Die deutsche Gesellschaft hat sich in den letzten 20 Jahren grundlegend verändert und damit auch das Freizeitverhalten von Jugendlichen und Kindern. Anstatt umfangreiche Bewegungserfahrungen zu sammeln, findet die Wahrnehmung der Umwelt heutzutage immer mehr durch Massenmedien statt. Durch diese Sekundärerfahrungen lernen die Heranwachsenden nur noch das passive Konsumieren und Nachempfinden zu Ungunsten der Eigeninitiative und Kreativität. Das selbständige Handeln und Erleben rückt zusehends in den Hintergrund und die Kinder sind immer weniger in der Lage, selber zu erforschen oder zu begreifen, da sie erhaltene Informationen stetig schlechter verarbeiten können (vgl. Zimmer, 2001, S. 2f ).
Empirische Untersuchungen haben in diesem Kontext bewiesen, dass die Bewegungszeit von Schülern nur noch eine Stunde täglich beträgt. Durch langes Sitzen in der Schule und die nachlassende tägliche Bewegungszeit sind bereits schwerwiegende Folgen in der kindlichen Entwicklung festzustellen. Dazu gehören vielfach psychosomatische Störungen, wie Kopf-, Rücken- oder Magenschmerzen sowie Konzentrationsschwierigkeiten, die sich bei 40-70% der Schüler nachweisen lassen. Des Weiteren stellen sich immer häufiger Koordinationsschwächen und Übergewicht ein (vgl. Dordel & Breithecker, 2003, S. 5).
Ein Lösungsansatz zur Beseitigung einiger der oben genannten Probleme kommt aus der Neurowissenschaft. Erkenntnisse aus diversen Forschungsprojekten, wie z.B. von Dordel & Breithecker (2003), geben Grund zu der Annahme, dass durch regelmäßige Bewegung die Konzentration und damit die kognitive Leistungsfähigkeit gesteigert werden kann.
Ein weiterer entscheidender Faktor gegen den Kampf von Bewegungsmangelerkrankungen war die Entwicklung des Konzepts der „Bewegten Schule“, initiiert Anfang der 80er Jahre durch den Schweizer Sportpädagogen Urs Illi. Dieses ganzheitliche Konzept versucht über den Schulsport hinaus Bewegung in allen Fächern zu integrieren. So soll mit einem zusätzlichen Angebot an kind- und entwicklungsgerechten Bewegungsräumen im Lebensraum Schule versucht werden, die Schüler zu selbstreguliertem und selbstinitiiertem Spielen und Bewegen anzuregen....folgende Forschungsfrage:
„Warum sollten Bewegte Pausen im Konzept der Ganztagsschule eingeführt werden?“
Daher setzt sich die vorliegende Arbeit mit der Problematik auseinander, inwiefern Bewegung als Qualitätsaspekt im ganztägigen Schulkonzept zu einer Verbesserung des Lebensraums Schule für alle Beteiligten beitragen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bewegung - Bewegte Schule
2.1. Begriffsbestimmung „Bewegung“
2.2. Zusammenhänge zwischen Entwicklung und Bewegung
2.3. Die Bedeutung von Bewegung beim Lernen
2.4. Bewegte Schule – Versuch einer Definition
3. Sportpädagogische, gesundheitspädagogische und schulpädagogische Begründungen und Argumente für eine Bewegte Schule
3.1. Entwicklungs- und lerntheoretische Begründungsmuster
3.1.1. Anthropologisches Argument
3.1.2. Entwicklungspsychologisches Argument
3.1.3. Lernpsychologisches Argument
3.2. Medizinisch-gesundheitswissenschaftliche Begründungsmuster
3.2.1. Ergonomisches Argument
3.2.2. Gesundheitspädagogisches Argument
3.2.3. Argument der Unfallverhütung und Sicherheitserziehung
3.2.4. Physiologisches Argument
3.3. Schulprogrammatische Begründungsmuster
3.3.1. Bildungstheoretisches Argument
3.3.2. Lebensweltliches Argument
3.3.3. Schulökologisches Argument
4. Bewegte Schule im Konzept von Ganztagsschulen
4.1. Einordnung und Definition von Ganztagsschulen
4.2. Bedeutung und Möglichkeiten der Ganztagsschule
4.3. Vorstellung von Konzepten dreier Ganztagsschulen
4.3.1. Die KGS Bad Lauterberg
4.3.2. Die Gesamtschule am Rosenberg in Hofheim
4.3.3. Die Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Göttingen
4.4. Bewegte Schule im Konzept von Ganztagsschulen
