Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung. 3
B. Rohübersetzung. 4
C. Exegese. 6
1. Textkritik. 6
2. Formkritik. 7
3. Traditionskritik. 15
4. Literarkritik ( Redaktionsgeschichte) 21
5. Überlieferungskritik. 26
6. Historische Ortsbestimmung. 28
D. Schluß. 32
7. Zusammenfassung. 32
8. Theologische Stellungnahme. 33
E. Literaturverzeichnis. 35
2
A. EINLEITUNG
Wer einen alttestamentlichen Text auslegen möchte, sollte ihn - wie jeden antiken Text - zunächst als historisches Dokument ernst nehmen. Im Bereich der Wissenschaft ist die sog. historisch-kritische Methode der Versuch, dieses in angemessener Weise zu berücksichtigen. "Historisch" geht diese Methode vor, weil die biblischen Texte in einer weit zurückliegenden Zeit und unter Bedingungen einer vergangenen Epoche entstanden sind. "Kritisch" will sie sein nicht im Sinne des Besserwissens und aufgrund von Vorurteilen, sondern im Sinne des griechischen Wortes κρινειν, d.h. um unterscheiden zu können - unterscheiden beispielsweise zwischen damaligen und heutigen Verstehensbedingungen, aber auch zwischen den verschiedenen Teilen und Schriften der Bibel, um sie je in ihrer Besonderheit zu erfassen. Um ihr Ziel zu erreichen, d.h. eine Einzelschrift bzw. einen Einzeltext in seiner spezifischen Aussageintention so exakt wie möglich zu erfassen, gliedert sich die hist.-krit. Methode auf in einige verschiedene Methodenschritte, die den Text je aus ihrer Perspektive untersuchen wollen (z.B. formgeschichtlich, traditionsgeschichtlich, etc.), um somit sozusagen Schritt für Schritt zum Verständnis des Textes beizutragen.
Im wissenschaftlichen Bereich kenne ich bisher keine wirklich fruchtbringende Alternative zur hist.-krit. Methode. Allerdings stehe ich als Student (nach bisher drei Hochschul-semestern) noch vor der Entscheidung, ob ich den relativ großen Forschungsaufwand im rechten Verhältnis zu seinem Ertrag sehen kann. Aus meinen bisherigen Erfahrungen kann ich jedenfalls nicht die Behauptung ableiten, daß zu einem Textverstehen ein wissenschaftlicher Zugang zwingend notwendig sei. Vie lleicht erhebt die hist.-krit. Methode jedoch gar nicht den Anspruch, zu einem vollkommenen Textverständnis zu führen. Vielleicht hat sie ihren Zweck schon dann erfüllt, wenn sie dem Leser zeigen kann, daß ein alttestamentlicher Text nicht vom Himmel gefallen ist, sondern einen mehr oder weniger rekonstruierbaren geschichtlichen Wachstumsprozeß hinter sich hat. Wer dies einmal erkannt hat, wird auch erkennen, daß zu diesem Wachstumsprozeß manchmal viele Generationen beigetragen haben, die je in ihrer Zeit ihre Erfahrungen mit Gott zum Ausdruck bringen wollten. Wer also etwas über die Entstehung eines atl. Textes erfahren hat, wird noch deutlicher sehen, daß es Menschen waren, die etwas mitteilen wollten. Ob sie uns etwas mitteilen wollten, darf bezweifelt werden. Dennoch können sie uns etwas mitteilen, denn sie reden von dem Gott, der durch die Geschichte hin-
3
durch bis heute wirkt. Diese "Mitteilung" erschließt sich uns jedoch nicht allein durch die bloße Durchführung einer wissenschaftlichen Methode, auch nicht der historisch-kritischen...
B. ROHÜBERSETZUNG
Am Anfang 1 , als sprach Jahwe durch 2 Hosea. 1,2) Es sagte Jahwe zu Hosea:
denn ganz und gar 3 hurt das Land - weg von Jahwe.
1,3) Und er ging und er nahm Gomer, die Tochter Diblaims. Und sie wurde schwanger und sie gebar ihm einen Sohn.
1,4) Und es sagte Jahwe zu ihm: Nenne seinen Namen Jesreel, denn noch wenig (Zeit)
und ich werde ahnden 4 die Blutschuld Jesreels am Hause Jehus,
und ich werde beenden das Königtum Israels.
1,5) Und es soll geschehen an jenem Tag: Ich werde zerbrechen den Bogen Israels in der Ebene Jesreel
1,6) Und sie wurde schwanger abermals und sie gebar eine Tochter. Und er sagte zu ihm:
1
Von dem constructus
tl-
2 Die Präposition b<4 an dieser Stelle mit "zu (Hosea)" zu übersetzen, wird dadurch ausgeschlossen, daß im weiteren Verlauf der Perikope (schon in 2b) als "hinwendende" Präposition jedesmal la3 gebraucht wird.
3 Der absolute Infinitiv hOnz+ bildet hier zusammen mit der finiten Verbform hn3z$t1 eine figura etymoligica (vgl. W. Schneider, Grammatik, § 50.4.2, S. 219). Hierdurch wird dem Ve rbalausdruck ein besonderer Nachdruck verliehen, welcher sich hier in der Wendung "ganz und gar" widerspiegelt.
4 Dieses und die folgenden Konsekutivperfekte sind wohl allesamt futurisch aufzufassen (vgl. W. Schneider, Grammatik, § 48.3.4, S. 190 ff).
4
Nenne ihren Namen "Lo-Ruchama" 5 , denn ich fahre nicht mehr fort, mich zu erbarmen über das Haus Israel, ja, bestimmt werde ich ihnen vergeben 6 . 1,7) Und über das Haus Juda werde ich mich erbarmen, und ich werde sie retten durch Jahwe, ihren Gott. Nicht aber werde ich sie retten durch Bogen, durch Schwert und durch Kriegsgerät, durch Rosse und durch Reiter.
1,8) Und sie hatte Lo-Ruchama entwöhnt; und sie wurde schwanger und gebar einen Sohn.
1,9) Und er sagte: Nenne seinen Namen "Lo-Ammi" 7 , denn ihr (seid) nicht mein Volk, und ich (bin) der "Nicht-bin-ich-da" 8 für euch.
2,1) Und es soll sein
die Zahl der Israeliten wie der Sand des Meeres, welchen man nicht zählen und nicht messen kann. Und es soll geschehen: An dem Ort, an dem man zu ihnen sagte: "Nicht mein Volk (seid) ihr", wird man zu ihnen sagen: "Söhne des lebendigen Gottes (seid ihr)".
2,2) Und es werden sich versammeln die Judäer und die Israeliten miteinander; und sie werden sich setzen ein gemeinsames Haupt und sie werden heraufsteigen 9 von dem Land.
5 Wörtlich: "Nicht-Erbarmte".
6 Die Textkritik hat zu ermitteln, welches Lexem hier ursprünglich gesetzt war. Hiervon wird es auch abhängen, ob das yk1< in 6bβ eventuell nicht als bekräftigende ("ja", "fürwahr"), sondern als begründende ("da", "weil", "denn") Partikel aufzufassen ist. 7 Wörtlich: "Nicht-mein-Volk".
8 Durch den Maqqef wird aus der finiten Verbform hy3h4a33 in Verbindung mit aOl ein negierter Nominalausdruck. Dieser wurde im Deutschen beibehalten.
9 So lautet eine Grundbedeutung für hli (vgl. W. Gesenius/F. Buhl, Handwörterbuch, S. 589). Die Traditionskritik wird zu ermitteln haben, welche Bedeutung für hli dem Kontext am besten gerecht wird.
5
Ja, groß (wird sein) der Tag Jesreels.
Sagt zu euren Brüdern "Ammi" 10 2,3)
und zu euren Schwestern "Ruchama" 11 .
C. EXEGESE
I. Textkritik
Die historisch-kritische Exegese eines alttestamentlichen Textes setzt ein bei der Frage nach der ursprünglichen Gestalt des Textes. "Ursprüngliche Gestalt meint dabei im wesentlichen diejenige Textgestalt, die am Ende des Prozesses produktiver, schriftlicher Gestaltung im AT steht." 12 Die hist.-krit. Exegese ist sich also
darüber im klaren, daß sie zunächst einmal ihren Gegenstand, d.h. den atl. Text, auf das Genauste rekonstruieren muß, da er sich auch noch nach dem Ende seines eigentlichen Entstehungsprozesses, bedingt durch gewollte oder ungewollte Veränderungen der Abschreiber, verfälscht haben kann. So ist es nun die Aufgabe der Textkritik, solche Verfälschungen unter Heranziehung anderer Textzeugen (Handschriften) aufzudecken, und den im o.g. Sinne ursprünglichen Text zu ermitteln. Zu Hosea 1,2 - 2,3 finden sich nun in der Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) drei 13 textkritische Anmerkungen:
1.) Für Vers 2 gibt der textkritische Apparat der BHS zu bedenken, daß die Septuaginta (LXX) anstelle der flektierten Verbform rb<3d<1 (3. Sg. Perf. Piel zu rbd) ein Nomen stehen hat (λογου = Gen. Sg. zu λογος). Die Herausgeber der BHS
möchten mit dieser Anmerkung wohl nahelegen, daß die LXX vielleicht rb-d4< (stat. constr. zu dem Nomen rb=d<=) gelesen hat, und nun mit λογου den ur-
sprünglichen Text bewahren wollte. Doch mit W. Rudolph 14 und H.W. Wolff 15
10 Wörtlich: "Mein-Volk".
11 Wörtlich: "Erbarmte". 12 O. H. Steck, Exegese, S. 38.
13 Auf die textkritische Anmerkung zu Vers 7 wird hier nicht eingegangen. Es wird im Rahmen der literarkritischen Fragestellung zu prüfen sein, ob der Vers 7 ein späterer Zusatz ist. Daß der Vers 7 erst nach dem Ende des eigentlichen Entstehungsprozesses des Kapitel 1 entstanden ist, somit also mit den Mitteln der Textkritik herauszufiltern wäre, halte ich zusammen mit wohl nahezu allen Auslegern für höchst unwahrscheinlich, zumal sich kein Textzeuge finden läßt, in dem der Vers 7 nicht belegt wäre. 14 Vgl. W. Rudolph, Hosea, S. 37. 15 Vgl. H.W. Wolff, Hosea, S.7.
6
kann gesagt werden, daß die Übersetzung λογου noch nicht beweist, daß die LXX tatsächlich rb-d4< gelesen hat, da die LXX mit λογου auch gut eine absichtliche
Veränderung des schwierigen masoretischen rb<3d<1 vorgenommen haben kann, ohne dabei den Sinn der Aussage zu verändern. Dem masoretischen Text (MT) kann also hier der Vorzug gegeben werden, da er sprachlich und sachlich einwandfrei ist, und sich zudem die Lesart der LXX gut aus der Lesart des MT erklären läßt (s.o.).
2.) Die BHS sieht in Vers 6 die Wendung aS<=a3 aOSn= als nicht ursprünglich an. Zwar gesteht wohl auch BHS ein, daß die Wendung aS<=a3 aOSn= sprachlich möglich wäre, zumal sie in ihrem Mikrokontext Mh3l= aS<=a3 aOSn= )yk<1 durchaus Sinn ergibt ("denn bestimmt werde ich ihnen vergeben"), doch ist BHS letztendlich der Meinung, daß die Bedeutungsrichtung "vergeben" in den größeren Kontext nicht hineinpaßt. Stattdessen findet BHS in der LXX mit αντιτασσοµενος αντιταξοµαι ("ich werde mich heftig entgegensetzen") eine
Bedeutungsrichtung, die sich ihrer Meinung nach viel besser in den Sinnzusammenhang einfügen läßt. BHS hält es nun für möglich, daß LXX an+S4a3 aOnS= ("ich werde bestimmt hassen") gelesen haben könnte, und nun diese figura etymologica in einer sinngleichen (bzw. sinnähnlichen) griechischen figura etymologica wiedergeben wollte. Der Konjektur an+S4a3 aOnS=, welche BHS folglich vorschlägt, ist zugute zu halten, daß sie graphisch sehr nah am MT liegt, und es somit in der Tat möglich erscheint, daß ein Abschreiber sich verlesen haben könnte und einen Abschreibefehler begangen hat. Allerdings läßt sich diese Konjektur nicht von der LXX her rechtfertigen, da diese anS (Grundbedeutung: hassen 16 ) an keiner Stelle mit αντιτασσοµαι übersetzt, sondern fast ausschließlich mit µισειν wiedergibt. Auch umgekehrt gibt es kein αντιτασσοµαι in der LXX, welches anS als Vorla-
ge hat. 17
3.) In Vers 9 schlägt BHS für Mk3l= hy3h4a3 die Konjektur Mk3yh2Ola6 vor. Diese Konjektur wird wohl aufgrund zahlreicher späterer griechischer Handschriften vorgeschlagen, welche allesamt θεος vor oder hinter υµων stehen haben.
Nach W. Rudolph 18 handelt es sich jedoch bei diesen θεος' um spätere Einfügun-
16 Vgl.W. Gesenius/F. Buhl, Handwörterbuch, S. 788.
17 Vgl. A. Weider, Ehemetaphorik, S. 25. 18 Vgl. W. Rudolph, Hosea, S. 38.
7
gen in Angleichung an die traditionelle Erwählungsformel 19 . Ich stimme mit W.
