Ein Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder von 0 bis 3 Jahren ist auf dem Vormarsch. Wie im Zuge dieser Entwicklung gleichzeitig Qualität mitgeschaffen werden kann, versucht die vorliegende Diplomarbeit zu beantworten. Sie stellt Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 bis 3 Jahren an, um zu vermeiden, dass der Ausbau des Krippenwesens „übers Knie gebrochen“ oder „aus dem Bauch heraus“ vollzogen wird. Um Qualität in Erziehung und Bildung zu sichern, ist es wichtig zu fragen, was der aktuelle Bildungsgedanke überhaupt bedeutet. Diese Arbeit nimmt eine Gegenüberstellung theoretischer Anforderungen einer gelungenen Bildungsinitiative, wie sie von Gerd E. Schäfer (Professor für Frühpädagogik an der Universität zu Köln, Herausgeber "Bildung beginnt mit der Geburt") vertreten wird, mit den praktischen Möglichkeiten der Umsetzung vor.
Wichtig ist sich klarzumachen, dass – ebenso wie der Kindergarten keine „verkleinerte Art der Schule“ ist – die Krippe auch keine „verkleinerte Art des Kindergartens“ darstellen darf. Inhalte und Konzeptionen aus der Kindergartenpädagogik dürfen nicht einfach als Krippenpädagogik adaptiert werden.
Was das für die Praxis der Krippenpädagogik bedeutet und wie wir als Pädagogen einen geeigneten Rahmen dafür schaffen können, wird in der vorliegenden Arbeit erörtert.
Sie beginnt mit einem historischen Rückblick. Unter Berücksichtigung der Ideen und Erkenntnisse der Vergangenheit zum Bildungsgedanken folgt eine Bestandsaufnahme der Gegenwart. Was ist es, das Gerd E. Schäfer unter Bildung versteht? Dass es bereits pädagogische Konzepte gibt, die die Anforderungen an den heutigen Bildungsgedanken bemerkenswert gut in die Praxis umsetzen, zeigen die Reggio-Pädagogik und die Pädagogik Emmi Piklers. Beide Konzepte beschäftigen sich explizit mit unter Dreijährigen Kindern und ihrer Selbstbildung. Es folgt der Blick nach Hamburg. Im Rahmen unseres Studiums hospitierten wir in zwei Hamburger Einrichtungen, die gelungene Krippenpädagogik schon jetzt richtungsweisend leben. Unsere dort gemachten Beobachtungen und das Bildmaterial, das wir vor Ort anfertigen durften, dienen dem besseren Verständnis und der Veranschaulichung, wenn wichtige Säulen der Krippenpädagogik auf dem Prüfstand im Praxisbezug stehen (Spiel, ästhetische Bildung, Bewegung, Raumgestaltung, personelle Anforderungen, Beobachtung, Eingewöhnung). Was ändert der Schäfersche Bildungsbegriff an Bestehendem, was kann wie neu geschaffen werden?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Begründung des Themas
