Mithilfe dieser Arbeit soll argumentiert werden, inwieweit Memes Ausdruck des postmodernen aktiven Konsumenten sind, der seine Umwelt nicht mehr nur passiv wahrnimmt, sondern aktiv Einfluss auf sie nehmen will. Dabei fungieren Memes als Form einer widerständigen Lesart (Michel de Certeau), mit der auf kreative und humoristische Weise Protest ausgedrückt wird. Nach dem Versuch einer Definition soll zunächst auf das semiotische Konzept der Memes eingegangen werden, wobei ihre sprachlichen Besonderheiten unter Berücksichtigung medialer und dispositiver Faktoren aufgeschlüsselt werden. Anschließend soll erklärt werden, inwiefern Memes in Zeiten des vernetzten Individualismus zu einer kollektiven Identität beitragen, was einen der Gründe für ihre globale politische Wirkmacht darstellt.
Eben jener Punkt soll im Anschluss diskutiert werden: Auf welche Weise und mit welcher Intensität mischen sich Memes in den politischen Diskurs ein und was machen sie mit ihm? Beispielhaft hierzu sollen auf der Produktebene Memes dienen, die als Reaktion auf den Brand der Notre-Dame de Paris und dem Feuer im Amazonas-Regenwald 2019 entstanden. Zum Schluss sollen eine kritische Wertung sowie ein abschließendes Fazit folgen, welche unter anderem erörtern, ob bei der rein satirisch-humoristischen Lesart von politischen Ereignissen überhaupt von ernsthafter Kritik gesprochen werden kann oder ob Memes nicht doch nur Teil einer digitalen Humorkultur sind oder sogar Ausdruck einer alles-aufs-Korn-nehmenden kollektiven Lethargie. Kann Vergnügen als politischer Akt des Widerstandes verstanden werden?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die subversive Aneignung des aktiven Konsumenten
2.1 Konsum als Alltagstaktik
2.2 Widerstand und Partizipation
2.3 Medienaneignung als produktives Konsumieren
3. Memes – Definition und Einordnung
3.1 Die Sprache der Memes
3.2 Abgrenzung und kollektive Identität
3.3 Politik und Protest als Entertainment – Wenn Memes sich einmischen
4. Kritische Bewertung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit Internet-Memes als Ausdruck einer subversiven Aneignungsform des postmodernen aktiven Konsumenten fungieren und inwiefern sie einen Beitrag zur politischen Partizipation und zum Diskurs im digitalen Raum leisten.
- Theorie des aktiven Konsumenten nach Michel de Certeau
- Semiotische und multimodale Analyse der Struktur von Memes
- Identitätskonstruktion und kollektives Handeln in sozialen Netzwerken
- Politischer Protest und Debattenkultur durch humoristische Medieninhalte
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Sprache der Memes
Memes fungieren als konstruktivistische multimodale Zeichensysteme. Sie können nicht als einzelnes Bild oder Wortspiel verstanden werden, sondern werden erst in multimodalen Zusammenhängen rezipiert und können nur innerhalb der Internetstrukturen existieren, denn ein Meme gewinnt erst mithilfe sozialer Mechanismen der Verbreitung und Weiterentwicklung an Einfluss (vgl. Cannizzaro 2016: 572 ff.). Die kulturelle Information, die sich daraus ergibt, ist damit mehr als reine Übertragung, so wie es in der ursprünglichen Definition der Mimese erklärt wurde, sondern etwas sozial Konstruiertes. Es findet also mehr als nur Kopieren statt, sondern Modellieren und Übersetzen (vgl. ebd.: 574 f.).
Memes treten damit als eigenständige Social-Media-Kommunikationsform auf und sind mehr als nur geteilte Kommunikate. Sie stellen eine kreative Modifikation solcher da, indem sie bereits bekannte Kommunikate, wie öffentliche Pressefotos, Stockfotos oder einschlägige Filmszenen durch Re-Kontextualisierung in neue Diskurse setzen. Sie werden so nicht selten zu selbstständigen Diskurs- und Kulturbeiträgen. Jene Re-Kontextualisierung entsteht, indem ein Bild kommentiert bzw. in Verbindung gesetzt wird mit einem neuen, oft völlig abwegigen Text oder Zitat, die dem ganzen Kommunikat eine neue Bedeutung geben, wobei in erster Linie humoristische Provokation erzeugt werden soll (vgl. Klemm 2017: 26). Memes zeichnen sich dabei durch ihre minimalistische rhetorische Gestaltung (vgl. ebd.: 28) sowie ihre Intertextualität aus, die entsteht, wenn sich neue Memes auf überraschende und komplexe Art auf andere Memes beziehen und somit ein spezifisches Wissen der Zielgruppe zum Verständnis nötig ist (vgl. Shifman 2014a: 10).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung von Memes als Phänomen der digitalen Partizipation ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich ihrer Rolle als Ausdruck eines aktiven, konsumkritischen Handelns.
