Der Bundestagswahlkampf 1990 stand im Zeichen der politischen Wende in Mittel- und Osteuropa und des daraus resultierenden deutschen Vereinigungsprozesses. Deutschlandpolitik rangierte spätestens mit dem Mauerfall am 9. November 1989 ganz oben auf der politischen Agenda der Bundesrepublik. Die Kanzlerkandidaten im „Einheitswahlkampf“, Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Herausforderer Oskar Lafontaine (SPD), hatten sich angesichts dessen mit – gesamtdeutschen – Fragen auseinanderzusetzen, für deren Beantwortung keine Patentrezepte existierten: die Bewältigung des Übersiedlerstroms aus der DDR, das Verhältnis zu den politischen Gruppierungen in Ostdeutschland, die Einführung der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, die staatsrechtliche Gestaltung der Einheit (Artikel 23 oder 146?), die Bündniszugehörigkeit eines wiedervereinigten Deutschlands, und auch die endgültige Anerkennung der polnischen Westgrenze wurde wieder diskutiert – dabei immer auch begleitet von taktischen Überlegungen hinsichtlich des für die Kontrahenten jeweils günstigeren Termins für die – bereits gesamtdeutschen – Bundestagswahlen. Ganz eindeutig wurde die politische Debatte in Parteien, Publizistik und innerhalb der Bevölkerung im Jahr 1990 dominiert von Vorschlägen und Planungen im Kontext der Vereinigung beider deutscher Staaten.
Dementsprechend wurden die deutschlandpolitischen Positionen (und Grundüberzeugungen) der Kandidaten Kohl und Lafontaine zum Leitmotiv ihrer Wahlkampfstrategien und entscheidenden Faktor für den Ausgang der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990. In der „Chronologie und Analyse“ des Einheitswahlkampfs stehen daher folgende Fragen im Vordergrund: Waren die Positionen der Kanzlerkandidaten in der jeweils eigenen Partei konsensfähig oder Auslöser für Kontroversen? Hatten die DDR-Volkskammerwahl sowie die diversen Landtagswahlen in alten und neuen Bundesländern im Verlauf des Jahres 1990 bereits den Charakter von Abstimmungen über die deutschlandpolitischen Alternativen auf Bundesebene? Wie wurden die Wahlkampfstrategien von Kohl und Lafontaine in den publizistischen Leitmedien beurteilt? Und schließlich: Wie haben sich die Zustimmungswerte zu den Kandidaten und ihren Positionen in den Umfragen maßgeblicher Meinungsforschungsinstitute entwickelt?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Chronologie und Analyse
1. Kohl und die Frage der polnischen Westgrenze
2. Lafontaines Kanzlerkandidatur und die Deutschlandpolitik I
3. Kohl, Gorbatschow und die deutsche Einigung I
4. Lafontaines Kanzlerkandidatur und die Deutschlandpolitik II
5. Volkskammerwahl in der DDR
6. Medienurteile und Demoskopie im Einheitswahlkampf I
7. Kohl, Lafontaine und die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion
8. Lafontaines Kanzlerkandidatur und die Deutschlandpolitik III
9. Medienurteile und Demoskopie im Einheitswahlkampf II
10. Kohl, Gorbatschow und die deutsche Einigung II
11. Beitritt der DDR
12. Der 2+4-Vertrag
13. Lafontaine und der Vereinigungsparteitag der Sozialdemokratie
14. Medienurteile und Demoskopie im Einheitswahlkampf III
15. Wiedervereinigung Deutschlands
16. Landtagswahlen in den fünf neuen Bundesländern
17. Einheitskanzler Kohl im Wahlkampf
18. Einheitsskeptiker Lafontaine im Wahlkampf
19. Medienurteile und Demoskopie im Einheitswahlkampf IV
20. Bundestagswahlen im wiedervereinigten Deutschland
III. Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welchen Einfluss die deutschlandpolitischen Positionen von Helmut Kohl und Oskar Lafontaine auf den Ausgang der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 hatten, indem sie diese chronologisch und analytisch im Kontext der Einigungsprozesse gegenüberstellt.
- Vergleich der Wahlkampfstrategien und Deutschlandpolitik von Kohl und Lafontaine.
- Analyse der Rolle der Medienberichterstattung und demoskopischer Entwicklungen.
- Bedeutung der Volkskammerwahl und Landtagswahlen als Vorentscheidungen.
- Diskussion um die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion sowie den Einigungsvertrag.
- Untersuchung der Bedeutung der Außenpolitik und der Rolle der Siegermächte.
Auszug aus dem Buch
1. Kohl und die Frage der polnischen Westgrenze
Das Wahljahr 1990 begann für den CDU-Chef mit einem Dilemma. Mit der Wende in der DDR waren neben der deutschen Frage auch die Interessen der Vertriebenenverbände wieder auf der politischen Agenda aufgetaucht. Deren Gebiets- und Eigentumsansprüche, formuliert von ihrem Präsidenten (und Unionsabgeordneten im Bundestag) Herbert Czaja, mußten von der CDU ernst genommen werden, wenn das nationalkonservative Wählerpotential nicht in die Arme der nationalistischen „Republikaner“ getrieben werden sollte.
