In der vorliegenden Arbeit sollen vor allem die Aspekte Erziehung und Identitätsformung im Vordergrund stehen und zunächst, ob diese zwei Aspekte nicht identisch sind oder wenigstens einige Berührungspunkte haben. Gerade im Hinblick auf diese zwei Termini lassen sich viele Unterkategorien ausfindig machen: Zum einen der Einfluss der Personen, die einen umgeben und welchen Einfluss diese auf die Identitätsformung haben. Zum anderen aber auch, welche Rolle dabei das System spielt, in dem die Personen leben. Damit darf keinesfalls nur das politische System verstanden werden, das selbstverständlich auch eine erhebliche Rolle spielt, sondern ebenfalls das gesellschaftliche, allgemein-soziale und das individuell-soziale System.
Der Fokus soll dabei auf den Protagonist*innen liegen, vermehrt jedoch auf denjenigen Figuren, die aktiv oder passiv an der Erziehung und/ oder Identitätsformung beteiligt sind. Dabei werden besondere Einzelschicksale beleuchtet, um stellvertretend für eine gesamte Gruppe eine fundierte Aussage darüber treffen zu können, welche Aspekte der Erziehung und Identitätsformung zu den jeweiligen Handlungen führen. Dabei muss bei "Frühlings Erwachen" das Hauptaugenmerk auf der Sexualaufklärung liegen, bei "Jugend ohne Gott" auf die Aspekte Rassismus, Kolonialismus und Nationalismus.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitorisches
2.1. Identität
2.2. Identitätsformung und Erziehung
3. Historischer Kontext
3.1. Frühlings Erwachen
3.2. Jugend ohne Gott
4. Vergleich
4.1. Motivik und Thematik
4.2. Das ,System‘
4.3. Die Außenseiter
4.4. Die Bedeutung von Ohnmacht in der Sprache: Betrachtung einzelner Textstellen
4.5. Identität und Identitätsformung
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wechselspiel von Erziehung und Identitätsformung bei Heranwachsenden, indem sie die literarischen Werke „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind und „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth vergleichend analysiert. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, inwiefern staatliche und gesellschaftliche Erziehungssysteme die individuelle Identitätsfindung beeinflussen, unterdrücken oder durch Zwang in ein kollektives Identitätskonstrukt zu pressen versuchen.
- Vergleichende Analyse der Erziehungskonzepte im Kaiserreich und Nationalsozialismus
- Die Rolle kollektiver Identität im Gegensatz zur individuellen Persönlichkeitsentfaltung
- Sprachliche Ohnmacht als Spiegelbild gesellschaftlicher Restriktionen
- Auswirkungen von Zwang und fehlender Sexualaufklärung auf Jugendliche
- Das Spannungsfeld zwischen Systemkonformität und individuellem Widerstand
Auszug aus dem Buch
4.4. Die Bedeutung von Ohnmacht in der Sprache: Betrachtung einzelner Textstellen
Frühlings Erwachen sei auch deshalb revolutionär, „weil es eine Sprache benutzt, die jene Unfähigkeit zur Artikulation parodiert“. In beiden Werken finden sich jeweils Personen, die als Teil der sprachlichen Ohnmacht gesehen werden können, genauso wie die Personen, die ein als der Kommunikatoren oder gar als Lehrer, wenn man so will, zu verstehen sind.
In der zweiten Szene des ersten Aktes von Frühlings Erwachen unterhalten sich Melchior und Moritz bei einem Nachtspaziergang, später unter einer Buche. Im Schutz vor dem Wind, aber eben auch im Schutz der Dunkelheit, möchte Melchior offen über Sexualität sprechen, Moritz jedoch versucht zu Beginn, vom Thema abzulenken.
Moritz erscheint generell eher naiv und wirkt, als könne er nicht ausdrücken, was er sagen möchte, wohingegen Melchior aufgeklärt und wortgewandt auftritt: Moritz macht zunächst auf eine schwarze Katze aufmerksam, auf die Nachfrage Melchiors, ob er abergläubisch sei, weiß er keine Antwort und misst ihr keinerlei Bedeutung zu, weil sie von der falschen Seite kam. Sie suchen Schutz unter einer Buche, der eine symbolische Bedeutung zukommt: Die Krone biete Schutz (vor Hitze), der Stamm stehe für unbeugsame Stärke. Allerdings habe die Buche ebenso negative Assoziationen, sie stehe vor allem im Herbst für Verfall und als Galgenbaum für Unheil, aber eben auch für (poetische) Inspiration. Melchior scheint die Angst Moritz‘ zu verstehen, auch, wenn er sie wahrscheinlich für irrational hält. Er macht sich die Wirkung der Buche zu Nutze, um Moritz zu beruhigen.
