In der vorliegenden Belegarbeit soll das Kriegstagebuch Feuer und Blut von Ernst Jünger näher untersucht werden. Um einen Zugang zur Thematik zu finden, wird zunächst auf Jünger selbst eingegangen. So verschafft ihm die Rezeption verschiedenster Literatur sowie die Tätigkeit als Soldat seiner Zeit eine Basis für die Textproduktion, in welche er die eigenen Erfahrungen einfließen lässt. Den Hauptbestandteil der Arbeit stellt eine Interpretation dar, in welcher versucht werden soll, die Veränderung der Wahrnehmung Jüngers in Feuer und Blut sinnvoll aufzulösen. In diesem Kontext gilt es die Frage zu klären, ob und inwieweit Jünger angesichts seiner Kriegserfahrungen unter der Psychose des Borderline-Syndroms leidet. Dabei beschränkt sich die Analyse auf die Neukonzeption von Mensch und Maschinerie, die Kontrastierung von Erzählzeit und erzählter Zeit sowie auf die Ambivalenz zwischen Abstumpfung und sensibilisierter Wahrnehmung beschränkt werden. Des Weiteren soll die Themenübertragung des Wahrnehmungsaspektes auf das Abenteuerlichen Herz exemplarisch festgehalten werden.
In einem abschließenden Teil wird konzis auf den Einfluss von Drogen auf die Veränderung der Wahrnehmung Bezug genommen, die in der Auseinandersetzung mit den Werken von Jünger nicht unbedeutend erscheint.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Jünger als Rezipient, Soldat und Autor
3) Das Gehirn als Wahrnehmungsmaschine
3.1) Ein kurzer Einblick in die Kulturgeschichte des Gehirns
3.2) Die neue Rolle des Menschen im Technikzusammenhang
3.3) Erzählzeit vs. erzählte Zeit
3.4) Die Ambivalenz zwischen Abstumpfung und Herausbildung eines sensibilisierten Wahrnehmungsapparates
3.5) Jüngers „Traumlogik“ im Abenteuerlichen Herz
4) Veränderung der Wahrnehmungsfähigkeit als Folge von Drogen und Rausch
4.1) Allgemeines über Drogen und Rausch
4.2) Drogen und Rausch bei Jünger
5) Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Veränderung der Wahrnehmung Ernst Jüngers in seinem Kriegstagebuch "Feuer und Blut", wobei sie analysiert, inwiefern seine Kriegserfahrungen zu psychischen Ausnahmezuständen führen, die als Depersonalisierung oder Symptome eines Borderline-Syndroms gedeutet werden könnten.
- Analyse des Mensch-Maschine-Verhältnisses im Ersten Weltkrieg.
- Kontrastierung von Erzählzeit und erzählter Zeit in Jüngers Texten.
- Untersuchung der Ambivalenz zwischen Abstumpfung und Sensibilisierung der Wahrnehmung.
- Übertragung der Wahrnehmungsaspekte auf das Werk "Das abenteuerliche Herz".
- Diskussion der Rolle von Rausch und Drogen für die Wahrnehmungsverschiebung.
Auszug aus dem Buch
3.2) Die neue Rolle des Menschen im Technikzusammenhang
Ein Motiv, welches Jünger im Wäldchen 125 bereits ansatzweise darstellt, nimmt in Feuer und Blut eine zentrale Stellung ein. Das komplexe Verhältnis von Mensch und Maschine bildet sich vor allem im Verlauf des Ersten Weltkrieges heraus, in dem der „[…] entfesselte Feuersturm der Maschinentechnik […] zu einer Wandlung [führt] und ein neuer Mensch entsteht“. Jünger befasst sich erstmals Anfang der 1920er Jahre mit diesem Aspekt, als er sich in der Zeitschrift Militär-Wochenblatt im Hinblick auf die Standarte mit mehreren Artikeln auseinandergesetzt. Als Soldat wird er zudem selbst Zeuge dieser neuen Form der technisch-organischen Macht.
