Vorwort
Karl Friedrich Schinkel kann als einer der bedeutendsten Architekten seiner Zeit angesehen werden. Weniger bekannt ist, daß Schinkels Gedanken zur Denkmalpflege vorbildlich und richtungsweisend bis weit über seine Zeit hinaus waren. Aus vielen seiner Schriften geht hervor, daß er laufend mit den Behörden verhandelte, um eine Erhaltung und Pflege historischer Bauten zu bewirken.
1. Historische Situation
1.1. Zerstörung des Denkmalbestands
Die Idee von Denkmalschutz gab es damals noch nicht, und so mußte Schinkel erleben, wie wertvolle historische Gebäude der Zerstörung, dem Verfall oder der Demontage preisgegeben wurden. Allein in Köln wurden zum Beispiel während der Kriegswirren 47 Kirchen vom französischen Heer zerstört. Durch den Reichsdeputationshauptschluß wurden 1803 alle geistlichen Fürstentümer, Zisterzienserorden und geistliche Ritterorden aufgelöst. Mit der Aufhebung und der anschließenden Enteignung mußten die Orden ihre Gebäude meist sofort verlassen. Die nun leerstehenden Bauten verfielen meist ungenutzt oder wurden zum Teil sogar als Baumaterial abgetragen. Die Zerstörung vollzog sich ohne ein Bewußtsein für den Wert der Gebäude als kulturhistorisches Erbe für die nachfolgenden Generationen. Für Schinkel waren Denkmäler Zeugen der Vergangenheit, die die Entwicklung zu unserem heute belegen.
1.2. Handlungsbedarf
In Anbetracht der entstandenen Verluste erkannte Schinkel die Schutzbedürftigkeit auch solcher Bauwerke, die dem aktuellen Geschmack und den Ansprüchen der Zeit nicht genügten. In seinem Gutachten, in dem er für die Erhaltung der als unmodern angesehenen Barockfiguren auf dem Berliner Stadtschloß plädierte, schrieb er "...unmöglich kann es in einer Hauptstadt Prinzip werden, ausgezeichnete öffentliche Gebäude auf diese Weise zu zerstören, wir würden auf diesem Wege bald dahin kommen, auch das Zeughaus und alle überigen Gebäude des Schmuckes beraubt zu sehen, der an eine schöne Vorzeit erinnert und das Wahre Interesse bei der Architektur einer Stadt gewährt." 1 Da für Schinkel Kunstdenkmäler ein öffentliches Gut darstellten, sollte ihre Erhaltung deshalb auch von öffentlichem Interesse sein, für einen preußischen Beamten wie Schinkel war diese
Öffentlichkeit gleichzusetzen mit dem Staat. Somit stellte sich für den Staat eine neuartige Aufgabe, die nicht mit Einzelaktionen zu leisten war, sondern an der kontinuierlich gearbeitet werden mußte.
Denn Denkmalpflege ist "ein Gegenstand des allgemeinen Interesses und ein Gegenstand der Ehre des Staates, weil sich darin die beste Bildung unserer Zeit aussprechen kann und eben dadurch werden diese Gegenstände auch eine Förderung der allgemeinen Verbreitung dieser höheren Bildungsstufe im ganzen Land." 2
1.3. Untätigkeit der Behörden
Die Entscheidungen über Veräderung oder Erhalt von Bauwerken wurden teilweise bisher schon behördlich getroffen, doch häufig wurden die Anordnungen bereits innerhalb der Behörde oder später dann von Privatleuten ignoriert, da kein öffentliches Bewußtsein den Schutz der Denkmäler forderte. "So geschah es, daß unser Vaterland von seinem schönsten Schmuck so unendlich viel verlor, was wir bedauern müßen, und wenn jetzt nicht ganz allgemeine und durchgreifende Maßregeln angewendet werden, so werden wir in kurzer Zeit unheimlich nackt und kahl wie eine neue Colonie in einem früher nicht bewohnten Lande dastehen" 3
2. Schinkels Konzept für eine Denkmalpflege
2.1. Verwaltung
Schinkel wünschte sich für eine Denkmalbehörde eine Struktur, die bis heute aktuell geblieben ist. Sie sollte sich zusammensetzen aus einem Ministerium als Entscheidungsträger und den zugeordneten Fachausschüssen als Gutachter. In diesen Ausschüssen sollten hauptamtliche Konservatoren in dem nun neu entstandenen Beruf des Denkmalpflegers arbeiten.
