Abk ¨ urzungsverzeichniss und besondere Schreibweisen
FD. Fig. m. E. Jh. Jahrhundert Jt. Jahrtausend
Taf.
u. a. unter anderem v. Chr. vor Christus z. B. zum Beispiel
Die Schreibweise der Namen und Orte orientiert sich an dem Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Arch¨ aologie. 1
ch 1 In der PDF-Fassung dieses Dokuments konnte aus technischen Gr¨ unden das h nicht wie im RLA
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dargestellt werden.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 11
1.1 Aufbau und Ziel der Arbeit 11
1.2 Gebietsabgrenzung 12
1.3 Merkmale lebender Schlangen 13
1.3.1 Ursprung, Evolution und Verbreitung 13
1.3.2 Die zwei großen Schlangengruppen und ihre Besonderheiten 13
2 Schlangendarstellungen 17
2.1 Materialgruppe 1: Keramik 17
2.1.1 Gemalte Schlangen 17
2.1.2 Schlangenappliken 19
2.1.3 Deutung 20
2.2 Materialgruppe 2: Stempelsiegel und Tabloide 21
2.2.1 Seltene Darstellungstypen 21
2.2.2 Schlange und ziegenk opfige Gestalt im Iran 23
2.2.3 Schlange und Capride 25
2.2.4 Verschlungene Schlange 26
2.2.5 Deutung 27
2.3 Materialgruppe 3: Rollsiegel 28
2.3.1 Seltene Darstellungstypen 30
2.3.2 Schlange und menschliche Gestalt in Mesopotamien 30
2.3.3 Verschlungene Schlange 32
2.3.4 Einfache Schlange in Szenen 36
2.3.5 Schlange in diversen Zusammenh angen 39
2.3.6 Bootgott 42
2.3.7 Gott mit Schlangenunterk orper 43
2.3.8 Gott auf dem Schlangenthron 45
2.3.9 Thematisch relevante Siegel ohne Schlange 47
2.4 Materialgruppe 4: Rundplastik 48
2.4.1 Mesopotamien 48
2.4.2 Iran 50
2.4.3 Deutung 51
2.5 Materialgruppe 5: Relief 51
2.5.1 “Schlangenb andiger 51
2.5.2 Verschlungene Schlange und Schlangendrache 52
2.5.3 Gott auf Schlangenthron 53
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INHALTSVERZEICHNIS 8
2.5.4 Schlange auf Kudurrus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 2.6 Kultbauten mit Schlangenzier? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
3 Textquellen 57
3.1 Chtonische Schlangeng¨ otter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3.1.1 Ereˇ skigal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3.1.2 Ninazu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 3.1.3 Tiˇ spak . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 3.1.4 Ningizzida . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 3.1.5 Ninmada . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 3.1.6 Bootgott . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 3.1.7 Iˇ staran . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 3.1.8 Inˇ suˇ sinak . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 3.1.9 Zeit der großen Reiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 3.1.10 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 3.2 Sch¨ opfungsmythen und Epen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 3.2.1 Dilmun-Mythos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 3.2.2 Enki und die Weltordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
3.3.1 Ritualanfang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 3.3.2 Etana-Mythos als Initiationsritus . . . . . . . . . . . . . . . . 72 3.3.3 Tr¨ aume und ihre Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 3.3.4 Schlangenbeschw¨ orung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
4 Schlangenkulte 79
5 Ergebnisse 85
5.2.1 Urelemente Wasser und Erde . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 5.2.2 Vom Chaos zur Zivilisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 5.2.3 Zyklischer Ablauf des Jahres . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 5.3 Arch¨ aologische Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 5.3.1 Kult . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 5.3.2 Symbolik von Keramik und Stempelsiegeln . . . . . . . . . . 88 5.3.3 Rollsiegel: Rituelle, symbolische und mythologische Bedeutung 88 5.3.4 Rundbild und Relief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 5.4 Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 5.4.1 Die drei Ebenen der Sch¨ opfung . . . . . . . . . . . . . . . . 90 5.4.2 Transformation zum Jahreszeitenwechsel . . . . . . . . . . . 90 5.4.3 Darstellung der Schlangeng¨ otter . . . . . . . . . . . . . . . . 91
INHALTSVERZEICHNIS 9
Literaturverzeichnis 93
A Abbildungen 103
A.1 Karte 103
A.2 Lebende Schlangen 104
A.3 Schlange auf Keramik 105
A.3.1 Bemalung 105
A.3.2 Appliken 106
A.4 Schlange auf Stempelsiegeln 110
A.4.1 Schlange und ziegenk opfiges Wesen 112
A.4.2 Schlange und Capride 114
A.4.3 Verschlungene Schlange 117
A.5 Schlange auf Rollsiegeln 117
A.5.1 Schlangenb andiger 118
A.5.2 Verschlungene Schlange 120
A.5.3 Einfache Schlange in Szenen 122
A.5.4 Schlangengott 125
A.5.5 Gott auf Schlangenthron 127
A.6 Schlange in der Rundplastik 129
A.7 Schlange in Relief 133
A.8 Schlange und Kultbauten 137
A.9 Darstellungen aus anderen Kulturkreisen 139
B Chronologietabelle 141
INHALTSVERZEICHNIS 10
Kapitel 1
Einleitung
Aus vielen Kulturen der Welt gibt es sowohl arch¨ aologische, als auch ethnologische Zeugnisse von Schlangendarstellungen und mit diesen in Verbindung stehenden Riten und Mythen. Geht die Faszination und die daraus resultierende Verehrung der Schlangen m¨ oglicherweise auf ihre Zwischenstellung im ¨ Ubergang von Reptilien zu
S¨ augetieren zur¨ uck? Ihre ungew¨ ohnlichen Lebens- und Verhaltensweisen und das fast weltweite Vorkommen, angefangen von Wasserschlangen bis hin zu Gebirgsschlangen, w¨ aren ein Ausl¨ oser f¨ ur die religi¨ ose Verehrung durch den Menschen. Die vorliegende Arbeit ist der Versuch, die aus Mesopotamien und Iran bekannten Schlangendarstellungen, die dazugeh¨ origen Kulte und G¨ otter und deren Entwicklung bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend zusammenzutragen und dar¨ uber hinaus diese nicht immer zahlreichen Fakten zu interpretieren. Das Gebiet und der Zeitraum sind so gew¨ ahlt, dass man eine Entwicklung von vorgeschichtlichen religi¨ osen Vorstellungen hin zu denen einer Hochkultur 1 nachvollziehen kann. Das arch¨ aologische Material der ausgew¨ ahlten Gebiete des ¨ ostlichen fruchtbaren Halbmondes und des mesopota-
mischen Tieflandes scheinen f¨ ur diese Entwicklungslinie geeignet. (1 2 ) Den Beginn des gew¨ ahlten Zeitraums in das 8. Jt. v. Chr. zu setzen war fundbedingt. 3 Nicht ohne weiteres verst¨ andlich ist dagegen, warum die Betrachtung im 2. Jt. v. Chr. endet, da auch nach diesem Zeitraum die Schlange in den Darstellungen und Vorstellungen fortbesteht. Diese Z¨ asur ist aber, wie sich zeigen wird, im Hinblick auf den Umfang der Arbeit und die bis zu diesem Zeitpunkt erzielten Ergebnisse gerechtfertigt.
1.1 Aufbau und Ziel der Arbeit
Die Einleitung besch¨ aftigt sich kurz mit dem Ursprung und der Evolution, sowie den verschiedenen Besonderheiten lebender Schlangen. Dazu werden auch einige im Vorderasiatischen Raum heimische Schlangen vorgestellt.