Rudolph darin überein, daß der MT den ursprünglichen Text bewahrt, zumal dieser die kürzere/schwierigere Lesart enthält im Gegensatz zu den späteren griechischen Handschriften, welche die längere/leichtere Lesart enthalten. Außerdem gilt hier (wie auch sonst in der Textkritik): manuscripta ponderantur non numerantur.
II. Formkritik
Wichtige Voraussetzung für die Auslegung eines alttestamentlichen Textes ist weiterhin die Ermittlung seiner Form, denn ohne eine genaue Analyse sprachlicher Strukturen wird es nicht möglich sein, den Standort des Textes in seiner sprachlich vorgeprägten Welt zu bestimmen 20 . Gerade hiervon hat man aber auszugehen: daß
die Schreiber des AT ihre Erfahrungen und Erkenntnisse nicht einfach herunterschrieben, wie es ihnen in den Sinn kam, sondern daß sie sich bestimmter vorgeprägter Textgattungen bedienten, damit der besondere Akzent des Geschriebenen nicht vom Inhalt weg auf den individuellen Sprachstil eines Einzelnen gelenkt wurde. Mit der Beschreibung der Form des Textes und dem anschließenden Versuch, ihn einer vorgeprägten (Text-) Gattung zuzuordnen, sind beide Aufgaben der Formkritik schon angedeutet. Zusammen werfen sie die Frage nach der (formalen bzw. gattungsmäßigen) Geschlossenheit des Textes auf. Werden hier Brüche sichtbar, wird die Literarkritik (und die Redaktionsgeschichte) zu klären haben, worauf dies im Einzelnen zurückzuführen sein könnte.
Das Textstück Hosea 1,2 - 2,3 läßt sich sowohl inhaltlich als auch formal deutlich von seiner Umgebung abgrenzen: Der Vers 1 gehört ohne Zweifel noch nicht in den Zusammenhang von 1,2 - 2,3, da er zum einen für das inhaltliche Verständnis des Textstücks nichts beiträgt, und zum andern formal sicherlich in die Reihe der Prophetenbuchüberschriften gehört, welche gekennzeichnet sind durch knappe Angaben zu Herkunft und Wirkungszeit des Propheten 21 . Somit beginnt mit 1,2 eindeutig
etwas Neues, was sich zudem daraus ergibt, daß die Redeeinleitung in 1,2a ausschließlich auf das Folgende verweist 22 , d.h. in keiner Weise an 1,1 anknüpft. Das
19 Vgl. Jer. 7,23; 11,4; 24,7 u.a.
20 Vgl. O.H. Steck, Exegese, S. 97. 21 Vgl. Jes 1,1; Am 1,1.
22 Umstritten ist die Frage, bis wohin die Ankündigung der Jahwerede in 1,2a reicht (bis 1,9: H.W. Wolff, Hosea, S. 12; bis 2,25: u.a. W. Rudolph, Hosea, S. 39). Im Rahmen unserer Fra-
8
Ende des Textstücks ist dadurch markiert, daß mit 2,3 zum letzten Mal auf Vorheriges Bezug genommen wird, indem in diesem Vers noch einmal eine heilvolle Umbzw. Neudeutung der Kinder- und Unheilsnamen aus Hosea 1 vorgenommen wird. Hingegen setzt mit 2,4 etwas völlig Neues ein. Zwar wird das Thema der Ehe hier noch einmal aufgegriffen, doch nun nicht mehr im Zusammenhang des hoseanischen Eheschicksals, sondern nur noch als Bild für das Verhältnis Jahwe-Israel. Wenn es hier außerdem um die Zustandsbeschreibung einer Ehe geht, die im Begriff ist, zu zerbrechen, dann wird nicht mehr - wie noch in 2,3 - Heilvolles für die Zukunft verheißen; vielmehr wird nun von einer äußerst belastenden Gegenwart geredet. Zwischen 2,3 und 2,4 ist somit ein gedanklicher Trennungsstrich zu ziehen. Schwieriger ist nun das Problem innerer Grenzlinien. Während manche Ausleger Hosea 1,2-2,3 als eine einzige Kompositionseinheit, d.h. als ein im Sinne der Tradenten zusammen-hängendes, wenn auch von ihnen erst nachträglich erweitertes oder zusammengesetztes Textstück 23 , ansehen möchten 24 , gibt es andere, welche
eher zwei voneinander unabhängige Kompositionseinheiten annehmen wollen 25 .
Auf den ersten Blick scheint das Textstück tatsächlich in zwei Kompositionseinheiten zu zerfallen, da zwischen 1,9 und 2,1 ein formaler Bruch festzustellen ist: Zu der in 1,2-9 gegebenen Prophetenerzählung 26 , in der von Hoseas Eheschicksal die Re-
de ist, ist 2,1-3 zweifellos nicht mehr zu rechnen, da hier plötzlich eine Verheißung gegeben wird, welche mit Hoseas familiärer Situation nichts mehr zu tun hat. Bei näherem Hinsehen muß jedoch die Frage aufkommen, ob der Anhaltspunkt, daß 2,1-3 "nicht mehr von Jahwes Reden zu Hosea in Sachen seiner Familie" 27 erzählt,
schon ausreicht, Hosea 2,1-3 von Hosea 1 als eigene Kompositionseinheit abzutrennen. Zwar ist in 1,2-9 (eher 28 ) von Unheil die Rede 29 , während 2,1-3 wohl aus-
gestellungist dieses Problem jedoch unerheblich, da die Zugehörigkeit von 1,2a zu 1,2b - 2,3 außer Frage steht.
23 Ausdrücklich soll hier also der Begriff "Kompositionseinheit" gegen den Begriff "literarische Einheit", welcher die literarische Geschlossenheit eines Textes ohne spätere Einfügungen meint, abgegrenzt werden. Der Begriff "Kompositionseinheit" läßt offen, ob und wieviele Redaktoren an der Gestaltung einer uns heute vorliegenden literarischen Komposition mitgewirkt haben.
24 Z.B. J. Jeremias, vgl. ders., Hosea, S. 29.
25 Z.B. H.W. Wolff und W. Rudolph, welche in ihren Hoseakommentaren Hosea 1,2-9 und Hosea 2,1-3 konsequenterweise getrennt voneinander besprechen. 26 Vgl. zum Begriff W.H. Schmidt, Einführung, S. 181. 27 H.W. Wolff, Hosea, S. 8.
28 Von Ausnahmen, die eventuell auf Brüche hinweisen können, wird später die Rede sein.
9
schließlich heilvolle Assoziationen weckt, doch gerade in dieser Gegensätzlichkeit könnte doch die Aufeinanderbezogenheit beider Teile liegen. Zwar ist auch die Art und Weise der Unheilsankündigung bzw. der Heilverheißung sehr unterschiedlich, wenn einerseits für die Unheilsankündigung eine Rahmengeschichte erzählt wird (Hoseas Eheschicksal), andererseits aber die Heilsverheißung ohne Umschweife geschieht 30 . Aber es spricht gegen eine Spaltung in zwei Kompositionseinheiten,
wenn wie hier das in 2,1-3 Gesagte inhaltlich so offensichtlich auf das in 1,1-9 Gesagte rückbezogen ist, indem hier die Kinder- und Unheilsnamen um- bzw. neugedeutet werden, indem hier das "angesagte Gericht als ein Durchgangsstadium zu umfassendem Heil" 31 interpretiert wird.
Allein aus sich heraus wäre 2,1-3 auch gar nicht voll verständlich, weil der Inhalt der Verheißungen erst im Bezug auf 1,2-9 deutlich wird (s.u.). Aber auch umgekehrt läßt sich sagen, daß das Kapitel 1 im Sinne der Tradenten nicht ohne 2,1-3 gelesen sein will. Andernfalls hörte Hoseas Botschaft damit auf, daß das Volk Israel hinfort ohne Gott leben müßte (vgl. V.1,9). Dann aber "gäbe es kein Israel und kein Hoseabuch [also auch nicht Hosea 1,2-9, der Vf.], weil niemand die Worte Hoseas hätte überliefern können" 32 . Im Folgenden wird somit von der Kompositi-
onseinheit Hosea 1,2 - 2,3 ausgegangen.
Gleichwohl gibt es innerhalb von Hosea 1,2 - 2,3 einige inhaltliche Ungereimtheiten. Es wird sich zeigen müssen, ob sich auch aus gattungsgeschichtlicher Sicht manche Textteile als nicht zugehörig erweisen. Im Folgenden sollen nun die beiden Textstücke diesseits und jenseits der formalen Bruchstelle zwischen 1,9 und 2,1 getrennt voneinander besprochen werden, d.h. 1.) die Prophetenerzählung von 1,2-9 und 2.) das verbleibende Textstück 2,1-3. Da wir von einer Kompositionseinheit ausgehen, muß jedoch 3.) noch gezeigt werden, wie das in 2,1-3 Gesagte auf das in 1,1-9 Gesagte konkret zu beziehen ist. Ziel dieser Fragestellung wird es sein, am Schluß der formkritischen Untersuchungen, d.h. a) der sprachlich-inhaltlichen und b) der gattungsgeschichtlichen Analysen, 4.) eine Gliederung des Aufbaus der Kompositionseinheit Hosea 1,2 -2,3 geben zu können.
29 Schon jetzt kann gesagt werden, daß die Ankündigungen "ich werde die Blutschuld Jesreels ahnden" oder "ich werde das Königtum Israels beenden" wie Unheilsdrohungen klingen und wohl auch als solche gemeint sind.
30 So in 2,1 beispielsweise durch hy+h+v$-Sätze; in 2,2 durch (futurische) Konsekutivperfekte; in 2,3 durch einen Imperativ. 31 J. Jeremias, Hosea, S. 29. 32 J. Jeremias, a.a.O., S. 33.
10
1.) HOSEA 1,2-9 a.) sprachlich-inhaltliche Analyse
Obwohl es sich bei Hosea 1,2-9 um eine Prophetenerzählung handelt, stellt sich jedoch heraus, daß die biographischen Notizen zu Hoseas Eheleben nur den Rahmen für eine mehrgliedrige Unheilsbotschaft bilden sollen (s.o.), welche Jahwe "durch Hosea" (vgl. 1,2a) seinem Volk mitzuteilen hat. Das heißt aber nicht, daß die Ehegeschichte von Hosea 1 deshalb frei erfunden sein muß 33 . Es heißt lediglich,
daß der "Ton der Komposition" auf den "Gottessprüchen" 34 liegt, denn die Jahwe-
befehle 35 , die in Unheilsankündigungen übergehen 36 , werden jeweils nur einge-
rahmt von einerseits hinführenden Redeeinleitungen, die mit zunehmendem Textverlauf immer kürzer werden 37 , und andererseits von überleitenden, den nächsten
Befehl vorbereitenden Notizen (wenn man die Berichte von der Geburt der Kinder im Sinne des oben Gesagten hier einmal so nennen darf), die sprachlich beinahe überhaupt nicht variieren 38 . Obwohl also die narrativen Teile von Hosea 1,2-9 we-
der unwic htig noch unwahr sein müssen, liegt der Akzent der Prophetenerzählung ausschließlich auf den Gottesworten, die sich deutlich steigern und an Bedrohlic hkeit zunehmen 39 . Bezugnehmend auf das Problem inhaltlicher Ungereimtheiten
33 Vielmehr wird aufgrund der konkreten Namensnennung Gomers und ihres Vaters Diblaim sehr oft Historizität angenommen, so z.B. H.W. Wolff, Hosea, S. 16 f; A. Weider, Eheme-taphorik, S. 15; J. Jeremias, Hosea, S. 28. 34 H.W. Wolff, Hosea, S. 8.
35
Befehl zur Heirat einer
Myn1Vnz$ tD3a2
in 1,2; drei Befehle zur Namengebung (1,4; 1,6; 1,9). All diese Befehle sind äußerst knapp formuliert; die letzten drei fallen zudem wegen ihres stereotypen Charakters auf: sie beginnen jeweils mit
vOmD4 ar+q4
bzw.
h
36 Durch die unheilvollen Deutungen, die Jahwe den an sich schon unheilvoll klingenden Kindernamen beigibt, vermeidet Jahwe, daß seine Befehle zur Namengebung beliebig ausdeutbar bleiben. In diesen "Deuteworten" (vgl. A. Weider, Ehemetaphorik, S. 6) bzw. "Drohworten" (Vgl. H.W. Wolff, Hosea, S. 7) artikuliert sich erst unmißverständlich, welches Unheil Israel konkret zu erwarten hat. Diese Droh-/Deuteworte sind an den Jahwebefehl (vgl. Anm. 27) jeweils durch yk<1 angeschlossen (1,2bβ; 1,4b; 1,6b; 1,9b). 37 Vgl. 1,2: iDvh )la hvhy rmayv (und Jahwe sprach zu Hosea); 1,4: vyla hvhy rmayv (und Jahwe sprach zu ihm); 1,6: vl rmayv (und er sprach zu ihm); 1,9: rmayv (und er sprach).
38 Vgl. 1,3: Nb vl dltv rhtv (sie wurde schwanger und gebar ihm einen Sohn); 1,6: tb dltv dvi rhtv (sie wurde wiederum schwanger und gebar eine Tochter); 1,8: Nb dltv rhtv (sie wurde schwanger und gebar einen Sohn).
