„Der Mensch“, schrieb Alfred Kurella, „hat als Resultat seiner jahrtausendelangen tätigen Kulturentwicklung ein ästhetisches Vermögen mitbekommen. Dieses ästhetische Vermögen dient ihm in der Praxis bei der Aneignung der Wirklichkeit, beim Erfassen der Lebenswahrheit, man kann wohl sagen, in starker Weise wie das logische Denken!“
Gegenwärtig gilt es, die Auffassung vom Gegenstand der Ästhetik und ihrer Ausweitung über die bisher untersuchten Bereiche hinaus neu zu durchdenken, da das ursprüngliche griechische Verständnis von Ästhetik als Lehre von der Wahrnehmung ungeeignet scheint, das gesamte Spektrum der Inhalte zusammenzufassen, die in unserer Zeit in diesem Feld bearbeitet werden.
Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Ästhetik im ausgehenden 20./ beginnenden 21. Jahrhundert, begründet auf die Geschichte, Entwicklung und Umwandlung der so genannten „Philosophie des Schönen“ bis heute. Allem vorangestellt ist die Frage, ob man noch immer von einer Ästhetik im eigentlichen Sinne sprechen kann bzw. welche Aufgaben diese heute zu erfüllen hat. Da bisher nur selten in den Medienwissenschaften, der Kunstwissenschaft oder der Philosophie die Rede von Ästhetik oder Stil ist, wenn es um das Fernsehen geht, möchte ich an diesem Beispiel die Veränderung des ästhetischen Begriffs belegen. Dabei geht es darum, „einige traditionelle [...] Begriffe der Ästhetik im Blick auf das Fernsehen neu zu denken und zu modifizieren“. Die Aussagen beruhen freilich nicht auf der Behauptung, dass es grundsätzlich (k)eine Ästhetik des Fernsehens gibt, sondern vielmehr findet eine Auseinandersetzung mit dieser Problematik statt, die Genanntes auch immer wieder in Frage stellt.
2. Ästhetik als „Philosophie des Schönen“
Die Ästhetik als selbstständige Wissenschaft ist im 18. Jahrhundert aus der Philosophie heraus entstanden, begründet auf Baumgarten und Kant. Sie beschreibt die Lehre vom stilvollen Schönen und der Erfahrung des Schönen, im engeren Sinne die Lehre vom Kunstschönen und dessen Erfahrung. Spricht man also vom Ästhetischen, ist nicht selten die Rede von einer anderen Bezeichnung „für die scheinhafte Anwesenheit, für eine auf den Wahrnehmungsvollzug gerichtete Aufmerksamkeit, für eine sinnliche Sinnhaftigkeit und oft schlicht für die Wahrnehmbarkeit einer Sache“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ästhetik als „Philosophie des Schönen“
3. Übergang von „reiner“ zur „angewandten“ Kunst
4. Medienästhetik
5. Die Schwierigkeit einer Fernsehästhetik
5.a) Massen- vs. Individualmedium – Bildschirm oder Mattscheibe
5.b) Fernsehen als kulturelle Ware
5.c) Die Sichtbarkeit des Bildes – Ästhetik als Form der Wahrnehmung
5.d) Videoclips - Verfilmung von Musikstücken
6. Schlussbetrachtung – Nullmedium Fernsehen?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Transformation des ästhetischen Begriffs im Kontext des Fernsehens und geht der Frage nach, ob in der modernen Medienlandschaft noch von einer Ästhetik im traditionellen Sinne gesprochen werden kann. Ziel ist es, die Schwierigkeiten einer theoretischen Einordnung des Fernsehens aufzuzeigen und die ästhetischen Phänomene des Mediums kritisch zu beleuchten.
