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Das Leitbild der Sozialen Gerechtigkeit - Verdrängung der Armut aus der politischen Agenda?

Title: Das Leitbild der Sozialen Gerechtigkeit - Verdrängung der Armut aus der politischen Agenda?

Examination Thesis , 2006 , 101 Pages , Grade: 2,0

Autor:in: Jan Möller (Author)

Politics - Political Systems - Germany

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Summary Excerpt Details

In der aktuellen politischen Diskussion in Deutschland ist immer wieder die Rede von der Krise des Wohlfahrtsstaates. Opposition und Regierung beschuldigen sich gegenseitig, nicht genügend zur ökonomischen Sicherung der bestehenden Lebensverhältnisse in Deutschland zu tun und keine Talkshow scheint mehr ohne Expertenrunde zur Krisenhaftigkeit des deutschen Staates auszukommen. Die Lage kann angesichts von 4,5 Millionen Arbeitslosen in der Tat als äußerst angespannt bezeichnet werden. Im Angesicht von Hartz IV scheint die Angst vor einer auf die Menschen zukommende Armutswelle immer größere Ausmaße anzunehmen. Doch wovor ängstigen die Menschen in Deutschland eigentlich? Geht es um ihre materielle Existenz, um Verlustängste, oder darum, in Zukunft nur noch einmal pro Jahr in den Urlaub fahren zu können? Die politische Diskussion ist angefüllt mit Schlagwörtern, wobei der Begriff der sozialen Gerechtigkeit zunehmend in den Vordergrund zu treten scheint.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit

