Die Hausarbeit setzt sich mit der Theorie einer „Kritischen Sozialen Arbeit“ auseinander. Eine wissenschaftliche Theorie gezielt als kritisch zu deklarieren, mag auf den ersten Blick mitunter irritierend erscheinen: Ist das kritische Hinterfragen etwaiger Sachverhalte denn nicht das selbstverständliche Fundament allen wissenschaftlichen Handelns? Ist Wissenschaft nicht also per se kritisch? Wieso werden dennoch ganze Bücher mit den „Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit“ gefüllt?
Bei genauerer Beschäftigung mit der Thematik wird schnell klar, dass es einen maßgeblichen Unterschied macht, auf welche Art und Weise Akteure aus Wissenschaft und Praxis Sozialer Arbeit ihre Erkenntnisse, Handlungsweisen und sogar die Findung ihrer Fragestellungen selbst hinterfragen. Soll heißen: Man kann die herrschende Ordnung und gesellschaftliche Normen als selbstverständliche, unumstößliche Manifestationen dem eigenen Gedankenspielraum zugrunde legen, innerhalb des dadurch vorgegebenen Rahmens die eigene Vorgehensweise reflektieren und dies als (selbst-)kritische Haltung bezeichnen. Hierbei werden dann v.a. Fragen nach mehr Effizienz, Optimierbarkeit von Handlungsabläufen und Zielerreichungen in der Arbeit mit Adressat*innen1 Sozialer Arbeit aufgeworfen. Die als Urväter der Kritischen Theorie geltenden Akteure Adorno oder Horkheimer hätten ein solches Vorgehen jedoch mutmaßlich mit Argwohn betrachtet, entspricht es doch keineswegs den Grundzügen ihrer Philosophie, die sie als sog. „Frankfurter Schule“ (Thommen, o. J.) berühmt gemacht hat.
In dieser Ausarbeitung wird aufgezeigt, inwiefern eine kritische Soziale Arbeit – um als kritisch gemäß der gleichnamigen Theorie zu gelten – bestrebt ist, Ordnungswissen anzuzweifeln, sich der Bearbeitung von Devianz zu widersetzen und daher in Konsequenz ihre eigene Lehre und praktische Anwendung, sowie ihre Reflexion und Kritik selbst fortwährend kritisch zu hinterfragen, wobei sie auch vor der Hinterfragung der Kriterien, die der Reflexion und Kritik zugrunde liegen, nicht Halt macht (vgl. Arbeitskreise Kritische Soziale Arbeit, o. J.). Dies soll am Beispiel davon beleuchtet werden, auf welche Weise Soziale Arbeit Menschen mit Beeinträchtigung in den Blick nimmt. Ziel ist ein Erkenntnisgewinn darüber, inwieweit Soziale Arbeit in der Betrachtung dieser Menschen noch immer ausschließende Narrative duldet und selbst reproduziert.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1. SOZIALE ARBEIT ALS KRITISCHE WISSENSCHAFT
1.1 Grundzüge einer kritischen Sozialen Arbeit
1.2 Das Mittel der Reflexivität als Kernelement einer kritischen Perspektive
1.3 Anwendungsbeispiel für den Grundsatz der Reflexivität
2. DIE PRODUKTION SOZIALEN AUSSCHLUSSES DURCH „BE-HINDERUNG“
2.1 „Behindert“ und „Be-Hindert“: Eine begriffliche Differenzierung
2.2 Die Reproduktion ausschließender Narrative in der Arbeit mit „Be-Hinderten“
2.3 Der Inklusionsgedanke als Repräsentation einer kritischen Perspektive
RESÜMEE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das theoretische Fundament einer "Kritischen Sozialen Arbeit" und analysiert deren Anspruch, durch ständige Reflexion ausschließende Narrative zu vermeiden. Ziel der Untersuchung ist es, am Beispiel der sozialen Konstruktion von "Be-Hinderung" aufzuzeigen, wie Soziale Arbeit dazu beitragen kann, gesellschaftliche Exklusionsmechanismen zu dekonstruieren und durch einen Paradigmenwechsel zu einer inklusiven Praxis zu gelangen.
- Kritische Theorie als wissenschaftliches Fundament Sozialer Arbeit.
- Die zentrale Bedeutung der Reflexivität für die Vermeidung von Ordnungswissen.
- Die Differenzierung zwischen behindernden gesellschaftlichen Strukturen und der Zuschreibung von "Behinderung" als Wesensmerkmal.
- Kritik an der Normalisierungspraxis in der Arbeit mit beeinträchtigten Menschen.
- Vom integrativen zum inklusiven Ansatz als Ausdruck kritischer Perspektive.
Auszug aus dem Buch
2.1 „Behindert“ und „Be-Hindert“: Eine begriffliche Differenzierung
Schon Wilhelm von Humboldt erkannte in der Sprache den vielleicht wichtigsten Ausdruck unseres Denkens und beschrieb sie als „(…) das bildende Organ des Gedankens“ (Humboldt, 1988, S. 426). In von uns verwendeten Begriffen und semantischen Zusammenhängen spiegeln sich meist auch Wertezuschreibungen wieder, was Sprache zu einem mächtigen Instrument macht, um Denkweisen nicht nur zu artikulieren, sondern auch zu manifestieren (vgl. Schröder, 2001, S. 4).
