In der vorliegenden Hausarbeit soll untersucht werden, auf welche Weise die Schuldexternalisierung erfolgte. Das geschieht anhand ausgewählter Briefe, welche Robert H. Jackson, der amerikanische Hauptankläger im Nürnberger Prozess, in den Jahren 1945 und 1946 von Deutschen erhalten hat. Aus der Sammlung der Briefe wurden jene 15 ausgewählt, in denen externalisierende Schulderklärungen zu finden sind. Die Briefe werden auf wiederkehrende Argumente hin untersucht, welche sich auch in den Kapiteln dieser Arbeit wiederfinden. Nach einer einführenden Vorstellung der Kriegsschulddiskussion folgt im zweiten Kapitel ein Überblick über die öffentliche Diskussion der Nürnberger Prozesse in Hinblick auf die Schuldfrage. Im zentralen Teil der Arbeit werden die Argumente der Briefe analysiert: Drei Schulderklärungen betreffen die Alliierten: Ihre Handlungen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, ihre Duldung Hitlers in den 1930ern, sowie ihre angeblich aggressive Außenpolitik am Ende der 1930er. Ein weiteres Kapitel widmet sich antisemitischen Kriegsschulderklärungen, die oftmals mit dem Ausland verknüpft werden. Ein Fazit beschließt die Arbeit.
Die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Prägung, der Schock der Niederlage, aber besonders auch individuelles persönliches Leiden durch Zerstörung, Flucht oder Verlust verhinderten ein gemeinsames Schuldbewusstsein in der deutschen Gesellschaft. Eine Debatte um die Frage nach der Schuld am Nationalsozialismus und am Grauen des Zweiten Weltkrieges prägte die Öffentlichkeit. Weit verbreitet war ein Bedürfnis, all die Verbrechen der letzten Jahre zu erklären, ohne die Schuld des deutschen Volkes zu überhöhen oder anerkennen zu wollen. Dieses Bedürfnis konnte durch unterschiedliche Mechanismen erfüllt werden: Ein Großteil der Bevölkerung konzentrierte sich auf das eigene Unglück und nahm eine schuldentlastende Opferrolle an. Sie seien Opfer der böswilligen Nazis oder des dämonischen Hitlers gewesen, die das Volk verraten oder verführt hätten. Neben dieser Erklärung bot sich auch folgende an: Die eigentliche Ursache des Nationalsozialismus und damit möglicherweise die Schuld an ihm seien nicht primär in Deutschland zu suchen. Stattdessen wird vorgeschlagen, dass sie bei anderen Staaten zu finden sei, vor allem bei der USA, Großbritannien und der Sowjetunion. Auch das sog. ‚Weltjudentum‘ wird häufig beschuldigt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Grundzüge der Kriegsschulddebatte in der unmittelbaren Nachkriegszeit
2. Die Schuldfrage in der öffentlichen Wahrnehmung des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses
3. Schuldverlagerung in Briefen an den Hauptanklagevertreter Jackson
3.1. Schuld ist Versailles. Politisches Verhalten der Siegermächte nach 1918
3.2. Schuld sind die, die Hitler duldeten. Passivität der Westmächte in den 1930ern
3.3. Schuld sind die aggressiven Großmächte. „Einkreisungspolitik“ und angebliche alliierte Kriegstreiberei in den späten 1930ern.
3.4. Schuld sind die Juden. Die jüdische Kriegsverschwörung und weitere antisemitische Schuldverlagerungen.
4. Schlussbetrachtungen
5. Literatur- und Quellenverzeichnis
5.1. Quellen
5.1.1. Verzeichnis der Briefe
5.1.2. Weitere Quellen (1945-1946)
5.2. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie deutsche Bürger in der unmittelbaren Nachkriegszeit durch Briefe an den amerikanischen Hauptankläger Robert H. Jackson versuchten, die Schuld am Nationalsozialismus und am Zweiten Weltkrieg zu externalisieren, um sich selbst von einer historischen Gesamtverantwortung zu entlasten.
- Analyse von Argumentationsmustern in Briefen an Robert H. Jackson (1945-1946).
- Untersuchung der Schuldzuweisung an die Siegermächte (Versailles, Appeasement-Politik).
- Dekonstruktion der These einer „Einkreisungspolitik“ durch alliierte Großmächte.
- Erforschung antisemitischer Narrative und Verschwörungstheorien als Entlastungsstrategie.
- Einordnung in den Kontext der deutschen „Täter-Opfer-Umkehr“ der Nachkriegsjahre.