1 Besser ist hier von schriftlosen und schriftf¨ uhrenden Kulturen zu sprechen.
2 Encarta Weltatlas
3 “War” deshalb, weil sich im Laufe der Untersuchung herausstellte, dass es in G¨ obekli schon Schlangentempelanlagen im 9. Jt. v. Chr. gegeben hat, eine Tatsache die sich positiv auf die Ergebnisse dieser Arbeit auswirken, da eine tiefe Verwurzelung der Schlangenverehrung angenommen wird. Je weiter man im fruchtbaren Halbmond nach Westen kommt, desto ¨ alter m¨ ussten die Schlangenfunde werden, da auch die Besiedlung fr¨ uher anzusetzen ist.
11
KAPITEL 1. EINLEITUNG 12
Ausgehend von den Schlangendarstellungen aus Mesopotamien und Iran vom 8.-2. Jt. v. Chr. wird im ersten Kapitel untersucht, welche Rolle der Schlange in diesem Gebiet zukommt. Dazu werden die Darstellungen in die Materialgruppen Keramik, Stempelglyptik und Tabloide, Rollsiegel, Rundplastik und Relief unterteilt. Innerhalb dieser Materialgruppen selbst wird thematisch und chronologisch untergliedert mit dem Ziel, einen Zusammenhang zwischen Darstellungsart, verwendetem Material und dem Verwendungszeitraum herauszuarbeiten. Ebenso werden, wenn m¨ oglich, bestimmte Schlangenarten identifiziert.
Der zweite große Punkt befasst sich mit Textquellen, die einen Einblick in die hinter den Darstellungen stehenden Ideen geben sollen. Die Schlangeng¨ otter werden versuchsweise in die G¨ ottergenealogie eingereiht und ihre Funktionen und Attribute vorgestellt. Dass man dennoch nicht unbedingt jeden in Texten erw¨ ahnten Gott auch mit einer Darstellung in Einklang bringen kann, mag daran liegen, dass in den Abbildungen jeweils einzelne Aspekte eines Gottes dargestellt sind, die f¨ alschlicherweise als verschiedene G¨ otter angesprochen werden. Es bleibt festzustellen, ob Darstellung und Text tats¨ achlich, wie bislang angenommen, verschiedene Teile der gesuchten Ge-samtvorstellung liefern, oder ob beide miteinander in Verbindung gebracht werden k¨ onnen. Dazu werden einige Sch¨ opfungsmythen und Epen n¨ aher betrachtet. Ritualtexte und Beschw¨ orungsformeln sollen Aufschluss dar¨ uber geben, welchen Stellenwert die Schlange in Festen und im t¨ aglichen Leben innehatte. Da oft nur kleine Anmerkungen in ¨ Ubersetzungen Anlass zu Querverbindungen geben, muss auf die Subjektivit¨ at der Interpretation an manchen Stellen hingewiesen werden, die zwar wenn m¨ oglich durch Vergleiche relativiert wurde, doch sicher noch immer genug Anlass zur Kritik gibt. Deshalb sei an dieser Stelle betont, dass es sich um eine anhand der verwendeten Quellen m¨ ogliche Deutung handelt, die aber bei anderem Quellenmaterial durchaus an manchen Stellen neu zu ¨ uberdenken sein wird. Die kurze Betrachtung der
mentalen F¨ ahigkeiten der Priester, sowie der Bedeutung von Tr¨ aumen soll einen Einblick in Grundvoraussetzungen der menschlichen Kultur- und Religionsentwicklung geben.
Um diese oft sehr fragmentarischen Geschichten und Kulte etwas besser nachvollziehen zu k¨ onnen, werden in einem weiteren Kapitel die Hauptaspekte der Schlange, wie sie sich aus der Fundlage herauskristallisiert haben, durch ausgew¨ ahlte Vergleichsbeispiele aus anderen Kulturr¨ aumen erweitert und gefestigt. Vor allem auf dem Gebiet der Vorstellungswelt und der Riten sind neue Impulse m¨ oglich. In einem abschließenden Kapitel werden nocheinmal die Ergebnisse zusammengefasst und anhand von Tabellen veranschaulicht.
1.2 Gebietsabgrenzung
Das Gebiet, das im wesentlichen den nord¨ ostlichen Fruchtbaren Halbmond und das mesopotamische Tiefland umfasst (Karte 1 4 ), wurde zum einen mit dem Ziel gew¨ ahlt, festzustellen, ab wann Schlangen dargestellt werden, und zum anderen um zu sehen, wie sich die Darstellungen und Vorstellungen der Menschen beim ¨ Ubergang vom Leben im Gebirge, zum Leben im mesopotamischen Tiefland verhalten. Wichtig ist f¨ ur die Betrachtung, dass einige g¨ unstige Verbindungswege zwischen dem Hoch- und
4 Encarta Weltatlas
1.3. MERKMALE LEBENDER SCHLANGEN 13
Tiefland schon seit jeher genutzt wurden, was zu einem st¨ andigen Austausch sowohl von Rohstoffen als auch von Ideen gef¨ uhrt hat. 5
1.3 Merkmale lebender Schlangen
Als Grundvoraussetzung f¨ ur das Verst¨ andnis der Schlangenverehrung sollen Entstehung und Entwicklung von Schlangen und ihre Besonderheiten kurz besprochen werden.
1.3.1 Ursprung, Evolution und Verbreitung
Schlangen geh¨ oren zur Klasse der Reptilien, so dass ihre Wurzeln in deren geschichtlicher Entwicklung zu suchen sind, die gegen Ende des Pal¨ aozoikums, also vor rund 340 Millionen Jahren beginnt. Anders als die Dinosaurier, Flugsaurier und die Schwanenhalsechsen stirbt die Ur-Schlange im Mesozoikum nicht aus. Es gelingt ihr in den folgenden Jahrmillionen nicht nur sich zu behaupten, sondern sie entwickelt sich mit ihren 2600 Arten zu einer der evolutionsgeschichtlich erfolgreichsten Gruppen. Hinweise auf die Abstammung der Schlangen von echsen¨ ahnlichen Reptilien geben heutzutage noch die Beinreste von Riesenschlangen in Form von winzigen Sporen an der Schwanzbasis. In diesem Zusammenhang werden oft Warane als ihre n¨ achsten Verwandten zitiert.
Zur Frage, wie aus den Echsen in der Evolutionsgeschichte Schlangen wurden, gibt es drei Theorien: Die erste Theorie geht davon aus, dass die Vorfahren der Schlange Landtiere waren. Andere sehen ihren Ursprung im Wasser. Es bleibt jedoch das Problem, dass beide Lebensweisen nicht zur maßgeblichen Reduzierung der Gliedmaßen gef¨ uhrt haben k¨ onnen. Eine dritte Theorie sieht deshalb den Ursprung der Schlangen in Tieren mit grabender Lebensweise, was sich auf die Gemeinsamkeit der Grabt¨ atigkeit primitiver Schlangen und Grabechsen st¨ utzt. Die Vorfahren der Schlange waren demnach halb Wasser- und halb Grabtiere und lebten, wie noch heute die Doppelschleichen, im Schlamm.
6
Es wird vermutet, dass Schlangen, wie man sie heute kennt, in der unteren Kreide oder dem oberen Jura, also vor 150-100 Millionen Jahren erstmals auftauchen. Ein Blick auf das heutige Verbreitungsgebiet der Schlangen macht deut-
lich, wie sich diese Gattung an alle freien ¨ okologischen Nischen angepasst hat. So findet man Schlangen, von der Arktis abgesehen, ¨ bis zum 50. Breitengrad S¨ ud. Ferner wird aus dem Himmalayagebirge von Schlangen in 4900 Metern H¨ ohe berichtet. Doch auch in S¨ uß- und Salzwasser leben verschiedene Arten und tauchen bis zu einer Tiefe von 100 Metern.
1.3.2 Die zwei großen Schlangengruppen und ihre Besonderheiten
Schlangen werden in zwei Gruppen eingeteilt, n¨ amlich die Scolecophidia und die Alethinophidia.
