Die folgende Arbeit befasst sich mit den narrativen Strukturen der Serie Fleabag im Hinblick auf das Durchbrechen der vierten Wand in einem Serienformat und der erzielten Wirkung auf den Zuschauenden. Bei meiner Analyse des seriellen Erzählens beziehe ich mich hauptsächlich auf das erzähltheoretische Analysemodell von Markus Kuhn, da dieses einen Überblick verschiedenster Ansätze der Filmnarratologie darbietet und grundlegend zusammenfasst.
Die Serie Fleabag schafft es durch ihre filmische Erzählsituation die Trennung von Spiel- und Publikumswelt fast schon unbemerkt aufzuheben. Durch die sprachliche und visuelle Erzählinstanz des In-die-Kamera-Sprechens der Protagonistin wird die geschlossene Diegese kontinuierlich durchbrochen. Trotz dessen behaupte Ich, dass hier nur eine tendenzielle Metalepse vorhanden ist. Diese These werde ich im Folgenden schrittweise analysieren und anhand von Beispielen be-/ widerlegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Serie Fleabag
2.1 Inhalt
3. Erzähltheoretische Analyse der Serie Fleabag
3.1 Zeitliche Einordnung
3.2 Kommunikationsebenen
3.3 Metadiegesen
3.4 Fokalisierung
3.5. Rolle des Zuschauenden
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die narrativen Strukturen der Serie Fleabag, wobei der Fokus auf dem gezielten Durchbrechen der vierten Wand liegt. Es wird analysiert, wie diese filmische Erzähltechnik die Kommunikation mit dem Publikum gestaltet und welche spezifische Wirkung diese Interaktion auf die Rezipienten in Bezug auf Identifikation und diegetische Einbindung hat.
- Analyse filmischer Erzählsituationen und der Auflösung von Spiel- und Publikumswelt
- Untersuchung des "In-die-Kamera-Sprechens" als erzähltheoretische Metalepse
- Evaluation des erzähltheoretischen Analysemodells nach Markus Kuhn
- Betrachtung von Kommunikationsebenen sowie Fokalisierungsstrategien
- Thematisierung von Trauerbewältigung und sozialer Einsamkeit in der Serie
Auszug aus dem Buch
3.2 Kommunikationsebenen
Schon an diesem Punkt der Analyse stellt sich die Frage nach dem Erzähler. Wer bestimmt was wir sehen und erfahren? Auf den ersten Blick scheint diese Frage relativ simpel zu beantworten — Fleabag. Betrachtet man die Narration der seriellen Erzählung jedoch genauer, wird schnell klar, dass dies einer genaueren Untersuchung bedarf.
Die Show spielt mit dem Gedanken, dass der erzählte Alltag nur ein kleiner Ausschnitt aus Fleabag’s Welt ist — es wird ein Leben davor und danach impliziert. Wir als Rezipienten werden eingeladen, teilzunehmen, an dieser/ ihrer fiktiven Realität. Durch die direkte Anrede der Betrachtenden, tritt die Hauptfigur aus der Diegese in unsere, hier somit ebenfalls fiktive (Zwischen-)Wirklichkeit, da wir uns weiterhin stets darüber bewusst sind, dass es sich um eine fiktive Serie handelt. Dies wird direkt zu Beginn der Serie deutlich als die Hauptfigur den Rezipienten direkt mir „du“ anspricht. In Kombination mit dem intimen Thema Sex wird eine Vertraut- und Verbundenheit impliziert. Wir interagieren mit einer fiktiven Figur, wodurch sich verschiedene intra- und extradiegetische Ebenen und Metalepsen ergeben.