2. Historische Herleitung der Kleinkinderziehung
2.1. Die Geburtsstunde einer neuen Gesellschaftsordnung
2.2. Kinderbewahranstalten - Anfänge institutioneller Kleinkinderziehung
2.3. Fröbels Einfluss auf die Kleinkinderziehung
2.4. Wie die Weimarer Republik einen gesetzlichen Rahmen schafft
2.5. Das dritte Reich – ein Rückschritt für die Kleinkinderziehung
2.6. Die Entwicklung des Kindergartens von der Nachkriegszeit bis heute
2.7. Neue Ideen und Konzepte werden zu Wegweisern
2.8. Von verpassten Gelegenheiten
3. Der Bildungsgedanke als roter Faden der frühkindlichen Pädagogik im geschichtlichen Rückblick
4. Was bedeutet Bildung im Elementarbereich?
4.1. Der Bildungsbegriff nach Gerd E. Schäfer
4.2. 15 Thesen zu Bildungsprozessen
5. Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 bis 3 Jahren – Vorstellung zweier gelungener Konzepte
5.1. Kleinkinderziehung in der Reggio-Pädagogik
5.1.1. Entstehung, Inhalte und Ziele der Kleinkindpädagogik
5.1.2. Das Bild vom Kind
5.1.3. Wahrnehmen, Lernen und Gestalten als Grundgedanken
5.1.4. Die Räume in Reggio Emilia
5.1.5. Die reggianischen Erzieherinnen
5.1.6. Die Eltern
5.1.7. Die Eingewöhnung der Kinder
5.1.8. Ästhetische Bildung in Reggio Emilia
5.1.9. Abschließende Gedanken zur Reggio-Pädagogik
5.2. Das Konzept von Emmi Pikler
5.2.1. Einführung in die Pädagogik von Emmi Pikler
5.2.2. Schwerpunkte in der Piklerschen Pädagogik
5.2.3. Die Rolle der Erzieherin oder: Mütterliche Betreuung ohne Mutter
5.2.4. Das freie Spiel des Kindes
5.2.5. Bewegungsentwicklung
5.2.6. Abschließende Gedanken zur Pädagogik von Emmi Pikler
6. Zu Besuch in Hamburg – Die Krippen Kind & Kegel e. V. und Kegelhofstraße e. V.
7. Krippenpädagogische Säulen auf dem Prüfstand im Praxisbezug
7.1. Kindliche Aktivitäten im Zentrum des Krippengeschehens
7.1.1. Spiel
7.1.1.1. Was macht das Spiel zum Spiel?
7.1.1.2. Formen des Spiels
7.1.1.3. Konsequenzen für die Praxis
7.1.2. Ästhetische Bildung
7.1.2.1. Begriffsklärung
7.1.2.2. Gestalten als frühkindliche Tätigkeit
7.1.2.3. Materialien zum Experimentieren und Gestalten
7.1.2.4. Projektarbeit in der Krippe
7.1.3. Bewegung
7.1.3.1. Bewegung und ihre Multifunktionalität
7.1.3.2. Bewegung als erste Denkform des Kindes
7.1.3.3. Differenzierung von Wahrnehmungserfahrungen – Bewegungsentwicklung im Praxisbezug
6.1.3.4. Hamburg „bewegt“
7.2. Der Raum als Quelle zur Selbstbildung
7.2.1. Die Bedeutung des Raumes für Bildung und Erziehung
7.2.2. Der Eingangsbereich in der Krippe
7.2.3. Der Gruppenraum
7.2.4. Sinnesanregende Gestaltung: Farben, Licht, Akustik, Gerüche
7.2.5. Die drei Funktionen des Sanitärraumes: Atelier, Ort zum Spielen und Experimentieren und Körperpflege
7.2.6. Ein Raum zum Essen und Genießen
7.2.7. Ruhen, Schlafen und Träumen
7.2.8. Raum für Angebote und Arbeitsplatz der Erzieherin
7.2.9. Übergänge zwischen Räumen und Bereichen und Räumen und Räumen
7.2.10. Abschließende Gedanken zum Thema Raumgestaltung
7.3. Personelle Anforderungen und Konsequenzen für die Praxis
7.3.1. Die Erzieherin im Schäferschen Sinne
7.3.1.1. Wie personelle Qualität geschaffen werden kann – ein Beispiel aus Hamburg
7.3.2. Beobachten und Dokumentieren als Praxisinstrument
7.3.3. Die ersten Tage in der Krippe – ein sanfter Übergang
7.3.3.1. Die Notwendigkeit der Eingewöhnung
7.3.3.2. Das Berliner Eingewöhnungsmodell und seine praktische Umsetzung
7.3.3.3. Die Rollen der Beteiligten
7.3.3.4. Abschließende Gedanken zum Thema Eingewöhnung
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Bedeutung und praktische Umsetzung einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung für Kinder im Alter von null bis drei Jahren. Das Hauptziel besteht darin, auf Basis aktueller frühpädagogischer Bildungskonzepte aufzuzeigen, wie Institutionen eine hochwertige Betreuung gewährleisten können, die das Kind als aktiven Gestalter seiner eigenen Entwicklung in den Mittelpunkt stellt, anstatt lediglich eine Verwahrung oder rein kognitive Wissensvermittlung anzustreben.
