In dieser Arbeit soll auf die Ursachen und Motive für Werthers späteren Selbstmord in "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe eingegangen werden. Im Vordergrund wird jedoch die Frage stehen, inwiefern sich im Briefroman Indizien für die Schuld an Werthers Selbstmord finden lassen und ob die hier herausgearbeiteten Handlungen oder Äußerungen Werther wirklich zum Selbstmord verleitet haben. Hierbei muss beachtet werden, dass man sich "keiner dieser veranschlagten Ursachen definitiv sicher sein [kann], da sie rational Wissen über eine Tat herzustellen suchen, die ganz offensichtlich keine rationalen Gründe hat". Des Weiteren muss bedacht werden, dass es sich hier lediglich um die Ausarbeitung von Indizien handelt und die im Fazit gelieferte Schuldzuweisung nur auf dieser Basis getroffen wurde.
Zunächst soll Werthers und Lottes Beziehung genauer auf die Schuldfrage hin untersucht werden. Zu diesem Zweck wird auch die zweite Fassung des Romans hinzugezogen, da sich darin Textstellen befinden, welche in der ersten Fassung nicht abgedruckt wurden. Ferner wird die Figur Alberts und dessen Verhalten gegenüber Werther näher beleuchtet. Es erfolgt die Untersuchung der Beziehung Werthers zur Literatur und seines Platzes in der Gesellschaft, wo sich bereits Anlagen finden, welche für Werthers späteres Scheitern verantwortlich sind. Abschließend soll auf Werthers Gefühlswelt und seine im Selbstmordgespräch erwähnte "Krankheit zum Tode" eingegangen werden. Schlussendlich werden in einem Fazit die Ergebnisse der Untersuchung zusammengetragen und die eingangs gestellte Frage, ob eine eindeutige Schuldzuweisung an Werthers Selbstmord möglich ist, soll geklärt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Werther und Lotte
2.1 Werthers ‚Liebe‘ zu Lotte
2.2 Lottes Schuld
3. Alberts Schuld
4. Werthers Position in der Gesellschaft
5. Werther und die Literatur
6. Werthers Krankheit zum Tode
7. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen und Motive für den Suizid der Hauptfigur in Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern sich im Text Indizien finden lassen, die eine Schuldzuweisung an Dritte – insbesondere an Lotte und Albert – rechtfertigen oder ob der Selbstmord als Folge einer inneren psychischen Verfassung zu deuten ist.
- Analyse der ambivalenten Beziehung zwischen Werther und Lotte sowie deren Einfluss auf Werthers Suizidgedanken.
- Untersuchung der Rolle Alberts und dessen Verhalten als Katalysator für die Zuspitzung der Konfliktsituation.
- Betrachtung von Werthers gesellschaftlicher Isolation und seinem Scheitern innerhalb sozialer Strukturen.
- Kritische Reflexion der literarischen Einflüsse (Homer, Ossian, Emilia Galotti) auf Werthers Weltbild und Handlungsweise.
- Einordnung der psychischen Disposition („Krankheit zum Tode“) im Kontext des 18. Jahrhunderts.
Auszug aus dem Buch
2.1 Werthers ‚Liebe‘ zu Lotte
Lottes Schuld kann danach beurteilt werden, ob sie die Möglichkeit gehabt hätte, Werthers Gefühle für sie zu beeinflussen. Doch es ist fraglich, inwiefern es sich bei Werthers Gefühlen für Lotte tatsächlich um Liebe handelt und ob noch weitere Gefühle die Beziehung der beiden beeinflussen.
Bevor Werther auf Lotte trifft, schildert er in einem seiner ersten Briefe an den Freund Wilhelm eine zurückliegende Beziehung, welche aufgrund des frühzeitigen Todes der Jugendliebe gescheitert ist (vgl. W 20). Dort schreibt er: „Aber ich hab sie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu seyn als ich war, weil ich alles war was ich seyn konnte“ (W 20). Bereits hier wird deutlich, dass Werthers letzte gescheiterte Beziehung darauf basierte, dass er sich in der Gegenwart der Geliebten mehr wert fühlte als ohne sie. Genau dieses Motiv tritt dann aber auch in Bezug auf Lotte auf, so schildert er in seinem Brief vom 13. Juli 1771 in der zweiten Fassung: „Und wie werth ich mir selbst werde, wie ich […] mich selbst anbethe, seitdem sie mich liebt“ (W 77). Seit dem Tod seiner Jugendfreundin ist Lotte also die erste Person, bei der Werther sich selbst sicher sein kann und ganz zu spüren scheint.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Suizids bei Werther ein und erläutert die methodische Vorgehensweise, bei der Indizien für eine potenzielle Schuld Dritter untersucht werden.