39 Daß sich die Gottesworte steigern, begründet J. Jeremias wie folgt: "Ohne König (V.4) kann Israel leben, ohne Gottes Schutz (V.6) nur in permanenter Angst vor dem Untergang, ohne Gott (V.9) gar nicht." J. Jerimias, Hosea, S. 33.
11
muß alle rdings gesagt werden, daß zwischen den Unheilsankündigungen immer wieder Bemerkungen auftauchen, die plötzlich gar nichts mit Unheil zu tun haben. So fallen die Verse 5, 6bβ und 7 deutlich aus dem Zusammenhang der Unheilsankündigungen heraus 40 . Es bleibt jedoch die Frage bestehen, ob auch die gattungs-
geschichtliche Untersuchung Indizien dafür liefert, zwischen den genannten Versen und ihren Umgebungen Brüche zu vermuten.
b.) gattungsgeschichtliche Analyse
Es wurde schon gesagt, daß der Akzent des Textes auf den Gottesworten liegt. Der Bericht über die Ehe und die Kinder des Propheten Hosea ist aber insofern konstitutiv für Jahwes Unheilsankündigung, als in ihm die hurerische Herkunft Gomers und die Namen der Kinder Hoseas zeichenhaft auf das zukünftige Handeln Gottes an Israel (bzw. in 1,2 auf das gegenwärtige Verhalten Israels Gott gegenüber) verweisen sollen. Es handelt sich daher bei dem Bericht über die Ehe und die Kinder des Propheten Hosea im Grunde genommen um einen Zeichenhandlungsbericht oder besser gesagt: um eine Sammlung von vier Zeichenhandlungsberichten, die sprachlich äußerst parallel gebaut sind 41 . Mit H.W. Wolff kann von einer Me-
morabiliensammlung gesprochen werden 42 , da das Anzukündigende in einer zwar
symbolischen, aber doch realen Tat dargestellt wird 43 . Die Gattungsbestimmung
"Memorabiliensammlung" wird zudem gestützt durch einen Vergleich mit ähnlich gebauten Texten (z.B. Jes 8,1 ff, Jes 20,2 ff, Jer 27,2 ff). Es zeigt sich, daß diese Texte allesamt - wie auch z.B. Hos 1,3b-5 (d.h. die zweite Memorabile innerhalb Hosea 1,2-9) - das Merkmal eines Gottesbefehls zu einem bestimmten Handeln sowie das Merkmal der Deutung des Gottesbefehls als Zeichen enthalten. Ferner ist all diesen Texten gemeinsam, daß sie von wirklichem Geschehen reden oderwenigstens - einen historischen Kern enthalten. Hingegen kann jedoch der Bericht von einer Befolgung des Gottesbefehls fehlen. Aufgrund der literarischen Unab-
40 ZurErläuterung: zu V.5: Den Bogen Israels zu zerbrechen, bedeutet nur bedingt Unheil. Jede waffenzerstörende Handlung kann gleichzeitig eine friedenstiftende Handlung sein, vgl. A. Weider, Ehemetaphorik, S. 23. Zu V.6bβ/7: Das hier Gesagte klingt so positiv, daß es ohne Zweifel nicht als Unheilsankündigung gemeint sein kann. - Manche Exegeten sind sogar der Meinung, daß zumindest der Vers 7 auch sprachlich aus dem Rahmen falle, da dieser Vers im sonst prosaisch gehaltenen Text plötzlich Elemente von Poesie enthalte, vgl. z.B. W. Rudolph, Hosea, S. 39.
41 Vgl. Anm. 37 u. 38. Vgl. außerdem die Aufbaugliederung von Hosea 1,2 - 2,3 (u. S. 14/15). 42 Vgl. H.W. Wolff, Hosea, S. 9. 43 Vgl. Anm. 33.
12
hängigkeit dieser Texte kann angenommen werden, daß sie von einer Textgattung "Memorabile" geprägt worden sind. Für Hosea 1,2-9 bedeutet dies einerseits eine Bestätigung der bereits erfolgten Gattungsbestimmung. Andererseits kann dies ebenfalls bedeuten, daß sich nun Textteile innerhalb Hosea 1,2-9 finden lassen, die sich nicht mit der Form einer Memorabile vereinbaren lassen. Die Verse 5, 6bβ alle rdings, die sich inhaltlich nicht recht in den Zusammenhang von Hosea 1,2-9 einfügen lassen (s.o.), können auch aus gattungsgeschichtlicher Sicht noch nicht herausgefiltert werden, da sie formal - zusammen mit 1,4b bzw. mit 1,6a.bα - das Merkmal der Deutung des Gottesbefehls als Zeichen konstituieren. Hingegen muß nun der Vers 7 aus formaler Sicht aus der Memorabilien-sammlung ausgeschlossen werden, da es sich bei ihm um einen unbedingten Heilsspruch 44 handelt, welcher
sich sonst in keiner der anderen untersuchten Memorabilien (s.o.) findet.
2.) HOSEA 2,1-3
a.) sprachlich-inhaltliche Analyse
Bisher unberücksichtigt blieben die Verse 2,1-3. Zunächst fällt auf, daß die Worte dieses Abschnitts "rhythmisch beschwingt" 45 sind, somit also sicherlich in den Be-
reich der Poesie gehören. Auch sonst zeigt die sprachliche Analyse, daß die Verse 2,1-3 wohlklingend komponiert sind. Spätestens in dem Spannungsanstieg, der in den bis 2,2aβ immer kürzer werdenden Sätzen zum Ausdruck kommt 46 , wird deut-
lich, daß sich in diesem Abschnitt um sprachliche und inhaltliche Einheitlichkeit bemüht wurde 47 . Der Vers 3 bringt nun sprachlich etwas Neues, indem er imperati-
visch formuliert ist 48 . In inhaltlicher Hinsicht ist 2,3 jedoch eng mit dem Vers 2,2
verbunden, da erst er die Reihe der Namensumdeutungen vervollständigt.
44 Vgl. zum Begriff "unbedingter Heilsspruch" die Ausführungen zur gattungsgeschichtlichen Analyse von Hosea 2,1-3 (u. S. 13).
45 H.W. Wolff, Der große Jesreeltag, S. 85. Entgegen der Ansicht H.W. Wolffs vermag ich jedoch mit A. Allwohn ein bestimmtes Metrum zu erkennen: V.2,1aα: 2+2+2; V.2,1aβ (unter Streichung des rD3a7): 2+2; V.2,1bα: 2+2+2; V.2,1bβ: 2+2; V.2,2aα: 3+3; V.2,2aβ: 2+2+2; V.2,2b: 3; V.2,3: 3+3. Vgl. A. Allwohn, Die Ehe des Propheten Hosea, S. 15. 46 Zunächst in Vers 2,1 hy+h+v$-Sätze mit langen Relativsätzen, dann in Vers 2,2 drei Hauptsätze mit erst sechs, dann vier, schließlich nur noch drei Worten. 47 Im Rahmen der literarkritischen Untersuchungen wird es sich zeigen, daß es der "Kunst" eines Redaktors zu verdanken ist, die Verse 2,1 und 2,2 sprachlich und inhaltlich so eng miteinander zu verbinden, s. u. S. 26.
48 Das muß er sein, da die in ihm gegebene Verheißung schon in der Gegenwart wirken soll, indem sie als (befolgte) Anweisung "das Kommende selbst schon heraufführt". H.W. Wolff, Der große Jesreeltag, S. 85; s.u.
13
b) gattungsgeschichtliche Analyse
H.W. Wolff zählt Hosea 2,1-2 mit Recht zu den "unbedingten Heilssprüchen, die Verheißungen ohne Wenn und Aber verkünden" 49 . Der Vers 3 hat zwar auch heil-
verheißenden Charakter, darf aber streng genommen nicht zu den Heilssprüchen gezählt werden, da das Heil hier nicht "verheißen", sondern als (befolgte) Anweisung schon in der Gegenwart heraufgeführt wird. Die Gattungsbestimmung H.W. Wolffs - unbedingter Heilsspruch mit Botenanweisung (d.h. mit einer Instruktion angesichts der angekündigten Ereignisse) - trifft jedoch nur für die Verse 2,2-3 zu, da der unbedingte Heilsspruch von 2,1 aus inhaltlichen Gründen innerhalb des Abschnitts 2,1-3 isoliert werden muß 50 . Die Gattungsbestimmung "unbedingter Heils-
spruch mit Botenanweisung" wird jedoch für 2,2-3 durch zahlreiche Textmustervergleiche gestützt, z.B. Sach 9,9 f; Jes 40,1 ff; Jes, 52,7 ff. Diese Texte enthaltenwie auch Hosea 2,2-3 - das Merkmal der bedingungslosen Verheißung und das Merkmal der imperativischen Botenanweisung. Brüche innerhalb Hosea 2,2-3 werden durch die gattungsgeschichtliche Untersuchung nicht sichtbar. Vielmehr entsprechen sich die genannten Textmuster so genau - abgesehen davon, daß das Merkmal der imperativischen Botenanweisung auch vor dem unbedingten Heilsspruch stehen kann -, daß von einer gattungsmäßigen Geschlossenheit von Hosea 2,2-3 gesprochen werden kann. Die formale Sonderstellung des Verses 2,1 wird im Folgenden besprochen:
3.) RÜCKBEZUG VON HOSEA 2,1-3 AUF 1,1-9
Wenn vorhin gesagt wurde, daß das Textstück Hosea 1,2 - 2,3 als eine Kompositionseinheit gelesen werden will, muß aber nun noch gefragt werden, wie die Heilssprüche in Hosea 2,1-3 auf die in Hosea 1,2-9 erfolgten Unheilsankündigungen konkret zu beziehen sind: Da der Vers 2,1 sprachlich mit dem Vers 2,2 verbunden ist (s.o.), hat man den Vers 2,1 meistens auch inhaltlich in den Zusammenhang von 2,1-3 gestellt 51 , doch es gibt Anhaltspunkte, die es sinnvoll erscheinen lassen, den
49 H.W. Wolff, Der große Jesreeltag, S. 84.
50 Zur Begründung: s. unter 3.) Rückbezug von Hosea 2,1-3 auf 1,1-9, u. S. 14. 51 So z.B. J. Jeremias, der Hosea 2,1-3 insgesamt als "Kommentar" zu Hosea 1,9 verstanden wissen möchte (das Gericht "Ihr seid nicht mein Volk" ist nur Durchgangsstation zu einem umfassenden Heil!), vgl. ders., Hosea, S. 34. - Es versteht sich von selbst, daß natürlich all diejenigen Exegeten, welche Hosea 2,1-3 als eine eigene Einheit ansehen wollen, den Vers 2,1 ebenfalls in den Zusammenhang von Hosea 2,1-3 stellen (H.W. Wolff, W. Rudolph).
14
Vers 2,1 in den Zusammenhang von Hosea 1,2-9 zu stellen. So läßt sich beobachten, daß 2,1 nur auf den dritten Kindernamen Lo-Ammi in 1,9 Bezug nimmt, hingegen aber in 2,2-3 trotzdem noch einmal alle drei Kindernamen eine Um- bzw. Neudeutung erfahren 52 . A. Weider weist zudem darauf hin, daß das hy+h+v$ in 2,1
auch sprachlich keinen Neuansatz markiert, sondern eher fortsetzend wirkt 53 . Das
in Vers 2,1 Gesagte könnte dann als Abmilderung der Unheilsankündigung von 1,9 verstanden werden, während ab 2,2 das gesamte zuvor angekündigte Unheil abgewendet wird und in eine Heilsverheißung übergeht. Für die formale Bestimmung bedeutet dies nun, daß 2,1 trotz seiner formalen Andersartigkeit ("unbedingter Heilsspruch") als Teil der Memorabiliensammlung gelten muß.
4.) AUFBAU VON HOSEA 1,2 - 2,3
Mit der erfolgten Einordnung von Hosea 2,1 ergeben sich auch für die Verse 5, 6bβ und 7 neue Möglichkeiten der inhaltlichen Einordnung: Da für Hosea 1,2-9 bereits parallele Strukturen konstatiert worden sind, könnten die Verse 5, 6bβ und 7 - in Analogie zu 2,1 - ebenfalls stets als Abmilderung der jeweils voraufgehenden Unheilsankündigung fungieren. Vorläufig 54 soll dies einmal so angenommen werden.
Im Folgenden soll abschließend noch einmal ein Überblick über den formalen Aufbau von Hosea 1,2 - 2,3 gegeben werden, um erstens die Parallelität der vier Me-morabilien und zweitens die Art und Weise der Rückbezogenheit der Heilssprüche von Hosea 2,1-3 auf die in Hosea 1,2-9 gegebenen Unheilsankündigungen zu veranschaulichen:
52 Vgl. A. Weider, Ehemetaphorik, S. 31.
53 Vgl. A. Weider, a.a.O., S.30. - Außerdem weist A. Weider darauf hin, daß das και ην der LXX ebenfalls eher fortsetzend wirkt, vgl. ebd.