5 H orasan Straße entlang der Diyala; Zugang ¨ uber D¯ er; Schiffsverbindung von Lagaˇ s ¨ uber persischen
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Golf und Kar¯ un Fluss nach Susa. Ferner liegen Kiˇ s, D¯ er und Susa in einem 100 km Radius um Lagaˇ s, auch Tell Asmar ist nur unwesentlich weiter entfernt. Selz 1989: 29.
6 Rage 1994 a: 28, 29.
KAPITEL 1. EINLEITUNG 14
große, unterirdisch lebende Schlangen z¨ ahlen. Diese einem Wurm ¨ gen sind ungiftig und werden wegen ihres schlecht ausgepr¨ agten Sehverm¨ ogens auch Blindschlangen genannt. Sie leben nur in feuchtwarmen Gebieten. Die Blumentopfschlange und die Seeschlange sind die geographisch am weitesten verbreiteten Typen dieser Gruppe, n¨ amlich von Iran bis Mexiko. Dies wird so erkl¨ art, dass diese Schlangen in Gemeinschaft mit dem Menschen in den Wurzeln ihrer Kulturpflanzen leben und somit die Menschen auf ihren Migrationsrouten begleiten und dabei immer neue Gebiete erschließen k¨ onnen. Dies wird auch durch die Tatsache erleichtert, dass weibliche Tiere ausreichen, um neue Gebiete zu bev¨ olkern, da sie sich durch Parthenogenese fortpflanzen. Die zweite Gruppe heißt ¨ ubersetzt die “wahren Schlangen”. Es geh¨ oren hier von 20 cm bis 10 m L¨ ange bodenbewohnende Tiere, Baumschlangen, Wasserschlangen, unterirdisch lebende Schlangen und sogar “fliegende” Schlangen hinzu, deren K¨ orper sich jeweils speziell an die bewohnte ¨ okologische Nische angepasst haben. Wichtigstes
Unterscheidungsmerkmal zur ersten Gruppe ist der deutlich vom Rumpf abgehobene Kopf mit dem aush¨ angbaren Kiefer, der es den Schlangen erlaubt, sehr große Beu-
test¨ ucke zu verschlingen, die ihren K¨ orperdurchmesser um ein Vielfaches ¨ auf eine n¨ ahere Verwandtschaft mit den wurm¨ ahnlichen Schlangen schließen l¨ asst. Da Schwanz und Kopf dieser Schlangen nahezu identisch sind, nennt man sie auch doppelk¨ opfige Schlangen. Diese favorisieren unterirdische Lebensweisen und sind vor allem in Reisfeldern und S¨ umpfen zu finden. 7
Aber auch das Schlangengift unterscheidet beide Gruppen voneinander. Schlangen sind allesamt Fleischfresser. Manche t¨ oten ihre Beute durch Giftinjektion, andere erw¨ urgen sie. Vipern haben die raffiniertesten und l¨ angsten Giftz¨ ahne. Sie k¨ onnen sie bei Gebrauch vom Gaumen herunterklappen und im Bruchteil einer Sekunde Gift einspritzen. F¨ ur den Vorderen Orient muss an dieser Stelle die Gattung “Cerastes” genannt werden, die bestens auf das W¨ ustenleben ausgerichtete Hornschlangen beinhaltet, die sich gerne in den Sand eingraben. 8 Viele Boaarten wie auch Vipern haben W¨ armegruben am Kiefer, die es ihnen erm¨ oglichen, ihrer Beute auch bei v¨ olliger Dunkelheit zu folgen. 9
Anders als V¨ ogel und S¨ augetiere verf¨ ugen Schlangen nicht ¨ uber ein eigenes
W¨ armesystem, um ihre K¨ orpertemperatur konstant zu halten. Ihre Aktivit¨ aten h¨ angen demnach sehr von den klimatischen Bedingungen ab. So k¨ onnen Schlangen in den Tropen fast immer aktiv sein, wohingegen Schlangen in gem¨ aßigten Breiten in einen Starrezustand, den sogenannten Winterschlaf, verfallen, sobald die Aussentemperatur zu niedrig wird. 10 Doch auch Schlangen in den Tropen ziehen sich zu bestimmten Zeiten des Jahres in H¨ ohlen oder unter die Erde zur¨ uck, um zu schlafen. Das Schillern der Schuppen erinnert an die Farben des Regenbogens, was in vielen Kulturen den Namen “Regenbogenschlange” gepr¨ agt hat. Die vielen geometrischen Muster gaben sicher Anregungen f¨ ur die Verzierung fr¨ uhester Keramik.
1.3. MERKMALE LEBENDER SCHLANGEN 15
xen. So bewegt sich z. B. der K¨ orper einer Schlange noch lange weiter, auch wenn er schon vom Kopf getrennt ist. Andersherum bleibt der Kopf einer Klapperschlange mit ein paar Millimetern K¨ orper noch ca. 15 Minuten am Leben und kann auch dann noch zubeissen. Auch eine Kobra k¨ ampft in zwei H¨ alften geteilt weiter. Beobachtungen wie diese, zusammen mit ihrer F¨ ahigkeit, sich zu h¨ auten, haben sicher dazu beigetragen, der Schlange eine ungeheure Lebenskraft und ewiges Leben zuzuschreiben. Interessant ist ferner, dass man durch rhythmische Bewegungen und st¨ andiges Drehen Schlangen so manipulieren kann, dass sie ihr Raumgef¨ uhl v¨ ollig verlieren und in eine Art Totenstarre verfallen, eine Technik, die sich Schlangent¨ anzer bei Zeremonien zu Nutze machen, um nicht gebissen zu werden. 11
Im Paarungsverhalten der Schlangen spielt Duft eine wichtige Rolle. Das Weibchen scheidet ¨ uber die Haut Pheromene aus und legt so f¨ ur das M¨ annchen eine Duftspur. Nat¨ urlich ist das Paarungsverhalten je nach Schlangenart verschieden. Einige Arten veranstalten einen richtigen Schlangenball, bei dem sich bis zu 30 M¨ annchen um ein Weibchen bem¨ uhen und dieses umschl¨ angeln. Bei einigen Klapperschlangen-, Vipern- und australischen Giftschlangenarten f¨ uhren die M¨ annchen Kommentk¨ ampfe durch, bei denen die beiden Kontrahenten solange ineinander verschlungen sind, bis das schw¨ achere aufgibt.
Beeindruckt sind die Menschen sicher auch von der Lautlosigkeit der Schlange, durch die sie schmerzunempfindlich wirkt. Durch ihre exzellente Tarnung scheint es fast, als ob sie wie ein Geist pl¨ otzlich aus dem Nichts auftaucht. Sehr gef¨ urchtet sind die nachtaktiven Spezies.
Zyklopen¨ ahnliche Tiere (2 12 ) oder auch Schlangen mit zwei K¨ opfen (3 13 ), als Beispiele genetisch bedingter Anomalien, kann man auch zu den Faktoren rechnen, die der Schlange einen Platz in der Mythologie einr¨ aumen. Im folgenden sollen kurz einige im eurasischen Raum heimische Schlangenarten besprochen werden.