Auszug aus dem Buch
3.1. Schuld ist Versailles. Politisches Verhalten der Siegermächte nach 1918
„1939/45 entwickelte sich aus dem harten Vertrag von Versailles.“30 So wie dieser unbekannte Autor, der sich als „fanatischer Anhänger des Völkerfriedens, der nie Parteimann war“31 bezeichnet, stellen viele der untersuchten Briefe direkte Kausalitäten zwischen dem Vertrag von Versailles und dem Kriegsausbruch 1939 her. In der Konstruktion dieses Zusammenhangs wird ein wiederkehrendes argumentatives Vorgehen der Autoren der Briefe sichtbar: Zur Entlastung Deutschlands in der Schulddebatte wird die Verantwortlichkeit und der Begriff der Schuld möglichst weit gefasst.32 Adolf G. fordert dies in seinem Brief sogar ganz explizit: Man müsse „ab ovo (von Anfang an) alle Momente untersuchen und folgerichtigerweise alle Schuldfragen feststellen, die zum Ersten Weltkriege als Urheber des Zweiten Weltkrieges geführt haben.“33
Versailles wird in den untersuchten Briefen auf zweierleiweise als Ursache des NS und des Krieges verstanden: Als eine unweise Handlung der Siegermächte, oder aber als aggressive Fortsetzung des Krieges ohne Waffengewalt. Erstere Interpretation von Versailles tätigt etwa der Autor des ersten Briefes im Dezember 1945 und vermutet, dass es nicht zum Nationalsozialismus gekommen wäre, „[h]ätte man 1918 weise gehandelt“.34 Dieses Versagen der Siegermächte sieht der Autor als Schuld, welche die deutsche Schuld „erst in der Vergangenheit gebar“.35 Der Vertrag wird hier als eine Belastung verstanden, die so massiv auf der Weimarer Republik lastete, dass das Volk gar nicht anders konnte, als sich dem Fanatismus und Extremismus zuzuwenden, und Hitler als Befreier zu wählen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Orientierungslosigkeit der Deutschen nach 1945 und stellt die methodische Untersuchung von Briefen an Robert H. Jackson als Mittel zur Erforschung von Schuldexternalisierung vor.
1. Grundzüge der Kriegsschulddebatte in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Dieses Kapitel erläutert den Bedarf an einer entlastenden Opferrolle und die Ablehnung der Kollektivschuldthesen durch weite Teile der deutschen Bevölkerung.
2. Die Schuldfrage in der öffentlichen Wahrnehmung des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses: Das Kapitel analysiert die deutsche Kritik am Nürnberger Prozess als „Siegerjustiz“ und die Tendenz, die Hauptangeklagten lediglich als Täter einer isolierten Clique wahrzunehmen.
3. Schuldverlagerung in Briefen an den Hauptanklagevertreter Jackson: Dieses Kapitel bildet den Kern der Arbeit und untersucht, wie die Briefautoren die Kriegsschuld auf die Alliierten und das Ausland verschieben.
3.1. Schuld ist Versailles. Politisches Verhalten der Siegermächte nach 1918: Fokus auf die Argumentation, dass der Versailler Vertrag zwingend in den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg führen musste.
3.2. Schuld sind die, die Hitler duldeten. Passivität der Westmächte in den 1930ern: Untersuchung der Vorwürfe gegen die Siegermächte, nicht frühzeitig gegen Hitler eingeschritten zu sein.
3.3. Schuld sind die aggressiven Großmächte. „Einkreisungspolitik“ und angebliche alliierte Kriegstreiberei in den späten 1930ern.: Analyse der Behauptung, alliierte Mächte hätten Deutschland bewusst eingekreist und den Krieg durch aggressive Außenpolitik provoziert.
3.4. Schuld sind die Juden. Die jüdische Kriegsverschwörung und weitere antisemitische Schuldverlagerungen.: Auseinandersetzung mit antisemitischen Verschwörungsmythen, die das Judentum als Drahtzieher der Nürnberger Prozesse und des Zweiten Weltkriegs darstellen.
4. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst die Strategien der Schuldexternalisierung zusammen und kritisiert das Fehlen einer echten historischen Aufarbeitung durch die Briefautoren.
Schlüsselwörter
Kriegsschulddebatte, Nürnberger Prozesse, Schuldexternalisierung, Robert H. Jackson, Nationalsozialismus, Versailles, Siegertjustiz, Kollektivschuld, Opferrolle, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus, Nachkriegszeit, Weltjudentum, Rechtsextremismus, Schuldfrage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht deutsche Reaktionen auf den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess anhand privater Briefe, die an den Chefankläger Robert H. Jackson gerichtet wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen Mechanismen der Schuldexternalisierung, insbesondere die Verschiebung der Verantwortung für den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg auf das Ausland, die Alliierten oder das Judentum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll analysiert werden, auf welche Weise deutsche Briefschreiber in der unmittelbaren Nachkriegszeit durch verschiedene Argumentationsmuster versuchten, die deutsche Schuld zu relativieren oder komplett auf externe Akteure zu übertragen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine qualitative Analyse von 15 ausgewählten Briefen aus der Sammlung von Henry Bernhard durch und bettet diese in den historischen Diskurs der deutschen Nachkriegszeit ein.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Argumentationsmuster: Den Versailler Vertrag als Ursache, die Passivität der Westmächte gegenüber Hitler, die angebliche alliierte „Einkreisungspolitik“ und schließlich antisemitische Verschwörungsmythen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Schuldexternalisierung, Kriegsschulddebatte, Nürnberger Prozesse, Geschichtsrevisionismus und Täter-Opfer-Umkehr beschreiben.
Warum schreiben die Autoren ausgerechnet an Robert H. Jackson?
Die Autoren suchen den direkten Kontakt zum Chefankläger, um ihre Sichtweise als „Opfer“ oder „Unschuldige“ in den Prozess einzubringen und die moralische Legitimität des Verfahrens in Frage zu stellen.
Welche Rolle spielt der Antisemitismus in den analysierten Briefen?
Der Antisemitismus dient den Briefautoren als ultimatives Erklärungsmodell, um alle Geschehnisse als Teil einer „jüdischen Weltverschwörung“ zu deuten und Hitler so zum vermeintlichen Verteidiger Europas umzudeuten.
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- Robin Baumann (Author), 2021, Argumente zur Verschiebung der Schuld am Zweiten Weltkrieg und Nationalsozialismus auf das Ausland in Briefen an Robert H. Jackson, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1185136