Einfach gesagt gibt es somit zunächst drei Ebenen (siehe Schaubild):
1. Die diegetische Welt Fleabags, in der Fleabag existiert und den Verlauf nicht beeinflussen kann (fiktives Universum)
2. Fleabag und Zuschauender in einer Beziehung (Gespräch mit der Kamera)
3. Realität des Zuschauers, das Bewusstsein, dass Fleabag ein fiktiver Charakter ist und die Serie ebenfalls fiktional
Das In-die-Kamera-Sprechen stellt grundlegend eine Metalepse dar. Laut Kuhn und dem komplexen Modell der narrativen Kommunikationsebenen und Instanzen im Film verorte ich den außenstehenden realen Zuschauenden hier ebenfalls als extradiegetischen Adressaten. Die Metalepse wird zunächst verstärkt, da eindeutig klar ist, dass wir (die Betrachtenden) als Ansprechpartner existieren, was einen Bruch in der diegetischen Realitätslogik bedeutet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas, die Fokussierung auf erzähltheoretische Strukturen bei Fleabag sowie die theoretische Verankerung durch Markus Kuhn.
2. Die Serie Fleabag: Überblick über die britische Dramedyserie, deren inhaltliche Schwerpunkte – darunter Trauer, zwischenmenschliche Beziehungen und der Umgang mit Einsamkeit.
3. Erzähltheoretische Analyse der Serie Fleabag: Untersuchung der zeitlichen Organisation, der Kommunikationsebenen und der Fokalisierung, um die filmische Erzählsituation präzise einzuordnen.
4. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse; Bestätigung der Metalepse als Stilmittel, das in ein intradiegetisches Seherlebnis übergeht.
Schlüsselwörter
Fleabag, Erzähltheorie, vierte Wand, Metalepse, Filmnarratologie, Markus Kuhn, Kommunikationsebenen, Fokalisierung, Serienanalyse, Rezipientenrolle, Diegese, In-die-Kamera-Sprechen, Medientheorie, Narration, Dramedyserie
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema der wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die narrativen Strukturen der TV-Serie Fleabag und konzentriert sich dabei spezifisch auf das Durchbrechen der vierten Wand sowie die daraus resultierende Wirkung auf den Zuschauer.
Welches wissenschaftliche Modell bildet die theoretische Grundlage?
Die Analyse stützt sich maßgeblich auf das erzähltheoretische Analysemodell von Markus Kuhn, insbesondere hinsichtlich seiner Definitionen von narrativen Kommunikationsebenen und Filmnarratologie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll geklärt werden, wie die Serie die Grenze zwischen fiktiver Diegese und Publikumswelt auflöst und ob die direkte Adressierung des Zuschauenden als eine dauerhafte Metalepse oder als tendenzielle narrative Technik zu bewerten ist.
Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?
Die Arbeit analysiert die Serie schrittweise anhand erzähltheoretischer Indikatoren, wobei ein besonderer Fokus auf den jeweils ersten und letzten Episoden beider Staffeln liegt, um Entwicklungen in der Narration aufzuzeigen.
Welche Rolle nimmt der Zuschauer in der Serie ein?
Der Zuschauer fungiert als stummer Beobachter und Adressat der Protagonistin, was eine Vertrautheit suggeriert, die Fleabag wiederum nutzt, um ihre Gefühle oder tatsächliche Intentionen zu verschleiern oder zu manipulieren.
Wie verändert sich die Beziehung zwischen Protagonistin und Publikum im Zeitverlauf?
Während der ersten Staffel ist der Zuschauer ein enges, fast komplizenhaftes Gegenüber; zum Ende der zweiten Staffel löst sich diese Bindung jedoch auf, da die Hauptfigur lernt, sich ohne die "Maskerade" gegenüber dem Publikum zurechtzufinden.
Warum spielt die Figur der Boo eine so wichtige Rolle für die Analyse der Metadiegesen?
Boo dient als zentraler Bezugspunkt der externen Analepsen; ihr Tod wird als Geheimnis über die Episoden hinweg aufgebaut und dient als Wendepunkt, der die Wahrnehmung der Protagonistin für den Zuschauer massiv verändert.
Welchen Einfluss hat die Figur des Priesters in Staffel 2 auf die Erzählweise?
Der Priester stellt eine Besonderheit dar, da er als erster Charakter innerhalb der Diegese wahrnimmt, dass Fleabag mit jemandem (dem Publikum) kommuniziert, ohne jedoch die Fiktion selbst durchbrechen zu können.
- Arbeit zitieren
- Sarah Falke (Autor:in), 2020, Direktadressierung des Rezipienten in der seriellen Narration am Beispiel "Fleabag", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1338606