Ringelnatter
Der K¨ orper der Ringelnatter ist olivgrau oder gr¨ unlich bis silbergrau gef¨ arbt mit dunklen Flecken und Streifen. Charakteristisch ist ihr gelber oder weißer Kragen. Bevorzugte Lebensr¨ aume sind Sumpfgebiete, Weideland, ¨ Acker und
H¨ ange in Wassern¨ ahe. Bei Ber¨ uhrung entleert sie ihre Analdr¨ use und stellt sich tot. Ihre K¨ orperl¨ ange kann bis zu zwei Meter betragen. 14
W ¨ urfelnatter
Die W¨ urfelnatter wird bis zu 1 m lang und ist leicht an dem aus dunklen Vierecken bestehenden Muster zu erkennen. Ihre Grundfarbe kann von grau, braun, gr¨ un bis schwarz oder gelb variieren. Sie lebt immer in Wassern¨ ahe oder im Wasser. 15
11 Mundkur 1983: 89.
12 Rage 1994: 107.
13 Rage 1994: 106.
14 Marven und Harvey 1996: 47.
15 Marven und Harvey 1996: 47.
KAPITEL 1. EINLEITUNG 16
l¨ asst, wird sich zeigen. Die genannten Schlangen stellen nat¨ urlich nur eine Auswahl der heute dort lebenden Schlangen dar. Neben den erw¨ ahnten gibt es auch eine Reihe von giftigen Seeschlangen, die besonders f¨ ur die Fischer und Perlentaucher am Persischen Golf eine Gefahr darstellen. Dass auch Pythonarten und Boas bekannt gewesen sein m¨ ussen, zeigen Abbildungen von Schlangen, die Menschen verschlingen.
Kapitel 2
Schlangendarstellungen und
erste Deutungsversuche
Ziel dieses Kapitels soll ein Gesamt¨ uberblick ¨ uber die in Mesopotamien und Iran ge-
fundenen Darstellungen von Schlangen und zu ihnen in Beziehung stehenden Schlangeng¨ ottern 1 sein. Hauptaugenmerk wird dabei auf die verschiedenen Kombinationsm¨ oglichkeiten der Schlangen mit anderen Tieren oder G¨ ottern und deren bevorzugte Materialgruppen gelegt. Zum Teil werden auch bereits Deutungsm¨ oglichkeiten angef¨ uhrt, deren genauere Ausf¨ uhrung jedoch erst in den Kapiteln 3 und 4 erfolgt. Mitber¨ ucksichtigt werden auch charakteristische Merkmale lebender Schlangen, die sofern sie Parallelen in den Darstellungen haben versuchsweise zugewiesen werden.
2.1 Materialgruppe 1: Keramik
Bei den mit Schlangen verzierten Keramikgef¨ aßen sind zwei Arten von Dekor, n¨ amlich Bemalung und Appliken zu unterscheiden. Was in die Betrachtung nicht mit einbezogen wird, sind geometrisch verzierte Keramiken, deren Musterung meines Erachtens zum Teil als Abbild der Schlangenhaut gedacht gewesen sein k¨ onnte.
2.1.1 Gemalte Schlangen
Nordmesopotamien
¢ Schlange allein auf Keramikbruchst ¨ ucken
Aus den Fundorten Arpachiya (5 2 ) und Halaf (6 3 ) sind zwei bemalte halafzeitliche Tonscherben bekannt, die jeweils eine mit Punkten gef¨ ullte Schlange zeigen. Der K¨ orper von Abbildung 5 ist gefaltet, was zu der Vermutung f¨ uhrt, dass es sich um eine Kobraart handelt. Der K¨ orper von Bild 6 ist nur teilweise erhalten, doch scheint er eher in Spiralform aufgemalt worden zu sein.
1 Der Begriff Gott wird in dieser Arbeit sowohl f¨ ur tier- als auch menschengestaltige G¨ otter verwendet, da beide als Ausdruck f¨ ur den Glauben an ¨ ubernat¨ urliche Wesen angesehen werden k¨ onnen.
2 Stevens 1989: Abb. A 3.
3 Stevens 1989: Abb. A 4.
17
2.1. MATERIALGRUPPE 1: KERAMIK 19
¤ Schlangen mit Mensch und Capride
Aus dem Iran sind auch bemalte Scherben bekannt, die eine menschliche Gestalt mit Schlangen und Capriden abbilden. Die Beispiele 19 13 und 20 14 sind Keramikbruchst¨ ucke der Susa-II-Ware. Abbildung 19 zeigt eine menschliche Figur, der diagonal drei parallel zueinander verlaufende Schlangenlinien unter die Achseln reichen. Die Figur in Beispiel 20 hat die Arme angelegt und wird von zwei vertikal aufgetragenen Schlangen flankiert, deren K¨ opfe jeweils nach oben weisen. Es handelt sich um die aus der Stempelglyptik bekannte ziegenk¨ opfige Gestalt (siehe Seite 23). 15 Auf Abbildung 19 k¨ onnten Wasserstrahlen, anstelle von Schlangen gemeint sein.
2.1.2 Schlangenappliken
Mesopotamien
¤ Schlange allein auf Keramikbruchst ¨ ucken
Wie schon im Fall der bemalten Scherben, kann man auch anhand der Appliken “Schlange allein” auf Keramikbruchst¨ ucken nichts ¨ uber ihre eventuelle thematische Kombination erfahren. Diese Beispiele dienen deshalb in der Hauptsache als Indikator f¨ ur das fr¨ uhe Auftreten von Schlangenappliken in bestimmten Regionen.
Die ersten ihrer Art stammen aus Nordmesopotamien und zwar aus Tell Sotto (21 16 und 22 17 ), Stratum VII und werden auf 7.000 v. Chr. datiert, was der sogenannten Protohassuna-Zeit entspricht. Es handelt sich um kleine gewellte Schlangen mit Punktmuster.
Im s¨ udlichen Mesopotamien sind Schlangenappliken erst ab der 2. H¨ alfte des 6. Jt. v. Chr. bekannt. Ein Großteil von ihnen stammt aus Uruk und ist wie Beispiel 23 18 sehr schlecht erhalten. Verziert sind sie entweder gar nicht oder sie weisen Punktmuster oder Senkrechtschraffur auf.
¤ Schlange kriecht ¨ uber den Gef¨ aßrand
Vermutungen ¨ uber eine kultische Verwendung der Schlangengef¨ aße werden durch die folgenden Funde bekr¨ aftigt, die von der Ur-III-Zeit bis zum Ende der Kassiten-Zeit datieren (24-26) 19 . Es handelt sich um Schlangenappliken, die mit dem Kopf ¨ uber den Gef¨ aßrand ins Innere der Gef¨ aße zu kriechen scheinen. Diese Schlangen sind fast ausschließlich mit Punktmuster verziert. Manchmal sind die Gef¨ aße zus¨ atzlich mit schraffierten Dreiecken und Tannenreismuster dekoriert. Auch Skorpione treten in Kombination mit der Schlange auf. In Beispiel
13 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XXXI, Abb. 71.
14 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XXXI, Abb. 70.
15 v. d. Osten-Sacken 1992: 165.