54 Die Frage, ob die den Unheilszusammenhang eigentlich störenden Bemerkungen im Sinne einer Abmilderung des Unheils zu verstehen sind, oder ob sie mitten in der Unheilsankündigung plötzlich Heil (z.B. für Juda, vgl. V.7) verkünden sollen, kann letztendlich erst im Rahmen der redaktionsgeschichtlichen Fragestellung beantwortet werden (vorausgesetzt, sie haben sich zuvor als literarisch sekundär erwiesen).
15
III. Traditionskritik
So wie die Formkritik bemüht war, den Standpunkt des Textes in seiner sprachlich vorgeprägten Welt zu bestimmen, indem sie sprachliche Strukturen aufgezeigt, diese in anderen Texten wiedergefunden und somit schließlich geprüft hat, ob und ggf. welches vorgegebene Sprachmuster (Gattung) bei der Textabfassung bestimmend
55 All diejenigen Angaben, welche im Folgenden in den Klammern gegeben sind, sind aus-
16
war, wird nun die Traditionskritik bemüht sein, den Standort des Textes in seiner geistig vorgeprägten Welt zu bestimmen 56 . Dabei geht sie so vor, daß sie zunächst
durch Textvergleiche den traditionellen Inhalt der Worte/der Wortverbindungen/der Aussagen zu ermitteln versucht, um anschließend zu fragen, ob und ggf. wie die traditionellen Inhalte im gegebenen Text verwendet sind. Ziel der Traditionskritik wird es also sein, den Inhalt des Textes zu ermitteln, indem sie zu erläutern versucht, was seine Aussagen konkret meinen bzw. welche verschiedenen Assoziationen sie hervorrufen sollen.
Für Hosea 1,2 - 2,3 bietet es sich an, folgende Worte/Wortverbindungen näher zu untersuchen, um 1.) den Inhalt des ersten Zeichenhandlungsberichts innerhalb der Memorabiliensammlung (Hosea 1,2b) und 2.) den Inhalt der den ersten Unheilsnamen umdeutenden Heilsverheißung (Hosea 2,2) zu ermitteln:
1.) INHALT DER ZEICHENHANDLUNG VON HOSEA 1,2B
a.) Myn1Vnz$ tD3a2
Da mit der Heirat zwischen Hosea und Gomer offenbar das gegenwärtige Verhalten Israels Gott gegenüber zeichenhaft dargestellt werden soll, ist es geboten, mehr über die einzige hier gegebene Charakterisie rung Gomers zu erfahren: daß sie eine Myn1Vnz$ tD3a2 ist. b.) hv+hy$ yr2c7a-m2 Xr3a=h= hn3z$t1 hnOz+ )yk<1
In diesem Deutewort wird begründet, warum es das Volk Israel verdient, mit der hurerischen Gomer verglichen zu werden. Überraschend ist es aber, daß hier nicht das "Volk" oder das "Haus Israel" von Jahwe weghurt, sondern das "Land". Offenbar gibt es eine Symbolik, die sich mit dem Begriff Xr3a3 verbindet, welche der Verfasser möglicherweise mit seiner Formulierung zur Sprache bringen wollte. Eine solche symbolhafte Bedeutung von Xr3a3 muß im Folgenden aufgespürt werden.
2. INHALT DER VERHEIßUNG VON HOSEA 2,2
a.) vd=c4y_ la2r=S4y1 )yn2b4V hd=Vhy$ )yn2b<4 Vxb<4q4n1v$ Ohne Frage wird hier eine Verheißung gegeben, wenn sich die bisher verfeindeten Israeliten und Judäer künftig "versammeln" sollen. Fraglich ist aber, was hier konkret gemeint ist. Innerhalb des breiten Bedeutungsspektrums der Wurzel Xbq zwi- schließlichauf Hosea 1,2 - 2,3 bezogen.
56 Vgl. O.H. Steck, Exegese, S. 97.
17
schen "sich (einmalig und ganz unverbindlich) versammeln" und "sich (unauflöslich) vereinigen" muß diejenige Bedeutung ermittelt werden, die dem Kontext von Vers 2,2 am ehesten gerecht wird. b.) dc=a3 DaOr Mh3l= VmS=v$
Auch hier ist es für das Textverständnis von entscheidender Bedeutung, einschätzen zu können, welche Funktion bzw. Autorität ein "gemeinsames Haupt" hat. Vor allem wird hierbei zu ermitteln sein, in welchem Verhältnis der Begriff K9l3m3 zu dem Begriff DaOr steht, d.h. warum der der Verfasser diesen und nicht jenen Begriff gewählt hat, obwohl in der Unheilsankündigung des zweiten Zeichenhandlungsberichts, auf die diese Verheißung Bezug nimmt, gesagt wird: la2r=S4y1 tyb<2 tVkl4m4m- yt<1b<-D4h1v$.
c.) Xr3a=h= )Nm1 Vli=v$
Auch diese Verheißung läßt für sich allein genommen noch nicht viel davon erkennen, was genau gemeint ist. Erst ein Blick auf traditionelle Bedeutungsrichtungen von Xr3a=h= )Nm1 hli kann Aufschluß darüber geben, ob und ggf. welche von ihnen in 2,2 aufgenommen ist. Das Spektrum der möglichen bzw. in der Literatur zu findenen Deutungen sei schon hier skizziert: "heraufziehen aus dem Land (Ägypten)" /"sich des Landes bemächtigen" / "aus dem Boden wachsen" / "(zur Wallfahrt) heraufziehen aus dem Land".
1.) INHALT DER ZEICHENHANDLUNG VON HOSEA 1,2B
Zu a.) Eine gewöhnliche Hure wird im AT stets hn+vOz hD<=a1 genannt 57 . Der
recht seltene Abstraktplural Myn1Vnz$ 58 hingegen bezeichnet nirgendwo die gewerbsmäßige Unzucht im profanen Sinn. Vielmehr ist wohl eine Myn1Vnz$ tD3a2 in irgendeiner Form mit dem Baalskult in Verbindung zu bringen. Ein Anhaltspunkt für diese Vermutung ergibt sich daraus, daß Hosea jedesmal, wenn er die Myn1Vnz$ c_Vr anprangert 59 , ganz offensichtlich den Hang Israels zum Baalskult
im Blick hat 60 . Welche Rolle aber spielt eine hurerische Frau in diesem Baalskult?
57 Vgl. Lev. 21,7; Jos 2,1 u.a.
58 Nur zwölf Belegstellen im AT, davon sechs im Hoseabuch. 59 Vgl. Hos 4,12; 5,4.
60 Vgl. Hos 4,12bβ-14: "...daß sie mit ihrer Hurerei ihrem Gott weglaufen: oben auf den Bergen opfern sie, und auf den Hügeln räuchern sie unter den Eichen, Linden und Buchen; denn ihr Schatten erquickt. Darum werden eure Töchter auch zu Huren und eure Bräute zu
18
H.W. Wolff hat hierzu die folgende These aufgestellt: "Wir haben an den Einbruch eines kanaanäischen Sexualritus in Israel zu denken, bei dem der Gottheit [dem Baal, der Vf.] die Jungfrauenschaft geopfert und damit Fruchtbarkeit erwartet wird." 61 Auf Hosea 1,2 bezogen, folgert er: "Dann aber ist eine Myn1Vnz$ tD3a2
eine jener heiratsfähigen Frauen, die sich dem in Israel eingedrungenen bräutlichen Initiationsritus unterwarfen, mithin eine an Kultsymbolen leicht erkennbare 'moderne' Durchschnittsisraelitin." 62 Hoseas Frau wäre danach eine - wenn auch fromme
- Durchschnittsisraelitin gewesen, die sich vor ihrer Heirat einem allgemein üblichen gesellschaftlichen Brauch unterwarf. Für die Deutung der Zeichenhandlung von Hosea 1,2 ergibt sich dann aber, daß nicht der einmalige moralische Fehltritt einer einzigen Frau bzw. symbolhaft verstanden: der einmalige moralische Fehltritt des Volkes dargestellt werden soll. Vielmehr muß die Zeichenhandlung nun so gedeutet werden, daß der zur Normalität geratene Abfall ganz Israels von Jahwe gemeint ist. Die Schwachstelle der These H.W. Wolffs besteht jedoch darin, daß sich die Existenz eines solchen Ritus nach W. Rudolph in Israel nur schwer nachweisen läßt 63 .
Zwar kann sich W. Rudolph eine zeitlich und regional begrenzte Existenz eines solchen Initiationsritus durchaus vorstellen, lehnt aber eine Verallgemeinerung der Wolffschen These auf ganz Israel ab 64 . Am konsensfähigsten ist noch immer der Vorschlag, in einer Myn1Vnz$ tD3a2 schlicht eine "zur Buhlschaft neigende Frau" 65 zu sehen, denn die Beifügung eines Abstraktplurals wie Myn1Vnz$ weist
in der Regel nicht zuerst auf eine Betätigung, sondern auf eine Eigenschaft und Anlage hin 66 . Die Gomer symbolisiert in diesem Fall ein Volk Israel, welches zwar
dem Abfall nahesteht, da es immer wieder dazu neigt, sich von Jahwe abzuwenden, doch wird an dieser Stelle noch nicht der Bruch der Beziehung Jahwe-Israel angedroht. Letzteres geschieht bekanntlich erst in 1,9.
Zu b.) Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, alle 2504 Belegstellen des Begriffs Xr3a3 nach verschiedenen Anwendungsbereichen zu durchsuchen. Ohne
Ehebrecherinnen. Ich will's auch nicht wehren, wenn eure Töchter zu Huren und eure Bräute zu Ehebrecherinnen werden, weil ihr selbst abseits geht mit den Huren und mit den Tempeldirnen opfert und so das törichte Volk zu Fall kommt." 61 H.W. Wolff, Hosea, S. 14. 62 H.W. Wolff, a.a.O., S. 15. 63 Vgl. W. Rudolph, Präparierte Jungfrauen, S. 70. 64 Vgl. W. Rudolph, a.a.O., S. 72. 65 Koehler/Baumgartner, Lexicon, S. 92a. 66 Vgl. Gesenius/Kautzsch, Grammatik, § 124 f.
19
Zweifel aber können sich mit diesem Begriff immer auch kosmologische Vorstellungen verbinden 67 . In diesem Fall ist die Erde als das Gegenüber zum Himmel
bzw. zur himmlischen Gottheit zu denken. Diese Erde aber, die die Menschen damals noch mehr als heute als eine unersetzliche Lebensquelle ansahen, und mit der sie die "Vorstellung von der nährenden, helfenden, allgegenwärtigen Mutter und ihrem fruchtbaren Schoß" 68 verbanden, kündigt nun ihre Ehe mit ihrem himmli-
schen Schöpfer Jahwe auf, indem sie von ihm weghurt. Statt also die bisherige "eheliche" Ordnung aufrechtzuerhalten, begeht die Erde nun einen neuen "kosmischen Eheakt" 69 - mit dem Himmelsbaal. Dieser neue kosmische Eheakt findet im
kanaanäischen Baalskult seine "rituelle Vergegenwärtigung" 70 , genauer gesagt: in
dem Moment, in dem Kedesche und Kultteilnehmer sexuell miteinander verkehren. Damit also, daß der Begriff Xr3a3 gewählt ist, soll ausgedrückt werden, wie unnatürlich die sich anbahnende "Scheidung" von Jahwe und Volk wäre, da beide zusammengehören wie Himmel und Erde.
2.) INHALT DER VERHEIßUNG VON HOSEA 2,2
Zu a.) Die meisten Kommentatoren denken bei dieser Verheißung ausschließlich an den Zusammenschluß bzw. an die "Wiedervereinigung" von Süd- und Nordreich 71 .
