Ziel dieser Seminararbeit soll es sein, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob Nestroys Liebesgeschichten und Heurathssachen die Gattungsbezeichnung Posse verdient oder ob es sich beim Stück vielmehr um ein Volksstück handelt, das als Posse bezeichnet wurde.
Dazu soll zunächst über die Entstehungsgeschichte und erste Kritikerreaktionen aufgeklärt werden. Danach soll definiert werden, was eine Posse ist und darauf, was an Liebesgeschichten und Heurathssachen possenhaft ist. Dieselbe Verfahrensweise wird auch in den nächsten Kapiteln angewendet: Zunächst wird erläutert, was Volkstheater und Volksstück definiert und dann überprüft, welche Elemente davon im Stück vorkommen. Außerdem soll der Einfluss der Zensur auf Nestroys Schaffen erläutert werden und daraufhin gezeigt werden, was dieser für einen Einfluss auf das Stück hatte. Besonders wichtig wird die Textanalyse zu Volkstückelementen im Stück sein. Abschließend sollen die Ergebnisse zusammengefasst werden und anhand dieser gezeigt werden, ob Liebesgeschichten und Heurathssachen mehr Volksstück- oder Possenhaftes in sich trägt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Zum Stück
3 Posse
3.1 Merkmale einer Posse
3.2 Das Possenhafte an Liebesgeschichten und Heurathssachen
4 Volktheater und Volksstück
4.1 Merkmale eines Volksstücks
4.1.1 Satire und Parodie im Volksstücks und bei Nestroy
4.1.2 Die Zensur als Lenker der Volksstückproduktion
4.1.3 Die Darstellung von Ständen als Spiegel der Gesellschaft
5 Was Possen vom Volksstück unterscheidet und Nestroys Position
6 Das Volksstückhafte an Liebesgeschichten und Heurathssachen
6.1 Bezüge zum Adel
6.2 Kapitalismuskritik
6.3 Wie das Patriarchat das Stück bestimmt
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattungszugehörigkeit von Johann Nestroys Theaterstück "Liebesgeschichten und Heurathssachen" (1843). Dabei wird der zentralen Forschungsfrage nachgegangen, ob das Werk als reine Posse einzuordnen ist oder ob es aufgrund seiner sozialkritischen Tiefe und Thematisierung gesellschaftlicher Strukturen gleichermaßen als Volksstück betrachtet werden kann.
- Gattungsbestimmung und Abgrenzung von Posse und Volksstück
- Analyse der Wirkung von Zensur auf das Schaffen von Johann Nestroy
- Untersuchung von Gesellschaftskritik, Kapitalismus und Patriarchat im Stück
- Die Funktion der Hauptfigur Nebel als satirisches Medium und Außenseiter
- Der Einsatz von Parodie und Satire als Mittel zur gesellschaftlichen Kommentierung
Auszug aus dem Buch
3.1 Merkmale einer Posse
Das deutsche Theaterlexikon definiert die Posse folgendermaßen:
Derb-komisches Bühnenstück, das vor allem im Biedermeier in städtischen Gesellschaften blühte u. eine bürgerliche Weltinterpretation darstellt: der Held wird durch allerlei Abenteuer geführt (Freierintrigen, tatsächlicher o. vermeintlicher Ehebruch) u. durch Missverständnisse lächerlich gemacht, bis schließlich Realismus u. „gesunder Menschenverstand“ den guten Ausgang herbeiführen. […] Die P. ist stark lokal gefärbt u. wurde im 19. Jahrhundert vor allem in Wien, Berlin und Hamburg gepflegt.