Daraus lässt sich folgern, dass ein Umdenken sowohl seinen Anfang als auch seinen Ausdruck in Sprache finden kann. Daher ist zunächst ein Blick auf die in Deutschland allgemeingültige Definition von Behinderung interessant:
„Nach § 2 Abs. 1 SGB IX und § 3 Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) Sind Menschen behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen da und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“ (Welti, 2017, S. 88)
Bei genauerer Betrachtung lassen sich dieser Definition u.a. folgende Sichtweisen auf Menschen mit Behinderung entnehmen: Sie werden nicht etwa durch äußere Umstände behindert, sondern sind schlicht behindert. Ihre Teilhabe wird nicht beeinträchtigt, sondern ist beeinträchtigt. Eine Behinderung stelle somit ein Wesensmerkmal dar. Die Ursache der Hilfsbedürftigkeit wohne somit dem/der Beeinträchtigten selbst inne.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Theorie der "Kritischen Sozialen Arbeit" ein und erläutert die Notwendigkeit, gesellschaftliche Normen und professionelle Handlungsweisen kritisch zu hinterfragen.
1. SOZIALE ARBEIT ALS KRITISCHE WISSENSCHAFT: Dieses Kapitel definiert die Merkmale einer kritischen Wissenschaft, betont die Rolle der Reflexivität als zentrales Element und illustriert dies an der Struktur des Arbeitsmarktes.
1.1 Grundzüge einer kritischen Sozialen Arbeit: Hier werden die drei Säulen einer kritischen Perspektive – befreiungstheoretisch, konflikttheoretisch und gesellschaftstheoretisch – erläutert.
1.2 Das Mittel der Reflexivität als Kernelement einer kritischen Perspektive: Das Kapitel erläutert, wie durch Reflexion die unbewusste Reproduktion herrschaftlicher Narrative in der Wissensproduktion verhindert werden kann.
1.3 Anwendungsbeispiel für den Grundsatz der Reflexivität: Dieses Kapitel veranschaulicht die Theorie anhand des Beispiels der Unterteilung des Arbeitsmarktes und der Werkstätten für Menschen mit Behinderung.
2. DIE PRODUKTION SOZIALEN AUSSCHLUSSES DURCH „BE-HINDERUNG“: Dieses Kapitel überträgt die theoretischen Erkenntnisse auf das Feld der Behinderung und analysiert Exklusionsprozesse.
2.1 „Behindert“ und „Be-Hindert“: Eine begriffliche Differenzierung: Hier wird der Unterschied zwischen der gesetzlichen Definition von Behinderung als Wesensmerkmal und der sozialen Konstruktion von "Be-Hinderung" herausgearbeitet.
2.2 Die Reproduktion ausschließender Narrative in der Arbeit mit „Be-Hinderten“: Das Kapitel kritisiert die konsensorientierte Praxis der Sozialen Arbeit, die oft Normalisierungsprinzipien folgt und damit Non-Konformität ausschließt.
2.3 Der Inklusionsgedanke als Repräsentation einer kritischen Perspektive: Hier wird die Abgrenzung zwischen dem normierenden Integrationsansatz und dem emanzipatorischen Inklusionsansatz dargelegt.
RESÜMEE: Das Resümee fasst die Argumentation zusammen und plädiert für eine Praxis, die die Perspektive der Klienten in den Mittelpunkt stellt, um soziale Gerechtigkeit zu fördern.
Schlüsselwörter
Kritische Soziale Arbeit, Reflexivität, Behinderung, Be-Hinderung, Soziale Konstruktion, Exklusion, Inklusion, Normalisierungsprinzip, Herrschaftsstrukturen, Emanzipation, Ordnungswissen, Disability Studies, Werkstätten für Menschen mit Behinderung, Diskurs, Machtverhältnisse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Verortung der Kritischen Sozialen Arbeit und der Frage, wie diese durch ständige Reflexion dazu beitragen kann, gesellschaftliche Ausschlussmechanismen zu dekonstruieren.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Arbeit behandelt?
Die zentralen Themen sind das Selbstverständnis kritischer Wissenschaft, der Begriff der Reflexivität, die soziale Konstruktion von Behinderung sowie die Kritik an integrativen versus inklusiven Ansätzen in der Praxis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist der Erkenntnisgewinn darüber, inwieweit Soziale Arbeit bei der Betrachtung von Menschen mit Beeinträchtigung ausschließende Narrative reproduziert und wie durch eine kritische Perspektive ein Paradigmenwechsel eingeleitet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse, insbesondere auf Ansätze der Kritischen Theorie, und nutzt das Prinzip der Reflexivität, um bestehende Handlungsmuster der Sozialen Arbeit kritisch zu hinterfragen.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte liegen im Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Kritischen Sozialen Arbeit als Wissenschaft und die Anwendung dieser Perspektive auf das konkrete Beispiel der gesellschaftlichen Konstruktion von Behinderung und der Arbeitsmarktsituation.
Welche Begriffe sind für die Arbeit besonders charakteristisch?
Besonders prägend sind die Begriffe "Be-Hinderung" als soziale Konstruktion, die Reflexivität als professionelle Haltung und die Abgrenzung von Integration gegenüber Inklusion.
Inwiefern unterscheidet die Arbeit zwischen "Behinderten" und "Be-Hinderten"?
Die Arbeit differenziert zwischen der defizitorientierten Sichtweise, die Behinderung als statisches Wesensmerkmal begreift, und der prozesshaften Sichtweise ("Be-Hinderung"), die Behinderung als Konsequenz gesellschaftlicher Barrieren und exkludierender Strukturen versteht.
Warum wird die Arbeit in Werkstätten für Menschen mit Behinderung kritisch hinterfragt?
Die Arbeit kritisiert, dass Werkstätten häufig als unhinterfragter Standard fungieren und die Menschen dort aus einer bevormundenden Perspektive auf ihre Leistungsunfähigkeit reduziert werden, statt die systemischen Ursachen dieser Exklusion zu thematisieren.
- Quote paper
- Simone Rost (Author), 2020, Reflexivität als Element einer kritischen Sozialen Arbeit. Reproduktion ausschließender Narrative über Menschen mit Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1154767