Das Ziel dieser Arbeit soll sein, die ambivalente Figur der Paulina Salas aus dem Theaterstück „La muerte y la doncella“ näher zu untersuchen. Um sich jedoch mit der Figur der Paulina und ihrer Rolle als „Opfer in der Vergangenheit” bzw. „Täterin der Gegenwart” beschäftigen zu können, soll vorher ein Überblick zu den historischen Ereignissen, die im Theaterstück eine Rolle spielen, gegeben werden.
Die Arbeit wird sich zuerst mit der Situation von Chile vor und während der Diktatur von Augusto Pinochet, aber auch mit dem Übergang zur Demokratie beschäftigen. Danach soll das Konzept des individuellen Gedächtnisses von Maurice Halbwachs kurz veranschaulicht und auf die Vergangenheitsbewältigung eingegangen werden. Da bei der Erfahrung traumatisierender Ereignisse in der Vergangenheit das Risiko der „Opfer-Täter-Transition” besteht, also die Entwicklung eines Opfers zum Täter, soll dieses für die Analyse der Figur der Paulina signifikante Konzept ebenfalls beschrieben werden. Schließlich soll in dem Analyseteil dieser Arbeit, der hauptsächlich aus dem close reading von ausgewählten Textstellen aufgebaut ist, untersucht werden, inwieweit bzw. weshalb Paulina sowohl als Opfer als auch Täterin gesehen werden kann. Am Ende dieser Arbeit sollen im Schlussteil die wichtigsten Punkte der Ergebnisse der Analyse zusammengefasst werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Figur der Paulina Salas: ein Opfer der Diktatur oder eine Täterin der Gegenwart?
2. Der historische Hintergrund in La muerte y la doncella
2.1 Chile vor und während der Diktatur von Pinochet
2.2 Die demokratische Transition in Chile
3. Das individuelle und kollektive Gedächtnis
4. Vergangenheitsbewältigung und Opfer-Täter-Transition
5. Analyse der Figur der Paulina
5.1 Paulina als Opfer der Diktatur
5.2 Paulina als Täterin der Gegenwart
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ambivalente Figur der Paulina Salas aus Ariel Dorfmans Theaterstück La muerte y la doncella mit dem Ziel, ihre Rollen als „Opfer der Vergangenheit“ und „Täterin der Gegenwart“ im Kontext der chilenischen Diktatur aufzuarbeiten.
- Historischer Kontext der Pinochet-Diktatur und der demokratischen Transition in Chile
- Theoretische Grundlagen des individuellen und kollektiven Gedächtnisses nach Maurice Halbwachs
- Psychologische Aspekte der Vergangenheitsbewältigung und das Phänomen der Opfer-Täter-Transition
- Figurenanalyse von Paulina Salas mittels Close Reading und dramentheoretischer Ansätze
Auszug aus dem Buch
5.1 Paulina als Opfer der Diktatur
Der Arzt Roberto Miranda, der Gerardo Escobar nach einer Autopanne nach Hause fuhr, klingelt an Gerardos Tür, um ihm zum Beitritt einer Untersuchungskommission, welche die Delikte der chilenischen Diktaturperiode untersuchen wird, zu gratulieren. Gerardo bietet Roberto an, bei ihm zu übernachten, woraufhin dieser die Einladung schließlich annimmt. Nachdem Paulina Salas, die Ehefrau von Gerardo Escobar, die beiden Männer belauscht hat und Roberto nun schläft, schlägt sie ihn bewusstlos und fesselt ihn an das Sofa. Ihrer Meinung nach sei Roberto, den sie an der Stimme wiedererkannt hat, der Peiniger, der sie während der Diktatur gefoltert und misshandelt hatte. Nach unerfolgreichen Versuchen von Gerardo Paulina zu beruhigen und von ihrem Vorhaben abzuhalten, versucht sie ihm zu erklären, dass er sie in ihrem Handeln nicht hindern soll und er sich weiterhin mit seiner Kommission, die sowieso „nur” bereits tote berücksichtigt, beschäftigen soll:
Paulina. Ay, m’hijito, por favor, cómo te meten el dedo en la boca... Mira. No quiero hacerte daño y menos quiero hacerle daño a la Comisión. Pero ustedes en la Comisión se entienden sólo con los muertos, con los que no pueden hablar. Y resulta que yo sí puedo, hace años que no hablo ni una palabra, que no digo ni así de lo que pienso, que vivo aterrorizada de mi propia... pero no estoy muerta, pensé que estaba enteramente muerta pero estoy viva y sí que tengo algo que decir... así que déjame hacer lo mío y tú sigue tranquilo con la Comisión. Yo te puedo prometer que este enjuiciamiento no les va a afectar, nada de esto se va a saber. (Dorfman 2001: 50-51)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Figur der Paulina Salas: ein Opfer der Diktatur oder eine Täterin der Gegenwart?: Einleitung in die Forschungsfrage und Vorstellung der zentralen Ambivalenz der Hauptfigur Paulina Salas im Werk von Ariel Dorfman.
