Dieser Essay befasst sich mit den Grundlagen der Kommunikation. "Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren". Wenn man das Konzept der Übertragung verstehen möchte, ist es hilfreich, dieses erste Axiom des Watzlawick´schen Kommunikationsmodells zu verinnerlichen. Erst wenn man sich dessen bewusst ist, dass Nichtkommunizieren unmöglich ist, ist man bereit, dieses Konzept zu durchschauen. „Die Übertragung umfasst seit Freud im weitesten Sinne alle Phänomene der subjektiven Bedeutungszuschreibung innerhalb einer Begegnung mindestens zweier Personen“. Sie ist also in keiner Weise an das Patient- Therapeut- Setting gebunden, im Gegenteil: Sie ist eine allgemeine Fähigkeit, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Zu kommunizieren. Aber wie machen wir das eigentlich?
Inhaltsverzeichnis
1. Essay zum Thema Übertragung und Gegenübertragung
2. Der Prozess der Übertragung
3. Der Begriff des Wiederholungszwangs
4. Das Konzept der Gegenübertragung
5. Paradigmenrivalität: Ein-Personen- oder Zwei-Personen-Psychologie
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konzeptualisierung von Übertragung und Gegenübertragung in der Psychoanalyse, analysiert deren historische Entwicklung und diskutiert die Bedeutung dieser Konzepte für den therapeutischen Prozess sowie das Ideal der Objektivität des Therapeuten.
- Grundlagen der Übertragung und ihre Funktion als allgemeine menschliche Fähigkeit
- Die Rolle des Wiederholungszwangs bei der Entstehung von Übertragungsphänomenen
- Die Bedeutung der Gegenübertragung als komplementäres Element in der therapeutischen Arbeit
- Die historische Verschiebung von der Ein-Personen- zur Zwei-Personen-Psychologie
- Die kritische Bedeutung des Bewusstseins des Analytikers für den Behandlungserfolg
Auszug aus dem Buch
Der Prozess der Übertragung
Der Prozess der Übertragung beschreibt das projizieren frühkindlicher Erfahrungen auf andere Personen. Dabei geht es im speziellen um erlebte Beziehungen zu den Bezugspersonen. Wir Menschen setzen unsere unbewussten, internalisierten Objektbeziehungen im Kontakt mit anderen Personen in Szene. Ist also jegliche Beziehung zu anderen Personen zu jeder Zeit überlagert von unbewussten Beziehungserfahrungen? Freud unterschied anhand zweier Kriterien, ob es sich um Übertragung handelt: Erstens die Wiederholung der Vergangenheit in der Gegenwart und zweitens die Verzerrung der Realität (Mertens, 2014).
Im Kontext einer simplen Begegnung zweier Personen wird nicht klar, wo Übertragung auf den jeweils anderen anfängt und wo sie aufhört. Sie ist getarnt im Allgemeinen miteinander und außerdem unbewusst.
In der Analyse wird jedoch das „Allgemeine der persönlichen Begegnung zum Spezialfall der analytischen Situation“ und zwar im Kontext der analytischen Regeln „der freien Assoziation, gleichschwebenden Aufmerksamkeit und Abstinenz und auch Frequenz und Regelmäßigkeit der Sitzungen. (…) Dadurch kann die Übertragung systematisch beobachtet, mit ihr gearbeitet und nur hier verändert werden“ (Mertens, 2014,). Die Übertragung von früher erlebten Beziehungen wird sich jedoch nicht eher zeigen, bevor zwischen Patient und Therapeut eine für die Therapie zufriedenstellende Beziehung entstanden ist. Das gesamte Ausmaß an dem Therapeuten entgegen gebrachter Übertragung wird erst von Zeit zu Zeit sichtbar. Freud spricht von verschiedenen, komplementären Übertragungen. Zunächst unterscheidet er Übertragung positiver und negativer Natur. Damit sind Anteile gut oder schlecht erlebter Objektbeziehungen gemeint, welche in der Übertragung neu in Szenen gesetzt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Essay zum Thema Übertragung und Gegenübertragung: Einleitende Betrachtung der Übertragung als grundlegendes Kommunikationsphänomen menschlicher Beziehungen und Definition im psychoanalytischen Sinne.
Der Prozess der Übertragung: Erläuterung der Übertragung als Wiederholung frühkindlicher Beziehungserfahrungen in der Gegenwart und deren Einordnung in die analytische Situation.
Der Begriff des Wiederholungszwangs: Darstellung von Freuds Konzept des Wiederholungszwangs, durch welches Patienten Verdrängtes als Tat wiederholen, statt es sich bewusst zu machen.
Das Konzept der Gegenübertragung: Einführung der Gegenübertragung als komplementäres Pendant zur Übertragung und Notwendigkeit der Reflexion durch den Therapeuten zur Vermeidung von Behandlungsfehlern.
Paradigmenrivalität: Ein-Personen- oder Zwei-Personen-Psychologie: Diskussion über die historische Entwicklung von einer auf den isolierten Analytiker fokussierten Sichtweise hin zu einem interaktiven Verständnis der therapeutischen Beziehung.
Schlüsselwörter
Übertragung, Gegenübertragung, Psychoanalyse, Wiederholungszwang, Objektbeziehungen, Ein-Personen-Psychologie, Zwei-Personen-Psychologie, therapeutische Beziehung, Lehranalyse, Abstinenz, freie Assoziation, Projektion, Unbewusstes, Neurose, Analytiker
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept der Übertragung und Gegenübertragung sowie deren historische und theoretische Entwicklung innerhalb der Psychoanalyse.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die unbewusste Wiederholung frühkindlicher Erfahrungen im therapeutischen Setting, die Rolle des Analytikers und der Einfluss der Gegenübertragung auf den Erfolg der Therapie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie sich die Konzeptualisierung von Übertragung und Gegenübertragung im Laufe der Zeit verändert hat und welche Bedeutung dies für das Verständnis der therapeutischen Interaktion hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer Literaturanalyse der Schriften von Sigmund Freud sowie weiterführenden Werken (u.a. Mertens, Racker, Ferenczi) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Übertragung, den Wiederholungszwang, das Konzept der Gegenübertragung sowie die Paradigmenrivalität zwischen Ein-Personen- und Zwei-Personen-Psychologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Übertragung, Gegenübertragung, Psychoanalyse, Objektbeziehungen und der therapeutische Prozess.
Welche Rolle spielt die Lehranalyse laut dem Autor?
Die Lehranalyse wird als essenziell betrachtet, um eigene infantile Neurosen und Gegenübertragungswiderstände des Analytikers bewusst zu machen und dadurch die therapeutische Wirksamkeit zu sichern.
Was besagt das Talion-Gesetz in diesem Kontext?
Das Talion-Gesetz beschreibt, dass Übertragungen des Patienten (positiv oder negativ) meist entsprechende Gegenübertragungsreaktionen beim Therapeuten auslösen, was zu gefährlichen Verstrickungen führen kann.
- Arbeit zitieren
- Michael Rauch (Autor:in), 2016, Ein Konzept in stetiger Veränderung? Ein Essay zur Übertragung und Gegenübertragung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1039413