Am 3. September 1786 brach Goethe noch im Morgengrauen nach Italien auf. Der Reiseantritt hatte den Anschein einer Flucht, nicht aufgrund des fehlenden Gepäcks, er hatte nicht viel mit sich, sondern weil bis auf seinen Diener keiner von Goethes Vertrauten seine Absichten kannte.
Doch warum ging Goethe fort? Wollte er genau so wie andere Künstler bei ausländischen Meistern lernen oder im Ausland künstlerische Inspiration suchen? Ja vielleicht war dies der Grund, vielleicht wurde er aber von anderen Umständen dazu bewegt. Sicher war jedoch, dass seine Abreise nichts von einem Bruch mit seinem damaligen Leben hatte. Er wollte wieder zurückkommen (seine zweijährige Reise, die mehr ein Leben in Italien war, sollte zunächst nur wenige Monate dauern), „reicher, gereifter, selbstsicherer.“
„Bey dem Besten was mir wiederfährt hoff ich auf eine glückliche Wiederkehr zu Euch und hoffe wiedergeboren zurückzukommen.“ schrieb Goethe am 18. September 1786 an Herder. Einige Monate später, am 2. Dezember 1786 schrieb Goethe, während seines Romaufenthalts an Charlotte von Stein folgendes. “… mit dem neuen Leben, das einem nachdenkenden Menschen die Betrachtung eines neuen Landes gewährt, ist nichts zu vergleichen. Ob ich gleich noch immer derselbe bin, so mein' ich, bis aufs innerste Knochenmark verändert zu sein".
Wiedergeburt als Ergebnis seiner Reise – ein etwas irritierender Ausspruch. Doch Goethe wollte sich in seiner neuen Existenz ganz frei den Eindrücken hingeben um später wieder völlig nüchtern in die Alltäglichkeit der Gegenwart zurückzukehren.
Gerade hierfür war die fluchtartige Abreise aus Weimar und dem Hofzirkel in dem sich Goethe bewegte genau so notwendig, wie der Verzicht auf einen Reisebegleiter.
Als einen letzten Rückblick auf sein damaliges Leben, schreibt Goethe am 8. September 1786 an Frau von Stein: „Hier oben in einem wohlgebauten, reinlichen
bequemen Hause seh ich nun noch einmal nach dir zurück. …“. Dieser innerliche Abschied von Charlotte von Stein, ermöglicht ihm nun, völlig losgelöst von seinen inneren Zwängen, sich seiner Reise in ein neues Leben zu widmen.
In der folgenden Hausarbeit möchte ich die Veränderung Goethes, die er in Italien durchlebt hat, am Beispiel seiner Zeit in Rom aufzeigen. Hierfür werde ich mich mit
Goethes römischen Freundeskreis, seiner Zusammenkunft mit dem Katholizismus
und seiner Kunstwahrnehmung in Rom beschäftigen sowie seinem zweiten römischen Aufenthalt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Goethe in Rom
2.1 Goethes römischer Freundeskreis
2.2 Goethes Zusammenkunft mit dem Katholizismus
2.3 Goethe und die Kunst
3. Schlusswort
4. Quellenverzeichnis:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den persönlichen und künstlerischen Wandlungsprozess Johann Wolfgang von Goethes während seines Italienaufenthalts, mit einem spezifischen Fokus auf seine prägende Zeit in Rom.
- Goethes Beweggründe für die fluchtartige Abreise aus Weimar.
- Die Bedeutung des römischen Freundeskreises für Goethes künstlerische Entwicklung.
- Die ambivalente Auseinandersetzung mit dem Katholizismus als Protestant.
- Goethes Rezeption der antiken Kunst und seine theoretische sowie praktische Auseinandersetzung mit der Malerei.