4.5. Bewegte Pause im Konzept von Ganztagsschulen
4.5.1. Schulhofaktivitäten
4.5.2. Spiele im Schulgebäude oder im Klassenzimmer
4.5.3. „Offene Turnhalle“
5. Empirische Untersuchung zum Thema „Bewegte Pause im Konzept von Ganztagsschulen“
5.1. Entscheidungs- und Planungsphase
5.2. Konzeption und Durchführung der Untersuchung
5.3. Auswertung der empirischen Untersuchung
5.3.1. Geschlecht
5.3.2. Beschäftigung während der Mittagspause
5.3.3. Angebotswünsche für die Mittagspause
5.3.4. Verbesserung der körperlichen Befindlichkeit durch Pausenbewegung
5.3.5. Bevorzugte sportliche Pausenaktivitäten
5.3.6. Pausensport und Pausenbewegung
5.4. Interpretation der Ergebnisse
5.5. Fazit der Befragung
6. Überlegungen zu einem Modell der Bewegten Pause an der KGS Bad Lauterberg
6.1. Definition meiner Tätigkeit und ein Blick zurück zu den Anfängen
6.2. Planung und Durchführung einer Bewegten Pause am Praxisbeispiel
6.3. Kritische Betrachtung von Bewegter Pause am Praxisbeispiel
6.4. Weiterführende Gedanken zu der Bewegten Pause an der KGS Bad Lauterberg
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern Bewegung als Qualitätsaspekt im ganztägigen Schulkonzept zu einer Verbesserung des Lebensraums Schule beitragen kann. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Warum sollten Bewegte Pausen im Konzept der Ganztagsschule eingeführt werden?“
- Bewegung und ihre Bedeutung für die kindliche Entwicklung und kognitive Leistungsfähigkeit.
- Sport- und gesundheitspädagogische Begründungen für ein bewegungsorientiertes Schulleben.
- Konzeptionelle Einordnung der Bewegten Schule in den Ganztagsschulbetrieb.
- Empirische Analyse des Pausenverhaltens von Schülern zur Modellentwicklung.
- Entwicklung und kritische Reflexion eines Praxismodells an einer KGS.
Auszug aus dem Buch
2.4. Bewegte Schule – Versuch einer Definition
Bei dem Versuch einer Annäherung an den Begriff „Bewegte Schule“ stellt man schnell fest, dass es keine einheitliche Definition gibt und aller Voraussicht nach auch in der Zukunft nicht geben wird.
Daher sind die Forderungen in der Fachliteratur, die eine Änderung des Schullebens betreffen, sehr differierend und vielfältig. So lassen sich unter Bewegte Schule diverse Initiativen und Leitgedanken für ein neues Schulkonzept finden, das Bewegung in die Schule bringen soll und eine ganzheitliche schulische Erziehung verlangt. Hildebrandt (1999, S. 13) erläutert hierzu:
„Die Interpretation von Schule als Bewegungsraum bedeutet, Bewegung als durchgängiges Prinzip von Schulgestaltung zu verstehen. Bewegung soll zu einem konstruktiven Teil von Lernen und Leben in der Schule überhaupt werden. Mit diesem Anspruch sind Erziehungsvorstellungen verbunden, die nicht nur das kognitive, sondern auch das körperliche, sinnlich-leibhaftige Lernen in den Bildungsprozess mit einbeziehen.“
Als innovativ darf man die Idee der Bewegten Schule aber keineswegs sehen, da schon der Schweizer Pädagoge Heinrich Pestalozzi zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine ganzheitliche Erziehung anstrebte und die Aussage „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ prägte oder J.-J. Rousseau, der bereits im 18. Jahrhundert von seinen Schülern forderte: „Übe unablässig den Leib, mache ihn kräftig und gesund, um ihn weise und vernünftig zu machen“. Auch Maria Montessori entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Grundlage ihrer medizinischen, psychologischen und pädagogischen Praxis als Ärztin und Erziehungswissenschaftlerin ein weltweit anerkanntes pädagogisches Konzept, in dem die Förderung der körperlichen und geistigen Entwicklung des Kindes im Mittelpunkt steht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der veränderten kindlichen Lebenswelt, der daraus resultierenden Probleme sowie der Zielsetzung und des Aufbaus der Arbeit.
