Die Kunst in der NS-Zeit hatte den Auftrag zu benebeln, anstatt zu entnebeln. Die Kunst des Schauspiels war keine freie, die der Direktion keine einfache. Denn der Kunst und somit auch dem Theater wurde eine politische Haltung abverlangt und vorgegeben. Die Schauspieler durften sich nur einer bestimmten Form nach in der Kunst ausdrücken. Denn das Dritte Reich verbot eine psychologische und realistische, die Widersprüche des Lebens und der Gesellschaft aufdeckende Darstellung, verlangte stattdessen “totale Illusion”. Die Nationalsozialisten forderten somit eine Vernebelung der Realität. Die eigentlichen Machtverhältnisse durften nicht zur Schau gestellt werden. Stattdessen sollte das Volk durch das Theater politisch geleitet werden. Dies brachte die Regisseure und Schauspieler in eine missliche Lage, denn keiner wusste mehr, was nun noch erlaubt sei oder vielleicht doch schon zu kritisch der Politik gegenüber war. Somit befanden sich Künstler auf einem schmalen Grat zwischen kontrollierter politischer und somit erlaubter Unterhaltung und der Gefahr, dadurch gefühllos oder sogar belanglos zu werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1 Der »vierfach männliche Blick«
2.2 Frauen auf der Bühne
2.2.1 Lachen über Frauen
2.2.2 Die verlorenen Heldinnen
2.2.3 Die NS-Heldin
2.2.4 Die Anti-Heldin
3. Résumé
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Frauenbild im Theater während der Zeit des Nationalsozialismus und stellt dieses dem Frauenbild in Bertolt Brechts Werk „Mutter Courage“ gegenüber. Ziel ist es herauszufinden, ob der von Evelyn Deutsch-Schreiner definierte „vierfach männliche Blick“ auch in Brechts Theater Anwendung findet und inwiefern sich dessen Inszenierungen vom ideologischen NS-Theater abgrenzen.
- Analyse des „vierfach männlichen Blicks“ als theoretisches Konzept
- Darstellung der Rolle und Behandlung von Frauen auf NS-Bühnen
- Untersuchung der Charaktergestaltung von Mutter Courage als Gegenentwurf
- Vergleich von NS-Propaganda-Theater und Brechts epischem Theater
- Kritische Reflexion der Möglichkeiten für Künstler im Widerstand
Auszug aus dem Buch
2.1 Der »vierfach männliche Blick«
Deutsch-Schreiner stützt sich zu ihrer methodischen Analyse auf die von der feministischen Filmtheorie festgestellten und von Hilde Haider-Pregler anschließend auf das Theater übertragenen These des »dreifachen männlichen Blickes«. Durch die nazistische Ideologisierung des Theaters und [...] durch die theoretische Verabsolutierung sowie praktische Einzementierung der bestehenden patriarchalen Gesellschaftsordnung wurde der »dreifach männliche Blick« im Zweiten Weltkrieg dann zum »vierfach männlichen Blick« erweitert. Dieser erschließt sich aus den folgenden Punkten. Erstens wurden die Frauenfiguren aus männlicher Sicht geschaffen. Die Rolle wurde somit so geschrieben wie die Frau in der Sicht des Mannes ist oder wie sie zu sein hat. Zweitens wurden diese dann anschließend von den Nationalsozialisten zu ihrem eigenen Vorteil, für politische Zwecke genutzt. Folglich wandelten die meist männlichen Regisseure drittens die vorgegebenen Texte den politischen Richtlinien entsprechend um. Damit dann schließlich viertens bei der Aufführung die männlichen und weiblichen Zuschauer das „aus politisch-männlicher Sichtweise entstandene Produkt als gültige Sichtweise und als »wahre« Kunst“ aufnahmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die schwierige Rolle des Theaters im Nationalsozialismus, das zwischen staatlicher Zensur und künstlerischem Anspruch lavierte, und führt in das Forschungsziel ein.