- Historische Entwicklung der Kleinkinderziehung in Deutschland
- Gerd E. Schäfers Bildungsbegriff und die Selbstbildungspotenziale des Kindes
- Vergleichende Analyse der Reggio-Pädagogik und der Pädagogik von Emmi Pikler
- Praxisbeispiele für gelungene Krippenpädagogik (Beispiel Hamburg)
- Bedeutung der Raumgestaltung, Beobachtungsdokumentation und Eingewöhnungsprozesse
Auszug aus dem Buch
Die selbstständige Tätigkeit eines Kindes bei Emmi Pikler
Die selbstständige Tätigkeit eines Kindes ist bei Emmi Pikler ein wesentlicher Aspekt in der Erziehung. Die Kinder sollen lernen an ihren eigenen spontanen Aktivitäten Freude zu haben. Die auf diesem Wege erfahrene Selbständigkeit und Aktivität bedeutet für die Kinder das Fundament für die spätere Entwicklung. Dabei verlässt sich Emmi Pikler auf die Eigeninitiative des Kindes. Um diese zu aktivieren, überlässt sie die Kinder einer sicheren und angemessenen Umgebung und gibt ihnen genügend Raum, sich ihren Aktivitäten zu widmen. In motorischer Hinsicht bedeutet dies, dass der Erwachsene in die dem Kind so ermöglichte Freiheit nicht eingreift. Er bietet ihm keine Hilfe an, denn das würde das Kind in Passivität und Abhängigkeit führen.
Die Bewegungsinitiative des Kindes wird jedoch indirekt gefördert. Die Situationen, in denen sich das Kind befindet, werden seinem Entwicklungsstand angepasst und erweitert. Dabei steht die Entwicklungsgeschwindigkeit eines Kindes im Mittelpunkt. Nur wenn es eine Fertigkeit sicher beherrscht, wird eine neue ausprobiert. Schafft das Kind es nicht, die neue Situation zu bewältigen, wird es in die alte zurückkehren. Nach einiger Zeit unternimmt man wieder den Versuch, die neue Situation auszuprobieren. Aus diesem Grund wird bei Dr. Emmi Pikler auch keines der Kinder hingesetzt, solange es nicht von sich aus gesessen hat. Durch ein Lob würdigt man die Entwicklung des Kindes und macht es darauf aufmerksam.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Begründung des Themas: Diese Einleitung führt in die Relevanz der frühkindlichen Bildung ein und thematisiert den gesellschaftlichen Wandel sowie die politische Notwendigkeit, Qualität in der Betreuung unter Dreijähriger zu sichern.
2. Historische Herleitung der Kleinkinderziehung: Das Kapitel bietet einen historischen Abriss von den Anfängen der Kinderbetreuung bis hin zu modernen Entwicklungen und zeigt den langen Weg vom verwahrenden Ansatz zur Pädagogik auf.
3. Der Bildungsgedanke als roter Faden der frühkindlichen Pädagogik im geschichtlichen Rückblick: Hier werden zentrale historische Strömungen im frühpädagogischen Bildungsverständnis analysiert, von Fröbel über Montessori bis hin zu modernen situativen Ansätzen.
4. Was bedeutet Bildung im Elementarbereich?: In diesem Kapitel wird der Bildungsbegriff nach Gerd E. Schäfer theoretisch hergeleitet und anhand von fünfzehn Leitthesen für die pädagogische Praxis operationalisiert.
5. Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 bis 3 Jahren – Vorstellung zweier gelungener Konzepte: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die Reggio-Pädagogik und das Konzept von Emmi Pikler als internationale Vorbilder für eine an Selbstbildung orientierte Krippenarbeit.
