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2.1 Neurobiologische un d kognitionswissen schaftliche Erkenntnisse 4
2.2 Philosophisch-erkenn tnistheoretische Argumentationslinie 9
'HUVR LRNXOWXUHOOH.RQVWUXNWLYLVPXV
3.1 Kultur 10
3.2 Medien 11
3.3 Kultur und Medien 12
3.4 Kultureller Wan del: n eue Wirklichkeit. 12
3.4.1 Modularisierun g von Wirklichkeit. 13
3.4.2 Modalisierun g von Wirklichkeit 14
3.4.3 Virtualisierung von Wirklichkeit 15
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2
1. EINLEITUNG
Über J ahrhunderte hin weg beschäftigte sich die Epistemologie als Teildisziplin der Philosophie m it dem Problem des Verhältnisses von m enschlicher Erken ntnis und Wirklichkeit. Dabei wurde zum eist als selbstverständlich vorausgesetzt, dass ein e solche Wirklichkeit unabhän gig und außerhalb des m en schlichen Erkenntnisvermögen s existiert: Die Wirklichkeit ist gegeben und der Men sch kann auf dem steinigen Weg der Erken ntnis Zugang zu ihr erlangen , sie HUNHQQHQ.
Diese Vorstellun g der Erkenn barkeit der „wirklichen“, „wahren“ Welt kritisiert der Konstruktivism us 1 , indem er dem Menschen die Möglichkeit des direkten Zugangs zur Wirklichkeit abspricht und Wirklichkeit bzw. das vermeintliche Wissen über sie an statt dessen als Ergebn is von unbewussten und „un willkürlichen “ 2 Konstruktion sprozessen im Individuum selbst - und ausschließlich dort- konzipiert. Der Mensch kann die Wirklichkeit also n icht HUNHQQHQ, er brin gt sie vielm ehr selbst subjektiv NRQVWUXLHUHQGhervor 3 .
Ganz n eu ist diese Problematisierun g von Wirklichkeit un d Erken ntnis in der Philosophie- un d Wissenschaftsgeschichte nicht -Origin alität wird von aktuellen Vertretern konstruktivistischer Konzepte allerdin gs auch nicht beansprucht. Siegfried J . Schmidt zitiert Xen ophanes un d Dem okrit ebenso, wie er ein e Traditionslinie von Kan t über Nietzsche, Simm el, Cassirer u.a. zieht. 4 Eine Neubegrün dung erfuhren vorhan den e konstruktivistische Ansätze jedoch v.a. durch die Arbeiten des Psychologen Ernst von Glasersfeld, des Kybernetikers Heinz von Foerster, der
1 Der ubiquitäre Hinweis, dass „ der Konstruktivismus“ als einheitliches Theoriegebäude samt zugehöriger Forschergem einde un d Lehrbuch (noch) n icht existiert, darf auch hier nicht fehlen (vgl. u.a. Schm idt (20 0 0 ) S.14). 2 von Glasersfeld (1994), S.17
3 Hier nun ist der angemessene Ort, den m issverstän dlichen Begriff ‚Konstruktivismus’ zu erläutern, wie es Siegfried J . Schm idt n icht m üde wird, bei jeder Gelegenheit zu tun . ‚Konstruktion’ be-deutet in diesem Zusamm enhang QLFKW planvolles, bedachtes und bewusstes Vorgehen eines Akteurs, sondern der Begriff bezeichn et Prozesse, „ in deren Verlauf Wirklichkeitsentwürfe sich herausbilden , und zwar keineswegs willkürlich, sondern gemäß den biologischen , kognitiven und soziokulturellen Bedingungen, denen sozialisierte Individuen in ihrer sozialen und natürlichen Umwelt un terworfen sind. Über viele dieser Bedingungen kann ein Individuum überhaupt nicht verfügen. [...] Wirklichkeitskonstruktion widerfährt uns mehr als dass sie uns bewusst wird [...].“ Schm idt (1994a), S.5
4 vgl. Schm idt (20 0 0 ), S.17. Watzlawick erweitert die Liste noch um einige Nam en mehr: Er nen nt zusätzlich u.a. Vico, Dilthey, Husserl, Wittgenstein , Piaget, Schrödin ger, Heisen berg, Kelly, Goodm an „ und viele andere n am hafte Denker“ vgl. un d zit. Watzlawick (1994), S.10 .
3
Biologen Humberto R. Maturana un d Francisco J . Varela un d im An schluss an diese Gerhard Roth, deren n europhysiologische und kognitionswissenschaftliche Un tersuchungen der Wahrn ehm ungs- bzw. Erkenn tnisprozesse die bis dahin vorhan denen v.a. philosophisch-erkenntnistheoretischen Ansätze konstruktivistischer Argum entation in hohem Maße plausibilisierten 5 .