2.1 Der »vierfach männliche Blick«: Dieses Kapitel erläutert das theoretische Konzept, wie durch patriarchale Strukturen und NS-Ideologie eine einseitige Sicht auf Frauen auf der Bühne erzwungen wurde.
2.2 Frauen auf der Bühne: Hier wird die Kategorisierung der Frau im NS-Theater dargelegt, um diese anschließend mit den Figuren in Brechts „Mutter Courage“ zu vergleichen.
2.2.1 Lachen über Frauen: Der Abschnitt analysiert die Diskreditierung arbeitender Frauen im NS-Theater und setzt dies in Kontrast zu der starken, eigenständigen Mutter Courage.
2.2.2 Die verlorenen Heldinnen: Untersucht wird, wie historische Frauenfiguren durch NS-Propaganda ihrer Individualität beraubt und als Werkzeuge für das Regime instrumentalisiert wurden.
2.2.3 Die NS-Heldin: Dieses Kapitel beschreibt das Ideal der „berufenen“ Frau im NS-Drama, die einem höheren Willen unterworfen ist, und vergleicht dieses mit dem realitätsnahen Überlebenskampf bei Brecht.
2.2.4 Die Anti-Heldin: Der Abschnitt widmet sich den Theatergruppen, die unter Regisseuren wie Günther Haenel oppositionelle Stücke auf die Bühne brachten und Brechts komödiantische Struktur nutzten.
3. Résumé: Das Fazit stellt fest, dass Brechts Theater einen bewussten Gegenentwurf zur Vereinnahmung des Frauenbildes durch das NS-Regime darstellte.
Schlüsselwörter
Theater, Nationalsozialismus, Bertolt Brecht, Mutter Courage, Frauenbild, vierfach männlicher Blick, NS-Propaganda, Regie, Geschlechterrollen, Widerstand, Ideologie, Frauenfiguren, Theaterwissenschaft, Patriarchat, NS-Zeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie das Theater während des Nationalsozialismus Frauenfiguren darstellte und setzt dieses ideologisch geprägte Frauenbild in einen direkten Vergleich mit den Charakteren in Bertolt Brechts Stück „Mutter Courage“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themenfelder sind die Rolle der Frau in der Gesellschaft der NS-Zeit, die Instrumentalisierung des Theaters durch NS-Propaganda, feministische Theaterkritik und die dramaturgische Auseinandersetzung Brechts mit diesen politischen Zwängen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit möchte prüfen, ob der „vierfach männliche Blick“ als theoretisches Konstrukt auch in Brechts Werk nachweisbar ist und inwiefern Brecht durch seine bewusste Charaktergestaltung eine Alternative zum regimetreuen Theater schuf.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich primär auf eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Heranziehung feministischer Theater- und Filmtheorien, insbesondere der Thesen von Evelyn Deutsch-Schreiner.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der theoretische Rahmen des „vierfach männlichen Blicks“ definiert und anschließend spezifische Rollenbilder (wie die „NS-Heldin“ oder die „Anti-Heldin“) analysiert und mit der Figur der Mutter Courage kontrastiert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Schlüsselwörter sind Theater, Nationalsozialismus, Bertolt Brecht, Frauenbild, NS-Propaganda, vierfach männlicher Blick und Geschlechterrollen.
Warum ist das Theater in der NS-Zeit besonders relevant für das Frauenbild?
Das NS-Theater versuchte aktiv, das Rollenverständnis der Frau durch ein starres, dem Regime dienendes Frauenbild zu definieren, indem es Frauen auf der Bühne oft als untergeordnet oder als bloße Werkzeuge höherer Ziele darstellte.
Welche Rolle spielt Mutter Courage im Vergleich zum NS-Theater?
Mutter Courage fungiert als Gegenentwurf, da sie eine starke, eigenständige Frau ist, deren Handeln primär durch ihren persönlichen Überlebenskampf und die Sorge um ihre Kinder geprägt ist, anstatt einer ideologischen „höheren Bestimmung“ zu folgen.
- Arbeit zitieren
- Helen Hornig (Autor:in), 2021, Der vierfach männliche Blick auf die Frauen im Theater im nationalistischen Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1185132