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Rituale. Sinn und Funktion in Gesellschaft und Schule.

Titel: Rituale. Sinn und Funktion in Gesellschaft und Schule.

Examensarbeit , 2002 , 152 Seiten , Note: 2,0

Autor:in: Melanie Kornet (Autor:in)

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Erinnern Sie sich an das Gefühl, das sie hatten, als Sie zuletzt bei einem Bekannten übernachtet hatten? Morgens stehen Sie auf und bemerken mit Unbehagen, dass im Badezimmer Ihres Bekannten keine Musik aus dem Radio ertönt, die Sie ansonsten allmorgendlich bei Ihnen zu Hause aus den letzten Traumgedanken in die nüchterne Realität reißt. Dann erreichen Sie schlecht gelaunt das Esszimmer und finden statt Ihrer gewohnten Tageszeitung nur einen spartanisch gedeckten Frühstückstisch vor, auf dem Sie dort – wo normalerweise Ihr köstlich duftender Kaffee steht – ein Glas Wasser empfängt. Nachdem Sie sich durch die Spielzeugmassen des süßen Sprösslings Ihres Bekannten einen Weg zu Ihrem Wasser gebahnt haben, stellen Sie fest, dass das Frühstück in diesem Hause im Stehen eingenommen wird und man sich – mit dem Toast in der einen und der Aktentasche in der anderen Hand – auf dem Weg zur Arbeit macht. Obwohl Sie nicht undankbar auf die Gastfreundschaft Ihres Bekannten reagieren wollen, merken Sie, dass Sie ein unbehagliches Gefühl beschleicht und Ihre Stimmung stetig sinkt.

Das Gefühl des Unbehagens lässt sich sicher nicht auf Undankbarkeit Ihrerseits oder auf einen Fehler des Bekannten zurückführen. Der Grund für die schlechte Laune liegt hier lediglich in der Tatsache, dass Ihr gewohnter Tagesrhythmus durcheinander geraten ist. Jeder Mensch entwickelt in seinem Leben bestimmte Eigenarten und Gewohnheiten bezüglich seines Tagesablaufs und ritualisiert sie. Auf diese Weise ist das Leben von uns geordnet und der Tagesablauf übersichtlich. In unserem Kulturkreis werden Rituale allerdings allzu oft nicht mehr wahrgenommen. Rituale werden meist als „Voodoo“ abgetan und nur mit Sekten, Kult und Religion in Verbindung gebracht. In der heutigen Zeit scheinen sie überholt und unfortschrittlich zu sein. Sinn und Notwendigkeit, die Rituale gerade in der modernen, schnelllebigen Zeit haben, werden teilweise noch immer verkannt und ignoriert.

Da ich mich in den letzten Wochen sehr mit diesem Thema und der dazu erschienenen Literatur beschäftigt habe, fiel mir indessen auf, dass die Wissenschaft dieses Thema in den letzten Monaten und Jahren vermehrt behandelt und dass das „Ritual“ beinahe zu einem eigenen Wissenschaftsgebiet geworden ist. Das Interesse von Soziologen, Psychologen, Ethnologen,… scheint geweckt und man findet zahlreiche Thesen und Definitionen vor, die die bestehenden Vorurteile unserer Gesellschaft ausmerzen wollen [...]

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Was sind Rituale?

2.1 Klassische Ritualtheorien

2.2 Weitere Definitionsansätze

2.2.1 Begriffsbestimmung scheinbarer Synonyme - Gewohnheit, Zeremonie, Tradition, Brauch, Regeln, Riten & Ritualisierungen

2.3 Eigene Begriffsdefinition

3.Rituale im Wandel der Zeit

4.Entstehung von Ritualen

5.Die Bedeutung von Ritualen in der heutigen Zeit

6.Gesellschaftsrituale

6.1 Religion

6.2 Politik

6.3 Familiäre Zeremonien

6.4 Entwicklungsbedingte Rituale

6.4.1 Kindheit

6.4.2 Pubertät

6.4.3 Alter

7.Familien- und Erziehungsrituale

8.Alltagsrituale

9.Interaktionsrituale

9.1 Imagepflege

9.2 Verhaltensregeln

10. Rituelle Medieninszenierungen

11. „Bitte lesen Sie die Packungsbeilage…“ – Falscher Gebrauch und Pervertierung von Ritualen