6. Zu Besuch in Hamburg – Die Krippen Kind & Kegel e. V. und Kegelhofstraße e. V.: Die Autoren präsentieren zwei Hamburger Praxisbeispiele, die als Referenz für die erfolgreiche Implementierung moderner pädagogischer Grundsätze dienen.
7. Krippenpädagogische Säulen auf dem Prüfstand im Praxisbezug: Dieser umfangreiche Teil prüft zentrale Aspekte wie das Spiel, die ästhetische Bildung, Bewegung, Raumgestaltung sowie Beobachtung und Eingewöhnung kritisch in Bezug auf die praktische Umsetzung.
8. Fazit: Das Fazit fasst die Kernergebnisse zusammen und mahnt an, dass Quantität beim Ausbau der Krippenplätze nicht vor Qualität gehen darf und der Gesetzgeber sowie die Einrichtungen gemeinsam in die Pflicht genommen werden müssen.
Schlüsselwörter
Frühkindliche Bildung, Kleinkinderziehung, Krippenpädagogik, Selbstbildung, Gerd E. Schäfer, Reggio-Pädagogik, Emmi Pikler, Raumgestaltung, Eingewöhnung, Beobachtung, Dokumentation, Kindertagesstätte, Spiel, Bewegung, Qualitätssicherung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit setzt sich kritisch mit der Bildung und Erziehung von Kindern unter drei Jahren auseinander. Ziel ist es, ein theoretisch fundiertes Bildungsverständnis zu etablieren, das das Kind als eigenständigen Akteur wahrnimmt.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich auf die historische Entwicklung der Kleinkindpädagogik, moderne Bildungstheorien, die Reggio-Pädagogik, das Pikler-Konzept sowie die praktische Ausgestaltung des Krippenalltags durch Raumgestaltung und Beobachtung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es geht darum, aufzuzeigen, wie ein neuer Bildungsgedanke – weg von der reinen Verwahrung hin zur Unterstützung von Selbstbildungspotenzialen – erfolgreich in der Krippenpraxis umgesetzt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse zu historischen und theoretischen Bildungsansätzen, kombiniert mit eigenen Hospitationserfahrungen und Beobachtungen in Hamburger Kinderläden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der theoretischen Grundlegung durch Gerd E. Schäfer sowie der detaillierten Vorstellung der Reggio- und Pikler-Pädagogik. Zudem werden praktische Säulen der Krippenpädagogik wie Raumgestaltung und Eingewöhnung detailliert erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Frühkindliche Bildung, Selbstbildung, Reggio-Pädagogik, Emmi Pikler, Krippenpädagogik, Raumgestaltung, Beobachtung und Dokumentation.
Wie unterscheidet sich die Reggio-Pädagogik in dieser Arbeit vom traditionellen deutschen Ansatz?
Während der traditionelle deutsche Ansatz oft produktorientiert ist und „von oben“ durch die Erzieher gesteuert wird, begreift Reggio Bildung als Prozess, wobei das Kind als Forscher und der Raum als „dritter Erzieher“ im Mittelpunkt stehen.
Welche Rolle spielt die „Raumgestaltung“ bei der Förderung der Selbstbildung?
Der Raum wird nicht nur als Umgebung, sondern als „dritter Erzieher“ begriffen. Er muss so gestaltet sein, dass er Herausforderungen bietet, zum Experimentieren einlädt und gleichzeitig Rückzugsmöglichkeiten bietet, damit das Kind autonom lernen kann.
Warum ist das Thema „Eingewöhnung“ laut dieser Diplomarbeit so zentral?
Eine sanfte, kindzentrierte Eingewöhnung ist die notwendige Voraussetzung für das Wohlbefinden und eine stabile Bindung. Ohne diese Basis kann das Kind seine Umgebung nicht explorieren und keine effektiven Bildungsprozesse durchlaufen.
- Arbeit zitieren
- Carina Tillmann (Autor:in), Jolanta Figas (Autor:in), 2008, Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 bis 3 Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/123438