In dieser Arbeit erfolgt zunächst eine Übersicht rund um den Spatial Turn, um dann auf die Arbeit zur Raumerforschung Humboldts als Romanfigur in Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" einzugehen. Diese soll, anhand des Reisetagebuchs, im Vergleich zur tatsächlichen Arbeit Humboldts betrachtet werden. Einerseits stellt die Intertextualität zwischen historischem Kontext und der Bezugnahme im Roman ein Interessengebiet dar. Zum anderen bietet das Reisetagebuch von Humboldt selber durchaus einige literarische Häppchen, was den Naturwissenschaftler auch als Literat/Schriftsteller entpuppt. Da der in der Literatur beliebte Berg als Raum eine traditionelle Geschichte hat und in Humboldts Leben, neben dem Reisen, ein Leitmotiv darstellt, endet die Untersuchung mit Humboldts Besteigung des Chimborazo – in Kehlmanns Roman passend "Der Berg" genannt.
Alexander von Humboldt hat sein Lebenswerk der Erforschung des Raumes gewidmet. Die mathematische Vermessung von Räumen war genauso wichtig, wie die Untersuchung von organischem und anorganischem Material, das zur Gestaltung der Räume beiträgt, wozu Gesteine, Pflanzen, Gewässer, Berge, Böden etc. gehören. Dank seiner vielseitigen Beobachtungen galt er zu den ersten Forschern, der Wechselwirkungen im Ökosystem erforscht hat. Durch erkannte Zusammenhänge wurden neue Verbindungen im Raum erschlossen.
Es ist dieses Interesse an der Umwelt, das Daniel Kehlmann, teils historisch-begründet, teils erfunden, in seinem Roman "Die Vermessung der Welt" darzustellen versucht. Die Reise Humboldts nach Südamerika, als von der westlichen Welt neuentdeckter und noch wenig erforschter Kontinent, stellt, dank moderner Messgeräte, ein großer Schritt in der Geschichte für die Erschließung von Räumen dar. Angesichts des Perspektivenwechsels in den Literaturwissenschaften, der in der Literatur immer mehr Einzug hält, stellt Kehlmanns Roman ein interessantes Untersuchungsobjekt dar. Seit 1989 verbreitet sich der Begriff des Spatial Turns munter in verschiedenen Kultur- und Sozialwissenschaften, sodass diese Wende weg von der Zeit hin zum Raum während der Erscheinung des Romans 2005 schon als etabliert wahrgenommen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Neuentdeckung „Raum“ – Der Spatial Turn
2.1 Warum wurde der Raum unterrepräsentiert und lohnt sich überhaupt eine Wiederaufwertung?
2.2 Der Raum in der Zeit
2.3 Eine breite Auseinandersetzung des Spatial Turns
2.4 Topographical turn
3. Der Berg als Raum
4. Alexander von Humboldt
4.1 Humboldts Reisebericht - Zwischen Wissenschaftlichem Artikel und erzählerischer Prosa
4.2 Intertextualität
4.3 Der Chimborazo
4.3.1 „Reise zum Chimborazo“
4.3.2 Der Chimborazo im Vergleich zu Kehlmanns Roman
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung des "Spatial Turns" in den Literaturwissenschaften anhand der Darstellung von Alexander von Humboldts Besteigung des Chimborazo. Dabei wird analysiert, wie Humboldts historische Reisetagebücher als Grundlage für den Roman "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann dienen und inwiefern der Roman literarische Freiheit gegenüber historischer Faktizität nutzt.
- Grundlagen und Definition des Spatial Turns
- Die wissenschaftliche Bedeutung des Raumbegriffs
- Vergleich von Humboldts Reisebericht mit Kehlmanns Roman
- Intertextualität und fiktionale Strategien in der historischen Romanliteratur
- Die symbolische Funktion des Berges als Handlungsraum
Auszug aus dem Buch
4.1 Humboldts Reisebericht - Zwischen Wissenschaftlichem Artikel und erzählerischer Prosa
Der „Ur-Text“ von Humboldts Werken ist wohl sein Reisebericht aus Südamerika von 1799-1804 aus den Ländern Venezuela, Kuba, Peru, Kolumbien und Ecuador, den er so bald als möglich nach seinen Erlebnissen aufgeschrieben hat. In den unmöglichsten Situationen hat er seine Entdeckungen, Beobachtungen, Messungen, Gedanken und Meinungen in feiner, enger Handschrift aufgezeichnet. Vor Ort im feuchten Regenwald oder auf 4.000 m ü. NN sind sie entstanden, damit sie so unverfälscht wie möglich festgehalten sind. Dem sind eigene Zeichnungen, Bilder und Tabellen hinzugefügt, manchmal klein und unauffällig am Rand, als handele es sich um eine spätere Ergänzung; manchmal nehmen die Zeichnungen eine ganze Seite ein, wie z. B. seine bekannte Querschnittszeichnung vom Chimborazo, die ein Konglomerat aus künstlerischer Freiheit und naturwissenschaftlicher Akribie darstellt.
