Unterrichtsformen und –methoden haben sich in den letzten Jahren stark verändert
und werden stetig weiterentwickelt. Projektorientiertes Unterrichten, Freiarbeit,
handlungsorientierter Unterricht oder offener Unterricht finden immer mehr
Eingang in die Klassenzimmer. Auch im Kunstunterricht werden die
Lernarrangements komplexer, die unterrichtlichen Gestaltungsweisen nehmen
prozessorientierte Formen an, und die Schüler werden vermehrt zu
selbstgesteuertem Lernen angeleitet.
Aber wie verhält sich die Leistungsbewertung? Entspricht das traditionelle
Leistungsbewertungssystem noch diesen Neuorientierungen? Oder bleibt der
Bereich der Leistungsüberprüfung neben all den Umgestaltungen gar auf der
Strecke?
Es ist Aufgabe der Schule, die Schüler zu „Selbstständigkeit, Eigenverantwortung
und Selbstkontrolle“ (Hentig 2004, S. 16) zu befähigen. Die stetig wachsende
Heterogenität innerhalb der Schule bedingt eine Individualisierung bezüglich der
Lernangebote und folglich der Leistungsbewertung.
Dies wirft eine Fülle an Fragen auf: Kann die traditionelle Leistungsbewertung all
diese Aspekte miteinschließen? Wie kann die geforderte Individualisierung auf
die Leistungsbewertung übertragen werden und individuelle Leistungen der
Schüler abbilden? Es ist zunächst zu klären, wie die traditionelle
Leistungsbewertung aussieht und welche Funktionen ihr zugeschrieben werden.
Erfüllt sie diese?
Ausgehend von diesen Leitfragen wird in dieser Arbeit sowohl die vorwiegend
praktizierte Form der Leistungsüberprüfung untersucht, als auch ein viel
diskutiertes Lern- und Leistungsbeurteilungsinstrument hinsichtlich eines
Einsatzes im Kunstunterricht genauer beleuchtet wird: das Portfoliokonzept.
Dabei soll der Frage nachgegangen werden, ob eine Leistungsbeurteilung mit dem
Portfoliokonzept den Anforderungen gerecht wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