Die vorliegende Arbeit stellt zunächst in Abschnitt 2 die Grun dlagen der konstruktivistischen Auffassun g von Wahrnehmun g, Erkenn tnis und Wirklichkeit vor. Dazu werden zun ächst relevante neurophysiologische Erkenntn isse (2.1) un d anschließend die philosophisch-erken ntnistheoretische Argum en tation (2.2) beschrieben. Anschließend wird in Abschnitt 3 der soziokulturelle Konstruktivism us von Siegfried J . Schmidt als Beispiel ein es gleichermaßen evolvieren den wie elaborierten kon struktivistischen Versuchs, die in Abschnitt 2 ausgeführten Prinzipien des Konstruktivism us für i.w.S. gesellschaftliche Phänom en e fruchtbar zu m achen , vorgestellt. Hierbei liegt der Schwerpunkt der Ausführungen auf den Aspekten Medien und Kultur, deren Beziehung zu beleuchten eine der wesentlichen Bestrebun gen des Kom m unikationswissenschaftlers Schmidt ist. Dabei werden in Abschnitt 3.4 exem plarisch einige Hypothesen Schmidts zu Entwicklungen in der Konzeption von „ Wirklichkeit“ vorgestellt. 6
2. GRUNDLEGENDE ANNAHMEN DES KONSTRUKTIVISMUS
2.1 Neurobiologische und kognitionswissenschaftliche Erkenntnisse
Gem einhin wurde und wird Wahrnehmung als getreue Abbildung der Außenwelt durch die Sinnesorgane und das Gehirn aufgefasst. Bereits diese Annahm e wird von Neurobiologen bestritten: „ Es ist nicht die Aufgabe des Gehirns und der Sin-
5 DasVerhältnis von n europhysiologischen Erkenntnissen und philosophisch-theoretischen Argu-
m entationen ist ein schwieriges. Obwohl vielerorts als gegenseitiges %HJUQGXQJVverhältn is dargestellt, betonen u.a. Schm idt und Roth die prin zipielle Unabhängigkeit der philosophischen von der
empirisch-neurowissenschaftlichen Argum entation slinie. In ihrem Sin ne EHJUQGHQ sie sich n icht, sie SODXVLELOLVLHUHQ sich wechselseitig. vgl. Schm idt (20 0 0 ), S.22; Schm idt (1994a), S.593
6 Auf weitere und weitUHLFKHQGH Konsequenzen kon struktivistischer Positionen für die Kom mun ikationswissenschaft, die sich außerhalb des hier en g um grenzten Them as (Verh ältnis Medien-Kultur-Wirklichkeit) befin den, wie z.B. detaillierte Beschreibungen der konstruktivistischen Auffassung von Komm un ikation, Verstehen und sich daraus ergebende Konsequen zen für die Rezipienten- und Kom munikatorforschung gehe ich in dieser Arbeit n icht ein.
4
nesorgan e, die Um welt m öglichst exakt un d vollständig abzubilden oder die Welt zu erkenn en, ‚so wie sie ist’. [...] Es ist vielm ehr ihre Aufgabe, den Organ ism us zum Zweck des Überleben s un d der Fortpflanzun g an der Um welt zu orientieren“ 7 . Aufgabe des Wahrnehmungsapparates, bestehend aus Sinnesorgan en un d Gehirn , ist es also, die Um welt nach Reizzusam menhän gen -seien es Nahrun g, Feinde, Geschlechtspartn er etc.- „ abzusuchen“ , die für den Organismus von In teresse sind. In diesem Sinne betreibt das Gehirn die Reduktion von Um weltkomplexität und zwar notwendigerweise nach Kriterien , die sich aus dem spezifisch für die Spezies i.w.S. Überleben sn otwen digen bzw. „ Interessanten“ ergeben: „ Das Überleben ein es Organism us erfordert Reaktion auf die bedeutungsvollen Ereignisse in der Um gebun g [...]. Da die Umgebung niemals für sich bedeutun gsvoll ist, m uss jeder Organism us selektiv, d.h. nach sein en eigen en Bedürfnissen und seinen eigenen internen Kriterien (m ögen diese an geboren oder erlern t sein ) m it ihr umgehen. Wahrnehm un g im Dienste der Verhaltenssteuerung ist stets Auswahl un d Bewertung, niem als Erken nen ‚objektiver’ Gegeben heiten “ 8 . Schon in dieser VHOHNWLYHQ Tätigkeit deutet sich eine Konstruktionsleistung des
Gehirnes an . Noch virulen ter erscheint sie jedoch, betrachtet m an die Art un d Weise, wie das neuronale System Reize der Außen welt an das Gehirn verm ittelt. Umweltreize werden n äm lich in ein en unspezifischen „ n euronalen Code“ 9 um -gewandelt, indem sie in elektrische Entladungen „ übersetzt“ bzw. verrechn et un d so über die Nervenbahn en an das Gehirn geleitet werden. Diesem 3ULQ]LSGHUXQ GLIIHUHQ]LHUWHQ &RGLHUXQJ zufolge codieren die Nervenzellen der Sinn esorgane kein e Inform ationen über die 1DWXU ein er Erregungsursache, son dern lediglich über deren ,QWHQVLWlW. 10 Das Gehirn „ empfängt“ also von den Sinneszellen un spezifische, n ur unterschiedlich frequente, elektrische Entladungen und NRQVWUXLHUWaus
ihnen Modalität un d Qualitäten der Um weltreize: „ Aus der Unspezifität der An t-worten der Sinnesrezeptoren gegenüber den spezifischen Umweltereignissen folgt aber die für die Wahrn ehm ungs- un d Erkenn tnistheorie fundam entale Tatsache, dass alle Eigen schaftsunterschiede der Wahrnehm un gsinhalte nach Modalitäten
7 Roth (1992), S.28 1
8 Roth, ebd., S.317 9 Roth, ebd., S.28 8
10 vgl. Foerster (1994), S.43; Er reform uliert dam it eine Entdeckung J ohannes Müllers.
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Felix Frey, 2002, Medien - Kultur - Wirklichkeit: Grundlagen und Weiterführung konstruktivistischer Perspektiven, München, GRIN Verlag GmbH
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