11.1 Sinnentleerung

11.2 Zwang und Rigidität

11.3 Rituale als Machtinstrument

11.4 Übertriebener Kult

11.5 Zwangserkrankung

12. Rituale – „Kleine Helfer“ in schweren Zeiten

12.1 Übergangsrituale

12.2 Krisenrituale

12.3 Heilungsrituale

13. Rituale für die Schulzeit

13.1 Rituale für gemeinschaftliches Lernen

13.1.1 Einführung von Ritualen

13.1.2 Zeit und Struktur von Unterricht

13.1.3 Kritische Phasen im Schulalltag

13.1.4 Die Auflösung der Rangordnung im Ritual

13.1.5 Schulrituale in der Diskussion

13.2 Praxisbeispiele schulischer Rituale

14. Auswertung der Fragebögen

14.1 Allgemeine Informationen zu Statistiken

14.2 Persönliche Vorüberlegungen

14.3 Daten der statistischen Auswertung

14.4 Ziel und Zweck der statistischen Untersuchung

14.5 Analyse

14.5.1 Riten, Sekten, Rituale – Begriffsdefinitionen im Diskurs

14.5.2 Vertrauen contra Misstrauen

14.5.3 Rituale in der Schulpädagogik

14.5.4 Rituale in der Familie

14.5.5 Wertewandel oder Werteverfall?

14.5.6 Inwieweit können Meinungen beeinflusst werden?

14.5.7 Rituale in allen Lebensbereichen?

14.6 Interpretation der Analyse unter Berücksichtigung bisher verwendeter Literatur

15. Resümee

16. Literaturangaben

17. Anhang

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht den Sinn und die Funktion von Ritualen sowohl im gesellschaftlichen Alltag als auch in der Schulpädagogik. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern Rituale trotz gesellschaftlicher Vorurteile eine notwendige Stütze für menschliche Identität, soziale Ordnung und psychische Stabilität bieten.

  • Ritualtheorien soziologischer Klassiker im Vergleich
  • Die psychologische Bedeutung von Alltags- und Krisenritualen
  • Ritualisierungsprozesse in Familie und Schule
  • Empirische Auswertung zur Bekanntheit und Wahrnehmung von Ritualen
  • Pädagogische Relevanz und Praxisbeispiele für den Grundschulunterricht

Auszug aus dem Buch

1. Einleitung

Erinnern Sie sich an das Gefühl, das sie hatten, als Sie zuletzt bei einem Bekannten übernachtet hatten? Morgens stehen Sie auf und bemerken mit Unbehagen, dass im Badezimmer Ihres Bekannten keine Musik aus dem Radio ertönt, die Sie ansonsten allmorgendlich bei Ihnen zu Hause aus den letzten Traumgedanken in die nüchterne Realität reißt. Dann erreichen Sie schlecht gelaunt das Esszimmer und finden statt Ihrer gewohnten Tageszeitung nur einen spartanisch gedeckten Frühstückstisch vor, auf dem Sie dort – wo normalerweise Ihr köstlich duftender Kaffee steht – ein Glas Wasser empfängt. Nachdem Sie sich durch die Spielzeugmassen des süßen Sprösslings Ihres Bekannten einen Weg zu Ihrem Wasser gebahnt haben, stellen Sie fest, dass das Frühstück in diesem Hause im Stehen eingenommen wird und man sich – mit dem Toast in der einen und der Aktentasche in der anderen Hand – auf dem Weg zur Arbeit macht. Obwohl Sie nicht undankbar auf die Gastfreundschaft Ihres Bekannten reagieren wollen, merken Sie, dass Sie ein unbehagliches Gefühl beschleicht und Ihre Stimmung stetig sinkt.

Das Gefühl des Unbehagens lässt sich sicher nicht auf Undankbarkeit Ihrerseits oder auf einen Fehler des Bekannten zurückführen. Der Grund für die schlechte Laune liegt hier lediglich in der Tatsache, dass Ihr gewohnter Tagesrhythmus durcheinander geraten ist. Jeder Mensch entwickelt in seinem Leben bestimmte Eigenarten und Gewohnheiten bezüglich seines Tagesablaufs und ritualisiert sie. Auf diese Weise ist das Leben von uns geordnet und der Tagesablauf übersichtlich.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Einstieg in die Thematik durch ein alltagsnahes Beispiel, das verdeutlicht, wie Rituale unseren Tagesablauf strukturieren und Orientierung bieten.

2. Was sind Rituale?: Theoretische Fundierung des Ritualbegriffs durch Klassiker wie Durkheim, Turner und Goffman sowie Abgrenzung zu verwandten Begriffen.

3. Rituale im Wandel der Zeit: Historische Betrachtung der Ritualdefinitionen und Darstellung der gesellschaftlichen Entritualisierungstendenzen.

4. Entstehung von Ritualen: Analyse, wie Rituale sowohl spontan als auch intentional durch kreative Akte erschaffen und integriert werden können.

5. Die Bedeutung von Ritualen in der heutigen Zeit: Erörterung der ausgleichenden Funktion von Ritualen gegenüber den Anforderungen der modernen Postmoderne.