Da seit dem Tod Salomos (um 930 v.Chr.) die "Söhne Judas" und die "Söhne Israels" in zwei unabhängige Bruderstaaten getrennt waren, erscheint der Gedanke an eine Wiedervereinigung auf den ersten Blick plausibel. Eine genauere Prüfung des Verbums Xbq (ni.: sich versammeln) wirft aber die Frage auf, ob der Verfasser hier ebenso gedacht hat. Die Konkordanz zeigt das Verbum Xbq häufig an den Stellen an, die vom "Sich-Sammeln" der zerstreuten Söhne Judas und Israels sprechen 72 . Besonders in exilischen Texten hat das Verbum Xbq fdie Funktion, die
"Einsammlung der Zerstreuten Israels bzw. Judas" 73 zu umschreiben. Von einer
67 Vgl. H.H. Schmid, Artikel Xr3a3, in: THAT I, Sp. 230.
68 A. Kirchgässner, Welt als Symbol, S. 166. 69 A. Weider, Ehemetaphorik, S. 14. 70 J. Jeremias, Hosea, S. 28.
71 H.W. Wolff, Der große Jesreeltag, S. 93 f; ders., Hosea, S. 31; W. Rudolph, Hosea, S. 57; J. Jeremias, Hosea, S. 35.
72 Dtn 30,3.4; Jes 11,12; 40,11; 43,5; 54,7; 56,8; Jer 23,3; 29,14; 31,8.10; 32,37; Ez 11,17; 20,34.41; 28,25; 29,13.
73 Vgl. P. Mommer, Artikel Xbq, in: ThWAT IV, Sp. 1147 f; J.F.A. Sawyers, Artikel Xbq, in: THAT II, Sp. 586.
20
"Wieder-vereinigung" der beiden Bruderstaaten kann demnach keine Rede sein. Vielmehr muß davon ausgegangen werden, daß in dieser Verheißung allenfalls die Hoffnung auf Sammlung der Zerstreuten neu geweckt werden soll. Zu b.) Nach der Sammlung der zerstreuten Söhne Judas und Israels erwählen sich diese einen dc=a3 DaOr. Die 596 Belegstellen von DaOr sind im Rahmen dieser Arbeit ebenso wenig überschaubar wie die 2526 Belegstellen von K9l3m3. Gleichwohl kann hinsichtlich der jeweiligen Bedeutungsrichtungen die Tendenz festgestellt werden, daß der Begriff DaOr im Verhältnis zu K9l3m3 ein sehr viel breiteres Spektrum an Grundbedeutungen aufzuweisen hat. Während der Begriff K9l3m3 nahezu ausschließlich als ein gesellschaftspolitischer Terminus anzusehen ist, welcher politische Oberherrschaft über eine mehr oder weniger große Zahl politisch Untergebener kennzeic hnet 74 , kann der Begriff DaOr auch noch ganz
andere Konnotationen haben, so z.B. militärische, juristische und geistliche 75 . Zwar weist H.-P. Müller darauf hin, daß DaOr in Hosea 2,2 einen "König", d.h. ein politisches Oberhaupt, bezeichnet 76 , doch schließt dies im Sinne des oben Gesagten ja nicht aus, daß DaOr hier gleichzeitig auch ein "geistliches Oberhaupt" bezeichnet, welches die Zerstreuten Judas und Israels zu einem gemeinsamen (Jahwe-) Kult zurückführen wird. Letzteres soll für Hosea 2,2 angenommen werden, da ein dem Begriff K9l3m3 synonymer Gebrauch des Begriffs DaOr für Hosea 2,2 jedenfalls nicht festzustellen ist 77 .
Zu c.) Um einen Anhaltspunkt dafür zu gewinnen, welche der Deutungen von Xr3a=h= )Nm1 Vli=v$ dem Kontext von 2,2 am ehesten gerecht wird, ist es angebracht, zunächst auf den traditionellen, allgemeinen Sprachgebrauch von hli zurückzugreifen. Dieser besteht darin, daß das Verbum hli häufig dann verwendet wird, wenn die Wanderung von Ägypten nach Kanaan angezeigt werden soll 78 .
Nach G. Wehmeier hat diese Redeform im Laufe der Zeit stereotypen Charakter angenommen, so daß selbst genauere topographische Angaben völlig wegfallen
74 Eine Ausnahme bilden beispielsweise die 13 Stellen, in denen Jahwe als Subjekt von K9l3m3 auftritt, vgl. J.A. Soggin, Artikel K9l3m3, in: THAT I, Sp. 915. Es könnte aber gut sein, daß Jahwes Königsherrschaft hier ebenfalls vor allem politisch gemeint ist. 75 Vgl. H.-P. Müller, Artikel DaOr, in: THAT II, Sp. 705 f. 76 Vgl. H.-P. Müller, a.a.O., Sp. 706.
77 Der Nachweis eines synonymen Gebrauchs beider Begriffe gelingt ausschließlich für Ps 18,44 und Hiob 29,25, vgl. H.-P. Müller, ebd. 78 Vgl. G. Wehmeier, Artikel hli, in: THAT II, Sp. 274.
21
konnten 79 . Auch Hosea 2,2 gibt als Ortsangabe einzig und allein Xr3a3 an. Mit
dem Hinweis auf Hosea 2,17 80 vermutet A. Weider, daß Xr3a3 hier für das Land
Ägypten stehen soll, aus dem sie heraufsteigen werden 81 . In diesem Fall könnte die Wendung Xr3a=h= )Nm1 Vli=v$ ("und sie werden heraufsteigen aus dem Land (Ägypten)") eine Anspielung auf die Heraufführung aus Ägypten durch Mose sein 82 . Dann aber ist die Wendung nicht wörtlich, sondern symbolisch zu verstehen:
Jahwe wird sie - wie damals in Ägypten - von einer Knechtschaft befreien. Von dieser Konzeption müssen aber nun alle anderen Konzeptionen abgegrenzt werden: Der Deutungsversuch H.W. Wolffs, "sie werden sich des Landes bemächtigen" 83 , muß abgelehnt werden, da eindeutig belegt ist, daß die
Grundbedeutung für hli "hinaufgehen/heraufsteigen" lautet 84 . Aber auch W.
Rudolphs Deutungsversuch, "sie werden aus dem Boden wachsen (wörtl.: sie werden aus der Erde heraufsteigen)" 85 , kann le tzten Endes nicht befriedigen. Zwar
liegt in dieser Deutung der Vorteil, daß sie mit der Vorstellung an eine plötzliche Wachstumsexplosion des Landes eine Assoziationsbrücke zum nachfolgenden Namen Jesreel schlägt, dessen Etymon ja lautet: "El wird säen". "Trotzdem aber wäre es ungewöhnlich, daß nach der Sammlung der Söhne Judas und Israels und der Erwählung eines gemeinsamen Hauptes vor der Schlußbemerkung über den 'Tag (von) Jesreel' kein neues Element mehr hinzukäme." 86 Aber auch eine dritte
Deutung, "sie werden (zur Wallfahrt) heraufziehen aus dem Land" 87 , muß
verworfen werden, denn von einem Wallfahrtsziel ist nirgendwo die Rede. Wäre das Ziel beispielsweise mit "nach Jerusalem" benannt, ergäbe sich ein eindeutiger Sachverhalt. Wenig sinnvoll ist es auch, mit I. Willi-Plein als Zielort "Jesreel" vorzuschlagen 88 , das gleich im Anschluß genannt wird. Besonders geographische
Gründe sprechen gegen diese Annahme: da Jesreel wohl mit der gleich-namigen
79 Vgl. G. Wehmeier, ebd.
80 Hos 2,17: "...Und dorthin wird sie [die Hure: gemeint ist Israel, der Vf.] willig folgen wie zur Zeit ihrer Jugend, als sie aus Ägyptenland (My!r=x4m1 )Xr3a3m2) zog." 81 Vgl. A. Weider, Ehemetaphorik, S. 75. 82 Vgl. A. Weider, ebd. 83 H.W. Wolff, Hosea, S. 27. 84 Vgl. G. Wehmeier, a.a.O., Sp. 271 ff. 85 W. Rudolph, Hosea, S. 55. 86 A. Weider, Ehemetaphorik, S. 73. 87 H. Schmidt, Ehe des Hosea, S. 258. 88 Vgl. I. Willi-Plein, Vorformen, S. 119.
22
Jesreel wohl mit der gleich-namigen Jesreel-Ebene identisch ist, läßt sich diese nicht durch ein "Heraufsteigen" erreichen, sondern durch ein "Herabsteigen".
IV. Literarkritik (+ Redaktionsgeschichte)
Die Literarkritik versucht, die literarische Vorgeschichte eines Textes zu rekonstruieren. Sie geht somit davon aus, daß die uns heute vorliegende Textgestalt erst das Endprodukt eines u.U. langen Prozesses schriftlicher Gestaltung im AT darstellt, an der oft nicht nur der Schreiber beteiligt war, der anfangs einen Sachverhalt darlegen wollte, sondern auch spätere Redaktoren, die den Text jeweils für ihre Zeit aktualisieren wollten. Dies geschah meist weniger durch Streichungen - dazu war ihre "Ehrfurcht" vor den Texten zu groß - als vor allem durch Einfügungen. Durch solche Einfügungen konnte/sollte es aber passieren, daß sich die Aussageintention des Textes nicht unbeträchtlich verschob. Die Literarkritik versucht nun zunächst, alle sekundären Elemente des Textes an syntaktischen, semantischen und logischen Kohärenzstörungen zu erkennen, um somit die älteste schriftliche Gestalt des Textes bzw. die Aussageintention des "ersten Schreibers" ermitteln zu können. Anschließend wird in einer redaktionsgeschichtlichen Fragestellung zu untersuchen sein, welcher Bearbeiterschicht 89 die späteren Einfügungen aufgrund der sich ver-
änderten Aussageintention zugeordnet werden müssen.
Innerhalb von Hosea 1,2 - 2,3 sind folgende Elemente als sekundär anzusehen 90 :
1.) EINLEITUNG VON 1,2A
Die einleitende Formel i_D2vOhb<4 hv+hv$ )rb<3d1< tl<-c1t4< von 1,2a ist der Hinweis dafür, daß Hosea einen Auftrag zur prophetischen Verkündigung enthält. Es zeigt sich jedoch, daß neben 1,2a auch die nachfolgende Wendung i_D2vOh )la3 hv+hy$ rm3aOyfv_ von einem Reden Jahwes spricht. Schon diese Doppelung führt zu einer literarkritischen Spannung. Ein Vergleich mit dem nachfolgenden Kontext ergibt zudem, daß die Formel von 1,2a einmalig ist, hingegen die Verse 1,4; 1,6 und 1,9 noch einmal von einem Reden "zu" (la3) Hosea sprechen. Da in diesen Versen nach den Redeeinleitungen jeweils die Jahwebefehle folgen, ist
89 An dieser Stelle soll ausschließlich eine relative Chronologie der Bearbeiterschichten erstellt werden. Eine genauere Verortung der verschiedenen Sender in ihre jeweiligen sozialen und geschichtlichen Situationen wird erst unter Punkt 6 (Historische Ortsbestimmung), u. S. 29, vorgenommen.
90 Zum Teil wird in dieser literarkritischen Untersuchung insofern an Ergebnisse aus der formgeschichtlichen Analyse angeknüpft, als schon dort formale und inhaltliche Brüche sichtbar geworden sind.
23
es wahrscheinlich, diese als ursprünglich anzusehen, während die Redeeinleitung von 1,2a später eingefügt bzw. vorangestellt worden ist. Die Absicht des Redaktors könnte es gewesen sein, mit 1,2a der Memorabilie nsammlung nachträglich noch die Form einer Berufungsgeschichte zu geben, so daß sich für die das Hoseabuch in seine jetzige Gestalt formende Endredaktion als Standort der Kompositionseinheit Hosea 1,2 - 2,3 der Anfang des Hoseabuches 91 nahelegte.
2.) ZEICHENHANDLUNG IN 1,2B
a.) Zweimaliges Myn1Vnz$ in 1,2bα: Es ist zu beobachten, daß sich Myn1Vnz$ an seinen Belegstellen fast ausschließlich auf die Ebene "Jahwe-Israel" bezieht 92 . Da
dies in 1,2bα nicht der Fall ist, so kann es als ein erstes Zeichen dafür gewertet werden, daß das zweimalige Myn1Vnz$ im Jahwebefehl literarisch sekundär zu verstehen ist. Weiterhin fällt auf, daß das Thema "Hurerei" - mit Ausnahme von 1,2b - im weiteren Verlauf von Hosea 1,2 - 2,3 überraschen- der Weise keine Rolle mehr spielt. Erst Hosea 2,4 ff kennt dieses Thema wieder. Dort spricht der Verfasser in Hosea 2,4 von den Kennzeichen "ihrer Hurerei" (h=yn3Vnz$) und in 2,6b von den "hurerischen Söhnen" (Myn1Vnz$ yn2b4). Offensichtlich ist das zweimalige Myn1Vnz$ erst nachträglich durch einen Redaktor - sichtlich von Hosea 2,4 ff beeinflußt - in den Jahwebefehl eingefügt worden 93 .
b.) 1,2bβ: Da dieser Versteil mit seiner von dem Verbum hnz gebildeten figura etymologica den Vers 1,2bα in seiner redaktionell bearbeiteten Gestalt voraussetzt, muß es sich bei ihm ebenfalls um einen späteren Zusatz handeln. Aber nic ht nur hn3z$t1 hnOz+ weist darauf hin; auch der überraschende Gebrauch des hier wohl symbolisch zu verstehenden Begriffs Xr3a3 94 - statt der vielleicht eher zu erwartenden Begriffe Mi- oder la2r=S4y1 tyb<2 - ist als ein Hinweis auf spätere Verfasserschaft anzusehen.
c.) 1,2bγ: Auch dieser Versteil setzt bereits die bearbeitete Fassung von 1,2b inhaltlich voraus. Doch auch hier gibt es sprachliche Indizien, die den Verdacht späterer Verfasserschaft erhärten: Zunächst einmal fällt auf, daß die Wendung hv+hy$ yr2c7a-m2 im Hoseabuch einmalig ist, somit also untypisch für seine Verfasser
91 Vgl. J. Jeremias, Hosea, S. 27.
92 Mit J. Jeremias, Hosea, S. 26.
93 Vgl. W. Rudolph, Hosea, S. 48; J. Jeremias, Hosea, S. 27. 94 Vgl. die Ausführungen zu Punkt 3, o. S. 19.
24
ist 95 . Weiterhin überrascht, daß die Wendung hv+hy$ yr2c7a-m noch einmal aus-drücklich den Gottesnamen nennt, obwohl kurz zuvor Jahwe als Sprechender eingeführt wurde (1,2a). Spätestens diese "stililstische Unebenheit" 96 entlarvt auch 1,2bγ
als sekundär.
a.)-c.) Absicht des Redaktors: Da die späteren Einfügungen innerhalb des Verses 1,2b inhaltlich so eng aufeinander bezogen sind (s.o.), ist anzunehmen, daß diese auf denselben Redaktor zurückzuführen sind. Die Absicht des Redaktors könnte es gewesen sein, mit der Umformung des Verses 1,2b 97 in einen Zeichenhandlungsbe-
richt eine nachträgliche - mit Blick auf das gegenwärtige Verhalten Israels Gott gegenüber sich nahelegende - Begründung für die unheilvollen Namen der Kinder zu liefern 98 . Ferner könnte den Redaktor das Interesse geleitet haben, den Vers
1,2b den weiteren Zeichenhandlungsberichten formal anzugleichen.