16 Stevens 1989: Abb. A 1.
17 Stevens 1989: Abb. A 2.
18 Stevens 1989: Abb. B 1.
19 Ayoub 1981: 26 C. 28 I, J. 29 K, L.
KAPITEL 2. SCHLANGENDARSTELLUNGEN 20
2.1.3 Deutung
Es ist anzunehmen, dass es sich bei den mit Schlangen verzierten Gef¨ aßen nicht um allt¨ agliche Gebrauchskeramik, sondern vielmehr um Kultgef¨ aße handelt. Betrachtet man die Evolution der Schlangen, so waren die ersten Schlangen wurm¨ ahnliche Tiere, die im Schlamm lebten. Aus eben diesem Schlamm haben Menschen Gef¨ aße gefertigt und mit Schlangen verziert. 26 Auch Wasser spielt eine große Rolle im Schlangenkult, so dass man an Libationen aus Kultgef¨ aßen denken kann (siehe Seite 69). Ebenso ist eine F¨ utterung der in Gestalt von Schlangen wiederkehrenden Ahnen zu erw¨ agen
2.2. MATERIALGRUPPE 2: STEMPELSIEGEL UND TABLOIDE 21
(siehe Afrika Seite 83). Obwohl aus dem Untersuchungsgebiet meines Wissens keine Berichte ¨ uber Schlangenbestattungen vorliegen, kann auch eine solche Nutzung von Keramikgef¨ aßen nicht v¨ ollig ausgeschlossen werden. Auf Bahrain wurden mehrere Gef¨ aße mit den ¨ Uberresten verschiedener Schlangenarten entdeckt (28 27 ), n¨ amlich einer Wasserschlange und einer W¨ ustenschlange. 28 Dies entspricht m¨ oglicherweise der Grobunterteilung der dicken und d¨ unnen Schlangen in der iranischen Stempelglyptik, die symbolisch f¨ ur Regen- und Trockenzeit stehen (siehe Seite 24). Zusammenfassend kann man sagen, dass sich schon an der ersten Materialgruppe abzeichnet, welch bedeutende Rolle der Schlange im Kult zukommt. So wurden f¨ ur Nordmesopotamien und Iran bemalte, aus Nord- und S¨ udmesopotamien applizierte Keramikscherben festgestellt. Hinweise darauf, dass die Schlangenverehrung auf ¨ altere Traditionen zur¨ uckgeht als dies die ¨ altesten Keramikscherben zeigen, liefert der
Fundort G¨ obekli, an dem Schlangenpfeiler in Verbindung mit Tempelanlagen aus dem 9. Jt. v. Chr. gefunden wurden (siehe Seite 51). Eine Zuordnung zu bestimmten Schlangenarten ist aufgrund der Darstellungen h¨ ochstens in drei F¨ allen m¨ oglich, und zwar ist dies zum einen im mesopotamischen Raum die Kobra und zum anderen im iranischen Gebiet die Sandotter und die Hornviper.
2.2 Materialgruppe 2: Stempelsiegel und Tabloide
Als n¨ achstes soll die Materialgruppe der Stempelsiegel und Tabloide betrachtet werden.
2.2.1 Seltene Darstellungstypen
¦ Schlange allein
Vereinzelt kennt man Stempelsiegel, auf denen nur eine oder mehrere Schlangen auf der Siegelfl¨ ache dargestellt sind. Dabei lassen sich zwei verschiedene Darstellungsarten unterscheiden: Zum einen ist in Bild 29 29 eine mit Strichmuster verzierte Schlange in Spiralform abgebildet. Die andere Variante zeigt mehrere d¨ unne Schlangen parallel zueinander angeordnet, wobei die Schlangen in Beispiel 30 30 eher wellenartige, die Schlangen der Beispiele 31 31 und 32 32 dagegen eher zackige Formen annehmen. Diese Zickzack- und Schlangenlinien symbolisieren nach Marshack Wasser, Blitz, Fluss oder Bewegung. 33
¦ Schlange verschlingt Mensch/Tier
Sehr selten ist die Darstellung eines Menschen oder Tieres der/das von einer Schlange verschlungen wird. Beispiel 33 34 aus der Uruk-Zeit zeigt, wie eine
27 Bailon 1997: Fig. 635.
28 Bailon 1997: 142-144.
29 Erlenmeyer 1970: Abb. 11 a, b.
30 Herzfeld 1932/33: 87, Abb. 14.
31 Erlenmeyer 1970: Abb. 20.
32 Rashad 1990: Taf. 44, Abb. 1131.
33 Marshack 1986: 263.
34 Rashad 1990: Taf. 11, Abb. 339.
2.2. MATERIALGRUPPE 2: STEMPELSIEGEL UND TABLOIDE 23
¨ Schlangengott
Das einzige Beispiel eines Schlangengottes f¨ ur diese Materialgruppe k¨ onnte das zweiseitige Tabloid 37 43 sein. Dies ist insofern ungew¨ ohnlich, als Schlangeng¨ otter in dieser Form sonst nur von Rollsiegeldarstellungen der Akkad-Zeit bekannt sind. (siehe Seite 43)
2.2.2 Schlange und ziegenk ¨ opfige Gestalt im Iran
Bei all den bisher genannten Stempelsiegeldarstellungen handelt es sich um zahlenm¨ aßig eher schlecht repr¨ asentierte Themengruppen. Das Thema von ziegenk¨ opfigen Wesen, die Schlangen halten, 44 kommt aber verh¨ altnism¨ aßig h¨ aufig vor.
Ob¯ ed- bis Uruk-Zeit
Um nicht jedes einzelne Siegel oder Tabloid beschreiben zu m¨ ussen, werden die wichtigsten Merkmale der einzelnen Charaktere herausgearbeitet und mit Darstellungen belegt.
¨ Merkmale der ziegenk¨ opfigen Gestalt
Der Kopf des Wesens ist immer in Form einer Ziege mit H¨ ornern dargestellt, wie z. B. in Abbildung 38 45 . Ein Vergleich der K¨ orpermusterung dieser Gestalt und der von ihm gehaltenen Schlangen zeigt, dass sie immer ¨ ubereinstimmt. D.h.
ist die Schlange gestreift, so ist auch die ziegenk¨ opfige Gestalt gestreift (39 46 ). Andere Mustervarianten sind Schuppen, wie in Abbildung 40 47 , Wellenlinien wie in Abbildung 41 48 und ein Gitternetzmuster in Beispiel 42 49 . Nicht immer, doch zumindest manchmal, tr¨ agt die Gestalt “Schnabelschuhe” (40, 39 und 43) 50 . In zwei F¨ allen (41 und 38) kann man ein langes Gewand in Kombination mit einer Halskette nachweisen, in allen anderen F¨ allen ist die Gestalt nur in die Schlangenhaut geh¨ ullt (40-56). Ein weiteres auff¨ alliges Merkmal sind die meist dreifingrigen H¨ ande (40, 42, 44 51 , 45 52 , 46 53 , 47 54 , 48 55 und 49 56 ), die auf einen reptilienartigen Ursprung dieser Gestalt hindeuten.
43 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XVIII, Abb. 37.
44 v. d. Osten Sacken bezeichnet dieses Wesen als Ziegen-“D¨ amon” und schreibt ihm g¨ ottliche Z¨ uge zu. v. d. Osten-Sacken 1992: 167. In Mesopotamien findet man eine ¨ ahnliche Darstellungsweise, doch
handelt es sich hier um eine menschliche Gestalt, die h¨ aufig als Schlangenb¨ andiger angesprochen wird.
45 Trokay 1991: 160, Abb. 1.
46 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XXX, Abb. 68.
47 Rashad 1990: Taf. 12, Abb. 347.
48 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XXIII, Abb. 48.
49 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XIX, Abb. 41.
50 Rashad 1990: Taf. 10, Abb. 335.
51 Rashad 1990: Taf. 45, Abb. 1154.
52 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XXX, Abb. 69.
53 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XXVIII.
54 Rashad 1990: Taf. 45, Abb. 1143.
55 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XXVII.
56 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XVIII, Abb. 39.
2.2. MATERIALGRUPPE 2: STEMPELSIEGEL UND TABLOIDE 25
2.2.3 Schlange und Capride
Ob¯ ed- bis Uruk-Zeit
Aus der Ob¯ ed- bis Uruk-Zeit gibt es aus Iran neben den Darstellungen von ziegenk¨ opfigen Gestalten mit Schlangen auch eine Reihe von Stempelsiegeln, die in allen m¨ oglichen Variationen einen Capriden mit einer Schlange zeigen. Leider handelt es sich auch bei Siegeln zu diesem Thema oft um St¨ ucke aus dem Kunsthandel, so dass eine genaue Zuweisung bez¨ uglich Fundort und Datierung nicht m¨ oglich ist.
Capride
Die Darstellung der Capriden variiert von Tieren mit langen geschwungenen H¨ ornern (59
66
,
60
67
,
61
68
,
62
69
,
63
70
,
64
71
,
65
72
,
66
73
,
74)
¨
uber Capriden mit langen gekerbten H¨ ornern, die der Musterung der Schlangenspirale ¨ (67 74 ), hin zu bloßen Ziegenkopfdarstellungen (68 75 , 69 76 ).
