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Gymnasium zu kommen und die Hälfte dieser Anwärter fiel noch durch die schweren Aufnahmeprüfungen. Fälschlicherweise denken viele immer noch, daß ärmere Eltern aufgrund des Schulgeldes ihre Kinder nicht zum Gymnasium hätten schicken können. Tatsächlich hätte jedoch jeder normale Arbeiter es sich erlauben können, für mindestens ein Kind das Schulgeld zu bezahlen. Ein viel größeres Problem war, daß ein Jugendlicher versorgt werden mußte, der unüblicherweise noch kein Geld verdiente. Zudem konnte sich ein Arbeiter gar nicht vorstellen, ein Kind zum Gymnasium zu schicken, und so zog man dies trotz guter Noten des Kindes erst überhaupt nicht in Betracht.
Das Gymnasium war zu der Zeit sehr weltfremd. Es wurden hauptsächlich alte Sprachen und Religion unterrichtet, während Fächer, wie zum Beispiel Mathematik, nur sporadisch unterrichtet wurden. Es war sogar möglich das Abitur zu erlangen, ohne die Grundrechenarten richtig zu beherrschen. Ein weiterer Nachteil des Gymnasiums zur Kaiserzeit war, daß sich die Lehrer als Wissenschaftler ansahen. Ihre Schüler waren ihnen nicht nur völlig egal, sondern sie sahen sie sogar als störend an. Zudem lag ein riesiger Leistungsdruck auf den Schülern, weil sie im Durchschnitt wöchentlich in jedem Fach eine Klassenarbeit schrieben. Hatte man es dann aber geschafft, die Abiturprüfungen zu bestehen, war bei den meisten die berufliche Zukunft schon festgelegt. Aufgrund des einseitigen Lehrinhaltes wurden viele Abiturienten später selbst Lehrer oder sie studierten Theologie. Andere schlugen die hohe Militärlaufbahn ein oder studierten Jura oder Medizin. Weitere nennenswerte Berufsmöglichkeiten gab es eigentlich nicht. Ein anderer, für uns jetzige Schülern kaum vorstellbarer, Unterschied zu heute war, daß die Schule (Gymnasium) direkten Einfluß auf das private Leben nahm. Verbote des Gymnasiums zählten auch außerhalb der Schulzeit. Zum Beispiel war es verboten Bücher auszuleihen, wenn man ein Buch brauchte, sollte man sich dies standesgemäß kaufen. Zudem durfte man erst bei Volljährigkeit (21 Jahre) rauchen. Kontakte zu Schülern anderer Schulen waren auch strikt untersagt. Befolgte man diese Regeln nicht, wurde man von der Schule bestraft. Zum Beispiel wurde einem 20jährigen Schüler ein Schulverweis angedroht, weil er Liebesbriefe an eine gleichaltrige Schülerin einer höheren Mädchenschule geschrieben hatte. Ein Schulverweis hatte damals viel schlimmere Konsequenzen zufolge, als heute. Nach einem Schulverweis wurde man von keiner weiterführenden Schule mehr angenommen.
Im Vergleich zu heute war auch das Lehrziel ein ganz anderes. Heute wird in fast allen Staaten versucht, die Kinder und Jugendlichen zu mündigen Bürgern zu erziehen. Dies war im Nationalsozialismus und davor (Ausnahme: Weimarer Republik) nicht so. Im Kaiserreich war das Lehrziel auch ein gehorsamer Untertan. Zudem wurde viel Wert auf den Sportunterricht ge-
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legt, da man später einmal gute Soldaten haben wollte. Deswegen wurden in der Volksschule militärische Übungen gemacht: Anschleichen; Spuren lesen; Lagerleben und in Reih´ und Glied stehen. So arbeiteten das Militär und die Schule in Hand und Hand. Über diese Übungen wurde aber erst mit Näherkommen des Ersten Weltkrieges öffentlich geredet, weil zu diesem Zeitpunkt die Grundstimmung des Volkes militärischer wurde. Dies kam durch wachsenden Haß gegenüber dem „Erzfeind“ Frankreich.
Körperliche Züchtigung war in allen Schulformen zu dieser Zeit üblich. Diese Strafen wurden in allen Schichten der damaligen Gesellschaft angewandt und im Gegensatz zu heute wurde die Prügelstrafe auch in der Öffentlichkeit toleriert. Sie wurde sowohl von dem Volk als auch von den meisten Wissenschaftlern ebenso in der Schule gefordert. Zur Schule gehen wurde auch „Sul virga degere“ genannt. Diese lateinische Redewendung heißt nichts anderes als „Unter der Rute leben“. Man sprach davon, daß man den Kindern den göttliche Geist einbleuen müßte. Aufgrund dieser Billigung roher Gewalt in der Schule wurden die Schüler von der Volksschule bis zum Gymnasium mißhandelt. Über die täglichen Stockschläge wurde vom Lehrer sogar Buch geführt, wo jeder einzelne Schlag und der Anlaß dafür aufgelistet wurde. Auch die Strafen, die wegen außerschulischen Vergehen verhängt wurden, waren dort vermerkt. Zum Beispiel bekam ein Schüler einmal zehn Schläge mit einem Rohrstock, weil er Nachmittags über einen Acker eines Bauers gelaufen war. Aber diese Stockschläge waren nicht die einzige Art der körperlichen Züchtigung. Eine Schülerin wurde von einem Lehrer auf einen heißen Ofen gesetzt und sie zog sich schwere Verbrennungen zu. Dieser Fall wurde von dem Lehrer in das Strafen-Buch eingetragen und diese Mißhandlung wurde von allen (auch den Eltern) als angemessen betrachtet.
In der damaligen Volksschule waren Mädchen und Jungen in einer Klasse, aber für Schülerinnen gab es nur eine Alternative zur Volksschule: Die höhere Mädchenschule. Diese Schulen waren privat, nicht hoch angesehen und es wurde in den Fächern Gemüt und Gefühlsleben unterrichtet. Also brachten diese Schulen keine wirkliche Alternative zur Hausfrau, sondern sie unterstrichen vielmehr das Bild der unterwürfigen Frau. Obwohl es die erste Abiturientin bereits 1896 gab, existierten Berufsausbildungen für Frauen erst ab 1901 (vorher war Lehrerin an einer Land-, Volks- und hohen Mädchenschule der einzige, als solcher angesehener, Beruf für Frauen). Die offizielle Gleichstellung von Mädchen und Jungen in der Schule kam dann durch die Mädchenschulreform 1908. Durch diese Reform konnten Frauen Lehrer an einem Gymna- sium werden. Allerdings brachte diese Gleichstellung nicht viel, da es für Frauen weiterhin
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nahezu unmöglich war, aus dem normalen Frauenbild auszubrechen. So blieb die angeeignete Bildung eigentlich total unnütz.
Arbeit zitieren:
Jens Nienhaus, 1999, Schule im Kaiserreich (1871-1918), München, GRIN Verlag GmbH
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