2. Werther und Lotte: Dieses Kapitel analysiert die komplexe Beziehung zwischen den beiden Figuren und beleuchtet, inwiefern Lottes Verhalten als Auslöser oder Verstärker von Werthers suizidalen Tendenzen gewertet werden kann.
3. Alberts Schuld: Hier wird Alberts Rolle hinterfragt, insbesondere hinsichtlich seiner Entscheidung, Werther die Pistolen für den Suizid zur Verfügung zu stellen.
4. Werthers Position in der Gesellschaft: Der Fokus liegt auf der sozialen Entfremdung Werthers und der Unvereinbarkeit seiner Lebensvorstellungen mit der zeitgenössischen Gesellschaft.
5. Werther und die Literatur: Es wird untersucht, wie die Lektüre von Werther (Homer, Ossian, Emilia Galotti) seine Wahrnehmung der Wirklichkeit prägt und seinen Entschluss zum Suizid stützt.
6. Werthers Krankheit zum Tode: Das Kapitel befasst sich mit der psychischen Verfassung Werthers und der im Roman thematisierten „Krankheit zum Tode“ als innerem Grund für sein Scheitern.
7. Fazit: Die Untersuchungsergebnisse werden zusammengeführt, wobei betont wird, dass der Suizid aus einem vielschichtigen Komplex aus inneren Veranlagungen und äußeren Umständen resultiert.
Schlüsselwörter
Werther, Johann Wolfgang von Goethe, Suizid, Schuldfrage, Lotte, Albert, Briefroman, Melancholie, Literaturrezeption, Identitätskrise, gesellschaftliche Isolation, Ossian, Emilia Galotti, Krankheit zum Tode, Narzissmus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Ursachen für Werthers Selbstmord in Goethes Roman, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Frage liegt, ob und inwiefern anderen Figuren eine Schuld an diesem Schicksal zugeschrieben werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Untersuchung deckt die Bereiche zwischenmenschliche Beziehungen, gesellschaftliche Konventionen, literarische Beeinflussung und psychologische Zustandsbeschreibungen ab.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die vielschichtigen Motive des Suizids zu entwirren und zu klären, ob eine eindeutige Zuweisung von Verantwortung gegenüber Lotte oder Albert haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine textanalytische Untersuchung durchgeführt, die sich auf die Briefe des Romans stützt und unter Hinzuziehung sekundärliterarischer Interpretationen die Handlungsweise der Figuren auslotet.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Werthers Beziehung zu Lotte, die Rolle Alberts, Werthers gesellschaftliche Stellung, seine Literaturbegeisterung und seine psychische Verfassung.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Werther, Suizid, Schuldfrage, Melancholie und die Bedeutung der Literatur als identitätsstiftendes Medium.
Wie bewertet die Arbeit Lottes Rolle bei der Pistolenübergabe?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Lottes Rolle ambivalent ist; ihr Zögern wird als Zeichen der inneren Zerrissenheit gedeutet, doch ihre tatsächliche Herausgabe der Waffen stellt ein schwerwiegendes Indiz in der Schuldfrage dar.
Welche Rolle spielt die Literatur laut der Autorin für Werthers Ende?
Die Autorin argumentiert, dass die Literatur für Werther nicht nur Katharsis bietet, sondern ihn tiefer in den Abgrund treibt, da er seine Gefühle in die gelesenen Werke projiziert und sich durch diese in seinem Entschluss zum Suizid bestätigt sieht.
- Arbeit zitieren
- Lena Stabel (Autor:in), 2018, Werthers Selbstmord in "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe. Indizien für die Schuld, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1151971