Mehrere Faktoren machen den „Nachmittag eines Fauns“ zu einem Signature Piece der Tanzgeschichte. Avantgardistisch ist das ungewohnte neue Bewegungs-Vokabular mit einer völligen Abkehr von den tradierten Ballett-Positionen und dem Verhältnis der Geschlechter im 19. Jahrhundert. Die Ballerina wird nicht mehr vom Tänzer hochgehoben und präsentiert, sondern der männliche Körper tritt in den Vordergrund und wird ausgestellt. Virtuosität wird vermieden, Ausdruckskraft und Schauspielkunst sind gefordert.
Während der Tanz traditionell als Bewegung im Raum nach allen Seiten aufgefasst wird, sucht Nijinsky in L’Après-midi d’un faune bewusst die Zweidimensionalität und fehlende Tiefe. Ebenso wie das Gedicht Mallarmés erstmals keine Handlung erzählen, sondern eine Stimmung erzeugen will, beabsichtigt auch das Ballett keine narrative Darstellung, sondern die Vermittlung einer erotisch aufgeladenen Atmosphäre rund um ein skandalöses Geschehen.
Inhaltsverzeichnis
Kanonisierung in der Tanzgeschichtsschreibung
Die Biographie Vaslav Nijinskys
Die Idee zum Ballett
Mallarmé und Debussy
Das Konzept Nijinskys
Der Skandal in Paris
Die Revolution im Tanz
Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern Vaslav Nijinskys Choreographie "L'après-midi d'un faune" als ein kanonisches "Signature Piece" der Tanzgeschichte betrachtet werden kann und durch welche avantgardistischen Merkmale sie sich von der Ballett-Tradition des 19. Jahrhunderts abhebt.
- Kanonisierungsprozesse in der Tanzwissenschaft
- Biographische Hintergründe zu Vaslav Nijinsky
- Die ästhetische und inhaltliche Entstehungsgeschichte des Balletts
- Das revolutionäre choreographische Konzept und die Rezeption als Skandal
- Der Bruch mit klassischen Ballett-Konventionen
Auszug aus dem Buch
Das Konzept Nijinskys
Vaslav Nijinsky ist nicht der erste Choreograph bei den Ballets Russes, der durch eine berühmte Musik und ein französisches Gedicht zu seinem Ballett inspiriert wurde. Schon 1910 hatte der Chef-Choreograph Michel Fokine mit dem Ballett Carnaval auf die Klaviersuite Carnaval von Robert Schumann zurückgegriffen. 1911 diente bei Le Spectre de la Rose das gleichnamige Gedicht von Theophile Gautier als Vorlage für das Libretto. Als Ballettmusik wählte Fokine Carl Maria von Webers Aufforderung zum Tanz.
Der Stil des Balletts, in dem ein junger Faun mehrere Nymphen trifft, mit ihnen flirtet und hinter ihnen her jagt, ist bewusst archaisch gewählt und geht damit weiter zurück als in das klassische Griechenland. Im ursprünglichen Bühnenbild von Léon Bakst wirken die Tänzer wie die Teile eines großen Gemäldes. Sie erinnern an eine griechische Vasenmalerei, indem sie sich über die Bühne im Profil wie auf einem Relief bewegen.
Das Ballett wird mit nackten Füßen präsentiert und ohne jegliche klassischen Tanzformen. Die Entwicklung der Choreographie hatte ungewöhnlich lange gedauert. Für das knapp zehnminütige Stück begann Nijinsky mit ersten Skizzen bereits im Jahre 1910. Es sind ungewohnte Körperbewegungen, die von den Darstellerinnen der Nymphen als höchst unangenehm empfunden werden. Sie sind über die vielen Proben verärgert, und Ida Rubinstein, eine der wichtigsten Tänzerinnen in der Truppe, lehnt die Rolle der Großen Nymphe ab. An ihrer Stelle übernimmt Nijinskys Schwester den Part.
Zusammenfassung der Kapitel
Kanonisierung in der Tanzgeschichtsschreibung: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Kanonbildung und die Schwierigkeiten, tanzhistorische Ereignisse aufgrund ihrer Vergänglichkeit zu fixieren.
