In den beiden der Freundschaft gewidmeten Büchern der Nikomachischen Ethik tauchen immer wieder Bemerkungen von Aristoteles über die Notwendigkeit von Gleichheit in Freundschaften auf. Die Rolle der Gleichheit im Hinblick auf Freundschaften wird bereits zu Beginn von Buch XIII thematisiert und danach immer wieder aufgegriffen. Hierbei kommt es allerdings zu sehr unterschiedlichen Aussagen über die Rolle der Gleichheit in Freundschaften, die teilweise sogar widersprüchlich scheinen. Um etwas mehr Klarheit über die aristotelische Forderung nach Gleichheit in Freundschaften zu gewinnen, soll daher in dieser Arbeit untersucht werden, inwieweit Aristoteles Gleichheit für Freundschaft überhaupt voraussetzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Freundschaft in der Nikomachischen Ethik
2.1 Das Eltern-Kind-Verhältnis
3. Gleichheit und Gerechtigkeit
4. Freundschaft und Gerechtigkeit
5. Freundschaft und Gleichheit
5.1 Gleichheit der Freunde in ihrer Art
5.2 Gleichheit der Freunde in ihren Leistungen
5.3 Gleichheit der Freunde in ihren Motiven
5.4 Eltern-Kind-Kontroversen
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aristotelische Auffassung von Freundschaft in der Nikomachischen Ethik mit dem Fokus darauf, inwiefern Gleichheit eine notwendige Bedingung für das Bestehen von Freundschaftsverhältnissen darstellt. Dabei werden die verschiedenen Arten der Freundschaft analysiert und in Beziehung zum aristotelischen Gerechtigkeitsbegriff gesetzt.
- Die Rolle der Gleichheit in der aristotelischen Freundschaftsethik
- Differenzierung zwischen vollkommenen und unvollkommenen Freundschaftsformen
- Interdependenz von Freundschaft, Gerechtigkeit und sozialem Status
- Besonderheiten des Eltern-Kind-Verhältnisses im Kontext der Gleichheitsforderung
- Synthese von Lust-, Nutzen- und Tugendfreundschaft
Auszug aus dem Buch
2. Freundschaft in der Nikomachischen Ethik
Freundschaft spielt in Aristoteles‘ Ethik eine zentrale Rolle. Das ist allein schon daran zu erkennen, dass er von den zehn Büchern, in die die EN eingeteilt wird, allein zwei der Freundschaft widmet. Unter Freundschaft versteht Aristoteles im weitesten Sinne, „dass man sich gegenseitig wohlwolle und Gutes wünsche, ohne dass einem diese gegenseitige Gesinnung verborgen bleibt, und zwar aus einer der angeführten Ursachen.“ (1156a ca. 1- 5). Bei diesen Ursachen handelt es sich um das Gute, das Lustbringende und das Nützliche (1155b15). An dieser Stelle wird bereits klar, dass Aristoteles‘ Freundschaftsbegriff sehr von unserem heutigen abweicht. Das ist allerdings nicht überraschend, da das griechische Wort philia auch Liebe oder Wohlwollen gegenüber Familienmitgliedern und Geschäftspartnern, bis hin zur Liebe zum eigenen Land, mit einschließen konnte (Helm, 2017:The Nature of Friendship).
Aristoteles belässt es allerdings nicht bei dieser Definition, sondern unterscheidet zwischen verschiedenen Arten der Freundschaft. Als Unterscheidungskriterium bedient er sich hierbei die bereits genannten Ursachen der Freundschaft. Freundschaft, die auf Lust oder Nutzen beruhen charakterisiert Aristoteles als kurzweilig und unvollkommen. Das liegt daran, dass solcherlei Freundschaften nicht um des anderen Selbst willen bestehen, sondern nur „insofern, als ihnen von einander Gutes widerfährt“ (1156a ca. 10). Wenn also der jeweilige Nutzen bzw. die jeweilige Lust, die das Gegenüber einem eingebracht hat, wegfällt, löst sich auch die Freundschaft auf (1156a ca. 20).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Freundschaft innerhalb der aristotelischen Ethik ein und umreißt die Forschungsfrage nach der Notwendigkeit der Gleichheit in Freundschaften.
