Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem pädagogischen Verhältnis nach Winfried Böhm (*1937) auseinander. Seine auf dem personalistischen Konzept basierenden Arbeiten gehören zu den Standardwerken der Pädagogik in Deutschland. Darüber hinaus erlangte er durch zahlreiche Gastprofessuren internationale Beachtung.
Im Rahmen des Seminars der Erziehungs- und Bildungstheorien stellte die Auseinandersetzung mit Böhms pädagogischem Hauptwerk den Themenschwerpunkt dar. Im Kontext dieser Texterschließung ergab sich Böhms spezifische Betrachtung der pädagogischen Beziehung. Um ein fundiertes Wissen über sein edukatives Theorem zu erlangen, wird in dieser Arbeit der folgenden Frage nachgegangen: Wie kann das pädagogische Verhältnis nach Böhm unter Berücksichtigung des pädagogischen Bezugs nach Nohl charakterisiert werden?
Die spezifische Interaktion zwischen Zögling und Erziehenden wurde erstmals wissenschaftlich durch die Fachterminologie des „pädagogischen Bezugs“ nach Hermann Nohl (1879-1960) erfasst. Auf Grund dessen scheint es gerechtfertigt, diesen zur Analyse und Systematisierung des pädagogischen Verhältnisses nach Böhm heranzuziehen. Die aus dem Vergleich resultierenden Differenzen und Gemeinsamkeiten der beiden Konzepte werden im Textverlauf hervorgehoben und erläutert.
Grundlage des wissenschaftlichen Traktats bilden die Inhalte aus dem oben genannten Werk Böhms sowie das erstmals 1935 publizierte Werk Nohls „Die pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie“, in dem er sich der systematischen Begriffsbestimmung des pädagogischen Bezugs annimmt. Um den ideengeschichtlichen Kontext zu verdeutlichen, werden die den edukativen Konzepten zugrundeliegenden pädagogischen Strömungen kurz skizziert.
Ausgangspunkt der Arbeit bildet und nachfolgend kritisch betrachtet wird. Darauf aufbauend schließt sich der Themenschwerpunkt der Arbeit an, indem zunächst das personalistische Konzept und ferner das pädagogische Verhältnis nach Böhm analysiert werden. Abschließend wird auch das Verständnis des spezifischen Verhältnisses zwischen Educandus und Erziehenden nach Böhm einer kritischen Reflexion unterzogen. Im Fazit werden die wichtigsten Erkenntnisse der vorangegangenen Erörterung zusammengefasst und auf ihre gegenwärtige Bedeutung für die Pädagogik hin überprüft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die geisteswissenschaftliche Pädagogik
2.1 Der pädagogische Bezug nach Nohl
2.2 Kritik am pädagogischen Bezug
3. Der Personalismus
3.1 Das pädagogische Verhältnis im Erziehungsverständnis nach Böhm unter Berücksichtigung des pädagogischen Bezugs nach Nohl
3.2 Bewertung des pädagogischen Verhältnisses
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das pädagogische Verhältnis nach Winfried Böhm und setzt es in Bezug zur Fachterminologie des „pädagogischen Bezugs“ nach Hermann Nohl. Ziel ist es, das edukative Theorem Böhms auf Basis personalistischer Konzepte zu charakterisieren, Gemeinsamkeiten sowie Differenzen zur geisteswissenschaftlichen Pädagogik aufzuzeigen und die Bedeutung des kindlichen Personseins für die erzieherische Praxis zu analysieren.
- Grundlagen der geisteswissenschaftlichen Pädagogik und die Rolle von Hermann Nohl.
- Einführung in den Personalismus und dessen Einfluss auf das pädagogische Denken.
- Böhms Verständnis des pädagogischen Verhältnisses als prozessorientierte Praxis.
- Kritische Reflexion über Mündigkeit, Unmündigkeit und die Autonomie des Individuums.
- Die Bedeutung von Wertschätzung, Empathie und Dialog im erzieherischen Handeln.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das pädagogische Verhältnis im Erziehungsverständnis nach Böhm unter Berücksichtigung des pädagogischen Bezugs nach Nohl
Um das pädagogische Verhältnis umfassend skizzieren zu können, bedarf es zunächst einer Erläuterung des Personenverständnisses nach Böhm. Der zentralen Bestimmung der Person inhärent sind ihre „Subjektivität“ (Böhm 2011, S. 127) sowie die „Substantialität“ (ebd., S.130). Unter Subjektivität versteht Böhm das Selbstbewusstsein des Individuums, welches in diesem Kontext nicht als eine Gefühlslage verstanden werden soll, sondern respektiv das autonome Realisieren von Entscheidungen und deren Verbalisierung in zwischenmenschlichen Beziehungen meint (vgl. ebd., S. 127).