2. Der historische Hintergrund in La muerte y la doncella: Darstellung der chilenischen Geschichte von der Regierungszeit Allendes über die Pinochet-Diktatur bis hin zur demokratischen Transition.
3. Das individuelle und kollektive Gedächtnis: Erläuterung der soziologischen Konzepte von Maurice Halbwachs zur Einordnung von Paulinas individueller Erinnerung.
4. Vergangenheitsbewältigung und Opfer-Täter-Transition: Analyse psychologischer Mechanismen wie „Flashbacks“ und der riskanten Entwicklung vom Opfer zum Täter bei traumatisierten Individuen.
5. Analyse der Figur der Paulina: Zentrale Untersuchung von Paulinas Handeln mittels Textbeispielen, unterteilt in ihre Rolle als Opfer und ihre potentielle Rolle als Täterin.
6. Schlussbemerkung: Resümee der Analyse, das die psychologische Komplexität Paulinas und ihre Eignung als Beispiel für die Opfer-Täter-Transition unterstreicht.
Schlüsselwörter
Paulina Salas, La muerte y la doncella, Ariel Dorfman, Pinochet-Diktatur, Kollektives Gedächtnis, Individuelles Gedächtnis, Maurice Halbwachs, Opfer-Täter-Transition, Trauma, Flashbacks, Vergangenheitsbewältigung, Chile, Literaturwissenschaft, Dramenanalyse, Psychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die psychologische Entwicklung der Figur Paulina Salas im Theaterstück „La muerte y la doncella“ von Ariel Dorfman unter Berücksichtigung von Trauma und Gedächtnisprozessen.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Neben der literaturwissenschaftlichen Analyse stehen die chilenische Zeitgeschichte, die Soziologie des Gedächtnisses und psychologische Aspekte der Traumatisierung im Fokus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich Paulina Salas von einem Opfer der Diktatur zu einer Täterin der Gegenwart entwickelt und ob diese Wandlung psychologisch begründbar ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt ein „Close Reading“ ausgewählter Textstellen sowie dramentheoretische Konzepte zur Figurencharakterisierung nach Manfred Pfister.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den historischen Kontext, theoretische Grundlagen zu Gedächtnis und Trauma sowie die konkrete Auswertung von Dialogen zwischen Paulina, ihrem Ehemann Gerardo und ihrem mutmaßlichen Peiniger Roberto.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wichtigsten Begriffe sind: Opfer-Täter-Transition, Trauma, Gedächtnis, Pinochet-Diktatur, La muerte y la doncella und psychologische Verarbeitung.
Welche Rolle spielt die Musik von Schubert im Werk?
Laut Analyse dient die Musik, die der Peiniger Roberto während seiner Taten einsetzte, als Kontrastmittel zur Brutalität und unterstreicht die intellektuelle Grausamkeit des Täters.
Warum ordnet die Autorin Paulina als „Täterin der Gegenwart“ ein?
Weil Paulina eigene Gewaltphantasien entwickelt und Roberto durch Erpressung und psychischen Druck in eine ausweglose Situation bringt, um ihr Trauma zu verarbeiten.
- Quote paper
- Nevin Baidoun (Author), 2018, Die Figur der Paulina Salas aus "La muerte y la doncella". Opfer der Diktatur oder Täterin der Gegenwart?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1042139