In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie Undine, der weibliche Wassergeist, von Fouqué und Bachmann literarisch geformt und festgehalten wird. Wie tritt Undine auf und wie ist die Zeit ihrer Entstehung in ihr zu erkennen?
Nach der Einleitung folgt vorbereitend eine Vorstellung der Undinengeschichten von Egenolf von Staufenberg und Paracelsus, denn sie bilden ein Fundament für Fouqués Ausarbeitung. Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Untersuchung der beiden eigentlichen Primärtexte. Undine wird unter Beachtung der groben Zweiteilung der Erzählung zuerst im Hinblick auf den Naturzustand untersucht und anschließend im Hinblick auf den Zustand nach der erfolgten Beseelung.
Da sich Fouqués Erzählung mit Berücksichtigung der romantischen Naturphilosophie ungleich einfacher und in der Forschungsliteratur auch zahlreich interpretierter aufschlüsseln lässt, soll das Gewicht des Hauptteils auf Ingeborg Bachmanns Undinengeschichte liegen. Der vergleichsweise junge Text bietet Interpretationsmöglichkeiten, die weitaus tiefer liegen. Hier stellt sich die Frage nach der Erscheinung der neueren Undine. Wie schafft es Bachmann, diese uralte Figur wieder aufzugreifen und sie in eine vergleichsweise moderne Welt zu bringen? "Undine geht" wird dafür unter den ersten beiden Punkten im Hinblick auf die Position als Liebende und Geliebte und die Funktion des Grenzgangs untersucht.
Die letzten beiden Punkte fokussieren weniger einen analytischen, sondern mehr einen interpretatorischen Ansatz, der Ingeborg Bachmanns Beschäftigung mit der Sprach- und Existenzialphilosophie und den persönlichen und zeitlichen Hintergrund inkludiert.
Abschließend werden die gewonnen Erkenntnisse in einem Fazit zusammengefasst und resümiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Geschichte der Wasserfrau
2.1 Egenolf von Staufenberg – Der Ritter von Staufenberg
2.2 Paracelsus - Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus
3. Friedrich de la Motte Fouqué – Undine
3.1 Der Naturzustand
3.2 Die Beseelung
4. Ingeborg Bachmann – Undine geht
4.1 Undine als Liebende und Geliebte
4.2 Undine als Grenzgängern
4.3 Undine als Kunst
4.4 Undine und die Existenzialphilosophie
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die literarische Gestaltung und Entwicklung der Wasserfrau-Figur „Undine“ in den Werken von Friedrich de la Motte Fouqué und Ingeborg Bachmann. Dabei wird analysiert, wie sich das Motiv von einer romantisch geprägten, der menschlichen Ordnung unterworfenen Figur zu einem selbstbestimmten, existenzialphilosophischen Symbol in Bachmanns moderner Erzählweise wandelt, wobei insbesondere die Rollenverteilung, der Natur-Kultur-Gegensatz und die Deutungshoheit hinterfragt werden.
- Rezeptionsgeschichte des Undine-Mythos vom Mittelalter bis zur Moderne
- Untersuchung der romantischen Naturphilosophie bei Fouqué
- Analyse von Geschlechtermoral und Sozialisationsprozessen
- Interpretation von Undine als Grenzgängerin in Bachmanns Werk
- Poetologische und existenzialphilosophische Deutungsansätze des Undine-Motivs
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Naturzustand
An der Zugehörigkeit zu den Elementen lässt sich bei Fouqués Figur nicht zweifeln. Undine ist ein Wassergeist, sie und Kühleborn vermögen das Wasser und das Wetter zu beeinflussen. Ihr Name stammt vom Wort ‚unda‘, der lateinischen Bezeichnung für Welle oder Woge. Noch bevor sie zum ersten Mal als Gestalt erscheint, macht sie sich durch das Plätschern und Spritzen des Wassers bemerkbar (vgl. U, 10), was ihr Vater als „Kindereien“ (U, 10) tadelt. Ihr Element spiegelt sich in ihren „seeblauen Augenhimmeln“ (U, 17). Ihr keckes, ungeniertes und unverstelltes Wesen präsentiert sich gleich zu Beginn in der direkten Ansprache an dem fremden Huldbrand (vgl. U, 11), der die sittsamen und zurückhaltenden Damen der höfischen Runde gewohnt ist. „Zornmütig“ (U, 12) reagiert sie auf die Unterbrechung der Unterhaltung in der Hütte, „wie ein Pfeil“ (U,13) verschwindet sie anschließend in die Nacht. Undines Naturzustand weicht ab von einem menschlichen Verhaltensverständnis. Gefühle der Scham gegenüber Huldbrand oder der Empathie gegenüber ihren besorgten Pflegeeltern kennt sie nicht. Wichtig ist bei der Beobachtung dieses Verhaltens aber die Unterscheidung zwischen Unmoral und Amoral. „Her bold greeting tot he knight was thus not imoral, as the fisherman seemed tot hink, but rather amoral a priori, since any concept of morality was foreign to her.“ Undine ist kein Mensch, der menschliche Verhaltensmaßstab ist ihr schlicht fremd und unterscheidet sie in ihrem Naturzustand von den Übrigen. Gegenüber ihren Pflegeeltern verhält sie sich kindlich und unbekümmert. Statt sich „fein sittig“ (U, 12) zu verhalten, ignoriert sie Anweisungen und verfährt nach ihrem Belieben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die faszinierende Kulturgeschichte der Wasserfrauen ein und umreißt die Untersuchung der unterschiedlichen Bearbeitungen des Undine-Stoffes bei Fouqué und Bachmann.