6. Gesellschaftsrituale: Untersuchung ritueller Praktiken in Religion, Politik und im familiären Kontext sowie in spezifischen Entwicklungsphasen.

7. Familien- und Erziehungsrituale: Fokus auf die stabilisierende Wirkung von Ritualen bei der Erziehung und der Gestaltung des Familienlebens.

8. Alltagsrituale: Zusammenfassende Betrachtung der Alltagsrituale als wichtige Werkzeuge zur Lebensorganisation.

9. Interaktionsrituale: Darstellung ritueller Aspekte in der sozialen Kommunikation, insbesondere unter Bezugnahme auf Goffman.

10. Rituelle Medieninszenierungen: Analyse des Einflusses der Medien auf die Ritualisierung des Alltags und die Bildung globaler Gemeinschaftsgefühle.

11. „Bitte lesen Sie die Packungsbeilage…“ – Falscher Gebrauch und Pervertierung von Ritualen: Kritische Auseinandersetzung mit der Sinnentleerung, Rigidität und dem Missbrauch von Ritualen.

12. Rituale – „Kleine Helfer“ in schweren Zeiten: Fokus auf Übergangs-, Krisen- und Heilungsrituale als Bewältigungsstrategien.

13. Rituale für die Schulzeit: Darstellung schulpädagogischer Methoden, um gemeinschaftliches Lernen und Unterrichtsstrukturen durch Rituale zu fördern.

14. Auswertung der Fragebögen: Methodische Erläuterung und statistische Analyse einer Befragung zur Wahrnehmung und Bedeutung von Ritualen in verschiedenen Generationen.

15. Resümee: Zusammenfassende Schlussfolgerung über die Notwendigkeit bewusster Ritualgestaltung in unserer Gesellschaft.

Schlüsselwörter

Rituale, Ritualtheorie, Schulpädagogik, Alltagsrituale, Sozialisation, Identitätsbildung, Familienrituale, Interaktionsrituale, Entritualisierung, Werteverfall, Wertewandel, Gemeinschaft, Mikro-Rituale, Erziehung, empirische Untersuchung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?

Die Arbeit beleuchtet das Wesen und die Notwendigkeit von Ritualen als strukturgebende Elemente im menschlichen Alltag, innerhalb der Gesellschaft und insbesondere im pädagogischen Kontext der Schule.

Welche thematischen Schwerpunkte werden gesetzt?

Neben der theoretischen Herleitung werden die Entstehung von Ritualen, deren psychologische Bedeutung in Krisenzeiten, ihr Einfluss durch Medien sowie die praktische Anwendung zur Erziehung und im Unterricht behandelt.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, den Begriff „Ritual“ von negativen Vorurteilen (wie Sekten oder Zwang) zu befreien und aufzuzeigen, wie Rituale bewusst als sinnstiftende und stabilisierende „kleine Helfer“ eingesetzt werden können.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Die Arbeit kombiniert eine umfassende Literaturrecherche soziologischer und pädagogischer Theorien mit einer eigenen empirischen Datenerhebung (Fragebögen), um die subjektive Wahrnehmung von Ritualen verschiedener Altersgruppen zu erfassen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung, eine Analyse der Bedeutung von Ritualen für unterschiedliche Lebensphasen und Lebensbereiche sowie eine detaillierte Auswertung der eigenen statistischen Untersuchung.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Rituale, Ritualtheorie, Schulpädagogik, Sozialisation, Identitätsbildung, Entritualisierung und Wertewandel.

Welche Rolle spielen die Kinder in der Untersuchung?

Grundschulkinder bilden eine zentrale Gruppe, da sie als Experten im Erfinden spontaner Rituale gelten und durch diese im Schulalltag Sicherheit sowie soziale Kompetenz erwerben.

Warum ist die Abgrenzung zu Begriffen wie „Sekten“ oder „Kulten“ für die Autorin wichtig?

Die Autorin betont diese Abgrenzung, da sie der Ansicht ist, dass die negative Konnotation dieser Begriffe zu unnötigen Vorurteilen gegenüber nützlichen, alltäglichen Ritualen führt.

Ende der Leseprobe aus 152 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Rituale. Sinn und Funktion in Gesellschaft und Schule.
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Sozial- und Kulturwissenschaften)
Note
2,0
Autor
Melanie Kornet (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2002
Seiten
152
Katalognummer
V10565
ISBN (eBook)
9783638169509
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ritual Rituale Ritualtheorien Schulpädagogik Pädagogik Turner Durkheim Riten Tradition Brauch Interaktion Sekte Kult
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Melanie Kornet (Autor:in), 2002, Rituale. Sinn und Funktion in Gesellschaft und Schule., München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/10565
Blick ins Buch
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