2. Die subversive Aneignung des aktiven Konsumenten: Das Kapitel erläutert die Theorie des aktiven Konsumenten nach Michel de Certeau und überträgt diese auf die moderne Mediennutzung als Form von Alltagstaktik und Widerstand.
2.1 Konsum als Alltagstaktik: Hier wird der Begriff der Taktik als kalkuliertes, widerständiges Handeln im Rahmen banaler Alltagspraktiken definiert.
2.2 Widerstand und Partizipation: Dieser Abschnitt analysiert, wie Konsumenten durch die Umdeutung und Aneignung von Produkten ihre eigene Machtposition gegenüber hegemonialen Strukturen stärken.
2.3 Medienaneignung als produktives Konsumieren: Es wird dargelegt, wie Medieninhalte durch Rezeptionsprozesse als Ressourcen zur Identitätsbildung und zur (Re-)Produktion von Machtverhältnissen dienen.
3. Memes – Definition und Einordnung: Dieses Kapitel verortet Memes ausgehend von der Begriffsgeschichte nach Dawkins in der aktuellen digitalen Kommunikationslandschaft.
3.1 Die Sprache der Memes: Dieser Teil beschreibt Memes als multimodale Zeichensysteme und analysiert ihre rhetorische Gestaltung sowie die Bedeutung von Re-Kontextualisierung.
3.2 Abgrenzung und kollektive Identität: Hier wird untersucht, wie Memes durch geteilten Humor und sozialen Austausch Gruppenidentitäten stiften und als Symptom der Glokalisierung fungieren.
3.3 Politik und Protest als Entertainment – Wenn Memes sich einmischen: Das Kapitel diskutiert die Rolle von Memes als Instrumente für politische Diskurse und deren Potenzial zur Ermächtigung der Bürger.
4. Kritische Bewertung: Dieser Abschnitt reflektiert die Risiken von Memes, insbesondere hinsichtlich der Gefahr der Trivialisierung politischer Inhalte und der Entstehung von Echokammern.
5. Fazit: Die Schlussbetrachtung fasst die strategische Relevanz von Memes als Werkzeuge der politischen Kommunikation zusammen, trotz ihrer inhärenten Limitationen.
Schlüsselwörter
Memes, aktiver Konsument, subversive Aneignung, digitale Partizipation, Populärkultur, Internet Humor, soziale Medien, kollektive Identität, mediale Transkriptivität, politischer Diskurs, Re-Kontextualisierung, Widerstand, Dispositive, Kulturindustrie, multimodale Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Memes als ein zentrales Ausdrucksmittel des modernen, aktiven Konsumenten, der sich in den sozialen Medien subversiv aneignet und so am politischen Diskurs teilnimmt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Medientheorie, der Semiotik von Memes, der Partizipationskultur im Web 2.0 sowie der Verbindung von Humor und politischem Protest.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab, inwieweit Memes als Werkzeuge zur politischen Diskurseinmischung dienen können und ob sie eine ernsthafte Form des Widerstands gegen hegemoniale Strukturen darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch die Cultural Studies, insbesondere die Theorie der Alltagstaktiken von Michel de Certeau, ergänzt durch eine qualitative Analyse aktueller Internet-Phänomene.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Aneignungspraxen, die Definition und Einordnung von Memes als Zeichensysteme sowie die Diskussion ihrer politischen Schlagkraft und kritischen Grenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie subversive Aneignung, digitale Partizipation, multimodale Kommunikation, kollektive Identität und politischer Protest definiert.
Warum wird Michel de Certeau als theoretische Basis herangezogen?
Seine Theorie erlaubt es, das Handeln von Internet-Nutzern nicht nur als passiven Konsum, sondern als taktische, kreative und widerständige Praxis im Kampf um Deutungshoheit zu verstehen.
Welche Bedeutung haben die Fallbeispiele (Notre-Dame/Amazonas)?
Sie dienen als empirische Illustration, wie Memes auf aktuelle Krisen reagieren, Aufmerksamkeit lenken und den Kontrast zwischen medialer Berichterstattung und Nutzer-Empörung humoristisch verdichten.
Wie bewertet die Arbeit die Gefahr der Trivialisierung durch Memes?
Die Arbeit warnt, dass durch die humoristische Reduktion komplexer Probleme die Gefahr besteht, dass politische Themen trivialisiert werden und Nutzer sich in Filterblasen bewegen, statt sich rational auseinanderzusetzen.
Was ist das Fazit zur Wirkmacht von Memes?
Memes allein lösen keine Revolution aus, besitzen aber als strategisch eingesetzte Artefakte eine enorme Schlagkraft, um alternative Perspektiven im öffentlichen Raum zu präsentieren und Diskurse anzustoßen.
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- Anna-Maria Lenz (Author), 2020, Kritische Aneignung im Internet. Memes als kreativer Ausdruck politischen Protests, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1146985