1.1. Zum Aufbau
1.2. Anlass
1.3. Nicht behandelte Themenbereiche
2. Die traditionelle Leistungsbewertung
2.1. Begriffsklärung
2.1.1. Leistungsbewertung
2.1.2. Leistungsbeurteilung
2.2. Das traditionelle Notensystem
2.3. Gütekriterien
2.3.1. Ergänzende Gütekriterien
2.4. Die Funktionen der reinen Ziffernzensur
2.4.1. Die Motivationsfunktion
2.4.2. Die Rückmeldefunktion
2.4.3. Die Ziffernzensur muss ergänzt werden
2.4.3.1. Der Rückmeldebogen
2.4.3.2. Gespräche führen
2.4.4. Die Unzulänglichkeit der Ziffernzensur
3. Die Notengebung im Kunstunterricht
3.1. Die Geschichte der Benotung im Kunstunterricht
3.1.1. 19. Jahrhundert
3.1.2. Kunsterziehungsbewegung
3.1.3. Musische Erziehung
3.1.4. Formaler Kunstunterricht
3.1.5. Kreativitätsförderung
3.1.6. Visuelle Kommunikation
3.1.7. Ästhetische Erziehung
3.1.8. Postmoderne Kunstpädagogik
3.2. Die Benotung im Fach Kunst
3.2.1. Differenziertes Beurteilen
3.2.2. Verpflichtung
3.2.3. Subjektivität
3.2.3.1. Das Evidenzurteil
4. Forderung
5. Das Portfoliokonzept
5.1. Portfolio – Bedeutung und Herkunft des Begriffs
5.1.1. Analogien
5.1.2. Begriffsklärung
5.1.2.1. Ein erster Überblick
5.1.3. Wurzeln der Portfolioarbeit
5.1.3.1. USA
5.1.3.2. Deutschsprachiger Raum
5.1.3.3. Historische Vorläufer und Parallelkonzepte
5.1.4. Annäherung an das Kernkonzept des Portfolios
5.1.4.1. Die Prinzipien der Portfolioarbeit
5.1.4.2. Intention des Portfolios
5.2. Die Vielfalt der Portfoliobegriffe
5.2.1. Die Portfoliokonzepte im Überblick
5.2.1.1. Produkt- oder ergebnisorientierte Portfolios
5.2.1.2. Prozessorientierte Portfolios
5.2.1.3. Einsatzgebiete
5.2.2. Prozessorientierung
5.2.2.1. Eigene Prozessbeobachtung
5.3. Erfolgreiche Portfolioarbeit
5.3.1. Unterrichtsbedingungen
5.3.1.1. Die Rolle des Lehrenden
5.3.1.1.1. Vorbereitung
5.3.1.1.2. Umsetzung
5.3.1.1.3. Vernetzung
5.3.1.2. Heterogenität
5.3.2. Offener Unterricht
5.3.2.1. Definition
5.3.2.2. Rahmenkonzeption
5.4. Inhalt von Portfolios
5.4.1. Welche Arbeiten werden in ein Portfolio aufgenommen?
5.4.2. Die Auswahl der Portfolioinhalte
5.4.3. Cover letter
5.5. Die Besonderheit von Portfolios
5.5.1. Die Reflexion
5.5.1.1. Qualitätsempfinden
5.5.1.2. Ästhetisches Urteilsvermögen
5.6. Beratende Portfoliogespräche
5.6.1. Vorbereitung
5.6.2. Gespräch zwischen Lernendem und Lehrendem
5.6.3. Gespräch zwischen Lernendem, Eltern und Lehrendem
5.6.4. Fördervereinbarungen
5.6.5. Organisation
5.7. Beurteilung von Portfolios
5.7.1. Diagnostik
5.7.2. Die Frage der Benotung von Portfolios
5.7.2.1. Selbstbeurteilung
5.8. Öffentliche Leistungswahrnehmung
5.9. Bezug zu den Bildungsstandards
5.9.1. Projektprüfung
6. Lars Lindström Studie
6.1. Fakten
6.2. Videointerviews
6.3. Forschungsergebnisse
6.4. Eigene Portfoliointerviews
7. Potenziale und Kritik
7.1. Potenziale des Portfolios
7.2. Kritik
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die traditionelle Leistungsbewertung im Kunstunterricht der Grundschule und hinterfragt deren Eignung angesichts moderner Unterrichtsformen. Als zentrales Ziel wird beleuchtet, ob das Portfoliokonzept eine angemessene Alternative darstellt, die den Anforderungen an Individualisierung, Prozessorientierung und Diagnose gerecht wird.
- Kritik an der traditionellen Ziffernzensur und deren pädagogische Grenzen.
- Historische Entwicklung der Benotung im Fach Kunst.
- Einführung und theoretische Fundierung des Portfoliokonzepts als Lerninstrument.
- Praktische Aspekte der Portfolioarbeit (Gespräche, Reflexion, Organisation).
- Verknüpfung von Portfolioarbeit mit den Bildungsstandards.
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Benotung im Fach Kunst
„Nirgends stellt sich das Phänomen der Notengebung so schillernd dar wie in der Bildenden Kunst, sind doch die Kriterien, die zu einer Bewertung führen können, hier weitaus weniger messgenau als in anderen Fächern, es spielen subjektive Elemente stärker in die Beurteilung hinein als anderswo.“ (Klant 2008, S. 19)
Ergebnisse des Kunstunterrichtes entstehen innerhalb sinnlicher Auseinandersetzungsprozesse der Lernenden „mit ihren Erfahrungen, Empfindungen, mit dem eigenen Körper, mit Materialien, Lebenswelten, Möglichkeiten und Konventionen der Kommunikation“ (Knauf 1982, S. 133) und werden bezogen „auf ein fremdes, abstraktes Normensystem (…), auf ein System klassifizierender Produktkontrolle“ (ebd.). Garlichs (2000a) stellt die Frage auf, ob man „künstlerische Produkte von Kindern überhaupt bewerten [kann]? Sind derartige Leistungen nicht zu vielschichtig und komplex“ (S. 59)?
Nie darf in Vergessenheit geraten, dass Ergebnisse des Kunstunterrichtes sehr persönliche Mitteilungen der Lernenden sind, die keinesfalls einer bloßen oberflächlichen Abhandlung unterzogen werden dürfen. Den Arbeiten der Schüler muss eine grundsätzliche Wertschätzung entgegengebracht werden, welche das Fundament für eine funktionierende Lern- und Lehrkultur darstellt (vgl. Michl 2008, S. 26). Um einen produktiven Lernprozess zu mobilisieren und aufrechtzuerhalten, muss den Werken des individuellen Kindes Verständnis entgegengebracht werden, seine konkreten Darstellungswünsche und –probleme müssen im Dialog mit dem Lehrenden thematisiert werden (vgl. Sievert 2000, S. 61). „Das sorgfältige Besprechen von Schülerarbeiten“ (Knauf 1982, S. 133) ist elementar! Itten vertrat bereits die Ansicht, es wirke fördernd, den Schülern „Aufmunterung und Anerkennung für geleistete Arbeit“ (Sievert 2000, S. 61) entgegenzubringen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Die Einleitung thematisiert den Wandel von Unterrichtsformen und hinterfragt kritisch die Eignung traditioneller Leistungsbewertung im Kunstunterricht.