Auszug aus dem Buch
2. Goethe in Rom
„… und ich zähle einen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiedergeburt, von dem Tag an, da ich Rom betrat.“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe im Alter von 37 Jahren als er am 29. Oktober 1786 in Rom ankam. Für Goethe war diese Ankunft all das was er schon sein ganzes Leben vermisst hat. In Rom fühlte er sich sofort wie zu Hause, als ob er nie woanders gelebt hätte. Schon in seiner Kindheit wurde er von seinem Vater mit Rom vertraut gemacht, als dieser von seiner Italienreise viele Erinnerungsstücke und Antiquitäten mitbrachte. Diese wurden für Goethe die Einrichtungen seiner Kindheit und hatten einen großen Einfluss auf den jungen Goethe. Die Begierde nach Rom zu kommen musste unheimlich groß gewesen sein. Wenn man bedenkt, dass er in dieser Stadt bei seinem ersten Aufenthalt vier Monate verweilte und seine Reise dorthin nur knapp zwei Monate dauerte, wie reizlos mussten dann die anderen Städte für ihn sein. Goethe selbst schrieb am 1. November 1786 folgendes: „Die Begierde nach Rom zu kommen war so groß, dass kein Bleiben mehr war, und ich mich nur drei Stunden in Florenz aufhielt.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beleuchtet die Gründe für Goethes überstürzte Abreise aus Weimar und seine Suche nach einem „neuen Leben“ sowie einer persönlichen Wiedergeburt durch die Reise.
2. Goethe in Rom: Analysiert das Ankommen in der Ewigen Stadt, die den Wendepunkt seiner Existenz markiert und seine künstlerische Reifung einleitet.
2.1 Goethes römischer Freundeskreis: Beschreibt den Einfluss enger Gefährten wie Tischbein, Meyer, Reiffenstein und Angelika Kauffmann auf Goethes künstlerische Wahrnehmung und zeichnerische Übungen.
2.2 Goethes Zusammenkunft mit dem Katholizismus: Erörtert das Spannungsfeld zwischen der Faszination des protestantischen Reisenden für katholische Riten und der gleichzeitigen Distanznahme aufgrund dogmatischer Starrheit.
2.3 Goethe und die Kunst: Untersucht Goethes Wandel in seiner Kunstauffassung, die sich von Winckelmanns Idealen löst und durch praktisches Studium sowie den Austausch mit Künstlern eine eigene Tiefe gewinnt.
3. Schlusswort: Führt zusammen, dass die „Italienische Reise“ primär ein Dokument über Goethes persönliche Wandlung und seine Suche nach einer authentischen Lebensform ist.
4. Quellenverzeichnis: Listet die verwendete Primär- und Sekundärliteratur zur Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Goethe, Italienische Reise, Rom, Katholizismus, Wiedergeburt, Künstlerkreis, Kunstwahrnehmung, Tischbein, Angelica Kauffmann, Weimar, Reiseliteratur, Ästhetik, Protestantismus, Selbsterkenntnis, Klassizismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Hausarbeit?
Die Arbeit analysiert die tiefgreifende persönliche und künstlerische Transformation Goethes während seines Italienaufenthalts, insbesondere in Rom.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen Goethes soziale Integration in Künstlerkreise, seine religiöse Auseinandersetzung mit dem Katholizismus und seine Weiterbildung in der bildenden Kunst.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Goethe durch die Reise seine „Wiedergeburt“ erlebte und sich von den Zwängen der Weimarer Hofkultur befreite.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär Goethes „Italienische Reise“ sowie einschlägige Sekundärliteratur zu seinem römischen Umfeld auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Kernbereiche: den Einfluss des römischen Freundeskreises, die Ambivalenz gegenüber dem Katholizismus und die Entwicklung von Goethes Kunstverständnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Goethe, Rom, Wiedergeburt, Kunstwahrnehmung, Künstlerkreis und Italienische Reise.
Warum spielt das Thema Katholizismus eine so große Rolle für den Autor?
Weil es die Spannung zwischen Goethes protestantischer Herkunft und der sinnlich erfahrbaren religiösen Kultur Roms als einen zentralen Reifungsprozess darstellt.
Welche Bedeutung hatten Goethes Freunde für seine künstlerische Entwicklung in Rom?
Freunde wie Tischbein und Angelika Kauffmann dienten nicht nur als Begleiter, sondern boten Goethe durch fachlichen Austausch und gemeinsames Zeichnen eine fruchtbare Umgebung, um seine eigenen künstlerischen Fähigkeiten zu schulen.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Anna Sliwa (Autor:in), 2006, Goethes "Italienische Reise", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/115250