2. Grundlagen der Arbeit

2.1 Dimensionen sozialer Gerechtigkeit

2.1.1 Gerechtigkeit

2.1.2 Gleichheit

2.1.2.1 Chancengleichheit

2.1.2.1.1 Lebensqualität als Auktion

2.1.2.1.2 Stakeholder Society und UBI

2.1.2.1.3 „Option luck“ und „Brute luck“

2.1.3 Verteilungsgerechtigkeit

2.1.3.1 Leistungsgerechtigkeit / Bedürfnisgerechtigkeit

2.1.3.2 Das Nutzenprinzip - Der wirtschaftsutilitaristische Verteilungsansatz

2.1.3.3 Das Differenzprinzip

2.1.3.4 Das Rawlsche Maxmin-Prinzip

2.1.3.5 Neoliberale Kritik der staatlichen Umverteilung

2.1.4 Das Sozialstaatsprinzip in Deutschland

2.1.4.1 Historie

2.1.4.1.1 Das liberale Beveridge-Modell

2.1.4.1.2 Das Bismarck’sche Modell

2.1.4.2 Soziale Marktwirtschaft

2.1.4.2.1 Soziale Sicherheit im Alter

2.1.4.2.2 Soziale Sicherheit Im Krankheitsfall

2.1.4.2.3 Die Pflegeversicherung

2.1.4.3 Veränderte Realitäten

2.2 Dimensionen der Armut

2.2.1 Definitionsansätze von Armut

2.2.1.1 Absolute Armut

2.2.1.2 Relative Armut

2.2.1.3 Subjektive Armut

2.2.1.4 Objektive Armut

2.2.1.5 Bekämpfte Armut

2.2.1.6 Verdeckte Armut

2.2.1.7 Existenzminimum

2.2.2 Ursachen von Armut

2.2.2.1 Ungleiche Wohlstandssverteilung

2.2.2.1.1 Der stochastische Ansatz:

2.2.2.1.2 Das Vererbungsmodell:

2.2.3 Armutsentstehung

2.2.3.1 Culture of Poverty:

2.2.3.2 Relative Deprivation

2.2.3.3 Capability Approach

2.2.4 Armut in der Bundesrepublik Deutschland

2.2.4.1 Vermögens- und Einkommensverteilung in der Bundesrepublik

2.2.4.1.1 Vermögensverteilung

2.2.4.1.2 Einkommensverteilung

2.2.4.2 Arbeitsmarkt

2.2.4.3 Armutsgefährdete Gruppen

2.2.4.4 Der Fahrstuhleffekt

3. Armutspolitik und Soziale Gerechtigkeit

3.1 Armutspolitik

3.1.1 Haushaltslage

3.1.2 Steuerpolitik

3.1.2.1 Steuerreform unter der rotgrünen Regierung

3.1.3 Arbeitsmarktsituation

3.1.4 Folgen der Arbeitslosigkeit auf das soziale Sicherungssystem

3.1.4.1 Sozialhilfe als Existenzminimum

3.1.5 Die Hartzgesetze im Rahmen der Agenda 2010 - Hartz IV

3.2 Die Begriffe der sozialen Gerechtigkeit und Armut in der Politik

3.2.1 Soziale Gerechtigkeit und Armut in den Parteiprogrammen

3.2.1.1 Wahlprogramm der CDU/CSU

3.2.1.2 Wahlprogramm der SPD

3.2.1.3 Wahlprogramm der Grünen (2005)

3.2.1.4 Wahlprogramm der FDP

3.2.1.5 Wahlprogramm der PDS (2005)

3.2.3 Parteiansichten im Vergleich

3.2.4 Rückblick - Wahlprogramm CDU / CSU (1980)

3.3 Die Frage der sozialen Gerechtigkeit in der Öffentlichkeit

3.4 Der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit in Äußerungen der Bundeskanzler und der Bundespräsidenten von 1980 - 2005

4. Fazit und Ausblick

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht, ob das Leitbild der sozialen Gerechtigkeit in der deutschen Politik instrumentalisiert wird, um die direkte Armutsbekämpfung aus dem gesellschaftlichen Fokus zu drängen und Armut als individuelles Versagen zu framen. Das Ziel ist es, die Thematisierung von Armut und sozialer Gerechtigkeit in der bundesrepublikanischen Politik zu analysieren und kritisch zu hinterfragen.

  • Dimensionen und Definitionen von sozialer Gerechtigkeit und Armut.
  • Analyse der Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung unter besonderer Berücksichtigung von Hartz IV.
  • Vergleich von Gerechtigkeitskonzeptionen in den Parteiprogrammen (CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP, PDS).
  • Gegenüberstellung politischer Rhetorik und gesellschaftlicher Wahrnehmung anhand von Umfragedaten.
  • Historische Einordnung des Sozialstaatsprinzips und dessen Entwicklung seit den 1980er Jahren.

Auszug aus dem Buch

2.1.1 Gerechtigkeit

Gerechtigkeit beschäftigt sich mit dem gerechten, fairen und moralisch gebotenen Umgang miteinander innerhalb einer Gemeinschaft. Gerechtigkeit besitzt eine rechtliche, soziale und philosophische Dimension. Diese Dimensionen überschneiden sich allerdings und können von daher nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Der Rechtsstaat strebt nach Gerechtigkeit, um sich an einer Richtschnur für das eigene Handeln orientieren zu können. Gerechtigkeit wird in verschiedenen Gesellschaften, in verschiedenen Epochen unterschiedlich interpretiert. Glaubt man John Rawls, so kann eine moderne Moralphilosophie keinen Allgemeingültigkeitsanspruch haben. Die Gerechtigkeit müsse der Vielfalt miteinander konkurrierender und inkommensurabler Konzeptionen des Guten gerecht werden. Dennoch gibt es einen universalen, (moralischen) Minimalkonsens: Das „Prinzip der formalen Gerechtigkeit“. Dieses verlangt, Gleiches gleich zu behandeln. Das moderne Moralbewusstsein ist durch die Freiheit und Gleichheit des Menschen geprägt. Gerechtigkeit ist also normativ bestimmt und es wird ein gesellschaftlich bestimmtes moralisches Gleichgewicht angestrebt. John Rawls setzt in seiner „Theory of Justice“ Gerechtigkeit mit Fairness gleich. Während in frühen Gesellschaften die Religion den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichert und das normative Fundament für die Gesellschaft bildet, muss dieses Fundament in der modernen Gesellschaft neu entworfen werden. Kants Forderung, des „Ausgangs des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ verlangt, gesellschaftliche Bedingungen nicht mehr als natur- oder gottgegeben aufzufassen. Der soziale status quo wird durch den Menschen veränderbar und jede Veränderung des status quo verlangt eine gesellschaftliche Rechtfertigung. Die Frage nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit gewinnt mit der Industrialisierung an Bedeutung. Die zunehmende Arbeitsteilung im Arbeitsprozess und dadurch entstandene Abhängigkeiten führen zu einer gegenseitigen Abhängigkeit der Beschäftigten untereinander und zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Da es, anders als von Marx vorhergesagt, nicht zur Verelendung der Arbeiterschaft gekommen ist, sondern durch einen wirtschaftlichen Fahrstuhleffekt Wohlstand für die breite Maße der Bevölkerung verwirklich werden konnte, schien die Frage nach sozialer Gerechtigkeit in Vergessenheit geraten zu sein.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit: Das Kapitel führt in die Problemstellung ein und hinterfragt, ob das Leitbild der sozialen Gerechtigkeit zur Verdrängung der Armutsdebatte genutzt wird.