Somit ist Humboldt der erste Wissenschaftler, der seine Niederschriften an die Nachwelt richtet. Wohl schreibt er auch aus persönlichen Gründen zwecks seiner eigenen Forschungsprojekte. Gleichzeitig sind es aber mehr als Tagebucheinträge, da seine Gedanken und Ergebnisse für einen uneingeweihten Leser an jeder Stelle nachvollziehbar sind. Ergo ist die von Schleiermacher sogenannte grammatische Hermeneutik für den Leser einfach umzusetzen, da der sprachliche Kontext nicht bekannt sein muss, wie es bei einem „normalen“ Tagebuch der Fall wäre. Dokumente, Monographien, Aufsätze, Korrespondenz, Zeichnungen, Skizzen machen es leicht, sein Leben zu rekonstruieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsarbeit ein, erläutert die Bedeutung von Alexander von Humboldt für die Raumerforschung und stellt das Ziel der Untersuchung vor, Humboldts reale Aufzeichnungen mit seiner literarischen Darstellung in Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ zu vergleichen.
2. Die Neuentdeckung „Raum“ – Der Spatial Turn: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Hintergrund des „Spatial Turns“, die wissenschaftliche Aufwertung des Raumbegriffs gegenüber der Zeit und die Rolle der Literaturwissenschaften in diesem Diskurs.
3. Der Berg als Raum: Hier wird das literarische Motiv des Berges untersucht, das als wichtiger Handlungs- und Inspirationsraum in der Literatur sowie als zentrales Leitmotiv in Humboldts Leben dient.
4. Alexander von Humboldt: Das Hauptkapitel analysiert Humboldts ursprüngliche Reiseberichte, die intertextuellen Bezüge in Kehlmanns Roman sowie die spezifische und kontrastreiche Darstellung der Chimborazo-Besteigung im historischen Vergleich.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass der Spatial Turn eine wichtige Perspektiverweiterung darstellt und stellt fest, dass Kehlmanns Werk trotz seiner Basis auf historischen Quellen aufgrund der literarischen Verfremdungen nicht als historisch exakter Roman gelten kann.
Schlüsselwörter
Spatial Turn, Alexander von Humboldt, Chimborazo, Die Vermessung der Welt, Daniel Kehlmann, Raumerforschung, Literaturwissenschaft, Intertextualität, Topographical Turn, Forschungsreise, Erzähltheorie, Historischer Roman, Raum und Zeit, Bergbesteigung, Wissenschaftsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem „Spatial Turn“ und der Frage, wie Literaturwissenschaften den Raum als Kategorie wahrnehmen, illustriert am Beispiel von Alexander von Humboldts Besteigung des Chimborazo im Vergleich zur Romanfassung von Daniel Kehlmann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Themenfeldern gehören die theoretische Definition des Spatial Turns, die Kartographie in der Literatur sowie das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Reisebericht und historischer Romanfiktion.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie der reale, wissenschaftlich geprägte Reisebericht Humboldts als Grundlage für Kehlmanns literarische Romanfigur dient und wie die Darstellung des Raumes „Berg“ dabei transformiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die intertextuelle Vergleiche zwischen historischen Quellen (Tagebücher) und zeitgenössischer erzählerischer Prosa (Roman) vornimmt, ergänzt durch theoretische Ansätze der Raumtheorie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit konkret behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in den Spatial Turn, eine Untersuchung des Bergmotivs und eine detaillierte Gegenüberstellung von Humboldts tatsächlicher Besteigung des Chimborazo mit der fiktionalisierten Version in „Die Vermessung der Welt“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Besonders prägend sind die Begriffe Spatial Turn, Intertextualität, historische Faktizität, fiktionale Strategien und die Vermessung als wissenschaftliches wie literarisches Motiv.
Wie unterscheidet sich Humboldts tatsächliche Besteigung des Chimborazo von Kehlmanns Beschreibung?
Humboldt berichtet in seinen Aufzeichnungen sachlich-nüchtern und wissenschaftlich orientiert, während Kehlmann die Besteigung emotionalisiert, mit Halluzinationen anreichert und auf „bergsteigerischen Realismus“ setzt, um die literarische Wirkung zu steigern.
Welche Rolle spielt die Intertextualität in dieser Analyse?
Die Intertextualität dient dazu, die Abhängigkeit des Romans von den Originaldokumenten zu hinterfragen und zu zeigen, an welchen Stellen Kehlmann bewusst von den historischen Fakten abweicht, um seine eigene narrativ-kritische Darstellung zu erzeugen.
- Quote paper
- Anika Engler (Author), 2019, Der Spatial Turn in Verbindung mit Alexander von Humboldts Aufstieg auf den Chimborazo. Ein Vergleich des Reiseberichts mit Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1039231