Schlange
Alle Schlangendarstellungen in Verbindung mit Capriden (59-70 77 ) weisen einen dreieckigen Kopf auf, nur die Abbildungen 71 78 , 72 79 , 73 80 sind zu schlecht erhalten, als dass man eine eindeutige Aussage treffen k¨ onnte. Es lassen sich aus der Kombination von Schlange und Ziege mehrere Varianten ablesen.
- Variante 1: Schlange in Halbkreis ¨ uber Capriden
Abbildungen 59, 60, 61, 62 zeigen die Schlange, wie sie in einem Halbkreis die R¨ uckenpartie des Capriden umspannt.
- Variante 2: Schlange hinter Capriden
In Abbildungen 63, 64 wird der Schlangenkopf von einem Stern verdr¨ angt, so dass die Schlange senkrecht hinter dem Capriden dargestellt wird.
- Variante 3: Doppelk¨ opfiger Schlangenkreis
In Variante 3 wird der Capride von der Schlange in Spiral- oder Kreis-form eingerahmt. Die “Spiralschlange” besitzt jeweils zwei K¨ opfe (siehe doppelk¨ opfige Schlange Seite 14) und einen gekerbten K¨ orper (67, 66). Abbildung 66 ist die R¨ uckseite der Abbildung 48 und weist ebenfalls ein
66 Rashad 1990: Taf. 46, Abb. 1163.
67 Rashad 1990: Taf. 45, Abb. 1146.
68 Rashad 1990: Taf. 9, Abb. 328.
69 Rashad 1990: Taf. 10, Abb. 330.
70 Rashad 1990: Taf. 10, Abb. 329.
71 Rashad 1990: Taf. 44, Abb. 1134.
72 Rashad 1990: Taf. 44, Abb. 1132.
73 Rashad 1990: Taf. 45, Abb. 1153.
74 Rashad 1990: Taf. 46, Abb. 1162.
75 v. d. Osten-Sacken 1992: Taf. XXX, Abb. 68.
76 Stevens 1989: Abb. D 2.
77 Stevens 1989: Abb. D 6.
78 Stevens 1989: Abb. D 7.
79 von Wickede 1990: Abb. 324 a.
80 Stevens 1989: Abb. D 5.
KAPITEL 2. SCHLANGENDARSTELLUNGEN 26
solches Kerbmuster auf. Abbildung 65 zeigt eine d¨ unne Schlange in Kreis-form, Abbildung 74 81 dagegen ein dickes Exemplar mit vielen parallelen Kerblinien.
- Variante 4: Schlange in Verbindung mit mehreren Tieren Etwas aus der Reihe fallen die Darstellungen 63-65 und 66-74, und zwar, weil in ihnen mehr als nur die Kombination eines Capriden mit einer Schlange dargestellt wird. Die Schlange scheint in diesen Beispielen nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Aus der ausgehenden Uruk-Zeit sind Darstellungen bekannt, die zwei Ziegen einander gegen¨ uberstehend, mit uberkreuzten K¨ opfen zeigen (75 82 und 72). Es kommt auch vor, dass ein ¨
Capride von einem anderen Tier angefallen wird (76 83 und 71). In einem anderen Beispiel stehen zwei Capriden einander gegen¨ uber. Beispiel 73 zeigt eine Schlange zwischen zwei Hunden?/L¨ owen?. 84
2.2.4 Verschlungene Schlange
Zum Schluss dieses Kapitels soll der Darstellungstyp der verschlungenen Schlange besprochen werden, der in mehreren Beispielen schon auf Stempelsiegeln auftritt, seine Vielf¨ altigkeit jedoch erst auf Rollsiegeldarstellungen erh¨ alt.
Ob¯ ed-Zeit
Aus Tepe Gaura sind zwei ob¯ edzeitliche Stempelsiegelabdr¨ ucke (77 85 und 78 86 ) bekannt, die jeweils zwei einfach verflochtene Schlangen in Kreisform zeigen. Beispiel 78 ist besonders interessant, da hier eine menschliche Gestalt von den verschlungenen Schlangen eingekreist wird. Soll hier symbolisch die Menschensch¨ opfung dargestellt sein (siehe Seite 71)?
Uruk-Zeit
Urukzeitlich ist das dritte Beispiel aus Iran (79 87 ), das der Abbildung 77 in der Anordnung sehr ¨ ahnelt. Der Unterschied besteht zum einen in der Musterung der Schlangen, die gestreift oder gekerbt dargestellt sind, und zum anderen ist hier die dreieckige
2.2. MATERIALGRUPPE 2: STEMPELSIEGEL UND TABLOIDE 27
Kopfform klar zu erkennen. Bei allen drei Beispielen bleibt jedoch die kreisf¨ ormige Anordnung der Schlangen. Das vierte verschlungene Schlangenpaar befindet sich auf der R¨ uckseite von Siegel 58 und steht somit in Zusammenhang mit der ziegenk¨ opfigen Gestalt (190 und 97 88 ).
2.2.5 Deutung
Neben einigen seltenen Darstellungsformen von Schlangen mit V¨ ogeln oder kopulierenden Menschen, sowie der Darstellung der Schlange als “Menschenfresser” oder als verschlungene Schlangen, ¨ uberwiegen bei den Stempelsiegeln die Darstellungstypen
der ziegenk¨ opfigen Gestalt mit Schlangen und von Schlangen mit Capriden. Wie die einzelnen Beispiele gezeigt haben, stehen all diese verschiedenen Darstellungstypen untereinander in Verbindung und k¨ onnen als Einzelpartikel der Kosmologie angesehen werden. Da diese Art der Darstellungen fast ausschließlich in iranischem Gebiet in der Ob¯ ed- bis Uruk-Zeit vorzufinden ist, liegt es nahe hier einen pr¨ ahistorischen Ideenkomplex zu vermuten, bei dem die Tiere Schlange und Ziege eine zentrale Rolle bei der Sch¨ opfung spielen.
F¨ ur die Darstellung des Ziegen-“D¨ amons” kann man sich m. E. sowohl eine kosmologische, wie auch eine rituelle Deutung vorstellen. Wie sp¨ ater der Schlangengott in Mesopotamien (siehe Seite 45), so weist auch der Ziegen-“D¨ amon” die zwei Elemente Ziege und Schlange auf. Abgesehen von unterschiedlichen Schwerpunkten in der Kosmologie zwischen Iran und Mesopotamien 89 bez¨ uglich der Herkunft des lebenswichtigen Wassers (Regenwasser - Grundwasser) und der unterschiedlichen bildlichen Umsetzung der G¨ ottervorstellung, scheint die Grundidee eines Schlangengottes in Kombination mit der Mutter Erde (symbolisiert durch Ziegenh¨ orner und Ziegenabbildungen) beide zu verbinden. Die zweite M¨ oglichkeit w¨ are, den Ziegen-“D¨ amon” als ahnlich dem Hopi-Ritual 90 verkleideten Priester zu deuten, der im Zuge eines Festes, ¨ mit Schlangen die Regenzeit herbeirufen will. Dazu passt auch der Regenzeremonie-Kultplatz in Kurangun (siehe Seite 53).
Die Darstellungen von Schlange und Ziege stehen im iranischen Gebiet m. E. symbolisch f¨ ur die Elemente Wasser und Erde, die im Bergland den Wechsel von Regen-und Trockenzeit anzeigen. Die doppelk¨ opfige Schlange gibt Hinweise auf zwei Arten von Wasser, n¨ amlich Regen- und Schmelzwasser, die in Mesopotamien in Form von An und Enki zum Ausdruck kommt (siehe Seite 59). Der Ziegen-“D¨ amon” vereint in seiner Gestalt Schlangen- und Capridenz¨ uge, so dass eine Zweigeschlechtlichkeit, wie sie sp¨ ater f¨ ur Schlangeng¨ otter und die Muttergottheit festgestellt wird, bereits f¨ ur ihn zutreffen mag (siehe Seite 59).