2. Die Geschichte der Wasserfrau: Dieses Kapitel legt mit historischen Beispielen wie Egenolf von Staufenberg und Paracelsus ein Fundament für das Verständnis des Undine-Motivs als erlösungsbedürftiges, elementares Wesen.
3. Friedrich de la Motte Fouqué – Undine: Diese Untersuchung widmet sich der romantischen Gestaltung Undines, wobei der Fokus auf ihrem ursprünglichen Naturzustand und der Beseelung durch die Verbindung mit einem Menschen liegt.
4. Ingeborg Bachmann – Undine geht: Dieses Hauptkapitel analysiert Bachmanns moderne Variante, in der Undine eine selbstreflektierte, als Grenzgängerin agierende Figur darstellt, die ihre Beziehung zu den Männern und die eigene Existenz kritisch hinterfragt.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Transformation der Wasserfrau-Figur zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Bachmann Undine von der männlich dominierten Perspektive Fouqués befreit und sie zu einem Symbol autonomer, moderner Existenz macht.
Schlüsselwörter
Undine, Wasserfrau, Friedrich de la Motte Fouqué, Ingeborg Bachmann, Romantik, Beseelung, Elementarwesen, Existenzialphilosophie, Grenzgängerin, Liebesverrat, Natur, Identität, Literaturgeschichte, Geschlechterrollen, Poetologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die literarische Darstellung der Wasserfrau Undine bei Friedrich de la Motte Fouqué und Ingeborg Bachmann und beleuchtet deren unterschiedliche Einbettung in die jeweilige Epoche.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Entwicklung des Wasserfrauen-Mythos, die Konzepte von Natur versus Zivilisation, die Konstruktion von Geschlechterrollen und die philosophische Dimension der menschlichen Existenz.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Es soll untersucht werden, wie Undine als Wassergeist von Fouqué und Bachmann geformt wird und inwiefern sich Bachmanns moderne Figur von der romantischen Vorlage durch eine eigene Deutungshoheit emanzipiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine werkimmanente literaturwissenschaftliche Analyse, die durch motivgeschichtliche Vergleiche sowie philosophische (Existenzialphilosophie) und poetologische Aspekte ergänzt wird.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse von Fouqués „Undine“ (Naturzustand und Beseelung) sowie eine ausführliche, interpretative Untersuchung von Bachmanns „Undine geht“ (Rollen, Grenzgang, Kunst und Philosophie).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselbegriffe wie Undine, Romantik, Beseelung, Existenzialphilosophie, Grenzgängerin und Liebesverrat stehen im Zentrum der begrifflichen Auseinandersetzung.
Wie unterscheidet sich Undines Status bei Fouqué von dem bei Bachmann?
Bei Fouqué ist Undine ein passives Wesen, das sich durch Beseelung an die menschliche, männlich dominierte Welt anpassen muss; bei Bachmann hingegen ist sie eine aktiv sprechende, selbstbestimmte Figur, die ihre eigene Situation kritisch reflektiert.
Welche Bedeutung kommt der „Lichtung“ in Bachmanns Werk zu?
Die Lichtung fungiert als symbolischer Ort des Grenzübergangs zwischen der Welt der Wasserfrau und der Menschenwelt, der zudem mit existenzialphilosophischen Begriffen (Heidegger) als Ort der Wahrheit und des wahren Seins verbunden wird.
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- Felicia Börner (Author), 2019, Die Wasserfrauenthematik in Friedrich de la Motte Fouqués "Undine" und Ingeborg Bachmanns "Undine geht", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1040845