2. Die traditionelle Leistungsbewertung: Dieses Kapitel liefert eine Bestandsaufnahme des bestehenden Notensystems, untersucht dessen historische Wurzeln sowie Funktionen und kritisiert dessen pädagogische Unzulänglichkeit.
3. Die Notengebung im Kunstunterricht: Es wird die historische Entwicklung der Benotung im Kunstunterricht analysiert und die Problematik der Subjektivität bei der Bewertung künstlerischer Leistungen erörtert.
4. Forderung: Hier wird der Bedarf für eine neue Lernkultur formuliert, die verstärkt auf Kommunikation, Transparenz und die Berücksichtigung von Lernprozessen setzt.
5. Das Portfoliokonzept: Dieses umfangreiche Kapitel erläutert das Portfolio als Lerninstrument, seine Wurzeln, verschiedene Konzepte sowie die Prinzipien der Kommunikation, Partizipation und Transparenz.
6. Lars Lindström Studie: Die Studie zur Mappenbewertung bildnerischer Tätigkeit wird vorgestellt und als Grundlage für eigene empirische Beobachtungen genutzt.
7. Potenziale und Kritik: Die Vor- und Nachteile der Portfolioarbeit werden zusammenfassend gegenübergestellt und kritisch gewürdigt.
8. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass das Portfolio ein ideales, wenn auch organisatorisch anspruchsvolles Instrument für eine zeitgemäße, ganzheitliche Leistungskultur im Kunstunterricht darstellt.
Schlüsselwörter
Portfolio, Kunstunterricht, Leistungsbewertung, Ziffernzensur, Prozessorientierung, Lernkultur, Selbstbeurteilung, Reflexion, Bildungsstandards, Heterogenität, Diagnostik, Feedback, Transparenz, Partizipation, Kunstpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Problematik der traditionellen Leistungsbewertung mittels Zensuren im Kunstunterricht und stellt das Portfoliokonzept als eine alternative, prozessorientierte Form der Beurteilung vor.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit umfasst die Kritik an traditionellen Noten, die Geschichte der Benotung im Fach Kunst, die theoretische Herleitung des Portfoliokonzepts sowie dessen praktische Anwendung und Organisation im Schulalltag.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu erörtern, ob eine Leistungsbeurteilung mit dem Portfoliokonzept den modernen pädagogischen Anforderungen an Individualisierung und Lernprozessdiagnose im Kunstunterricht besser gerecht werden kann als das herkömmliche Zensuren-System.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch Fachliteratur sowie einer in Anlehnung an die Studie von Lars Lindström durchgeführten eigenen empirischen Untersuchung in Form von Schülerinterviews.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Analyse des traditionellen Notensystems und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Portfoliokonzept, inklusive dessen Prinzipien, Einsatzformen und der Rolle des Lehrenden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Portfolio, Leistungsbewertung, Prozessorientierung, Selbstbeurteilung und Lernkultur.
Wie steht die Autorin zur Ziffernzensur im Fach Kunst?
Die Autorin kritisiert die Ziffernzensur als „veraltet“ und „untauglich“ für moderne Lernkonzepte, da sie keine Rückmeldung über individuelle Lernprozesse gibt und den Leistungsdruck eher fördert als die Motivation.
Welche Rolle nimmt der Lehrende bei der Arbeit mit Portfolios ein?
Die Lehrperson wandelt sich vom reinen Wissensvermittler zum Organisator, Lernberater und Lernbegleiter, der den Schüler bei dessen individueller Lernentwicklung unterstützt.
Warum ist Reflexion für die Portfolioarbeit so essenziell?
Die Reflexion gilt als „Herzstück des Prozesses“, da sie den Schülern hilft, eigene Leistungen qualitätsbezogen einzuschätzen, Fortschritte bewusst zu machen und daraus Konsequenzen für das weitere Lernen zu ziehen.
- Arbeit zitieren
- Lucie Schweitzer (Autor:in), 2009, Benoten und Beurteilen im Kunstunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/135142