Brutale Mordfälle erwecken durch die mediale Berichterstattung immer wieder öffentliche Diskussionen. Innerhalb dieser gesellschaftlichen Diskurse lagern sich bestimmte Kategorien ab, welchen dann bestimmte Straftaten beziehungsweise Straftäterinnen und Straftäter zugeordnet werden. Diese entstehenden Kategorien, welche auf strafrechtlicher
Ebene weitreichende Konsequenzen für die Täterinnen und Täter mit sich bringen, können als soziale Konstrukte beschrieben werden. Diese Arbeit wird die Entstehung dieser sozialen Konstrukte thematisieren und dies am Beispiel des Lustmörders verdeutlichen. Im Kontext des Lustmörders wird in dieser Arbeit bewusst das männliche Geschlecht verwendet, da zu dieser Tätergruppe vorwiegend Männer zählen.
Für die Erarbeitung des Themas gilt es in einem ersten Schritt die Begrifflichkeiten der Allgemeinen Kriminalitätstheorie sowie des Sozialkonstruktivismus zu erläutern. Dies dient sowohl als Grundlage für die gesamte Arbeit als auch für die Erklärungen zum Makro-Mikro-Makro-Modell. Anschließend werden in einem folgenden Gliederungspunkt Erläuterungen zur Thematik des Fremdverstehens folgen. Dieses wird anhand der Sinn- und Motivzuweisungen im Rahmen der Kriminalsoziologie erklärt. In einem weiteren Gliederungspunkt folgen begriffliche Erläuterungen zur Kategorie des Lustmörders, welche zudem an einem Beispiel genauer dargestellt wird. Anschließend werden die erarbeiteten
Inhalte auf die Frage nach der sozialen Konstruktion der Kategorie des Lustmörders bezogen. Die Arbeit endet mit einem Fazit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erläuterungen
2.1 Allgemeine Kriminalitätstheorie und Sozialkonstruktivismus
2.2 Das Makro-Mikro-Makro-Modell
3. Fremdverstehen: Sinn- und Motivzuweisungen in der Kriminalsoziologie
4. Der Lustmörder
4.1 Begrifflichkeit und Beispiel
4.2 Die soziale Konstruktion des Lustmörders
5. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie kriminelle Kategorien durch gesellschaftliche Diskurse sozial konstruiert werden, wobei der Fokus exemplarisch auf dem Begriff des „Lustmörders“ liegt. Es wird analysiert, inwiefern Sinn- und Motivzuweisungen in der Kriminologie keine objektiven Wahrheiten darstellen, sondern das Ergebnis interpretativer Prozesse sind, die durch kollektive Wissensvorräte und gesellschaftliche Strukturen geprägt werden.
- Sozialkonstruktivistische Perspektive auf Kriminalität
- Wechselwirkung zwischen gesellschaftlicher Makro-Ebene und individueller Mikro-Ebene
- Prozesse des Fremdverstehens und der Motivunterstellung
- Der Einfluss medialer und fachwissenschaftlicher Diskurse auf die Kategorienerstellung
- Die gesellschaftliche Bedeutung der Kategorie „Lustmörder“
Auszug aus dem Buch
4.1 Begrifflichkeit und Beispiel
Als Lustmörder werden in der Kriminologie Täter bezeichnet, welchen als Motiv die Befriedigung des Geschlechtstriebs unterstellt wird. Jeder Handlung werden sexuelle Dimensionen zugeschrieben, da die als Triebtäter einzuordnende Gruppe ihre sexuellen Impulse nicht unterdrücken könnten (vgl. ebd. S. 276). Am Beispiel dieser Tätergruppe kann exemplarisch sehr gut aufgezeigt werden, wie der subjektiv gemeinte Sinn einer Handlung, also die tatsächliche individuelle Motivation des Täters, durch einen intersubjektiven Zuweisungsprozess im Rahmen des Fremdverstehens ersetzt wird. Den Tätern wird unterstellt, sie würden jenen Schemata folgen, welche die Beobachter für ihren Typus Mensch, also für Triebtäter, annehmen würden (vgl. Schetsche / Hoffmeister 2005, S. 276). Diese Motivzuweisungen erfolgen im Rahmen der Kriminologie durch Gutachtende, welche mit einer Ermittlungsbehörde die Straftaten des Täters rekonstruieren. Bei der Arbeit der Gutachtenden ist eine Vielzahl an Merkmalen von Bedeutung, wie beispielsweise die „Art und Zahl der Wunden, die Spurenlage an Tat- und Fundort, vorauszusetzende Fähigkeiten des Täters usw.“ (ebd., S. 274). Durch die Analyse dieser Merkmale wird versucht, Rückschlüsse auf Motiv und Identität des Täters zu schließen. Im Folgenden wird anhand des Falles von Kürten durch den Gutachter Karl Berg aus den 1930er Jahren exemplarisch dargestellt, wie solche Motivzuweisungen in der Kriminologie von statten gehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt anhand des Falls Manfred Seel in die Thematik ein und erläutert die Zielsetzung, Kriminalität als soziales Konstrukt am Beispiel des Lustmörders zu untersuchen.