3.) ABMILDERUNG VON 1,5
Zwar ist der Vers 1,5 formal als eine Fortsetzung des Deuteworts von 1,4b anzusehen 99 , doch gibt es deutliche Indizien dafür, den Vers 1,5 als sekundär einzustufen:
Vergleicht man das Deutewort von 1,4b-5 mit den anderen Deuteworten innerhalb unseres Textstücks, fällt 1,4b-5 insofern aus dem Rahmen, als es zweiteilig ist. Bei näherem Hinsehen fällt zudem auf, daß sein zweiter Teil (1,5) inhaltlich in Spannung zu seinem ersten Teil (1,4b) steht: Während das in 1,4b Gesagte zweifellos unheilvolle Assoziationen weckt, kann die Wendung tD3q3 rbD von 1,5 auch mit heilvollen Assoziationen besetzt sein 100 . Um nun zu belegen, daß nicht 1,4b, sondern 1,5
als sekundär einzustufen ist, müssen noch sprachliche Indizien gefunden werden. Dabei fällt zunächst auf, daß mit aVhh- MvOyfb-< hy+h=v$ eine Einleitungsformel steht, die in Hosea 2,18.20.23 als Anfangssyntagma einer neuen Redeeinheit eindeutig als literarisch sekundär ausgewiesen werden kann 101 . Dies ist zwar noch
kein Kriterium dafür, daß sie in 1,5a ebenfalls sekundär ist, aber ein erster Anhalts-
95 Vgl.J. Jeremias, Hosea, S. 26 f.
96 Vgl. dazu H.W. Wolff, Hosea, S. 16 f.
97 Ursprüngliche Form des Jahwebefehls: "Geh, nimm dir eine Frau und Kinder." 98 Vgl. J. Jeremias, Hosea, S. 26. 99 Vgl. die Ausführungen zu Punkt 2, o. S. 12.
100 A. Weider weist in Anlehnung an N.M. Waldman darauf hin, daß die o.g. Wendung nicht nur für die Zerstörung der militärischen Macht steht, sondern auch den Beginn einer neuen Heilszeit impliziert. Vgl. ders., Ehemetaphorik, S. 23. Siehe dort auch Anm. 93. 101 Vgl. z.B. H.W. Wolff, Hosea, S. 58.
25
punkt. A. Weider weist in Anlehnung an H. Schweizer in diesem Zusammenhang auf die literarkritische Spannung zwischen der Zeitangabe ei-m4 dvOi )yk<1 in 1,4bα und der Einleitungsformel am Beginn von 1,5: "Hält sich die erste Formel über eine präzise Datierung bedeckt, faßt die Einleitungsformel ein bestimmtes Datum ins Auge." 102 Weiterhin kann beobachtet werden, daß 1,5 vom la2r=S4y1 tD3q3 und von der lai3r4z$y! qm3i2 spricht, während in 1,4 bisher nur vom la2r=S4y! tyb2< die Rede war. Diese Spannungen zu 1,4 lassen den Schluß zu, 1,5 als eine redaktionelle Erweiterung des Deuteworts von 1,4b zu begreifen. Die Absicht des Redaktors könnte es gewesen sein, das in 1,4b angekündigte Unheil in seiner Schärfe zu relativieren 103 .
4.) ABMILDERUNG VON 1,6Bβ-7
a.) 1,6bβ: Ungewöhnlich an dem Deutewort von 1,6 ist, daß es nicht wie bisher nur aus einem, sondern aus zwei yk<1-Sätzen besteht. Vergleicht man den Inhalt beider Begründungen, ergibt sich eine Spannung: Während der erste yk<1-Satz davon spricht, Israel das göttliche Erbarmen zu entziehen, kommt Jahwe nach dem zweiten yk1<-Satz Israel wieder mit seiner Vergebung entgegen. Folglich ist der Vers 1,6bβ als literarisch sekundär einzustufen.
b.) 1,7: Der Vers 7 fällt mit dem in ihm enthaltenen unbedingten Heilswort schon formal aus dem Rahmen der Memorabiliensammlung heraus 104 . Aber auch inhalt-
lich ist er mit dem in der Memorabiliensammlung Gesagten nur schwer in Einklang zu bringen: Während sonst Unheil für Israel verkündet wird, ist hier plötzlich von Heil für Juda die Rede. Hingegen scheint der Vers 7 inhaltlich und sprachlich an den bereits als sekundär ausgewiesenen Vers 1,6bβ anzuknüpfen: inhaltlich, weil er ebenfalls heilverheißenden Charakter hat; sprachlich, weil das Waw copulativum in hd=Vhy$ tyb2< )ta3v$ eindeutig fortsetzend gemeint ist 105 . Somit ist es nahelie-
gend, neben 1,6bβ auch den Vers 7 als literarisch sekundär einzustufen. a.)-b.) Absicht des Redaktors: Auch hier kann aufgrund der engen inhaltlichen und sprachlichen Verknüpfung von 1,6bβ und 1,7 davon ausgegangen werden, daß bei-
102 A.Weider, Ehemetaphorik, S. 22.
103 Mit A. Weider, a.a.O., S. 23. 104 Vgl. die Ausführungen zu Punkt 2, o. S. 12.
105 Vgl. zur syntaktischen Funktion des Waw copulativums W. Schneider, Grammatik, § 13.1, S. 53 f.
26
de Einfügungen auf denselben Redaktor zurückzuführen sind. Als Absicht des Re-daktors legt es sich auch hier nahe, eine Abmilderung des von ihm vielleicht als unerträglich empfundenden Deuteworts anzunehmen.
5.) ABMILDERUNG VON 2,1
Es wurde schon im Rahmen der formkritischen Untersuchungen gezeigt, daß mit dem Vers 2,1 formal etwas Neues beginnt 106 . Gleichwohl wurde der Vers 2,1
aufgrund seines Rückbezugs auf 1,9 inhaltlich in den Zusammenhang der Memorabiliensammlung gestellt 107 . Aufgrund folgender Indizien ist es jedoch auszuschlie-
ßen, für 1,9 und 2,1 eine gemeinsame Verfasserschaft anzunehmen: Inhaltlich widersprechen sich die beiden Verse so stark, wenn einerseits in 1,9 der Bruch der Beziehung Jahwe-Israel angekündigt wird, andererseits in 2,1 aber von einer von Jahwe selbst gegebenen Volksvermehrungsverheißung für Israel die Rede ist, daß eine gemeinsame Verfasserschaft auf jeden Fall ausgeschlossen werden muß. Doch auch sprachlich hat der Vers 2,1 mit dem Vers 1,9 kaum etwas gemeinsam. Dies wird schon darin deutlich, daß der Vers 1,9 prosaisch, der Vers 2,1 hingegen poetisch ist 108 . Die Frage, welcher der beiden Verse als sekundär einzustufen ist,
ergibt sich mit letzter Sicherheit aus der Beobachtung, welcher der beiden Verse den jeweils anderen Vers voraussetzt. Hier zeigt sich, daß der Vers 2,1b die Wendung ym<1i- )aOl aus 1,9 noch einmal aufnimmt, daß also der Vers 2,1 den Vers 1,9 literarisch voraussetzt. Umgekehrt läßt sich eine literarische Abhängigkeit j edoch nicht feststellen. Somit ist der Vers 1,9 eindeutig ursprünglich, der Vers 2,1 hingegen eindeutig sekundär. Als Absicht des Redaktors ist hier wiederum eine Abmilderung der voraufgehenden Unheilsankündigung anzunehmen 109 .
6.) VERHEIßUNG VON 2,2-3
Aufgrund der Tatsache, daß die Verse 2,1 und 2,2 sprachlich so eng miteinander verknüpft sind 110 , wird durchgehend eine für beide Verse gemeinsame Verfasser-
106 Vgl.die Ausführungen zu Punkt 2, o. S. 13.
107 Ebd.
108 Vgl. dazu die ausführlicheren Bemerkungen zur sprachlichen Gestaltung von 2,1-3 innerhalb der formkritischen Untersuchungen, o. S. 12. 109 Vgl. A. Weider, Ehemetaphorik, S. 34. 110 Vgl. o. S. 13.
27
schaft angenommen 111 . Es stellt sich jedoch die Frage, ob die sprachliche (Met-rum!) und inhaltliche (Thema: Verheißung) Parallelität von 2,1 und 2,2 nicht allein zeigt, daß der Verfasser derVerse 2,2-3 den Vers 2,1 bereits als Vorlage hatte und sich an ihm orientierte. Die neue Sinnrichtung des Textstücks in Richtung Abwendung der gesamten Unheilsankündigung von Hosea 1,2-9 ergibt sich jedenfalls ausschließlich aus Hosea 2,2-3 112 , so daß hier das Werk eines noch späteren (im
Vergleich zu 2,1) Redaktors angenommen werden muß. Spätere Verfasserschaft ergibt jedoch schon eine inhaltliche und sprachliche Gegenüberstellung von 2,2-3 mit 1,1-9: Hier wird in der Form eines "unbedingten Heilsspruchs mit Botenanweisung" Positives verheißen, dort wird in der Form einer "Memorabiliensammlung" Negatives angekündigt; hier wird poetisch formuliert, dort wird in prosaischer Form beric htet. Hier kann auf keinen Fall ein und derselbe Verfasser am Werk gewesen sein. Da der Abschnitt Hosea 2,2-3 den Abschnitt Hosea 1,2-9 (;2,1) voraussetzt, das Umgekehrte jedoch nicht gilt, ist der Abschnitt 2,2-3 literarisch sekundär. Die Absicht des Redaktors könnte es gewesen sein, durch eine Um- bzw. Neudeutung der Kinder-und Unheilsnamen aus Hosea 1,2-9 seiner Erfahrung Rechnung zu tragen, daß Jahwe durch alles Unheil hindurch letzten Endes doch Heil schenkt, und daß das "von Hosea angesagte Gericht als ein Durchgangsstadium zu umfassendem Heil" 113 zu verstehen ist. Dabei ging er so vor, daß er inhaltlich auf Hosea 1,1-9
Bezug nahm, sich sprachlich jedoch an dem Vers 2,1 orientierte. Aus den literarkritischen Beobachtungen und redaktionsgeschichtlichen Analysen kann nun folgendes Modell gebildet werden:
111 So z.B. J. Jeremias, H.W. Wolff, W. Rudolph; auch A. Weider, welcher zwar zwischen 2,1 und 2,2 einen "gedanklichen Trennungsstrich" zieht, jedoch nicht an einer gemeinsamen Verfasserschaft zweifeln möchte. A. Weider kann allenfalls behaupten, daß der Redaktor mit 2,1 inhaltlich den Vers 1,9 "kommentierte", und sprachlich das "Gliederungsschema für die beiden folgenden Verse" vorgab. Vgl. ders., Ehemetaphorik, S. 67 ff. 112 Vgl. die Ausführungen zu Punkt 2, S. 14. 113 J. Jeremias, Hosea, S. 29.
28
V. Überlieferungskritik
Nachdem die Literarkritik hinter die uns heute vorliegende Textgestalt zurückgefragt hat, um die älteste schriftliche Fassung des Textes zu ermitteln, versucht nun die Überlieferungskritik, die mündliche Vorgeschichte dieser Textfassung zu rekonstruieren. Gerade bei Propheten hat man davon auszugehen, daß die ursprüngliche Situation ihres Wirkens die mündliche Verkündigung in unmittelbarer Gegenüberstellung zum Hörer war 116 . Ihre Worte wurden zumeist erst nachträglich ge-
sammelt und schriftlich fixiert. Die Aufgabe der Überlieferungskritik ist es also, "Gestalt und Werdegang des Textes in dieser mündlichen Überlieferungsphase" 117
zu bestimmen, und die Absichten seiner schriftlichen Fixierung herauszuarbeiten. Da der in der Literarkritik ermittelte Grundtext Hosea 1,2bα(älteste Fassung).3-4.6a.bα.8-9 in formaler und inhaltlicher Hinsicht völlig geschlossen wirkt, somit von seinem Nahkontext offenbar unabhängig ist, könnte es sein, daß er einmal auf ein Verstehen nur aus sich selbst, also ohne weiteres Textgut, angelegt war. Da nun aber literarische Größen so geringen Umfangs nicht separat schriftlich überliefert wurden 118 , drängt sich der Verdacht auf, daß man hier auf die Verschriftung einer
kleinen, ursprünglich mündlichen Redeeinheit trifft. Aus sachlichen Gründen legt es sich jedoch nahe, eher Gegenteiliges anzunehmen: Da der o.a. Grundtext wahrscheinlich nicht von Hosea selbst formuliert wurde, sondern von einem seiner Schüler 119 , ist er vermutlich in dieser Gestalt noch nicht im Bereich mündlicher Rede
entstanden, da einem Prophetenschüler wohl kaum die Kraft und die Entschlossenheit gegeben ist, eine solche Unheilsbotschaft in unmittelbarer Gegenüberstellung zum Hörer zu verkünden. Schon der von Jahwe zum Propheten Berufene selbst, Hosea, hatte mit seiner zu verkündenen Unheilsbotschaft einen sehr schweren
114 Erweiterter Text: Umformung in einen Zeichenhandlungsbericht.
115 Ursprünglicher Text: "Geh, nimm dir eine Frau und Kinder." 116 Vgl. W.H. Schmidt, Einführung, S. 174. 117 O.H. Steck, Exegese, S. 63. 118 Vgl. O.H. Steck, a.a.O., S. 62.