Die Biographie Vaslav Nijinskys: Hier wird der Lebensweg Nijinskys nachgezeichnet, von seiner Ausbildung in St. Petersburg bis zur Zusammenarbeit mit Diaghilew und seinem späteren gesundheitlichen Verfall.
Die Idee zum Ballett: Dieses Kapitel beleuchtet die Ursprünge der Ballettschöpfung, wobei die Einflüsse von Diaghilew und die visuelle Inspiration durch griechische Vasenmalerei hervorgehoben werden.
Mallarmé und Debussy: Der Fokus liegt auf der literarischen und musikalischen Vorlage, dem Gedicht von Mallarmé und der Komposition von Debussy, die als atmosphärische Grundlage für Nijinskys Arbeit dienten.
Das Konzept Nijinskys: Dieses Kapitel analysiert das choreographische Vokabular und die Abkehr von klassischen Ballettkonventionen zugunsten einer archaischen, reliefartigen Bewegungssprache.
Der Skandal in Paris: Es wird die heftige öffentliche Kontroverse nach der Uraufführung thematisiert, die insbesondere durch die explizite Gestik des Fauns ausgelöst wurde.
Die Revolution im Tanz: Hier wird der Bruch mit der Tradition zusammengefasst, wobei insbesondere das neue, flächige Raumkonzept und der Verzicht auf artistische Virtuosität im Zentrum stehen.
Zusammenfassung: Das letzte Kapitel resümiert die Faktoren, die das Stück zu einem wegweisenden "Signature Piece" der Moderne machen.
Schlüsselwörter
Vaslav Nijinsky, L'après-midi d'un faune, Ballets Russes, Tanzgeschichte, Kanonisierung, Choreographie, Claude Debussy, Stéphane Mallarmé, Avantgarde, Skandal, Bewegungskonzept, Ballettreform, Moderne, Ausdruckstanz, Bühnenraum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert Nijinskys berühmtes Ballett "L'après-midi d'un faune" und hinterfragt, durch welche künstlerischen Entscheidungen es zu einem Meilenstein und "Signature Piece" der Tanzgeschichte wurde.
Welche Themenfelder werden zentral behandelt?
Thematisiert werden die Kanonbildung in der Tanzwissenschaft, die Biografie Nijinskys, der Einfluss von Literatur und Musik auf den Tanz sowie der Bruch mit klassischen choreographischen Traditionen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, welche Kriterien Nijinskys Choreographie zu einem exemplarischen Werk machen und worin sich sein Konzept von der Ballett-Tradition des 19. Jahrhunderts maßgeblich unterschied.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine tanzgeschichtliche Analyse, wobei sie auf Primärquellen wie Nijinskys Tagebücher, zeitgenössische Kritiken sowie tanzwissenschaftliche Fachliteratur zurückgreift.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Mittelpunkt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des choreographischen Konzepts, die Analyse der zugrunde liegenden musikalischen und literarischen Quellen sowie die Schilderung des Skandals, der durch die avantgardistische Inszenierung ausgelöst wurde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Vaslav Nijinsky, Tanzgeschichte, Kanonisierung, Avantgarde und Ballettreform.
Warum verursachte die Uraufführung von "L'après-midi d'un faune" einen Skandal?
Der Skandal wurde vor allem durch die für damalige Verhältnisse als schamlos empfundene erotische Gestik, insbesondere die Schluss-Szene, sowie die bewusste Ablehnung der klassischen Balletteleganz ausgelöst.
Wie unterscheidet sich Nijinskys Raumkonzept vom traditionellen Ballett?
Nijinsky verzichtete auf die klassische Raumtiefe und etablierte ein zweidimensionales, reliefartiges Bewegungsmuster, bei dem sich die Tänzer vorwiegend im Profil bewegen und jeglicher direkte Blickkontakt zum Publikum vermieden wird.
- Arbeit zitieren
- Mag. Dr. Ilona Pichler (Autor:in), 2013, Vaslav Nijinskys "L'après-midi d'un faune". Ein Signature Piece der Tanzgeschichte?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1022095