Diese recht eindeutige Definition spiegelt aber nicht die Auffassung zur Posse in Nestroys Zeit wider; die Geschichte und die Bedeutung der Posse gestalten sich etwas komplizierter. Die Posse hatte ihre Vorläufer wahrscheinlich in Venedig und Mailand, wurde dann von deutschen Wandertruppen verbreitet und war ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die populäre Gattung. In der Regel stand eine lustige Person (Hanswurst-Figur) im Mittelpunkt. Spezifisch für die Posse ist vor allem die lokale Färbung, die durch Mundart, landestypische Gebäude, Bräuche, Gesänge und Tänze dargestellt ist. Allgemein werden zeitgenössische Erfahrungen aus sozialen Schichten, besonders aus niedrigen Ständen, verarbeitet. Possen gab es fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum und ihre Blütezeit war von 1819-1870. Die Stücke sind auf Verwechslung, lustige Zufälle und Übertreibungen aufgebaut und sollen durch derbe Komik Lachen erzeugen. Außerdem sind Possen sind fast immer mit Gesang verbunden. Nestroys Stücke am Alt-Wiener Volkstheater bilden einen Höhepunkt des Genres. Seine und andere späte Possen sind fast immer in drei Akte gegliedert und wirken als Gegenstück zu den höfischen Komödien.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Diskurs um Nestroy sowie die Forschungsansätze zu Posse und Volksstück.
2 Zum Stück: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Entstehungsgeschichte von "Liebesgeschichten und Heurathssachen" und Nestroys Schaffenskontext.
3 Posse: Es werden allgemeine Merkmale der Gattung Posse definiert und das Possenhafte im untersuchten Stück analysiert.
4 Volktheater und Volksstück: Das Kapitel erläutert die Definition des Volksstücks sowie die Rolle von Satire, Parodie, Zensur und Ständedarstellung in diesem Genre.
5 Was Possen vom Volksstück unterscheidet und Nestroys Position: Hier werden die theoretischen Abgrenzungen zwischen Posse und Volksstück diskutiert und Nestroys Umgang mit diesen Gattungsbezeichnungen reflektiert.
6 Das Volksstückhafte an Liebesgeschichten und Heurathssachen: Das Kapitel untersucht die spezifischen volksstückhaften Aspekte wie Kapitalismuskritik, Adelsdarstellung und patriarchale Strukturen im Werk.
7 Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass das Stück Merkmale beider Gattungen in sich vereint.
Schlüsselwörter
Johann Nestroy, Liebesgeschichten und Heurathssachen, Posse, Volksstück, Volkstheater, Zensur, Gesellschaftskritik, Satire, Parodie, Kapitalismuskritik, Patriarchat, Vormärz, Theatergeschichte, Literaturwissenschaft, Wiener Volkstheater.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert Nestroys Theaterstück "Liebesgeschichten und Heurathssachen" und hinterfragt, ob es primär als Posse oder auch als Volksstück zu kategorisieren ist.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf den Gattungstheorien, dem Einfluss der Zensur sowie sozialen Themen wie Kapitalismus, Ständegesellschaft und Patriarchat.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Untersuchung soll klären, ob Nestroys Stück die Bezeichnung Posse verdient oder ob es aufgrund seiner gesellschaftlichen Relevanz als Volksstück gelten muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine Literaturanalyse kombiniert mit einer textnahen Untersuchung des Stücks unter Anwendung gattungstheoretischer Definitionen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Merkmale von Posse und Volksstück im Vergleich, untersucht die Zensurpraxis der Zeit und wendet diese Erkenntnisse auf Nestroys Werk an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Nestroy, Posse, Volksstück, Zensur, Kapitalismuskritik und Gesellschaftsanalyse definieren.
Warum wird die Figur Nebel im Stück so hervorgehoben?
Nebel fungiert als Bindeglied zwischen den Ständen und als satirischer Kommentator, der das Stück durch seine Perspektive für das Publikum in die Realität öffnet.
Welche Rolle spielt die Zensur für Nestroys Schreibstil?
Die Zensur zwang Nestroy dazu, gesellschaftskritische Aussagen subtil zu verpacken, was zu seinem charakteristischen Stil aus Wortspielen und ironischen Anspielungen führte.
Wie bewertet die Arbeit das Ende des Stücks?
Das Ende wird als untypisch interpretiert; Nestroy nutzt ein bewusst konstruiertes happy end, um die Unwahrscheinlichkeit einer solchen Versöhnung in der Realität zu unterstreichen.
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- Linda Steinborn (Author), 2017, "Liebesgeschichten und Heurathssachen" von Johann Nestroy. Ein Volksstück im Possengewand?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1161048