Obwohl der Begriff "Krise" in zahlreichen Studien verwendet wird und manche behaupten, die Zahl und das Ausmaß der Krisen würden stetig ansteigen, fällt seine Definition meist überraschend vage aus. Der Poststrukturalismus liefert mit dem Begriff der Dislocation ein Schlüsselkonzept, das es ermöglicht, den Krisen-Begriff umfänglich zu erforschen. Auf dieser Grundlage nimmt die vorliegende Arbeit eine Dekonstruktion der Ukraine-"Krise" vor. Über die Formulierungen im Liveblog der Tagesschau wurde mittels korpuslinguistischer Diskursanalyse eine Dekonstruktion vorgenommen, die deutlich zeigt, dass das bezeichnende Element von "Krise" die Ungewissheit ist.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. WAS IST KRISE?
3. KRISE ALS DISKUSTHEORETISCHE GRUNDLAGE DES SOZIALEN
4. DISKURSTHEORETISCHE KORPUSLINGUISTIK
5. KRISE: AUSDRUCK VON ORIENTIERUNGS- UND BEDEUTUNGSLOSIGKEIT
6. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht diskurstheoretisch, wie der Begriff "Krise" im Liveblog der Tagesschau im Kontext der Ukraine-Krise konstruiert und mit Bedeutung aufgeladen wird. Das primäre Ziel ist es, das Verständnis des Krisenbegriffs zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wie dieser als Ausdruck von Orientierungs- und Bedeutungslosigkeit im sozialen Diskurs fungiert.
- Poststrukturalistische Diskursanalyse nach Laclau und Mouffe
- Methodik der diskurstheoretischen Korpuslinguistik nach Wolfgang Teubert
- De-Konstruktion von "Krise" als schwebender Signifikant
- Analyse der Dynamik von Krisenbegriffen im zeitlichen Verlauf
- Zusammenhang zwischen Dislocation, Kontingenz und Krisenwahrnehmung
Auszug aus dem Buch
2. Was ist Krise?
Die Literatur, die den Krisenbegriff aus poststruktureller Perspektive untersucht, erscheint auf den ersten Blick überschaubar. Ein Beitrag von Slavoj Žižek in der britischen Zeitschrift The Guardian kann zu Beginn veranschaulichen, dass die hier angestrebte Perspektive nicht der gängigen politischen Praxis entspricht. Unter dem Titel We must stop letting Russia define the terms of the Ukraine crisis (2022) schrieb Žižek, wie die neueste Eskalation des Ukraine-Russland-Konflikts dadurch bestimmt wird, dass westliche Entscheidungsträger Putins wiederholte Reartikulation der Situation unhinterfragt übernehmen, und der diplomatischen Dimension dieses Konflikts somit kontinuierlich hinterherlaufen:
„We should stop this obsession with the red line, this endless search for the right balance between support for Ukraine and avoiding total war. The ‘red line’ is not an objective fact: Putin himself is redrawing it all the time, and we contribute to its redrawing with our reactions to Russia’s activities. A question like ‘Did US intelligence-sharing with Ukraine cross a line?’ makes us obliterate the basic fact: it was Russia itself which crossed the line, by attacking Ukraine. So instead of perceiving ourselves as a group which just reacts to Putin as an impenetrable evil genius, we should turn the gaze back at ourselves: what do we – the ‘free west’ – want in this affair?“ (Žižek 2022)
Er unterstreicht damit seine Auffassung, dass die von uns wahrgenommene Krise von Putin konstruiert und ständig verändert wird. Die LeserInnen werden damit direkt auf die soziale Dimension seines Krisen-Verständnisses gestoßen und erhalten darüber neue Einblicke in die Reaktions- und Handlungsmöglichkeiten einer solchen Situation.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik des oft vage verwendeten Krisenbegriffs ein und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Konstruktion von "Krise" im Tagesschau-Liveblog.
2. WAS IST KRISE?: Dieses Kapitel beleuchtet theoretische Ansätze zur Krise, insbesondere die Perspektiven von Slavoj Žižek und Dirk Nabers, und ordnet Krise als soziales Konstrukt ein.
3. KRISE ALS DISKUSTHEORETISCHE GRUNDLAGE DES SOZIALEN: Hier werden die Grundlagen der Politischen Diskurstheorie (PDT) erarbeitet, wobei Konzepte wie Diskurse, Artikulationen, Knotenpunkte und Dislocation zur Krisenbeschreibung genutzt werden.
4. DISKURSTHEORETISCHE KORPUSLINGUISTIK: Dieses Kapitel führt die methodische Herangehensweise nach Wolfgang Teubert ein, um Textmengen diskurstheoretisch fundiert zu analysieren.
5. KRISE: AUSDRUCK VON ORIENTIERUNGS- UND BEDEUTUNGSLOSIGKEIT: Die empirische Analyse untersucht die Bedeutungswandlungen und Kollokatoren des Begriffs "Krise" im Tagesschau-Liveblog während des Ukraine-Konflikts.
6. FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass "Krise" im untersuchten Diskurs als Beschreibung für Situationen maximaler sozialer Unsicherheit fungiert.
Schlüsselwörter
Krise, Ukraine-Krise, Diskursanalyse, Poststrukturalismus, Tagesschau, Krisenbegriff, Dislocation, Korpuslinguistik, Artikulation, schwebender Signifikant, politische Diskurstheorie, soziale Konstruktion, Bedeutungskonstruktion, Unsicherheit, Kontingenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Wort "Krise" im Berichterstattungsdiskurs des Tagesschau-Liveblogs zur Ukraine-Krise verwendet wird und welche soziale Bedeutung ihm dabei zugeschrieben wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Themenfelder umfassen die poststrukturalistische Diskurstheorie, die Bedeutungskonstruktion im Journalismus und die diskurslinguistische Untersuchung politischer Konfliktberichterstattung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Wie wird der Signifikant Krise im Diskurs des Tagesschau-Liveblogs artikuliert?“ Ziel ist die Dekonstruktion des Begriffs in diesem spezifischen Kontext.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine diskurstheoretische Korpuslinguistik angewandt, die poststrukturalistische Konzepte (wie von Laclau und Mouffe) mit der korpusgestützten Analyse nach Wolfgang Teubert verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Krisenkonzepte und der Diskurstheorie sowie eine praktische Analyse des Liveblog-Korpus, um Bedeutungswandlungen und Kollokationen von "Krise" aufzuzeigen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem zentralen Begriff der "Krise" sind dies insbesondere "Dislocation", "Artikulation" und "soziale Konstruktion".
Inwiefern beeinflusst der Begriff "Krise" die Wahrnehmung des Ukraine-Konflikts laut der Analyse?
Die Analyse zeigt, dass der Begriff als Etikett für Situationen dient, die durch eine umfassende Auflösung gewohnter gesellschaftlicher Strukturen und Unsicherheiten gekennzeichnet sind.
Wie verändert sich die Verwendung des Krisenbegriffs im Untersuchungszeitraum?
Die Untersuchung verdeutlicht, dass "Krise" im Zeitverlauf unterschiedlich artikuliert wurde, beispielsweise im Zusammenhang mit verschiedenen Aspekten wie Energie-, Flüchtlings- oder Nahrungsmittelkrisen.
- Quote paper
- André Will (Author), 2022, Die Konstruktion der Ukraine-Krise im Liveblog der Tagesschau, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1331061