- Historische Herleitung und Wandlung des Ästhetikbegriffs
- Übergang von der traditionellen Kunstauffassung zur angewandten Ästhetik
- Rolle des Fernsehens als Massen- bzw. Individualmedium
- Medienästhetische Analyse des Fernsehens und seiner kulturellen Funktion
- Reflexion von Bildformen und spezifischen Formaten wie dem Videoclip
Auszug aus dem Buch
d) Videoclips - Verfilmung von Musikstücken
Zum Schluss meiner Betrachtung möchte ich auf ein spezielles Fernsehphänomen eingehen, welches eine mögliche Ästhetik im Fernsehen vorführen kann – den Videoclip. Béla Balázs (Ästhetiker) beschreibt bereits 1924 einen kommenden Film: „Ich denke an die Verfilmung von Musikstücken. Man könnte den Strom auch ganz irrationeller Versionen, die man beim Anhören eines Musikstückes hat, auf einem Film vorbeiziehen lassen. Vielleicht wird das noch eine eigene, neue Kunstgattung werden?“62Ist das nicht die genaue Beschreibung des Videoclips, der erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgekommen ist?! Für ihn entwickelt sich der Film zwangsläufig zu dieser Bildform hin, sobald er aufhört, Inhalte zu transportieren, und stattdessen versucht, die medialen Möglichkeiten zur Selbstdarstellung zu bringen. Hier erscheinen sie in einer Art und Weise, die überhaupt keine andere Möglichkeit mehr zulässt, als sie einzig wegen ihrer Sichtbarkeit zu betrachten. Videoclips sind dementsprechend nichts weiter als verfilmte Collagen.63 „Sie bestehen aus einem Flimmern von Bildern, die mit den unterschiedlichsten Techniken (Film, Foto, Video, Zeichentrick, Computeranimation) hergestellt und durch die Montage gleichwertig nebeneinander gestellt werden. Das Hauptmerkmal eines Clips ist der schnelle Schnitt und die schnelle Bewegung der Teile in der Einstellung. Kein Bild kann als Darstellung betrachtet werden – die Zeit reicht nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entwicklung des ästhetischen Vermögens ein und stellt die Forschungsfrage nach der Relevanz traditioneller Ästhetikbegriffe in Bezug auf moderne Fernsehmedien.
2. Ästhetik als „Philosophie des Schönen“: Das Kapitel beleuchtet den Ursprung der Ästhetik als philosophische Disziplin im 18. Jahrhundert und hinterfragt die Definition des Schönen in Bezug auf Wahrnehmung und menschliche Erfahrung.
3. Übergang von „reiner“ zur „angewandten“ Kunst: Es wird der Wandel des Kunstbegriffs durch die Kulturindustrie und den Kapitalismus thematisiert, wobei die Grenzen zwischen reiner Kunst und angewandten, atmosphärischen Prozessen zunehmend verschwimmen.
4. Medienästhetik: Dieses Kapitel definiert Medienästhetik als die Untersuchung künstlerischer Möglichkeiten innerhalb technischer Medien und betont die Bedeutung von Medialität als Kategorie ästhetischer Repräsentation.
5. Die Schwierigkeit einer Fernsehästhetik: Die Autorin diskutiert die Herausforderungen, das Fernsehen als ästhetisches Phänomen zu begreifen, und analysiert dabei spezifische Aspekte wie Massennutzung, kulturelle Warenförmigkeit, die Sichtbarkeit von Bildern und das Format des Videoclips.
6. Schlussbetrachtung – Nullmedium Fernsehen?: Abschließend wird das Fernsehen als ein sich kontinuierlich wandelndes Medium reflektiert, das seine Ästhetik aus einer fortlaufenden Infragestellung seiner eigenen Natur bezieht.
Schlüsselwörter
Ästhetik, Fernsehästhetik, Medienästhetik, Wahrnehmung, Kulturindustrie, Bildlichkeit, Visualisierung, Videoclip, Nullmedium, Fernsehen, Kunstbegriff, Massenmedium, Atmosphäre, Ästhetisierung, Moderne
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung und kritischen Reflexion des Fernsehens als ästhetisches Phänomen vor dem Hintergrund historischer und gegenwärtiger Ästhetikbegriffe.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten gehören die Philosophie des Schönen, die Entwicklung der Medienästhetik, der Wandel der Kunst zur Kulturware sowie die spezifische Analyse von Fernsehbildern und modernen Formaten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den tradierten Ästhetikbegriff zu hinterfragen und zu prüfen, inwieweit er auf das Medium Fernsehen anwendbar ist, um die visuelle Kultur der Gegenwart besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär genutzt?
Die Arbeit nutzt eine medientheoretische und ästhetisch-philosophische Analyse, basierend auf Literaturstudien renommierter Theoretiker wie Benjamin, McLuhan und Balázs.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung der Ästhetik, die Theorie der Medienästhetik sowie die detaillierte Betrachtung des Fernsehens als kulturelles und technisches Medium.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Medienästhetik, Fernsehästhetik, Wahrnehmung, Bildlichkeit und Ästhetisierung der Lebenswelt geprägt.
Inwiefern beeinflusst der Begriff „Nullmedium“ die Argumentation?
Er dient als kritischer Gegenentwurf, der auf die ständige Verfügbarkeit und die formelhafte Dynamik des Fernsehens verweist, bei der das Gerät oft genutzt wird, um sich gerade aus der aktiven Wahrnehmung zu verabschieden.
Welche Rolle spielen Videoclips in der ästhetischen Argumentation?
Videoclips dienen als Beispiel für eine neue Bildform, die nicht auf inhaltlicher Darstellung basiert, sondern die reine Sichtbarkeit und Dynamik des Mediums als ästhetische Form ausstellt.
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- Katharina Bucklitsch (Author), 2007, Die Betrachtung der Fernsehästhetik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/130601