Das lebenslange Lernen ist in unserer modernen Informations- und Wissensgesellschaft die Grundlage für eine erfolgreiche Lebensbiographie und digitale Medien spielen eine zunehmend große Rolle in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Die Potentiale digitaler Medien, Bildungsprozesse aktiv und flexibel zu gestalten und neue Formen der Kommunikation und sozialen Vernetzung zu bieten, sind enorm.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung sieht dabei eine umfassende Medienkompetenz als Voraussetzung für die Teilhabe an Wissen und Nutzung digitaler Bildungsprozesse. Daher wurden 2013 Fördermaßnahmen zur Entwicklung, Erprobung und zum Einsatz neuer Bildungsangebote mit digitalen Medien, Web2.0 und mobilen Technologien in einem Umfang von ca. 60 Millionen Euro initiiert.
Einerseits sind die durch die Fördermaßnahmen ermöglichten Anwendungen und Projekte positiv zu bewerten andererseits stellt sich jedoch gleichzeitig die Frage, von wie vielen Lernenden digitale Weiterbildungsangebote tatsächlich angewendet werden können. Denn diese Art von meist selbstgesteuertem Lernen setzt nicht nur Medienkompetenz im Umgang mit dem entsprechenden Medium voraus, sondern auch die Kompetenz und Motivation, sich selbstständig und effektiv dieses Selbstlernangebots zu bedienen. Vor allem geringqualifizierte Menschen mit einer bildungsfernen Schul- und/oder Berufskarrieren haben hierbei erhebliche Hürden zu überwinden.
Aufgrund dieser Beobachtung gilt das Erkenntnisinteresse in dieser Hausarbeit der Forschungsfrage, wie die soziale Herkunft von bildungsfernen erwerbslosen Lernenden in der Erwachsenenbildung den Prozess des selbstgesteuerten Lernens mit digitalen Medien beeinflusst?
Zur Klärung der Forschungsfrage werden zunächst der Begriff des selbstgesteuerten Lernens und die Voraussetzungen dafür erklärt und Lernszenarien mit digitalen Medien sowie die Bedeutung der Medienkompetenz dargestellt.
Es folgt eine Skizzierung des Konzeptes der sozialen Milieus und der Sozialtheorie Pierre Bourdieus, wobei die Begriffe Habitus, Feld und Kapital näher erläutert und thematisch an die Erwachsenenbildung angeschlossen werden.
Anschließend wird die Einstellung von bildungsfernen erwerbslosen Lernenden zur (beruflichen) Weiterbildung sowie Weiterbildungsbarrieren geschildert und gezeigt, wie diese den Prozess des SGL beeinflussen. Die Arbeit schließt mit einem kritischen Fazit bezüglich der aktuellen Förderpolitik ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Selbstgesteuertes Lernen (SGL) mit digitalen Medien
2.1 SGL - Begriffserklärung und Voraussetzungen
2.2 Digitale Medien und Lernszenarien
2.3 Medienkompetenz
3. Ansätze zur Erklärung von Teilhabe an Weiterbildung
3.1 Das Konzept der sozialen Milieus
3.2 Die Habitus-Feld-Theorie Bourdieus
4. Bildungsferne erwerbslose Lernende und der Prozess des SGL
4.1 Weiterbildungsdispositionen und -barrieren
4.2 Wie ist eine Verbesserung des Prozesses des SGL mit digitalen Medien für bildungsferne Erwachsene möglich?
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit untersucht den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Prozess des selbstgesteuerten Lernens (SGL) mit digitalen Medien bei bildungsfernen erwerbslosen Lernenden in der Erwachsenenbildung. Ziel ist es, die Barrieren zu identifizieren, die dieser Personengruppe den Zugang zu und die Nutzung von modernen, technologiegestützten Bildungsangeboten erschweren, und Möglichkeiten für eine effektivere Unterstützung aufzuzeigen.
- Grundlagen des selbstgesteuerten Lernens (SGL) und die Bedeutung von Medienkompetenz.
- Erklärung von Weiterbildungsbeteiligung durch das Konzept der sozialen Milieus und Bourdieus Habitus-Feld-Theorie.
- Analyse der spezifischen Weiterbildungsbarrieren bei bildungsfernen erwerbslosen Lernenden.
- Diskussion über didaktische Ansätze und Rahmenbedingungen zur Verbesserung des SGL mit digitalen Medien für diese Zielgruppe.
Auszug aus dem Buch
2.1 SGL - Begriffserklärung und Voraussetzungen
Der Begriff „selbstgesteuertes Lernen“ wird seit den 1990er Jahren häufig verwendet und ist eine Übersetzung des amerikanischen „self-directed learning“. Grundlage ist die konstruktivistische Annahme, dass Lernende Ihre Lernprozesse selbst aktiv gestalten, wobei SGL kein eindeutiger und operationalisierbarer Begriff ist, sondern Interpretationsvarianten zulässt (Siebert, 2009, S.26 und 28). Als klassisch zitieren Faulstich und Zeuner die Definition von Malcom Knowles aus dem Jahr 1975: „In its broadest meaning, ‚self-directed learning‘ describes a process in which individuals take the initiative, with or without the help of others, in diagnosing their learning needs, formulating learning goals, identifying human and material resources for learning, choosing and implementing appropriate learning strategies, and evaluating learning outcomes” (Knowles in Faulstich & Zeuner, 2008, S.149). Diese Definition zeichnet das Bild eines aktiv handelnden Lernenden, der offensichtlich in allen Belangen hinsichtlich des SGL motiviert und verantwortlich agiert, was eine beträchtliche Handlungskompetenz voraussetzt, und sich in einem weitestgehend selbstbestimmten Lernarrangement befindet.