29
Stand, da er aufgrund des zunächst ausbleibenden Unheils bei seinen Hörern fast nur auf Spott und Ablehnung stieß 120 . Es muß m.E. also angenommen werden,
daß ein Prophetenschüler die Unheilsbotschaft des Hosea sinngemäß niederschrieb, damit wenigstens zukünftige Generationen im Erleben des dann doch noch eintreffenden Unheils erkennen, daß Hosea in seiner Unheilsankündigung Recht behielt. Die Annahme, daß der Prophetenschüler die Unheilsbotschaft des Hosea nicht wörtlich, sondern eben nur sinngemäß niederschrieb, ergibt sich aus der Beobachtung, daß der o.a. Grundtext seine mehrgliedrige Unheilsbotschaft in sehr dichtgedrängter Form enthält, obwohl sich doch Hosea - innerhalb der anzunehmenden größeren Zeitspanne zwischen Heirat und Geburt des letzten Sohnessicherlich wortreicher geäußert hat. Knappe Formulierungen deuten aber darauf hin, daß der Grundtext nicht aus dem unmittelbaren Erleben formuliert wurde, sondern im wachen Überblick über vergangene Jahre 121 . Daß der Prophetenschüler
die hoseanische Unheilsbotschaft "nur" sinngemäß niederschrieb, bedeutet jedoch nicht, daß er dies nicht aus der Erinnerung an bestimmte (mündliche) Hoseaworte getan haben könnte. Hat es solche Hoseaworte gegeben, so lassen sich diese alle rdings nicht mehr genau rekonstruieren. Es kann allenfalls angenommen werden, daß das in den Deuteworten Ausgesprochene in irgendeiner Form auf Hosea selbst zurückgeht. Der Prophetenschüler kannte somit Hoseas Stellung zum Haus Jehu und zum Königtum allgemein; er kannte seine Visionen hinsichtlich der künftigen Beziehung zwischen Jahwe und Israel, so daß eine Memorabiliensammlung entstehen konnte, die inhaltlich ganz in hoseanischer Tradition steht. Der Prophetenschüler wollte also die Zukunftsbedeutung der prophetischen Botschaft dadurch erhalten, daß er Hoseas Unheilsbotschaft noch einmal in wenigen Worten schriftlich zusammenfaßte. Dies tat er bekanntlich in der Form, daß er die Unheilsbotschaft in einer den Propheten vorstellenden Erzählung über dessen Eheschicksal einrahmte.
VI. Historische Ortsbestimmung
119 Vgl. die Ausführungen zu Punkt 6, u. S. 30. Siehe dort auch mehr zur Begründung. 120 Vgl. allgemein zur Situation von Unheilspropheten W.H. Schmidt, Einführung, S. 176. -Vgl. aber auch zur Situation speziell des Hosea Hos 9,7: "...'Ein Narr ist der Prophet und wahnsinnig der Mann des Geistes!' Ja, um deiner großen Schuld und um der großen Anfeindung willen!" 121 Vgl. H.W. Wolff, Hosea, S. 10.
30
Sowie die Formkritik und die Traditionskritik bemüht waren, den Standort des Textes in seiner sprachlich bzw. geistig vorgeprägten Welt zu bestimmen, bemüht sich nun die Historische Ortsbestimmung darum, den Standort des Textes in seiner realen geschichtlichen Welt zu ermitteln 122 . Dies muß freilich für jede einzelne
Wachstumsschicht des Textes gesondert geschehen, da nur auf diese Art die in der redaktionsgeschichtlichen Untersuchung vorläufig angenommenen Texterweiterungs-absichten der Redaktoren entweder bestätigt oder in Frage gestellt werden können. Neben der genaueren Verortung der Sender in ihre jeweiligen sozialen und geschichtlichen Situationen wird jedoch noch zu bestimmen sein, welches ganz allgemein die typischen Kommunikationssituationen für die verwendeten Textmuster waren ("Sitz im Leben"). 1.) GRUNDTEXT 123 (I)
"Der Verfasser des Stückes ist schwerlich der Prophet selbst" 124 , denn im Gegen-
satz zu dem Ich-Bericht von Kapitel 3, der wohl zweifellos auf Hosea zurückgeht, bedient sich der Verfasser des Kapitels 1 der dritten Person. Da dieser Verfasser aber sichtlich gut mit den Familienverhältnissen Hoseas vertraut ist 125 , könnte es
sich um einen Schüler des Propheten handeln, welcher seinem Lehrer durch schriftliche Verbreitung seiner (Unheils-) Botschaft dienen möchte. Aus zwei Bemerkungen innerhalb des Kapitel 1 läßt sich Aufschluß über seine ungefähre Entstehungszeit gewinnen: Wenn man von vorausschauender Prophetie ausgehen darf, dann weist die Unheilsankündigung "ich werde beenden das Königtum Israels" (1,4bβ) eindeutig in die Zeit vor 722 v.Chr., d.h. in die Zeit, in der das Königtum in Israel noch bestand. Zwar wäre es theoretisch auch möglich, daß ein Prophetenschüler aus der Erinnerung an ein ursprünglich vorausschauendes Pro-phetenwort dieses erst nachträglich, d.h. nach dem Eintreffen der prophetischen Vision, aufgeschrieben hat. Aufgrund der Bemerkung "ich werde ahnden die Blutschuld Jesreels am Haus Jehus" (1,4bα) ist es für den Grundtext von Hosea 1,2-9 jedoch geboten, eine frühere Entstehungszeit anzunehmen, da die o.a. Bemerkung eindeutig noch auf die Zeit der Jehu-Dynastie (845-747 v.Chr.) verweist, da sie sich
122 Vgl. O.H. Steck, a.a.O., S. 97.
123 Es wird im Folgenden an Ergebnisse aus der literarkritischen Untersuchung angeknüpft, vgl. o. S. 27. 124 H.W. Wolff, Hosea, S. 10.
125 "Er kennt die Prophetenfrau mit Namen (1,3) und weiß um den Geburtstermin des dritten Kindes (1,8)." H.W. Wolff, ebd.
31
offensichtlich gegen den König Jerobeam II. und seine Vorfahren richtet 126 . Es ist
nun aber fraglich, ob das Textstück deshalb noch vor dem Ende der Jehu-Dynastie (besiegelt mit dem Tod Sacharjas, des Sohnes Jerobeams II.) im Jahre 747 v.Chr. entstanden sein muß, da nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden kann, daß mit dem Begriff Mym1d<+ - besonders in Verbindung mit der nachfolgenden Ankündigung tVkl4m4m- yt<1b<-D4h1v$ - auch noch die Königsmorde nach 747 v.Chr. assoziiert werden sollen 127 . Somit muß als mögliche Entstehungszeit die
relativ große Zeitspanne von ca. 750-725 v.Chr. angegeben werden 128 .
2.) ERSTE REDAKTION (II)
Als Anhaltspunkt für die zeitliche Einordnung der ersten Bearbeiterschicht sei der Vers 1,7 herausgegriffen, der eine Heilsverheißung für Juda enthält. Es ist anzunehmen, daß 1,7 in eine Zeit weist, in der der Staat Israel längst nicht mehr existie rte, und das Schwergewicht des Gottesvolkes und seiner Geschichte auf den Reststaat Juda übergegangen war. Dieser hatte nicht nur durch levitische Flüchtlinge genuine Israeltraditionen aufgenommen, sondern auch durch König Joschija (639-609 v.Chr.) eine religiös-kultische Erneuerung und (außenpolitisch) eine, wenngleich kurzfristige, enorme Nordexpansion in das ehemalige Gebiet des Nordreichs erfahren 129 . Es könnte nun sein, daß ein Redaktor in levitischen Kreisen Judas unter
dem Eindruck der Glanzperiode König Joschijas, in der der vormalige religiöse Synkretismus zugunsten einer reinen Jahweverehrung beseitigt worden war, das Textstück Hosea 1,2-9 für seine Zeit aktualisierte, indem er die Unheilsankündigungen in ihrer Schärfe relativierte. Besonders in Vers 1,7 kommt zum Ausdruck, daß Jahwe zumindest mit dem "Haus Juda" versöhnt ist, welchem er schon allen sichtbar seinen Beistand zukommen ließ (Errettung Jerusalems aus der Assyrergefahr von 701
126 Dies geht daraus hervor, daß mit lai3r4z$y! ym2d<4 sicherlich folgendes Ereignis assoziiert werden soll: Nachdem sich König Joram, ein Enkel des Dynastiegründers Omri, im Jahre 845 v.Chr. nach einer Verwundung nach Jesreel zurückgezogen hatte, nutzte Jehu, ein Kommandant der königlichen Truppe, die Schwäche des Königs aus, indem er ihn und die ganze Königsfamilie ermorden ließ. Auf diese Art erreichte es Jehu, sich selbst als neuen Herrscher proklamieren zu lassen (und damit die Jehu-Dynastie zu gründen). 127 Von den fünf Königen, die innerhalb von 20 Jahren auf Sacharja folgten, wurden drei ermordet.
128 Auch läßt der Text nicht erkennen, ob sein Verfasser schon im Bewußtsein der Ereignisse des sog. syrisch-ephraimitischen Krieges im Jahre 732 v.Chr. war, so daß auch von diesem Datum her keine weitere Eingrenzung der o.a. Zeitspanne vorgenommen werden kann. 129 Vgl. 2 Kön 23,15-20.
32
v.Chr.) 130 . Als Entstehungszeit für die Einfügungen der ersten Redaktion kommt
somit die Epoche Joschijas, 639-609 v.Chr., in Betracht.
3.) ZWEITE REDAKTION (III)
War der Standpunkt der vorausgehenden Redaktion noch großjudäisch (vgl. 1,7), so ist in der folgenden von einer derartigen Tendenz nichts mehr zu spüren. Zwar werden die "Söhne Judas" in 2,2 zuerst genannt, doch wird ihr Vorrang gegenüber den "Söhnen Israels" nicht mehr betont. Nun handeln sie mit diesen zusammen, sozusagen auf gleicher Ebene: "und es werden sich versammeln die (über das Land verstreuten 131 ) Judäer und Israeliten miteinander, und sie werden sich setzen ein
gemeinsames Haupt". Es könnte sein, daß ein gemeinsames Schicksal von Judäern und Israeliten einen Redaktor veranlaßt hat, in diesem gemeinsam zu ertragenem Unheil nach einem Heil Ausschau zu halten, welches Jahwes ganzem Volk, eben Judäern und Israeliten, zukommen wird.
Mit dem Untergang des Reiches Juda im Jahre 587 v.Chr. war nun auch den Judäern ihre staatliche Grundlage entzogen. Es folgten Deportationen und Vertreibungen, so daß sich viele Judäer und Israeliten in einem fremden Land unter fremden Menschen eine neue Zukunft aufbauen mußten. In vielen stieg während dieser Zeit des Exils die Hoffnung auf, sich eines Tages in der Heimat wieder "zu versammeln", und unter einem "gemeinsamen Haupt" in eine bessere Zukunft mit Jahwe zu gehen, als es der bisherige "hurerische" Lebenswandel zuließ. "Jahwe wird uns von der Knechtschaft des Exils befreien" 132 , werden viele geglaubt, zumindest aber
doch gehofft haben.
Diese verbreitete Heilshoffnung könnte der Redaktor aufgegriffen und in eine - die Unheilsnamen von Hosea 1 umdeutende - Heilsverheißung gekleidet haben. Somit wirkte der Redaktor wahrscheinlich in exilischer Zeit (587-538 v.Chr.). Eine nachexilische Verfasserschaft ist wohl auszuschließen, da eine deutliche Anspielung auf eine Rückkehr aus Babel (538 v.Chr.) jedenfalls fehlt.
