Seit dem Mittelalter werden weibliche Figuren in literarischen Texten engelhaft überhöht, die Jungfrau Maria ist das Idealbild der tugendhaften Frau. Auf der anderen Seite ist die Frau als lasterhaft und wenig intelligent verschrien, als Eva ist sie Trägerin der Erbsünde. Mit dem Humanismus bekamen auch reale Frauen langsam die Möglichkeit am intellektuellen Leben teilzuhaben. Literarisches Vorbild war die Donna di Palazzo, wie sie Castiglione in seinem dritten Buch des Libro del Cortegiano beschreibt. Im 16. Jahrhundert verbreiteten sich Erziehungsschriften für das weibliche Geschlecht rasant. Neben Francesco Barbaros, war besonders das Modell des konservativen Spaniers Juan Luis Vives’ prägend, gemäß dem die Frau wieder aus dem öffentlichen Leben verbannt wurde. Die einzige Bildung, die ihr zugestanden wurde, war das Bibelstudium. Als Italien Ende des 17. Jahrhunderts dann mehr und mehr unter den Einfluss Frankreichs geriet, übernahm man auch die Kultur der Salons. In den Salons und durch Akademien konnten hochadelige Frauen als Patroninnen auftreten und hatten somit Zugang zu gelehrten Kreisen. Wissenschaftliche Literatur per le dame überflutete geradezu den Markt. Weil die Frauen sich in den Salons aber frei ausleben konnten, wurden diese beizeiten mit Vorwürfen der Lasterhaftigkeit und erotischer Dekadenz konfrontiert.
Mit dem Hintergrund der Gedanken der Aufklärung ist es mein Ziel zu untersuchen, wie die Frau im 18. Jahrhundert gesehen wurde und welche Position Goldoni in diesem Kontext einnahm. Um darzulegen, welche Rolle die Frau in seinen Komödien und im Zuge seiner Theaterreform spielte, werde ich des Weiteren kurz auf seine persönlichen Beziehungen und die soziokulturelle Situation der Stadt Venedig eingehen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Frau im 18. Jahrhundert – Ein soziokultureller Kontext
1.1 Die Rolle der Frau im Jahrhundert der Aufklärung
1.1.1 „Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde – alle dummen Männer.“
1.1.2 „Die Frau ist dazu geschaffen, dem Mann nachzugeben und selbst seine Ungerechtigkeit zu ertragen.“
1.2 Die Frau als Schauspielerin
1.3 Die Republik Venedig zur Zeit Goldonis
2. Goldonis Beziehung zum weiblichen Geschlecht
3. Die Darstellung der Frau in Goldonis Komödien
3.1 La Donna di garbo – das neue Frauenbild
3.2 La Castalda – La Serva padrona
3.3 Von der Cameriera brillante zur Locandiera
3.4 Goldoni als Frauenfreund?
Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Darstellung der Frau und ihre soziale Rolle im Werk von Carlo Goldoni unter Berücksichtigung des soziokulturellen Kontextes des 18. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, inwieweit Goldonis weibliche Charaktere als Spiegel der damaligen gesellschaftlichen Debatten über Rollenbilder und Aufklärung dienen.