2. Freundschaft in der Nikomachischen Ethik: Dieses Kapitel definiert den aristotelischen Freundschaftsbegriff und unterscheidet zwischen verschiedenen Arten der Freundschaft, wie der Tugend-, Nutzen- und Lustfreundschaft.
2.1 Das Eltern-Kind-Verhältnis: Dieser Abschnitt beleuchtet die Sonderstellung der Eltern-Kind-Beziehung und deren Ähnlichkeit sowie Unterschiede zur Tugendfreundschaft.
3. Gleichheit und Gerechtigkeit: Hier wird der theoretische Rahmen für den Gleichheitsbegriff bei Aristoteles gelegt, insbesondere in Bezug auf die distributive Gerechtigkeit.
4. Freundschaft und Gerechtigkeit: Dieses Kapitel untersucht die enge Verschränkung von rechtlichen Ansprüchen, Staatsformen und den unterschiedlichen Freundschaftsverhältnissen.
5. Freundschaft und Gleichheit: Der Hauptteil analysiert, wie Aristoteles Gleichheit in Bezug auf Art, Leistung und Motiv innerhalb von Freundschaften bewertet.
5.1 Gleichheit der Freunde in ihrer Art: Untersuchung, wie Unterschiede im Status oder Alter die Gleichheit in einer Freundschaft beeinflussen können.
5.2 Gleichheit der Freunde in ihren Leistungen: Analyse der Leistungsanforderungen in Nutzen- und Tugendfreundschaften.
5.3 Gleichheit der Freunde in ihren Motiven: Untersuchung der Bedeutung gemeinsamer Ziele und Beweggründe für die Beständigkeit von Freundschaften.
5.4 Eltern-Kind-Kontroversen: Spezielle Betrachtung der Spannungen zwischen der elterlichen Liebe und der aristotelischen Forderung nach Gleichheit.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Gleichheit für die vollkommene Tugendfreundschaft essenziell, bei anderen Formen jedoch eingeschränkt oder modifizierbar ist.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Freundschaft, Philia, Gleichheit, Gerechtigkeit, Tugendfreundschaft, Nutzenfreundschaft, Lustfreundschaft, Eltern-Kind-Beziehung, soziale Ungleichheit, Beständigkeit, Tugend, Wohlwollen, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung und die Notwendigkeit von Gleichheit innerhalb der aristotelischen Konzeption von Freundschaft, wie sie in der Nikomachischen Ethik dargelegt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert auf die Differenzierung verschiedener Freundschaftsarten (Tugend-, Nutzen- und Lustfreundschaft), deren Verhältnis zur Gerechtigkeit sowie die Rolle der Gleichheit in unterschiedlichen sozialen Konstellationen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, inwieweit Aristoteles Gleichheit als eine zwingende Voraussetzung für Freundschaft voraussetzt und wie er mit Ungleichheiten in Freundschaftsbeziehungen umgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textanalytische philosophische Arbeit, die sich intensiv mit den Originalschriften des Aristoteles (Nikomachische Ethik) auseinandersetzt und diese durch aktuelle fachwissenschaftliche Sekundärliteratur interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des Gerechtigkeitsbegriffs, die Verknüpfung von Freundschaft und Gerechtigkeit sowie eine detaillierte Analyse der Gleichheitsanforderungen hinsichtlich Art, Leistung und Motiven der Freunde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Aristoteles, Nikomachische Ethik, Philia, Tugendfreundschaft, Gleichheit und Gerechtigkeit.
Warum ist das Eltern-Kind-Verhältnis für die Untersuchung so wichtig?
Aristoteles verwendet das Eltern-Kind-Verhältnis als ein komplexes Beispiel, das einerseits Merkmale einer Tugendfreundschaft aufweist, aber gleichzeitig starke Ungleichheiten enthält, was es zu einem spannenden Testfall für die Theorie der Gleichheit macht.
Wie geht Aristoteles mit Freundschaften zwischen ungleichen Partnern um?
Aristoteles akzeptiert Freundschaften zwischen ungleichen Partnern, fordert jedoch einen Ausgleich auf einer anderen Ebene, beispielsweise indem der in einer Hinsicht Unterlegene durch mehr Zuneigung oder andere Leistungen für die Ungleichheit kompensiert.
- Arbeit zitieren
- Felix Haus (Autor:in), 2021, Inwiefern ist laut der Nikomachischen Ethik Gleichheit notwendig für Freundschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1164506