Zur Handlungskompetenz als Voraussetzung im Prozess des SGL gehört es, zu wissen, wo welches Wissen zu finden ist und für welche Aufgaben es benötigt wird. Ebenso muss Wichtiges von Unwichtigem unterschieden werden und Informationsquellen müssen richtig eingeschätzt werden. Man muss verstehen, wie das Wissen jeweils zustande gekommen ist, Zusammenhänge herstellen und Grenzen des Wissbaren erkennen können (Siebert, 2009, S.63). Der Lernende muss jedoch nicht nur Informationen, sondern ebenso sich selbst gut einschätzen können und sich über seine Stärken und Schwächen im Klaren sein, wobei über Lern- und Lebenserfolg weniger die kognitive als vielmehr die emotionale Intelligenz entscheidet (Siebert, 2009, S.36).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz digitaler Medien in der beruflichen Bildung ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich des Einflusses der sozialen Herkunft auf das selbstgesteuerte Lernen bildungsferner Erwerbsloser.
2. Selbstgesteuertes Lernen (SGL) mit digitalen Medien: Dieses Kapitel erläutert den Begriff des SGL, die Anforderungen an Lernende sowie die Rolle digitaler Medien und Medienkompetenz in heutigen Lernarrangements.
3. Ansätze zur Erklärung von Teilhabe an Weiterbildung: Hier werden soziologische Theorien, insbesondere das Konzept der sozialen Milieus und Bourdieus Habitus-Feld-Theorie, herangezogen, um ungleiche Weiterbildungsbeteiligungen zu erklären.
4. Bildungsferne erwerbslose Lernende und der Prozess des SGL: Dieses Kapitel analysiert die spezifischen Barrieren bildungsferner Erwerbsloser und diskutiert, wie digitale Lernszenarien gestaltet sein müssen, um für diese Zielgruppe nutzbar zu sein.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass ohne eine grundlegende Änderung der bildungspolitischen Förderpraxis die Weiterbildungsschere weiter auseinandergehen wird.
Schlüsselwörter
Selbstgesteuertes Lernen, SGL, Digitale Medien, Erwachsenenbildung, Soziale Herkunft, Bildungsferne, Habitus, Bourdieu, Weiterbildungsbarrieren, Medienkompetenz, E-Learning, Soziale Milieus, Weiterbildung, Learning Literacy, Bildungsgerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie bildungsferne erwerbslose Menschen mit dem Prozess des selbstgesteuerten Lernens (SGL) unter Nutzung digitaler Medien zurechtkommen und welche Hürden sie dabei erleben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind selbstgesteuertes Lernen (SGL), Medienkompetenz, soziale Milieuforschung, die Theorie von Pierre Bourdieu sowie die spezifischen Lernwiderstände bildungsferner Erwachsener in der Weiterbildung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Hauptforschungsfrage lautet: Wie beeinflusst die soziale Herkunft von bildungsfernen erwerbslosen Lernenden in der Erwachsenenbildung den Prozess des selbstgesteuerten Lernens mit digitalen Medien?
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine wissenschaftliche Hausarbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der Auseinandersetzung mit soziologischen Theorien (Milieutheorie, Habitus-Konzept) sowie bildungswissenschaftlichen Erkenntnissen zur Zielgruppe basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (SGL, Medien, Milieus, Habitus-Feld-Theorie) und die praktische Anwendung dieser Theorien auf die spezifische Gruppe bildungsferner Erwerbsloser sowie deren Barrieren und Unterstützungsmöglichkeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie selbstgesteuertes Lernen, soziale Herkunft, Bildungsferne, Habitus, Medienkompetenz und E-Learning charakterisiert.
Warum fällt bildungsfernen Erwerbslosen selbstgesteuertes Lernen oft schwer?
Ihnen fehlt oft die habituell verankerte Lernerfahrung, die für ein solches Lernen notwendig ist; zudem empfinden sie institutionalisierte Weiterbildung häufig als Zwang und haben eine geringe Nutzenerwartung.
Welche Rolle spielen "Brückenmenschen" bei der Unterstützung dieser Lernenden?
"Brückenmenschen" leisten aufsuchende Bildungsarbeit und holen die Betroffenen bei ihrer individuellen Lebens- und Berufssituation ab, um Vertrauen in institutionelle Weiterbildungsangebote aufzubauen.
Wie kann E-Learning für diese Zielgruppe optimiert werden?
Eine Optimierung erfordert didaktisch zugeschnittene Software mit hohem audiovisuellen Anteil, direkte Übungsmöglichkeiten, intensive tutorielle Betreuung und einen Methodenmix, der Präsenzphasen und Erfahrungsaustausch einbezieht.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin im Fazit?
Die Autorin folgert, dass technische Lösungen allein nicht ausreichen; es bedarf eines politischen Umdenkens und einer Förderpolitik, die die habituellen Widerstände der Zielgruppe ernst nimmt, da die Weiterbildungsschere sonst durch neue Medientechnologien eher vergrößert wird.
- Quote paper
- Marina Springmann (Author), 2014, Einfluss der sozialen Herkunft von Lernenden in der Erwachsenenbildung auf den Prozess des selbstgesteuerten Lernens mit digitalen Medien, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1167331