Immerhin konnten sich die Vertriebenenverbände auf ein Zitat des ersten CDU-Kanzlers Konrad Adenauer berufen: „Keine deutsche Regierung wird je in der Lage, die Oder-Neiße-Linie anzuerkennen“, lautete der Ausspruch Adenauers aus dem Jahr 1953. Darüber hinaus argumentierten die Anhänger eines „Großdeutschen Reiches“ vor allem auf der Grundlage des Umstandes, daß das Verfassungsgericht in Karlsruhe bis dato nicht von der juristischen Formel abgewichen war, das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 sei nie untergegangen. Selbst auf den vom SPD-Kanzler Willy Brandt abgeschlossenen Warschauer Vertrag konnten sie sich beziehen, denn auch dieser enthielt nach offizieller juristischer Interpretation keinerlei Verzicht auf die im Zweiten Weltkrieg verlorenen deutschen Ostgebiete.
Auch wenn mit Ausnahme der Vertriebenen und deutschnationalen Kreise die Oder-Neiße-Grenze von niemand mehr ernsthaft in Frage gestellt wurde, konnte sich Kohl lange nicht zu einer eindeutigen Position durchringen. Der Kanzler vermied eine klare Aussage zur polnischen Westgrenze, darauf verweisend, daß er sich als Verfassungsorgan Bundeskanzler an die Rechtsprechung des Verfassungsorgans Bundesverfassungsgericht halten müsse. In Zeiten des Kalten Krieges, die deutsche Einheit in weiter Ferne, konnten die Unionsparteien sich den Vertriebenen zumindest in der Rhetorik als Hüter nationaler Interessen anbiedern. Jetzt fürchtete Kohl, obwohl selbst kein Revanchist, die Vertriebenen mit der Realität konfrontieren zu müssen und bei der Bundestagswahl im Dezember ein sicher geglaubtes Wählerreservoir unter Umständen an die rechtsradikalen Republikaner verlieren zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Stellt das Thema der deutschlandpolitischen Positionen von Kohl und Lafontaine im Wahlkampf 1990 vor und erläutert die methodische Herangehensweise der Arbeit.
II. Chronologie und Analyse: Detaillierte Betrachtung der 20 maßgeblichen Ereignisse des Einheitswahlkampfs, von der Grenzfrage bis zu den Bundestagswahlen.
III. Schlußbetrachtung: Führt die Ergebnisse zusammen und bewertet die Bedeutung der Deutschlandpolitik als ausschlaggebendes Thema für den Wahlausgang.
IV. Literatur & Quellen (-sammlungen): Auflistung der verwendeten Sekundärliteratur, Spiegel-Kommentare, Interviews und Reportagen.
Schlüsselwörter
Helmut Kohl, Oskar Lafontaine, Bundestagswahl 1990, deutsche Einheit, Deutschlandpolitik, Wiedervereinigung, Volkskammerwahl, Währungsunion, Einigungsvertrag, SPD, CDU, Medienanalyse, Demoskopie, 2+4-Vertrag, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die deutschlandpolitischen Standpunkte von Helmut Kohl und Oskar Lafontaine während des Einheitswahlkampfes 1990 und deren Einfluss auf den Wahlausgang.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Wiedervereinigung, die Währungs- und Wirtschaftsunion, das Verhältnis zu Polen sowie die strategischen Auseinandersetzungen zwischen CDU und SPD.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Es soll aufgezeigt werden, dass die deutschlandpolitischen Positionen der beiden Kanzlerkandidaten für den Ausgang der Bundestagswahl 1990 von entscheidender Relevanz waren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer chronologischen Analyse und Auswertung zeithistorischer Fachliteratur, Erinnerungsberichten, überregionaler Presseberichterstattung und Umfrageergebnissen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist in eine chronologische Analyse von 20 zentralen Ereignissen des Wahljahres 1990 unterteilt, die den politischen Prozess bis zur Bundestagswahl abbilden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Deutschlandpolitik, Einheitskanzler, Kanzlerkandidatur, Wahlkampfstrategien und Transformation.
Wie bewerten die Medien Kohls Zögern bei der Oder-Neiße-Grenze?
Die Medien kritisierten dieses Zögern oft scharf als außenpolitisches Defizit, während Kohl sich auf juristische Argumente und die Rolle des Bundesverfassungsgerichts berief.
Warum lehnte Lafontaine die schnelle Währungsunion ab?
Lafontaine warnte vor den ökonomischen Risiken und sozialen Härten einer zu schnellen Umstellung ohne ausreichende Anpassung, was jedoch politisch als Einheitsgegnerschaft ausgelegt wurde.
Welche Rolle spielte das Messerattentat auf Lafontaine?
Das Attentat zwang Lafontaine zu einer längeren Auszeit, was seine öffentliche Präsenz in einer entscheidenden Phase des Wahlkampfs einschränkte.
- Quote paper
- Christian Chmel (Author), 2000, Die deutschlandpolitischen Positionen von Helmut Kohl und Oskar Lafontaine im Bundestagswahlkampf 1990, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/116842