Substantialität umfasst das Personsein als „notwendige Wesensbestimmung des Menschen“ (ebd., S. 130) sowie die individuelle Verwirklichung eines jeden Menschen und ist nicht als Gedankenkonstrukt, sondern vielmehr als „Realität sui generis“ (ebd.) zu verstehen (vgl. ebd.).
Insbesondere aus dem Merkmal der Wesensbestimmung resultiert die pädagogische Grundannahme Böhms, dass jedes Kind bereits Person ist und daher nicht unter dem edukativen Einwirken als solche konstruiert werden kann. Hier zeigt sich eine Differenz zu Nohls negativer anthropologischer Annahme, da er den Zögling als ein sich noch zu entwickelndes Individuum bestimmt, dass auf die Unterstützung eines älteren Erziehenden angewiesen ist (vgl. Nohl 2002, S. 159).
Dem Verständnis des pädagogischen Verhältnisses nach Böhm inbegriffen ist die achtsame und würdevolle Haltung dem Educandus gegenüber (vgl. Böhm 2011, S. 129). Verbunden mit dieser Auffassung ist die Perspektive der Erziehung als Praxis. Böhm differenziert in seinem Werk zwischen der Edukation als Poiesis und Praxis. „Gegenstand der Poiesis ist das herstellende Verfertigen von Dingen und Werken“ (ebd., S. 25) und kann im edukativen Kontext als eine zielorientierte Pädagogik verstanden werden. Durch das pädagogische Einwirken ist der Mensch ein „Werk der Erziehung“ (ebd., S. 76, Hervorhebung im Original). Die Praxis steht dem komplementär gegenüber und sieht das Individuum als „Werk seiner selbst“ (ebd., S. 75, Hervorhebung im Original), welches durch die Erziehung angeregt und unterstützt wird (vgl. ebd.), und somit als prozessorientierte Pädagogik interpretiert werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die erziehungswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Winfried Böhms pädagogischem Verhältnis ein und definiert die Forschungsfrage im Kontext zum pädagogischen Bezug nach Nohl.
2. Die geisteswissenschaftliche Pädagogik: Dieses Kapitel erläutert die Grundannahmen der geisteswissenschaftlichen Pädagogik sowie die theoretischen Grundlagen des pädagogischen Bezugs nach Nohl und dessen Kritikpunkte.
3. Der Personalismus: Hier werden die philosophischen Wurzeln des Personalismus dargelegt und Böhms Verständnis der Person sowie der pädagogischen Praxis als Werk seiner selbst analysiert.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, betont die Affinität zwischen den Ansätzen von Böhm und Nohl und reflektiert die Bedeutung einer kompetenzorientierten, wertschätzenden Haltung für die moderne Pädagogik.
Schlüsselwörter
Pädagogisches Verhältnis, Winfried Böhm, Hermann Nohl, Personalismus, Geisteswissenschaftliche Pädagogik, Edukation, Personsein, Mündigkeit, Selbstbildung, Autonomie, Dialog, Erziehung, Kindliche Bedürfnisse, Individualpädagogik, Erzieherisches Handeln.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Erziehungsverständnis von Winfried Böhm und vergleicht es mit dem Konzept des pädagogischen Bezugs von Hermann Nohl, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der pädagogischen Grundhaltung herauszuarbeiten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit konzentriert sich auf die geisteswissenschaftliche Pädagogik, den Personalismus als philosophische Basis, das Personverständnis, die Dialektik von Erziehung als Poiesis und Praxis sowie die Autonomie des Zöglings.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet, wie das pädagogische Verhältnis nach Böhm unter Berücksichtigung des pädagogischen Bezugs nach Nohl charakterisiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf der hermeneutisch-interpretativen Methode der Texterschließung, um die edukativen Theorien von Böhm und Nohl systematisch zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Konzepte von Nohl und der geisteswissenschaftlichen Pädagogik erläutert, gefolgt von einer tiefgehenden Analyse des personalistischen Erziehungsverständnisses nach Böhm und einer Bewertung der pädagogischen Beziehung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Schlüsselbegriffen gehören das pädagogische Verhältnis, der Personalismus, die Subjektivität und Substantialität der Person sowie die Ermutigung zur Mündigkeit.
Wie unterscheidet Böhm zwischen der Erziehung als Poiesis und Praxis?
Böhm definiert Poiesis als herstellendes, zielorientiertes Wirken, während er die Praxis als prozessorientierte Unterstützung versteht, die das Individuum als „Werk seiner selbst“ betrachtet.
Warum ist das Verständnis von Person bei Böhm zentral?
Für Böhm ist jedes Kind bereits eine Person, weshalb Erziehung nicht als Konstruktion des Kindes, sondern als Hilfe zur Entfaltung und Aktuierung des bereits vorhandenen Personseins verstanden wird.
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- Stefanie Kaya (Author), 2019, Winfried Böhms Erziehungstheorie. Eine Analyse seines pädagogischen Verhältnisses, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1151889