Vor allem, als Moritz fragen möchte, ob Melchior bereits „[m]ännliche Regungen“ empfunden habe, wirkt er besonders unbeholfen. Hier stehen Melchior und Moritz besonders im Kontrast: Moritz fragt nicht explizit nach den Regungen, sondern nennt sie einfach nur „sie“. Melchior fragt nach, bekommt keine Antwort, und nennt das Kind beim Namen. Auch, als Melchior berichtet, dass ein Mitschüler einen anderen Mitschüler nach Pollution gefragt habe, reagiert Moritz mit der Aussage, dass er sich nicht getraut hätte, diesbezüglich jemanden zu fragen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas und der Relevanz der Erziehungskritik in der Literaturgeschichte anhand der ausgewählten Werke.
2. Definitorisches: Grundlegende Auseinandersetzung mit den Begriffen Identität, Identitätsformung und Erziehung im wissenschaftlichen Kontext.
3. Historischer Kontext: Einordnung der Werke in ihre jeweiligen zeitlichen Epochen und die damit verbundenen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen.
4. Vergleich: Detaillierte Gegenüberstellung der literarischen Motive, der Rolle des Systems, der Außenseiter-Figuren sowie der sprachlichen Ohnmacht und der Identitätsbildung in beiden Werken.
5. Fazit: Zusammenfassendes Urteil über das Scheitern von Zwangskollektivierung und die Notwendigkeit von Freiräumen für die Identitätsfindung.
6. Literatur: Auflistung der im Text verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Identität, Identitätsformung, Erziehung, Frühlings Erwachen, Jugend ohne Gott, Nationalsozialismus, Kaiserreich, Kollektive Identität, Sexualaufklärung, Sprache, Ohnmacht, Gesellschaftskritik, Außenseiter, Individuum, Pädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie das Erziehungssystem und gesellschaftliche Normen in den Dramen bzw. Romanen „Frühlings Erwachen“ und „Jugend ohne Gott“ die Identitätsentwicklung von Heranwachsenden sowohl in autoritären als auch konservativen Strukturen prägen.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen gehören das Spannungsfeld zwischen individuellem Selbstverständnis und kollektiver Anpassung, der Einfluss von Ideologien, Rassismus, Sexualaufklärung sowie die Rolle von Sprache und Sprachlosigkeit bei Jugendlichen.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage dieser Publikation?
Die Untersuchung zielt darauf ab, aufzuzeigen, ob und inwiefern Erziehungsmaßnahmen dazu führen, dass individuelle Identität durch staatliche oder elterliche Eingriffe deformiert wird und welche Folgen dies für die Heranwachsenden hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um einen literaturwissenschaftlichen Vergleich, der durch erziehungswissenschaftliche Definitionen und historische Kontextualisierung gestützt wird, um Einzelschicksale der Figuren stellvertretend für gesellschaftliche Gruppen zu analysieren.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung, eine vergleichende Analyse des ,Systems‘ in Bezug auf seine Erziehungsziele, die Charakterisierung von Außenseiter-Rollen sowie eine spezifische Betrachtung der sprachlichen Ohnmacht bei den Protagonisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Identitätsformung, Erziehungssystem, Kollektive Identität, Individuum, Sprachlosigkeit, Gesellschaftskritik und literarischer Vergleich sind die zentralen Begriffe der Arbeit.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Lehrers in beiden Werken hinsichtlich seiner Ohnmacht?
Während die sprachliche Ohnmacht bei Moritz in „Frühlings Erwachen“ aus einem Mangel an aufklärendem Wissen resultiert, weist der Lehrer in „Jugend ohne Gott“ eine Ohnmacht auf, die trotz seines Wissens durch Angst vor dem totalitären System und dessen Sanktionen induziert wird.
Welches Fazit zieht die Autorin/der Autor hinsichtlich der Wirkung von Erziehung?
Das Fazit betont, dass eine erzwungene Kollektivierung der Identität meist scheitert oder zu massiven Identitätskrisen bei Heranwachsenden führt, da die menschliche Individualität niemals vollständig unterdrückbar ist.
- Quote paper
- Bastian Wieland (Author), 2022, Identität und Identitätsformung bei Heranwachsenden, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1335083