Bereits der Titel seines Kriegstagebuches Feuer und Blut bezieht sich auf die militärhistorische Koordinierung von Individuum und Technik. Während das Feuer als Synonym für Technik, Maschinerie und Kriegsmaterial verwendet wird, steht das Blut für den Menschen. Eine Symbiose aus Feuer und Blut schafft nunmehr eine „gut funktionierende Megamaschine“. In diesen Kontext ordnet sich der Begriff des Gewordenen ein, wodurch Ästhetisierung und Affirmation der Ankunft des neuen Funktionszusammenhangs zwischen Mensch und Maschine ihre Bestätigung finden: „Ja, dieser Zauber der blitzenden Waffen, des schäumenden Blutes und des kühnen Spieles um Leben und Tod [scheint] allem weit überlegen, was das Dasein zu bieten [hat]“.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Die Einleitung führt in das Forschungsthema ein und umreißt die methodische Herangehensweise an Jüngers Kriegstagebuch unter Berücksichtigung psychologischer Fragestellungen.
2) Jünger als Rezipient, Soldat und Autor: Dieses Kapitel skizziert Jüngers biographischen Hintergrund und seine frühen Prägungen durch Literatur und den Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg.
3) Das Gehirn als Wahrnehmungsmaschine: Das Hauptkapitel untersucht die neuro-psychologischen und technisch-theoretischen Aspekte von Jüngers Wahrnehmung im Krieg und überträgt diese auf die Struktur seiner Werke.
4) Veränderung der Wahrnehmungsfähigkeit als Folge von Drogen und Rausch: Der Abschnitt diskutiert die Bedeutung von Rauschzuständen und Drogen als Mittel zur Bewältigung und Wahrnehmungsverschiebung bei Jünger.
5) Fazit: Das Fazit fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und bewertet die Hypothese einer borderlinen Persönlichkeitsveränderung Jüngers kritisch.
Schlüsselwörter
Ernst Jünger, Feuer und Blut, Kriegstagebuch, Wahrnehmung, Borderline-Syndrom, Mensch-Maschine-Verhältnis, Erster Weltkrieg, Depersonalisierung, Rausch, Abenteuerliches Herz, Traumlogik, Psychologie, Literaturwissenschaft, Kriegserfahrung, Technik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die spezifische Wahrnehmungsstruktur Ernst Jüngers in seinem Kriegstagebuch "Feuer und Blut" und deren psychologische Implikationen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Technisierung des Krieges, die Psychologie des Wahrnehmungsapparates, Borderline-Symptomatiken in der Literatur sowie die Rolle des Rausches.
Was ist die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob Jüngers Kriegserlebnisse eine Veränderung seiner Wahrnehmung bewirkt haben, die als psychotische Störung im Sinne eines Borderline-Syndroms interpretierbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert literaturwissenschaftliche Textanalyse mit psychoanalytischen Theorien und kulturwissenschaftlichen Diskursen zur Wahrnehmungsgeschichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Symbiose von Mensch und Maschine, der Zeitstruktur der Erzählung sowie dem Wechselspiel zwischen Gefühlsabstumpfung und Sensibilisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Kriegseuphorie, Entsubjektivierung, Traumlogik, Assoziationsgerüst und Technisierung.
Wie spielt das Borderline-Syndrom in die Argumentation ein?
Es dient als theoretisches Modell, um Jüngers Stimmungsschwankungen, die Spaltung zwischen Gut und Böse sowie die Entfremdung von der Realität besser zu erklären.
Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung in "Feuer und Blut" von "Das abenteuerliche Herz"?
Während in "Feuer und Blut" die technisch-physische Kriegserfahrung dominiert, zeigt "Das abenteuerliche Herz" eine Verschiebung hin zu einer Traumlogik und der Priorisierung von Emotionen über den Verstand.
- Quote paper
- Franziska Sobania (Author), 2009, Zur Veränderung der Wahrnehmung Ernst Jüngers in seinem Kriegstagebuch 'Feuer und Blut', Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/129352