Die Koitusszenen sind m. E. der bildliche Vorl¨ aufer f¨ ur die ab der Ur-III Zeit aus Schriftquellen in Mesopotamien bekannte, j¨ ahrlich im Zuge des Neujahrsfestes gefeierte heilige Hochzeit. Es handelt sich dabei um die symbolische Darstellung eines Aspektes pr¨ ahistorischer Fruchtbarkeitsriten, durch den die symbolische Erneuerung des Sch¨ opfungsaktes durch Priester in Form des Gottes dargestellt wird.(siehe Schlangenbraut Seite 83). Der Sch¨ opfungsakt wiederum steht als Sinnbild f¨ ur das Leben schlechthin. 91
88 Herzfeld 1933: 101, Abb. 24.
89 RLA 1980-83: Kosmogonie, 218-222.
90 Warburg 1988: 42.
KAPITEL 2. SCHLANGENDARSTELLUNGEN 28
2.3 Materialgruppe 3: Rollsiegel
Bildkompositionen, wie sie auf Stempelsiegeln vorkommen, finden sich auf Rollsiegeln nur noch teilweise und auch dann in anderer Form. Dies h¨ angt vor allem damit zusammen, dass das Rollsiegel ganz neue M¨ oglichkeiten der Abbildung bietet. War das Stempelsiegel noch ein starres, in sich geschlossenes Bild mit wenigen pr¨ agnanten Symbolen, so bringt das Rollsiegel durch die Rollbewegung und die immer fortlaufende Wiederholung einer Szene m. E. den Lebenszyklus zum Ausdruck. Das explizite Symbol f¨ ur den Zyklus, die kreisf¨ ormige Schlange, wird jetzt vom Rollsiegel ¨ ubernommen, so dass die Siegelfl¨ ache selbst Raum bietet, Neues darzustellen. Diese Entwicklung verl¨ auft parallel zur Schriftentwicklung und weist auf einen kulturellen Wandel hin. Ausgehend von einer pr¨ ahistorischen Kulturstufe, deren Grundprinzip die Wiederholung, d.h. das starre Festhalten an Traditionen ist, die die bestehende Ordnung aufrecht erhalten und den Menschen als Richtschnur dienen, kommt Ende des 4. Jt. v. Chr. die Kulturstufe, bei der in zunehmendem Maße die Vergegenw¨ artigung im Vordergrund steht. 92 Best¨ atigt wird diese Vermutung durch die sowohl r¨ aumlich, als auch zeitlich verschiedenen Kulturhorizonten zuzuweisenden zwei Siegelgattungen. Geh¨ orten die Stempelsiegel noch zum pr¨ ahistorischen Ideenkomplex des iranischen Berglandes, so sind Rollsiegel eine Erfindung der Marschenbewohner des ausgehenden 4. Jt. v. Chr. in Mesopotamien. Wie die Entwicklung zeigt, haben sich die Umweltbedingungen im mesopotamischen Tiefland positiv auf die kulturelle Entwicklung der dort ans¨ assigen Bev¨ olkerung ausgewirkt. Jan Assmann beschreibt diese Entwicklung so:
lung von anthropomorphen G¨ ottern im Gegensatz zu Tierg¨ ottern. Diese Verschiebung, bei der G¨ otter nicht mehr als Tiere, sondern als Menschen angesehen werden, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem politosozialen Wandel im ¨ Ubergang vom 4.
zum 3. Jt. v. Chr. und gipfelt im Akkad-Reich als der Anthropomorphisierungsprozess abgeschlossen ist. Es wird sich zeigen, ob man diese Verwandlung eines Tiergottes zu einem Menschengott bei der Schlange auf Rollsiegeldarstellungen nachvollziehen kann.
2.3. MATERIALGRUPPE 3: ROLLSIEGEL 29
Rollsiegeldarstellungen als Vorl¨ aufer der Textquellen?
Man muss meines Erachtens davon ausgehen, dass Rollsiegeldarstellungen neben der f¨ ur Wirtschaftstexte genutzten Keilschrift als eine Art Bilderschrift entwickelt wurden, um mythologische und rituelle Inhalte zu vermitteln.
94
Rollsiegel sind demzufolge, wie sp¨ ater die sumerischen oder akkadischen, keilschriftlich festgehaltenen Mythen, ein erster Schritt, um die oral tradierten Mythen zu fixieren. Notwendig scheint diese Art der Wissenstradierung durch die zunehmende Hierarchisierung der Gesellschaft und die zunehmende Reichsgr¨ oße geworden zu sein.
95
So musste eine Methode gefunden werden, um auch in großen Gemeinschaften und Reichen einen Wissenstransfer zu gew¨ ahrleisten, der einem zentral gesteuerten Standard entspricht.
96
Als diese Aufgabe von den Rollsiegeln nicht mehr zu bew¨ altigen war, weil die F¨ ulle verschiedener Mythen in ihnen nicht ausreichend zum Ausdruck gebracht werden konnte, ging man m. E. dazu ¨ uber die Keilschrift, bislang nur f¨ ur Wirtschaftstexte genutzt, auch f¨ ur die Niederschrift religi¨ oser Themen zu verwenden. Die Schwierigkeit bei der Parallelisierung beider Fundgruppen liegt darin, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Da beide nur verschiedene Methoden darstellen, das aus der oralen Tradition stammende Wissen ¨ uber weite Strecken zu vermitteln, muss es m¨ oglich sein, Schnittstellen zu finden. All dies n¨ utzt jedoch nichts, wenn man nicht den Sinn der einzelnen Bildsymbole versteht. Sowohl Siegel, als auch Keilschrifttexte wurden nur von speziell ausgebil-
deten Priestern angefertigt, die m. E. ihr Wissen ¨ onsriten, sp¨ ater dann zus¨ atzlich ¨ uber Texte erlangten. Je nach Initiationsgrad wurden sowohl Bilder, als auch Texte in verschiedenen Sinnebenen gedeutet.
97
Noch ein kurzer Hinweis zur oralen Tradition: Man darf auf keinen Fall annehmen, dass mit dem Aufkommen der Schrift die m¨ undliche ¨ Uberlieferung endet, sondern diese besteht nach wie vor, eingebettet in rituelle Feste, weiter und ist besonders in den illiteraten Gesellschaftsschichten einziges Medium, einen Leitfaden f¨ ur ein geordnetes Leben zu vermitteln. So kann man sich neben den großen Staatsfesten vorstellen, dass vor allem kleine Kulte weiterhin von großer Bedeutung bleiben. Die schriftlich festgehaltenen Mythen und Epen sind m. E. Machtinstrumente der herrschenden Klasse, 94 Stempelsiegel enthalten auch symbolische Bilder, doch wurden hier eher grundlegende Konzepte wie die Sch¨ opfung oder das dualistische Weltbild festgehalten. Die Rollsiegelschneider hingegen entwickelten dar¨ uberhinaus durch die Kombination signifikanter Bilder eine Schrift. Wenn man ¨ uber die einzelnen Epochen die Ver¨ anderung einzelner Themen beobachtet, so kann man meiner Meinung nach daraus ablesen, was sich wann in der Vorstellung der Menschen ge¨ andert hat. Man kann vielleicht soweit gehen, die Bilder als Spiegelbild der sich wandelnden Gesellschaftsstruktur zu betrachten. D.h. je komplexer der Staatsapparat mit seinen hohen W¨ urdentr¨ agern und Priestern im Verlauf des 3. Jt. v. Chr. wurde, desto mehr G¨ otter in Menschengestalt wurden geschaffen, die den differenzierten Aufgaben gewachsen waren. All diese Aufgaben waren, wie z.B. Texte wie “Enki und die Weltordnung“ darlegen, urspr¨ unglich in einem Hauptgott und einer Hauptg¨ ottin vereint.
