In dieser Arbeit wird das Gedicht "Jeremia" von Rainer Maria Rilke analysiert. Dabei wird besonders untersucht, in welcher Beziehung der Prophet zur Sprache steht und inwieweit die Worte des Gottesbotschafters eine eigene Sprachmacht entwickeln. Am Anfang der Analyse steht eine Betrachtung von Metrik, Reimen und Klanglichkeit. Zweitens werden die Perspektivität und die Redeformen beleuchtet und anschließend die zeitlichen Strukturen im Gedicht ermittelt. Den größten Teil nimmt die Untersuchung von Bildlichkeit und Wortgebrauch ein.
Rilke interessierte sich zeit seines Lebens für den Raum zwischen Diesseits und Jenseits, göttlichem und menschlichem. Er sah göttliches in Dingen und transzendentes im Alltäglichen. Im Alten Testament fand er die Propheten als Figuren, die sich in diesem Raum bewegten. Von dreiundzwanzig Gedichten, die auf biblische Figuren zurückgreifen, haben sieben einen der Gottesmänner im Zentrum. Dabei finden wir aber nicht siebenmal dieselbe Figur. Denn so wie sich Rilkes Gottesverständnis im Laufe seines Schaffens von einem pantheistischen Gottesgefühl über einen gewaltsamen Gott hin zu einem fernen nietzscheanischen Gott wandelt, so entwickelte sich auch sein Prophetenbild.
In "Jeremia" treffen wir auf einen Propheten, der in einer engen Beziehung zu seinem sehr gewaltsamen Gott steht. Er wird von Gott gebraucht und missbraucht und ausgestattet mit einer gewaltigen Stimme, die unheilbringende Worte ausspricht. Dass der Prophet im Gedicht mehr ist als nur ein Botschafter für Gott, wird schnell ersichtlich. Die Worte haben eine eigene Macht und Kraft, die sogar das Leben des Jeremia beeinflussen, bedrohen, aber auch bedingen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Analyse von „Jeremia“
1.1. Formale Analyse
1.1.1. Metrik und Reime
1.1.2. Klanglichkeit
1.2. Perspektivität und Redeformen
1.3. Zeitstruktur und Szenen
1.4. Wort- und Bildgebrauch
2. Fazit: Ein Kampf zwischen Wort, Gott und Mensch
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht Jeremia von Rainer Maria Rilke mit einem besonderen Fokus auf das Verhältnis des Propheten zur Sprache und die Entwicklung einer eigenständigen Sprachmacht. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, inwiefern der Prophet als Sprachrohr Gottes fungiert und wie sich durch die ständige Konfrontation mit göttlichem Zwang eine Dynamik zwischen göttlichem Auftrag und menschlicher Identität entwickelt.
- Rilkes Prophetenbild im Kontext seines Gottesverständnisses
- Formale Analyse der Gedichtstruktur, Metrik und Klanglichkeit
- Zeitliche Dimensionen und die Darstellung von Apokalypse
- Analyse der Metaphorik, insbesondere der Mund- und Wund-Symbolik
- Die Entwicklung des Machtgefüges zwischen Gott, Sprache und dem Propheten-Ich
Auszug aus dem Buch
1.4. Wort- und Bildgebrauch
In diesem Kapitel soll nun auf Bildlichkeit und Stilmittel im Gedicht, sowie ihre Verbindungen untereinander eingegangen werden.
Der Rückblick in die Vergangenheit im ersten Vers transportiert klanglich Ruhe. Der Vergleich des Ichs mit der weichen Beschaffenheit von „frühe[m] Weizen“ bezieht sich auf seine Jugendlichkeit, besonders auf die weiche Haut.16 wahrscheinlich ist aber auch das Herz des Propheten gemeint, bzw. sein innerer Zustand, der hier noch weich ist.
Im zweiten Vers spricht das Ich das Du als „Rasender“ an. Der Angesprochene wird auf seine Emotion reduziert. Durch die Partizipform des Wortes wird die Emotion zum Dauerzustand, oder sogar zur Identität des Angesprochenen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in Rilkes spezifisches Gottesverständnis und sein Interesse an biblischen Prophetenfiguren ein, wobei das Gedicht Jeremia als Beispiel für einen intensiven, gewaltvollen Dialog zwischen Gott und Mensch positioniert wird.
1. Analyse von „Jeremia“: Dieser Hauptteil untersucht detailliert die formale Gestaltung (Metrik/Klang), die spezifische Perspektivwahl, die zeitliche Struktur sowie die zentrale Metaphorik des Mundes und der Sprache in Rilkes Gedicht.
2. Fazit: Ein Kampf zwischen Wort, Gott und Mensch: Das Fazit fasst zusammen, wie das Gedicht eine Entfremdung und schließliche (wenn auch tragische) Selbstbefreiung des Propheten durch die Verselbstständigung der Sprache inszeniert.
Schlüsselwörter
Rainer Maria Rilke, Jeremia, Prophet, Lyrikanalyse, Gottesbild, Sprachmacht, Neue Gedichte, Metrik, Symbolik, Identität, Weltgericht, Rollengedicht, Apokalypse, Leid, biblische Motive
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Gedicht Jeremia von Rainer Maria Rilke hinsichtlich der komplexen Beziehung zwischen dem Propheten und Gott sowie der Rolle der Sprache als eigenständige Macht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind Rilkes Gotteskonzeption, die prophetische Existenz in der Moderne, die Macht der Sprache sowie die formalen und inhaltlichen Aspekte der Gedichtgestaltung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, wie Jeremia mit der ihm von Gott auferlegten Sprache kämpft und inwieweit diese Worte eine eigene, den Propheten beeinflussende Kraft entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philologische Textanalyse, die formale Kriterien wie Metrik und Klang mit inhaltlichen Interpretationsansätzen und literaturwissenschaftlichem Kontext verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine formale Analyse, die Untersuchung der Perspektiven und Zeitstrukturen sowie eine tiefgehende Analyse der verwendeten Bilder und Stilmittel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Rilke, Prophetie, Sprachmacht, Identität, Gottesbild und die biblische Tradition im Werk Rilkes.
Wie unterscheidet sich Rilkes Gott von der alttestamentlichen Vorlage?
Der Autor argumentiert, dass Rilkes Gott im Gedicht kein souveräner Schöpfer ist, sondern als gewaltsames, bedürftiges und durch den Propheten direkt beeinflussbares Wesen dargestellt wird.
Welche Bedeutung kommt dem Bild des "blutenden Mundes" zu?
Der Mund wird als Ort des Leidens und als Synekdoche für die Sprache gedeutet, die sich als blutige Wunde verselbstständigt und den Propheten in seiner Existenz bedrängt.
- Arbeit zitieren
- Robin Baumann (Autor:in), 2021, Der Prophet und seine Sprachgewalt in Rainer Maria Rilkes Gedicht "Jeremia". Eine Gedichtanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1151455