- Soziokultureller Kontext der Frau im 18. Jahrhundert
- Die Emanzipation der Frau im Theater und auf der Bühne
- Goldonis persönliche Ambivalenz gegenüber dem weiblichen Geschlecht
- Analyse zentraler Frauenfiguren (Rosaura, Corallina, Mirandolina)
- Die Transformation der Dienerinnenrolle zur aktiven Identitätsfigur
Auszug aus dem Buch
3.1 La Donna di garbo – das neue Frauenbild
La Donna di garbo (1743) ist Goldonis erste in durchgehendem Text geschriebene bürgerliche Charakterkomödie, mit der er sich von der Commedia dell’Arte abzuwenden versucht.106
„Questa, per dir vero, è la prima Commedia di carattere da me disegnata e intieramente scritta […]”107
Im 43. Kapitel des ersten Teils seiner Memoiren erzählt Goldoni vom alten Brauch unter italienischen Schaustellern, gemäß dem die Zanni Rollen spielten, in denen sie mehrere Male das Kostüm wechseln mussten.108 Wie der Autor in seinen Memoiren selbst erwähnt, hatte er eine Vorliebe für die Soubrette.109 Dennoch wollte er weg von der bloßen Verkleidungs- und Verwandlungskunst der Schauspielerinnen der Commedia dell’Arte. In der befreundeten Schauspielerin Anna Baccherini sah er die ideale Interpretin für seine Theaterreform und schrieb ihr ein in der alten Tradition stehendes, aber erneuertes Stück und damit die Rolle der Rosaura auf den Leib.110 „Er betrachtete diese Komödie zeit seines Lebens als ‚Erstgeburt’ auf dem Weg der von ihm eingeleiteten Theaterreformierung.“111
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die historische Wahrnehmung der Frau und Zielsetzung der Untersuchung im Kontext der Aufklärung.
1. Die Frau im 18. Jahrhundert – Ein soziokultureller Kontext: Analyse der gesellschaftlichen Stellung der Frau und der einflussreichen Frauenbilder in der Aufklärung sowie der Rolle der Schauspielerin und der Situation in Venedig.
2. Goldonis Beziehung zum weiblichen Geschlecht: Beleuchtung der persönlichen Erfahrungen Goldonis mit Frauen und Schauspielerinnen, die seine Sichtweise und spätere literarische Stoffe prägten.
3. Die Darstellung der Frau in Goldonis Komödien: Analyse der weiblichen Charaktere in den Stücken, insbesondere der spielmächtigen Dienerinnenfiguren, und Goldonis Reformbestrebungen.
Schlusswort: Fazit zur Bedeutung der Goldonischen Heldin als Symbol für die Verknüpfung von privatem und sozialem Leben und als vernunftbegabtes, förderungswürdiges Wesen.
Schlüsselwörter
Carlo Goldoni, 18. Jahrhundert, Aufklärung, Frauenbild, Commedia dell'Arte, Theaterreform, Rollendistanz, Identität, Geschlechterdiskurs, Dienerin, Soziale Rolle, Venedig, Emanzipation, La Donna di garbo, Mirandolina
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Repräsentation der Frau im Werk von Carlo Goldoni und stellt diese in den historischen Kontext der gesellschaftlichen Diskurse über Geschlechterrollen im 18. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Rolle der Frau in der Aufklärung, der Wandel des Theaters weg von der Commedia dell'Arte und die sozialen Implikationen der von Goldoni geschaffenen Frauenfiguren.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es darzulegen, welche Position Goldoni im Kontext des 18. Jahrhunderts einnahm und wie die Rolle der Frau in seinen Komödien zur Theaterreform beitrug.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse von Goldonis Theaterstücken und vergleicht diese mit Memoiren des Autors sowie zeitgenössischen soziokulturellen Schriften.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Komödien wie "La Donna di garbo", "La Castalda" und "La Locandiera" sowie Goldonis persönliche Biografie im Hinblick auf den Einfluss von Frauenfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Goldoni, Aufklärung, Frauenbild, Rollendistanz, Emanzipation und das spezifische goldonische Konzept der "Donna di garbo".
Wie unterscheidet sich die Rolle der "Serva padrona" bei Goldoni von anderen Vorlagen?
Goldoni emanzipiert die Figur der Dienerin durch ihre spielerische Überlegenheit und macht ihr Profitstreben zu einer handlungstragenden Eigenschaft, die bei anderen Autoren oft moralisch bestraft wurde.
Warum ist die Rollendistanz für Goldonis Heldinnen so wichtig?
Die Rollendistanz ermöglicht es den Protagonistinnen, ihre Identität zu bewahren und ihre Umgebung durch intelligentes Agieren zu demaskieren, was als Beitrag zur Aufklärung verstanden wird.
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- Josephine Klingebeil (Author), 2008, Die Darstellung der Frau und ihre soziale Rolle bei Carlo Goldoni, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/130287