2. Bewegung - Bewegte Schule: Grundlagen zur Bedeutung von Bewegung für die kindliche Entwicklung, das Lernen und eine Begriffsbestimmung der „Bewegten Schule“.
3. Sportpädagogische, gesundheitspädagogische und schulpädagogische Begründungen und Argumente für eine Bewegte Schule: Systematische Gliederung von Argumentationsmustern in entwicklungspsychologische, medizinische und schulprogrammatische Kategorien.
4. Bewegte Schule im Konzept von Ganztagsschulen: Einordnung der Ganztagsschule in das deutsche System, Vorstellung von Konzepten dreier Schulen und Überlegungen zur Bewegten Pause.
5. Empirische Untersuchung zum Thema „Bewegte Pause im Konzept von Ganztagsschulen“: Darstellung und Interpretation der quantitativen Befragung von Schülern zur Pausengestaltung und Bewegungswünschen.
6. Überlegungen zu einem Modell der Bewegten Pause an der KGS Bad Lauterberg: Beschreibung praktischer Erfahrungen, einer empirisch motivierten Modellentwicklung sowie einer kritischen Reflexion.
7. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende kritische Würdigung der Ergebnisse und ein Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Bewegte Schule, Ganztagsschule, Pausengestaltung, Bewegungsförderung, Schulsport, Mittagspause, Bewegte Pause, motorische Entwicklung, Konzentrationsfähigkeit, Gesundheitserziehung, kindliche Lebenswelt, Sportpädagogik, Empirische Untersuchung, Schulentwicklung, körperliches Wohlbefinden.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Beitrag, den Bewegung innerhalb des Ganztagsschulkonzepts leisten kann, um den Lebensraum Schule für alle Beteiligten zu verbessern und Gesundheitsdefiziten entgegenzuwirken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die theoretische Begründung einer Bewegten Schule (sport-, gesundheits- und schulpädagogisch), die Integration dieser Ansätze in den Ganztagsbetrieb sowie die praktische Analyse von Pausensituationen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, warum Bewegte Pausen im Konzept der Ganztagsschule implementiert werden sollten, sowie die Entwicklung eines umsetzbaren Modells.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor führt eine empirische Untersuchung in Form eines Fragebogens bei Schülern der 5. und 6. Klassen an der KGS Bad Lauterberg durch, um deren Pausenaktivitäten und Bedürfnisse zu analysieren.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende Literaturanalyse zur theoretischen Fundierung, die Vorstellung konkreter Schulkonzepte und eine umfangreiche Auswertung der erhobenen empirischen Daten.
Was zeichnet die Arbeit in Bezug auf die Begriffswelt aus?
Sie liefert eine systematische Systematisierung von Begründungsmustern, unterteilt in anthropologische, entwicklungspsychologische, lernpsychologische, ergonomische, gesundheitspädagogische und schulprogrammatische Argumente.
Wie werden die Anforderungen an die Pausenbetreuung bewertet?
Der Autor betont, dass Lehrkräfte eine hohe Flexibilität und Geduld aufbringen müssen, um das selbstregulierte Lernen zu fördern, statt nur Anweisungen zu geben.
Welche Rolle spielt die KGS Bad Lauterberg in dieser Arbeit?
Die Schule dient als primärer Forschungsort, an dem der Autor als Förderlehrer tätig ist und an dem er seine eigenen Erfahrungen und das von ihm mitgestaltete Modell der Bewegten Pause reflektiert.
- Arbeit zitieren
- Nicholas Haase (Autor:in), 2008, Bewegte Pause im Konzept der Ganztagsschule, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/126640