130 Vgl. 2 Kön 19,35-37.
131 Vgl. die Ausführungen zu Punkt 3, o. S. 19 f.
132 Vgl. zur Bedeutung der Wendung Xr3a=h= )Nm1 Vli=v$ (2,2a) die Ausführungen zu Punkt 3, o. S. 20 f.
33
D. SCHLUSS
I. Zusammenfassung
An dieser Stelle soll noch einmal zusammenfassend die Aussageintention des Endtextes beschrieben werden:
Rückblickend wird uns von dem Propheten Hosea erzählt, wie er dazu gekommen sei, eine "hurerische" Frau namens Gomer zu heiraten, und was ihn bestimmt habe, den aus der Ehe hervorgegangenen drei Kindern symbolische Namen zu geben. Hinter beiden Schritten stehe Gott mit seiner Offenbarung und seinem Auftrag für das dem Gericht entgegengehende Zehnstämmereich. Diese schwere Auftrag wurde für Hosea zu einem Gleichnis und Inhalt für die wohl einzigartige Botschaft, die er seinem Volk zu bringen hatte. Die außerordentliche Lage Israels erforderte je-
34
doch ein entsprechendes außerordentliches Zeugnis, um von Israel in seinem hurerischen "Rausch" verstanden zu werden. Die symbolischen Namen der Kinder sollten nun also dem Volk zu jener Deutung werden, wie gegenwärtig Jahwes Verhältnis zu Israel sei:
Die Ebene Jesreel mit ihren historischen Ereignissen war zuletzt in besonderer Weise zu einem Mittelpunkt schwerster Versündigungen geworden. Indem Jehu an diesem Ort seinerzeit den König und seine Familie ermorden ließ, hatte er eine Blutschuld auf sich geladen, die ihm zum Gericht werden mußte. Aber der Zusammenbruch der Dynastie Jehus wird nur der Anfang vom völligen Zusammenbruch des Nordreiches sein. "Und es soll geschehen an jenem Tag: Ich werde zerbrechen den Bogen Israels" (1,5). Zwar impliziert dieses Wort auch den Beginn einer neuen Heilszeit 133 , doch zunächst einmal ist gesagt, daß nach dem Untergang der Jehu-
Dynastie bald auch der Bogen Israels, d.h. die gesamte Kriegs- und Heeresmacht des Volkes, untergehen wird.
Die Tochter, die Hosea geboren wurde, mußte der Prophet Lo-Ruchama nennen. "Denn ich fahre nicht mehr fort, mich zu erbarmen über das Haus Israel" (1,6). Auch der Name der Tochter verkündet dem Volk Gericht. Israels Existenz beruhte in Geschichte und Gegenwart stets auf dem Erbarmen Gottes. Israel war von Gott geliebt und begnadigt worden, bevor es selbst lieben konnte. Was die Vergangenheit des Volkes an Selbständigkeit gewonnen und an Größe gehabt hatte, das war immer aus dem Liebesverhältnis Gottes zu Israel gekommen. Zieht sich das Erbarmen Gottes künftig aus der Geschichte Israels zurück, dann steht das Volk hinfort wie eine "Nicht-Erbarmte" innerhalb der Stürme des Weltgeschehens. Nur Juda war noch nicht zu solch einer "Lo-Ruchama" herabgesunken (vgl. 1,7) 134 .
Die Gomer schenkt dem Propheten nun nochmal einen Sohn. "Und er sagte: Nenne seinen Namen 'Lo-Ammi', denn ihr seid nicht mein Volk, und ich werde nicht euer sein" (1,9). Diese Worte schienen alle großen Offenbarungswahrheiten, die durch Abraham, Isaak, Jakob, Mose und all die späteren Zeugen innerhalb der Geschichte dem Volk geworden waren, aufzuheben. Das war die Ankündigung der Preisgabe Israels an die Geschichte. In seiner Treulosigkeit hatte es sich immer wieder an die Weltvölker gehangen und in deren Art und Machtstreben, in deren Götterwelt und Expansionspolitik das Ideal auch für die Größe und Zukunft Israels gesehen. Gott
133 Vgl. die Ausführungen zu Punkt 2, o. S. 11. Siehe dort besonders die Anm. 40. 134 Vgl. die Ausführungen zu Punkt 6, o. S. 31.
35
schickt nun sein Volk ins Gericht, indem er es ganz aufgibt und es seinen Liebhabern überläßt.
Hiermit hört die Botschaft allerdings noch nicht auf. Mitten in diesem furchtbaren Gericht wird sich dann offenbaren, daß Israel in seiner Geschichte Zeiten guter Gemeinschaft mit Gott hatte - und auch künftig wieder haben kann. Wenn sich Judäer und Israeliten gemeinsam
an die Zeiten erinnern, in denen sie geliebt und nicht verlassen waren, dann werden sie dankbarer sein und auf eine neue Chance hoffen dürfen. Sie werden sich "versammeln" und sich ein "gemeinsames Haupt" wählen (vgl. 2,2). Jahwe wird sie von aller Knechtschaft befreien und mit ihnen in eine neue Zukunft gehen.
II. Theologische Stellungnahme
Löst man das Textstück Hosea 1,2 - 2,3 auch aus seinem unmittelbaren historischen Kontext heraus, so kann aus ihm dennoch eine Mahnung an unsere Zeit gelesen werden. So ist beispielsweise das Thema "Hurerei" von bleibender Aktualität in dem Sinne, daß wir - ebenso wie die Israeliten - treulos werden können und unseren Versuchungen erliegen. Die Versuchung Israels, sich kanaanäischer Mythologie hinzugeben, ist zwar der Form nach nicht mehr die unsere, aber der Sache nach, Lebenserfolg gegen Lebenssinn einzutauschen, ist sie es mächtig. Wir verlassen Gott zugunsten der Wissenschaft, von der wir uns wie von einem Abgott Lebenserfolg versprechen.
Drei Beispiele: Die Frage der Macht und damit die Entscheidung eines kommenden Krieges erscheint nur noch als Frage der Wissenschaft: wer ist dem anderen in den Fortschritten der Atomforschung voraus und in der Bewältigung der technischen Probleme bei ihrer praktischen Anwendung? - Die Frage des Lebenserfolgs, der körperlichen Rüstigkeit und geistigen Frische erscheint nur als eine Frage der Wissenschaft: wer kann es sich leisten, die modernsten Ergebnisse der Medizin für sich nutzbar zu machen? - Und schließlich sogar die Frage der Bibel und ihrer Glaubwürdigkeit, auch sie wird dem Abgott Wissenschaft untergeordnet. Ein Zeichen ist das Buch von Gottfried Keller: "Und die Bibel hat doch recht!" Sein Riesenerfolg beruht darauf, daß hier viele Aussagen der Bibel als von der wissenschaftlichen Archäologie bestätigt nachgewiesen werden; die Wissenschaft nimmt auch hier den obersten Thron ein.
36
Wie Israel einer Hure gleich um die Götter Kanaans buhlte, so buhlt die christliche Welt um die Götter der Moderne, um die Wissenschaften. Darin sind beide ganz gleich: treulos verlassen sie den Herrn und seine Liebe und hängen sich an Buhlen, die weder Treue noch Liebe kennen.
In dieser Lage beruft der Gott, der Treue hält, seinen Boten. Eben jetzt! Wo alle Welt praktisch so lebt, als könne man mit dem Glauben an Gott nichts mehr anfangen, rüstet er seinen Zeugen aus. Wo man immer sicherer wird, ohne ihn fertig werden zu können, errichtet er sein Zeichen mit dem einen, dem er Gehorsam befiehlt. Wo der Mensch sich teils mit Wollust, teils mit Scharfsinn selbst auf den Thron setzt und sich in seine eigenen Götter verliebt, sorgt Gott selbst dafür, daß dieses Verhalten mit dem rechten Namen benannt wird: Hurerei, Untreue, Lüsternheit. Er sorgt schließlich auch dafür, daß der hurerische Geist nicht das letzte Wort behält. Dazu ruft er - auch heute - seine Gemeinde in seinen Dienst.
D. Anhang: Literaturverzeichnis
1. Quellen
Biblia Hebraica Stuttgartensia, hrsg. von K. Elliger und W. Rudolph, Stuttgart 1990 (4. Auflage)
Septuaginta, hrsg. von A. Rahlfs, Bd. I/II, Stuttgart 1965 (8. Auflage)
37
2. Hilfsmittel
Fohrer, Georg u.a., Exegese des Alten Testaments, Einführung in die Methodik, Heidelberg/Wiesbaden 1989 (5. Auflage) Gemoll, Wilhelm u.a., Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1965 (9. Auflage), ND 1991
Gesenius, W./Buhl, F., Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1915 (17. Auflage), ND 1962
Gesenius/Kautzsch/Bergsträsser, Hebräische Grammatik, Hildesheim/ Zürich/ New York 1983
Koch, Klaus, Was ist Formgeschichte? Methoden der Bibelexegese, Neukirchen 1989 (5. Auflage)
Koehler/Baumgartner, Lexicon in Veteris Testamenti Libros, Wörterbuch zum Hebräischen Alten Testament in deutscher und englischer Sprache, Leiden 1953, ND 1985
Lisowsky, G./Rost, L., Konkordanz zum Hebräischen Alten Testament, Stuttgart 1966 (2. Auflage)
Schneider, Wolfgang, Grammatik des Biblischen Hebräisch, völlig neue Bearbeitung der "Hebräischen Grammatik für den akademischen Unterricht" von Oskar Grether, München 1989 (7. Auflage) Steck, Odil Hannes, Exegese des Alten Testaments, Leitfaden der Methodik, Neukirchen-Vluyn 1993 (13. Auflage)
Wonneberger, Reinhard, Leitfaden zur Biblia Hebraica Stuttgartensia, Göttingen 1984
Würthwein, Ernst, Der Text des Alten Testaments, Eine Einführung in die Biblia Hebraica, Stuttgart 1988 (5. Auflage)
3. Kommentare, Monographien und Aufsätze
Allwohn, Adolf, Die Ehe des Propheten Hosea in psychoanalytischer Beleuchtung, in: BZAW 44 (1926)
Bitter, Stephan, Die Ehe des Propheten Hosea. Eine auslegungsgeschichtliche Untersuchung, Göttingen 1975
Jeremias, Jörg, Der Prophet Hosea (Das Alte Testament Deutsch, Bd. 24/1), Göttingen 1983 ders., Hosea/Hoseabuch, in: TRE 15, S. 586-598 Kirchgässner, A., Welt als Symbol, Würzburg 1968 Mommer, P., Artikel Xbq, in: ThWAT IV, Sp. 1147 ff. Müller, H.-P., Artikel DaOr, in: THAT II, Sp. 701 ff.
38
Rudolph, Wilhelm, Hosea (Kommentar zum Alten Testament, Bd. XIII/1), Gütersloh 1966
ders., Präparierte Jungfrauen? (Zu Hosea 1), in: ZAW 75 (1963), S. 65-73
Sawyers, J.F.A., Artikel Xbq, in: THAT II, Sp. 583 ff. Schmid, H.H., Artikel Xr3a3, in: THAT I, Sp. 228 ff. Schmidt, Hans, Die Ehe des Hosea, in: ZAW 42 (1924), S. 245-272 Schmidt, Werner H., Einführung in das Alte Testament, Berlin/New York 1985 (3.Auflage
Soggin, J.A., Artikel K9l3m3, in: THAT I, Sp. 908 ff. Wehmeier, G., Artikel hli, in: THAT II, 272 ff. Weider, Andreas, Ehemetaphorik in prophetischer Verkündigung. Hosea 1-3 und seine Wirkungsgeschichte im Jeremiabuch, Fulda 1992 Willi-Plein, Ina, Vorformen der Schriftexegese innerhalb des Alten Testaments, in: BZAW 123 (1971)
Wolff, Hans -Walter, Dodekapropheton 1: Hosea (Biblischer Kommentar Altes Testament, Bd. XIV/1), Neukirchen-Vluyn 1961 ders., Der große Jesreeltag, in: Ev. Th. 12 (1952/53), S. 78-104
39
Arbeit zitieren:
Andreas Köster, 1994, Exegese von Hos 1,2-2,3, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Deutsche Orthografie - Eine kurze Betrachtung
Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik
Hausarbeit, 24 Seiten
Der ontologische Gottesbeweis des Anselm von Canterbury im Rahmen des ...
Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1350)
Seminararbeit, 16 Seiten
"Der Gottesbegriff nach Auschwitz" - Hans Jonas´ Versuch, da...
Theologie - Systematische Theologie
Hausarbeit, 19 Seiten
„jenes […] uns tyrannisierende Gesellschaftsetwas“ - Individuum und Ge...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Bachelorarbeit, 28 Seiten
The representation of colonial rule in kipling’s 'Beyond the Pale&...
Seminararbeit, 11 Seiten
Mittelalterliche Literatur im Unterricht
Moderne Lyrik im Themenspektru...
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Die kritische Darstellung des Bürgertums und des Adels in Lessings ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Elements of courtly love in Geoffrey Chaucer’s 'Miller’s Tale'
Seminararbeit, 15 Seiten
Emilia Galotti - Wie sie wirklich ist. Was viele nicht wussten.
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 28 Seiten
Produktionsorientierter Literaturunterricht am Beispiel von Günther Wa...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 19 Seiten
Chancen und Probleme szenischer Verfahren im Umgang mit Lyrik des 19. ...
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Christentum und Angst bei Konr...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 15 Seiten
Szenische Interpretation von Gedichten - Unterrichtsentwurf und Reflex...
Unterrichtsentwurf, 24 Seiten
Die Tragödienkonzeption des Aristoteles
Eine Untersuchung anhand von S...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Aufgabenklassifikation - Zentrale Modelle nach Steiner, McGrath und Ts...
Psychologie - Sozialpsychologie
Hausarbeit, 26 Seiten
Das Konzept der 'niederen Minne' im Minnesang
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Andreas Köster hat den Text Exegese von Hos 1,2-2,3 veröffentlicht
Andreas Köster hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare