilung weiblicher Beteiligung an den NS-Verbrechen in den besetzten Ostgebieten
2.2.1 Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit bis 1968/70
2.2.2 Die Frühe Frauenforschung ab den 1970ern
2.2.3 (Mit-)Täterinnenthese ab Mitte der 1980er Jahre
2.2.3.1 Darstellung im Historikerinnenstreit (1989-1992)
2.2.4 Die sich etablierende Geschlechtergeschichte bis zur Jahrtausendwende
2.2.5 Weibliche Täterschaft in der Neueren Täterforschung
2.2.6 Die Geschichtswissenschaft seit der Jahrtausendwende
2.2.6.1 Der institutionelle Rahmen
2.2.6.2 Die Erschließung weiblicher Beteiligung in den besetzten Ostgebieten seit 2000
3.Schluss und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Beteiligung nichtverfolgter deutscher Frauen an nationalsozialistischen Verbrechen in den östlichen Besatzungsgebieten im Zeitraum von 1945 bis in die Gegenwart. Dabei wird untersucht, wie unterschiedliche historiographische Strömungen die Rollen, Motive und Handlungsspielräume dieser Frauen bewerteten und inwiefern sie diese im Kontext der NS-Forschung als Täterinnen oder Mitläuferinnen identifizierten.
- Historischer Kontext der NS-Verbrechen in den besetzten Ostgebieten
- Wandel der geschichtswissenschaftlichen Bewertung nationalsozialistischer Täterschaft
- Entwicklung und Einfluss der Frauen- und Geschlechterforschung
- Rolle weiblicher Akteurinnen innerhalb der NS-Vernichtungsmaschinerie
- Methodische Ansätze der Neueren Täterforschung seit den 1990er Jahren
Auszug aus dem Buch
Die nationalsozialistischen Verbrechen in den besetzten Ostgebieten
Die durch den NS-Staat im Zweiten Weltkrieg besetzten osteuropäischen Gebiete bildeten das Epizentrum der nationalsozialistischen Verbrechen, ein Großteil der Ermordung von Jüdinnen und Juden fand hier statt. In der nationalsozialistischen Ideologie war der Osten mehr als ein geographischer Ort; mit der rassistisch motivierten Eroberung Osteuropas planten die Nationalsozialisten das bereits lange vor 1933 ausformulierte Programm vom „Lebensraum im Osten“ umzusetzen. Ziel der angesetzten „Heim-ins-Reich“-Politik war die Ansiedlung „Volksdeutscher“ in Teilen der annektierten östlichen Gebiete, qua einer Reihe von Germanisierungskampagnen, die mit Enteignung, Vertreibung und Ermordung der lokalen Bevölkerung einhergingen. Die rassistische Vorstellung zivilisatorischer Überlegenheit der „Volksdeutschen“, die sich in einem aggressiven Antisemitismus und Antislawismus äußerte, bedingte eine brutale deutsche Vorherrschaft, mit Vertreibung, Enteignung und Genozid in den besetzten Gebieten.
Dabei lebte ein Großteil der europäischen Jüdinnen und Juden in Osteuropa; allein in Polen waren es vor 1939 drei Millionen. Zwischen 1941 und 1945 wurden Millionen von ihnen, sowie Sinti*zze, Romn*nja, Homosexuelle und andere nationalsozialistisch verfolgte Personengruppen durch NS-Behörden in Ghettos gesperrt und in Konzentrationslager deportiert. Ohne direkte Kriegseinwirkungen fielen insgesamt 13 Millionen Menschen NS-Gewaltverbrechen zum Opfer, darunter sechs Millionen Juden, 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene und 2,5 Millionen nicht-jüdische Polen. Die Vernichtungslager Treblinka, Sobibor und Belzec entstanden ab 1941 auf dem Gebiet des besetzten Polen, ebenso befanden sich die hybriden Lager Auschwitz-Birkenau und Majdanek hier.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, erläutert die Relevanz der Untersuchung des "Osteinsatzes" deutscher Frauen und skizziert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit weiblicher NS-Beteiligung seit 1945.
2. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in den historischen Kontext der Verbrechen und eine detaillierte Analyse der geschichtswissenschaftlichen Strömungen, die von der Nachkriegszeit bis zur heutigen Neueren Täterforschung reichen, um die Wahrnehmung weiblicher Akteurinnen zu rekonstruieren.
3.Schluss und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, betont den Einfluss von zeitgenössischen Frauenbildern auf die Forschung und konstatiert, dass die Benennung weiblicher Beteiligung in einem stetigen Wandel begriffen ist.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Besetzte Ostgebiete, Weibliche Täterschaft, Geschlechtergeschichte, NS-Verbrechen, Holocaust, Historikerinnenstreit, Feministische Frauenforschung, Neuere Täterforschung, Vernichtungspolitik, Handlungsräume, Erinnerungskultur, Deutsche Besatzung, Mittäterschaft, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Historikerinnen und Historiker seit 1945 die Beteiligung von nichtverfolgten deutschen Frauen an den nationalsozialistischen Verbrechen in den besetzten Gebieten Osteuropas bewertet haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt den historischen Kontext der Besatzung, die verschiedenen geschichtswissenschaftlichen Strömungen über Frauen im NS, die Rolle der Frauen in NS-Organisationen sowie die Entwicklung der Täterforschung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche wissenschaftliche Strömungen die Rollen, Motive und mögliche Tatbeteiligung von Frauen bewerteten und ob diese als Täterinnen oder lediglich passive Mitläuferinnen wahrgenommen wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historiographische Analyse, die den Diskurs der Geschichtswissenschaft anhand relevanter Publikationen und Forschungswellen seit 1945 kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird erst der historische Hintergrund der Verbrechen im Osten dargelegt, gefolgt von einer chronologischen und thematischen Auseinandersetzung mit der Forschung – von der Nachkriegszeit über die 1970er Jahre bis hin zur aktuellen Neueren Täterforschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Nationalsozialismus, weibliche Täterschaft, Geschlechtergeschichte, Osteinsatz und Neuere Täterforschung maßgeblich geprägt.
Was ist die "Opferthese" der frühen Frauenforschung?
Die frühen Studien der 1970er Jahre betrachteten betroffene Frauen primär als Leidtragende eines patriarchalen NS-Regimes, was eine differenzierte Untersuchung ihrer eigenen Täterrolle zunächst verhinderte.
Warum war der "Historikerinnenstreit" für die Forschung wichtig?
Dieser fachinterne Diskurs zwischen 1989 und 1992 legte Fehlstellen in der bisherigen Forschung offen, forderte eine kritischere Auseinandersetzung mit Täterschaft und stieß damit neue, differenziertere geschlechtergeschichtliche Studien an.
Welchen Einfluss hatte der Fall des "Eisernen Vorhangs" auf die Forschung?
Die Öffnung der osteuropäischen Archive ermöglichte empirische Studien in Nahperspektive, wodurch neue Quellen zu den Institutionen der deutschen Besatzer zugänglich wurden und auch die Rolle von Frauen in diesen Organisationen genauer untersucht werden konnte.
Warum wird die weibliche Beteiligung im Osten oft als "blinder Fleck" bezeichnet?
Trotz zahlreicher Studien in der spezialisierten Geschlechtergeschichte werden diese Ergebnisse im Mainstream der NS-Forschung und in allgemeinen Überblicksdarstellungen zum Zweiten Weltkrieg oft noch immer nur unzureichend integriert.
- Arbeit zitieren
- Mona Breuer (Autor:in), 2023, Weibliche Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen in den besetzten Ostgebieten als Gegenstand der Geschichtswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1371580