2. Erläuterungen: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen des Sozialkonstruktivismus und das Makro-Mikro-Makro-Modell dargelegt, um die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Strukturen und individuellem Handeln zu erklären.
3. Fremdverstehen: Sinn- und Motivzuweisungen in der Kriminalsoziologie: Hier wird der Prozess des „deutenden Verstehens“ oder „Fremdverstehens“ analysiert, durch den Beobachter kriminellen Handlungen Motive unterstellen.
4. Der Lustmörder: Dieses Kapitel verknüpft die theoretischen Ansätze mit der konkreten Kategorie des Lustmörders und verdeutlicht, wie diese durch gesellschaftliche Wissensvorräte konstruiert wird.
5. Fazit: Das Fazit resümiert die Erkenntnisse und betont, dass die Zuweisung einer kriminellen Identität stets eine Bewertung auf Basis kollektiver Wissensvorräte ist, die weitreichende Konsequenzen für die Betroffenen hat.
Schlüsselwörter
Sozialkonstruktivismus, Kriminalitätstheorie, Makro-Mikro-Makro-Modell, Fremdverstehen, Sinnzuweisung, Motivzuweisung, Lustmörder, Triebtäter, Kriminologie, soziale Konstruktion, gesellschaftliche Diskurse, Deutungsschemata, Gutachtende, Kriminalsoziologie, Wissensvorräte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie kriminelle Kategorien, insbesondere die des Lustmörders, nicht als natürliche Gegebenheiten, sondern als soziale Konstrukte zu verstehen sind, die durch gesellschaftliche Diskurse entstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen den Sozialkonstruktivismus, die Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft, die kriminologische Praxis des Fremdverstehens sowie die Entstehung von Täterbildern.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch Prozesse der Sinn- und Motivzuweisung kriminalistische Kategorien entstehen und welche Rolle das kollektive Wissen der Gesellschaft dabei spielt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit kriminologischen und soziologischen Modellen, insbesondere dem Makro-Mikro-Makro-Modell und dem Konzept des Fremdverstehens nach Alfred Schütz.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Erläuterungen, die Analyse von Sinnzuschreibungsprozessen und die Anwendung dieser Erkenntnisse auf das spezifische Beispiel des Lustmörders.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Sozialkonstruktivismus, Motivzuweisung, Fremdverstehen, Kriminalitätsphänomene und das Makro-Mikro-Makro-Modell.
Wie beeinflusst das Makro-Mikro-Makro-Modell die Interpretation von Verbrechen?
Das Modell verdeutlicht, dass individuelles Handeln (Mikro) und gesellschaftliche Strukturen (Makro) sich wechselseitig bedingen; Kriminalität wird so als Phänomen sichtbar, das in einer ständigen Feedbackschleife zwischen Gesellschaft und Individuum reproduziert wird.
Warum ist das "Fremdverstehen" bei Mordfällen so problematisch?
Weil es keine objektive Methode ist, um das Innere eines Täters zu erfassen; stattdessen beruht es auf der Selbstauslegung des Beobachters, der auf Basis eigener Wissensvorräte dem Täter Motive unterstellt, die institutionelle Folgen haben können.
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- Hannah Adam (Author), 2021, Die soziale Konstruktion des Lustmörders. Die sozialkonstruktivistische Entstehung krimineller Kategorien am Beispiel des Lustmörders, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1152377