Auch die Inventarisierung der historischen Objekte sollte von diesen staatlichen Stellen durchgeführt werden. Darüber hinaus wünschte er sich ein starkes Engagement von Museen, Kirchen und Privatsammlungen. Denn nur eine breit angelegte Inventarisierung bietet überhaupt erst die Voraussetzung für eine Pflege der Denkmäler.
2.2. Denkmaldefinition
Unter Denkmälern verstand er Bauten und Ruinen aller Gattungen, einschließlich ihrer Außen- und Innendekoration. Schinkel definiert sie als "Bauwerke, sowohl in vollkommenden
erhaltenen Zustande, als in Ruinen liegend, von allen Gattungen, als Kirchen, Capellen, Kreuzgänge und Klostergebäude, Schlösser, einzelne Wahrten, Tore, Stadtmauern, Denksäulen, öffentliche Brunnen, Grabmale, Rathäuser, Hallen usw. (...) Nachdem man durch diese Verzeichnisse eine Übersicht erlangt ließe sich nun ein Plan machen, wie diese Monumente gehalten werden könnten, um dem Volke anzusprechen" 4 Schinkels Denkmalbegriff zeigte sich erstaunlich differenziert, so setzte er sich auch ein für den Erhalt kleinerer Ausbauten, nur weil sie einzigartig oder selten zu finden waren. In einer Korrespondenz von 1815 mit dem Ministerium wehrte er sich vehement gegen den Abriß eines Lettners in der Kirche von Kalkar, da bereits in vielen Kirchen solche Zeugnisse der Vergangenheit vernichtet wären. Doch auch städtebauliche Situationen konnten schützenswerte historische Zeitzeugen sein. Er kam dem modernen Ensemble-Begriff schon sehr nahe, als er sagte: "Selbst das Fehlerhafte, wenn es aus dem besonderen Geschmack einer Zeit hervorgegangen ist, wird in der historischen Reihe ein interessantes Glied sein und, an seinem Platze manchen Wink und Aufschluß geben." 5
2.3. Restaurierung
Um den ursprünglichen reinen Charakter der Bauten und Denkmäler zu erhalten, sollte eine Restaurierung nur an den notwendigen Stellen vorgenommen werden. Herabgefallene Teile sollten gesichert werden und anschließend mit geeigneten Mitteln wieder an Ort und Stelle gebracht werden. Restaurierung sollten dem Bau keinesfalls ein neues Aussehen geben, die Spuren der vergangenen Jahrhunderte sollten erhalten bleiben. Bei Ergänzungen sollte das Neue dem Originalmaterial möglichst genau angeglichen werden. So forderte er für neuzuputzende Teile eine vorherige Untersuchung der Färbung des ursprünglichen Gemäuers und der Zusammensetzung des Verwendeten Mörtels. Die beste Restaurierung wäre demnach eine, die im Wesentlichen gar nicht zu bemerken ist. Es kam aber auch wegen der wiederherzustellenden Reinheit und Werkgetreue dazu, daß barocke Ausstattungen durch neugotische ersetzt wurden.
3. Wirkung und Erfolge
3.1. Ämter
Leider konnte sich Schinkel mit seinen Forderungen nicht durchsetzen, zu oft blieben seine Eingaben im Dickicht der zuständigen Behörden stecken. Das höchste an Reaktionen waren einige königliche Kabinettsordern, die sich auf die Erhaltung einzelner Objekte bezogen.
Doch selbst deren Ausführung verzögerte und verhinderte oft der unvermeidliche Weg durch Preußens Baubehörden.