95 Dass die Glaubensvorstellung auf eine große Reichsgemeinschaft ausgerichtet war, scheint auch der von G. Selz als Amphiktyonie bezeichnete Zusammenschluss der ¨ uber das ganze Land verteilten
Kultorte zu beweisen. Jedes dieser Zentren hat eine andere Funktion und einen anderen Hauptgott, die zusammengenommen das funktionsf¨ ahige Ganze bilden. Selz 1992: 191.
96 So ist zu erkl¨ aren, dass z. B. in der Zeit der assyrischen Handelskolonien bis nach Anatolien Rollsiegel verbreitet waren. Als das assyrische Imperium zusammenbrach, verschwanden auch die Rollsiegel und machten den in Anatolien ¨ ublichen Stempelsiegeln wieder Platz.
97 Auf unterster Ebene kann man m. E. Tabu-Regelungen herauslesen, diesen schließen sich in einer n¨ achsth¨ oheren Stufe Riten an und nur die ¨ altesten Initianden werden die Ebene der Sch¨ opfung erreicht haben.
KAPITEL 2. SCHLANGENDARSTELLUNGEN 30
wohingegen das Volk die alten Ideen m¨ undlich weitertradiert und bewahrt.
2.3.1 Seltene Darstellungstypen
Schlange in Kombination mit Capriden und/oder Vogel
Wie in den Stempelsiegelvorl¨ aufern Nummer 75 und 72 stehen sich in der urukzeitlichen Abrollung 80 98 zwei Capriden gegen¨ uber. Zwischen ihnen liegen zwei ver-
schlungene Schlangen mit erhobenen K¨ opfen, ¨ uber denen eine Rosette angebracht ist.
Neu zu diesem Darstellungstyp tritt ein kleiner Adler hinzu, der als Bindeglied ¨ den Hinterteilen der Capriden schwebt.
des Siegels wird ein Capride von einem anderen Tier (L¨ owe?) angefallen. ¨ Capriden schwebt der Adler, diesmal in Relation erheblich gr¨ oßer dargestellt. Eine weitere Abrollung (82 100 ) aus der Fr¨ uhdynastischen Zeit zeigt einen Adler, 101 der mit seinen Klauen jeweils eine Schlange mit Drachenkopf gepackt h¨ alt. Der K¨ orper der Schlange ist spiralf¨ ormig aufgerollt wie in Beispiel 43, nur dass in diesem Fall anstelle des Ziegen-“D¨ amons” ein Adler die beiden Schlangen h¨ alt. Rechts davon ist eine G¨ otterkampfszene dargestellt, in der ein nackter Held mit einem Hirsch ringt. 102 Diese Beispiele symbolisieren m. E. den Jahreszyklus. Es stehen sich die Elemente Wasser und Erde gegen¨ uber. Da das Wasser einmal als Grundwasser und einmal als Regenwasser gemeint ist, wird es von Schlange und Adler vertreten. Der Capride stellt die fruchtbare Erde dar (n¨ ahere Ausf¨ uhrungen dazu im Kapitel 3.1.2).
2.3.2 Schlange und menschliche Gestalt in Mesopotamien
In Mesopotamien setzt sich die Tradition des Ziegen-“D¨ amons” in den Rollsiegeldarstellungen fort, doch wird dieser jetzt entweder als sechslockiger Held 103 oder als Mensch (Priester) dargestellt.
Ob¯ ed- bis Uruk-Zeit
2.3. MATERIALGRUPPE 3: ROLLSIEGEL 31
Schlange in der Hand auf einem liegenden L¨ owen vor einem Geb¨ aude. In Beispiel 85 liegt eine Schlange auf dem Dach des Geb¨ audes und wird von einem nackten Mann am Kopf ber¨ uhrt. Zwei weitere nackte M¨ anner bringen Schlangen zum Geb¨ aude. ¨ Uber ihren K¨ opfen und zwischen ihnen sind ein Skorpion, ein Vogel und ein Fisch und eine verschlungene Schlange angebracht. Eine vierte kleine Person scheint einen Stock in der Hand zu halten.
Die zwei Siegel aus Uruk lassen auf einen Schlangenkult schließen, der bei der Keramikbeschreibung schon einmal erw¨ ahnt wurde (siehe Seite 20). Der Fund-umstand im An Tempel macht es wahrscheinlich, dass die abgebildeten Geb¨ aude ebenfalls den An Tempel repr¨ asentieren sollen. Die Verbindung zum Schlangengott ist auch in der G¨ ottergenealogie zu sehen, in der An als Vater einiger Schlangeng¨ otter genannt wird (siehe Seite 62).
Die Symboltiere (85) deuten alle auf eine Regenzeremonie hin, da sie in Verbindung zu Wasser stehen. Es sind eine Reihe von Kultanlagen ausgegraben, deren Architektur eine Beziehung zu einem Wasserkult/Schlangenkult vermuten l¨ asst. Allen voran die Tempelfunde aus Dilmun und Eridu (204 107 ), denen die meisten anderen Tempelanlagen, wie auch der Urukkomplex (205 108 ) nachempfunden sind. 109 Der L¨ owe steht symbolisch f¨ ur Inanna/Iˇ star, der eine treibende Kraft im Wechsel der Jahreszeiten zuzuschreiben ist (siehe Dumuzi’s Traum Seite 76).
Fr ¨ uhdynastische Zeit
Darstellungen
In der Fr¨ uhdynastischen Zeit tritt der sechslockige Held (lah mu) auf Rollsiegeln
¯ auf (86 110 , 87 111 , 88 112 und 89 113 ). Er wird nackt, mit sechs Locken und je einer Schlange in der Hand dargestellt und f¨ ullt die ganze Siegelfl¨ ache in Abrollrichtung aus. Einmal ist zus¨ atzlich eine Schildkr¨ ote 114 angebracht (86). Beispiel 88 ist besonders gut ausgearbeitet und zeigt die Schlange mit Zickzackmusterung und Drachenkopf. Auf Abbildung 89 h¨ alt der lah mu zwei Ringst¨ abe anstelle
¯
von Schlangen in der Hand (113). 115
Neben den als lah mu identifizierten Schlangenb¨ andigern sind zwei stark ero-
¯ dierte Beispiele mit B¨ andigern (90 116 und 91 117 ) bekannt.
107 Golzio 1983: Abb. 1.
108 Roaf 1990: 63.
109 Golzio 1983: 27-30.
110 Erlenmeyer 1970: Abb. 2.
111 Frankfort 1955: Abb. 535.
112 Erlenmeyer 1970: Abb. 3.
113 Erlenmeyer 1970: Abb. 1.
114 Die Schildkr¨ ote ist neben dem Ziegenfisch das Symboltier Enki’s. Es heißt, sie habe die entwendeten Schicksalstafeln zur¨ uckgebracht. Black/Green 1992: 179.
115 Ein weiteres Siegel bringt den Ringstab haltenden lah mu in Verbindung mit einem Gott, dem f¨ unf
¯
Schlangen aus den F¨ ußen wachsen. Dieser Gott wird als Tiˇ spak angesprochen, der gerade einer Person einen Pflug ¨ uberreicht (Abbildung 113). Wiggermann 1997: 38.
116 Erlenmeyer 1070: Abb. 4.
117 Frankfort 1955: Abb. 497.
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Birgit Kahler, 1999, Schlangendarstellungen in Mesopotamien und Iran vom 8. bis 2. Jt. v. Chr. , München, GRIN Verlag GmbH
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