2. Grundlagen der Arbeit: Dieser Abschnitt definiert theoretische Dimensionen von sozialer Gerechtigkeit und Armut sowie die historischen Grundlagen des deutschen Sozialstaats.

3. Armutspolitik und Soziale Gerechtigkeit: Hier wird die praktische Politik, insbesondere Hartz IV, analysiert und den Gerechtigkeitskonzeptionen der verschiedenen Parteiprogramme sowie öffentlichen Äußerungen gegenübergestellt.

4. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach soziale Gerechtigkeit politisch oft als Leistungsgerechtigkeit umgedeutet wird, um Kürzungen zu rechtfertigen, während Armutstendenzen weiter bestehen.

Schlüsselwörter

Soziale Gerechtigkeit, Armut, Sozialstaat, Hartz IV, Chancengleichheit, Verteilungsgerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit, Arbeitslosigkeit, Existenzminimum, Parteiprogramme, Umverteilung, soziale Sicherung, Arbeitsmarktpolitik, Relative Deprivation, Wohlstandsverteilung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die politische Thematisierung von sozialer Gerechtigkeit und Armut in Deutschland und analysiert, ob der Gerechtigkeitsbegriff instrumentalisiert wird, um Armut aus dem politischen Fokus zu verdrängen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Themen umfassen die Definitionen von Gerechtigkeit, die Funktionsweise des deutschen Sozialstaats, die Analyse von Hartz IV sowie den Vergleich der Gerechtigkeitsvorstellungen verschiedener politischer Parteien.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Die Forschungsfrage ist, ob das Leitbild der sozialen Gerechtigkeit als Vorwand dient, um die direkte Armutsbekämpfung zugunsten einer einseitigen Leistungsorientierung zu vernachlässigen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die theoretische Gerechtigkeitskonzepte (Rawls, Hayek) mit aktuellen politischen Programmen, Regierungserklärungen und empirischen Daten vergleicht.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Arbeitsmarktpolitik, der sozialen Sicherungssysteme, des Vergleichs von Parteiprogrammen sowie der Untersuchung der öffentlichen Wahrnehmung sozialer Gerechtigkeit.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den Kernbegriffen zählen Soziale Gerechtigkeit, Armut, Sozialstaat, Hartz IV, Leistungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Umverteilung.

Wie unterscheidet sich das Gerechtigkeitsverständnis von CDU/CSU und PDS?

Während die CDU/CSU Gerechtigkeit primär über Leistung und Marktwachstum definiert, fordert die PDS staatliche Eingriffe und ein armutssicheres Existenzminimum, um strukturelle Ungleichheiten zu korrigieren.

Was bedeutet die "Kultur der Armut" (Culture of Poverty) im Kontext der Arbeit?

Der Autor diskutiert dieses Konzept kritisch als Ansatz, der Armut auf das Verhalten und das Umfeld der Betroffenen zurückführt, warnt jedoch davor, dies als Entschuldigung für staatliche Untätigkeit zu nutzen.

Warum wird der "Fahrstuhleffekt" nach Ulrich Beck erwähnt?

Er dient als Erklärungsmodell dafür, warum die Armutsdebatte in den 60er und 70er Jahren an Brisanz verlor, als der allgemeine Wohlstand stieg, obwohl die Ungleichheit im Kern bestehen blieb.

Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Agenda 2010?

Die Agenda 2010 wird als Maßnahme kritisiert, die den Fokus weg von der sozialen Bedürftigkeit hin zu einer einseitigen, auf Arbeitszwang ausgerichteten Leistungsorientierung verschob, was zu einer Stigmatisierung von Leistungsbeziehern führte.

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Details

Title
Das Leitbild der Sozialen Gerechtigkeit - Verdrängung der Armut aus der politischen Agenda?
College
University of Göttingen
Grade
2,0
Author
Jan Möller (Author)
Publication Year
2006
Pages
101
Catalog Number
V122758
ISBN (eBook)
9783640270996
ISBN (Book)
9783640271054
Language
German
Tags
Leitbild Sozialen Gerechtigkeit Verdrängung Armut Agenda
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Jan Möller (Author), 2006, Das Leitbild der Sozialen Gerechtigkeit - Verdrängung der Armut aus der politischen Agenda?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/122758
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