Erst 1835 ging die Denkmalpflege, soweit sie überhaupt existierte, an das preußische Kultusministerium über. Damit wurden zwar die Kompetenzen über den Schutz der Objekte erweitert, einen festen Etat gab es für die neuen Aufgaben jedoch noch nicht. Die Geldmittel mußten für einzelne Projekte beantragt werden und wurden dabei auf ihre Notwendigkeit hin beurteilt. Förderungswürdig waren Überreste der Baukunst aus der Vorzeit und solche, die einen Wert für die Geschichte von Wissenschaft und Technik hatten. 3.2 . Königlicher Erlaß
Im Jahr 1843 griff sogar König Friedrich Wilhelm IV. die Überlegungen Schinkels zur Restaurierung auf. Durch einen ministeriellen Runderlaß ließ er verlauten, daß es bei der Restauration darauf ankäme, nur die entstandenen Schäden zu beseitigen, aber den Charakter des Gebäudes so zu erhalten, daß das Wesentliche der Entstehungszeit weiterhin zum Ausdruck käme. Weiterhin wurde angeordnet, alle Baubeamten davon in Kenntnis zu setzen, damit die neue Verfügung eingehalten und überwacht werde.
Verfasser dieses Erlasses im königlichen Namen war vermutlich der Freund und spätere Biograph von Schinkel Franz Theodor Kugler, der wenige Monate zuvor als Zuständiger für Kunstangelegenheiten in das Kultusministerium gerufen wurde. Kugler fehlte jedoch ein ausreichender Stab an hauptamtlichen Mitarbeitern, um damit erwähnungswürdige Erfolge in der Denkmalpflege zu erzielen, wie sie in Frankreich bereits üblich waren. Sein Nachfolger Ferdinand von Quast schuf sich durch die Organisation von Kunstvereinen einen weiteren Kreis von Mitarbeitern.
Ausblick
Schinkels Bestreben, Denkmalpflege als feste Größe in der staatlichen Verwaltung zu installieren, ist heute als Selbstverständlichkeit in unserer Verwaltung gegeben. Die Ämter für Denkmalpflege haben heute die Aufgabe pflegebedürftige Objekte aufzuspüren, sie zu inventarisieren und sie vor dem unwiederbringlichen Verlust zu retten.
Literatur
Deiters, Ludwig: K. F. Schinkel und die Denkmalpflege. In: Karl Friedrich Schinkel. Tradition und Denkmalpflege. Hrsg: Institut für Denkmalpflege. Berlin, 1982. Huse, Norbert (Hrsg.): Denkmalpflege. Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten. München, 1984.
Neumann, Frank Günther: Von der vormoralischen Geschichte der Kunst zur Denkmalpflege. In: Internationales Karl-Friedrich-Schinkel-Symposium 1995 Zittau. Hrsg: Organisationskomitee Schinkel-Symposium Zittau 1995. Zittau, 1996. Rave, Paul Ortwin: Karl Friedrich Schinkel. Lebenswerk. Erster Teil. Bauten für die Kunst, Kirchen und Denkmalpflege. Berlin, 1941. Erw. Nachdr. Berlin, 1981. Semino, Gian Paolo: Karl Friedrich Schinkel. Zürich, 1993.
1 K. F. Schinkel, 02. 09. 1817. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Berlin: Rep. 93 D Lit. G. c XI Nr. 17. Zitiert nach: Rave, S. 377
2 K. F. Schinkel zitiert nach: Huse S.63, ohne nähere Angabe zitiert nach: Grundmannn, Günther, Die Bedeutung Schinkels für die Denkmalpflege, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 14 (1940/41), S. 128.
3 K. F. Schinkel: "Erhaltung aller Denkmäler und Alterthümer unseres Landes". 17.08.1815. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin. I. HA Rep. 93 D Lit. E Nr. 68 Bd. 1 Bl. 11-16. Zitert nach: Neumann, S. 98. 4 A.a.O.
5 K. F. Schinkel, 01.05.1819. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin. Rep. 74 L. Abt. II Nr. 2. Zitiert nach: Rave, S. 366
Arbeit zitieren:
J. Mitterer, 1996, Schinkel - Denkmalpflege, München, GRIN Verlag GmbH
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