ben in ihrem Buch über die ehemalige Sprengstoffabrik in Hirschhagen bei Hessisch-Lichtenau diese Zusammenhänge erstmals systematisch untersucht und dafür den Begriff des "Rüstungsvierecks" geprägt. Im Auftrag des Oberkommandos des Heeres (OKH) plante und erbaute die Dynamit-Actien-Gesellschaft vormals Alfred Nobel & Co. (D.A.G.) aus Troisdorf die vom OKH gewünschten Sprengstoffwerke, darunter Hessisch-Lichtenau, Stadtallendorf, Clausthal u.a. Die D.A.G. wiederum war eine 61% Tochter des I.G. Farben-Konzerns. Die Sprengstoffwerke wurden schlüsselfertig der MONTAN übertragen. Die MONTAN ihrerseits war 1916 als "Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie GmbH" gegründet worden. 1934 übernahmen Beauftragte des OKH diesen Firmenmantel. Als Gesellschafter der MONTAN fungierten zunächst als Privatpersonen auftretende höhere Beamte des Heereswaffenamtes, später des Wehrmachtsfiskus und seit 1944 des Reichsfiskus. Die MONTAN verpachtete die Rüstungsbetriebe an die "Gesellschaft mbH zur Verwertung chemischer Erzeugnisse" (Verwert-Chemie), eine 100%-Tochter der D.A.G. Ein Großteil der Produktionsgewinne, abzüglich der gering gehaltenen Pachtzahlungen an die MONTAN, floß somit der D.A.G. zu.
Dieses bewährte organisatorisch-rechtliche Konstrukt blieb nicht auf die Sprengstoffproduktion beschränkt. So kaufte 1939 die MONTAN im Auftrag des Heereswaffenamtes auch Flächen bei Falkenhagen (im heutigen Landkreis Märkisch Oderland in Brandenburg), auf denen diesmal direkt der I.G. Farben-Konzern als Produzent auftrat und ab 1943 mit dem Bau einer Produktionsanlage für den Nervenkampfstoff Sarin begann.
Die von außen fast undurchschaubare Konstruktion des Rüstungsviereckes, in der Auftraggeber und Betreiber unter verschiedenen Namen auftauchten, hat neben der schon damals geplanten Verschleierungsabsicht bis heute immense rechtliche Auswirkungen. Die Verwert-Chemie wurde 1951 liquidiert, somit ist der Verursacher im engeren Sinne für die Auspressung der ZwangsarbeiterInnen in den Sprengstoffwerken und für die entstandenen Umweltschäden rechtlich nicht mehr existent. Die damalige Muttergesellschaft, die heutige Dynamit Nobel AG, gehört inzwischen wieder zu den größten Munitionspro- duzenten der Bundesrepublik. Aufgrund der in der Nachkriegszeit wohl nicht zufällig erfolgten mehrfa-
chen Firmenumformierungen ist nach heutigem Sachstand jedoch die Marl-Hüls AG aus Rechtsnachfolgerin der D.A.G.
Rechtsidentische Nachfolgerin der MONTAN ist dagegen die früher mehrheitlich im Bundesbesitz befindliche, heutige Industrie-Verwaltungesellschaft-Holding-Aktiengesellschaft (IVG-Holding- AG) aus Bonn, was von dieser auch nicht bestritten wird. Die mögliche rechtliche - und damit auch finanzielle -Heranziehung der IVG sowie weiterer „Kandidaten“ als sog. "Handlungsstörer" ist angesichts der Zwangsarbeiterschicksale und der ökologischen Schäden eine dringend zu lösende Frage. Bis Kriegsende gab es im Reichsgebiet inzwischen 80 Sprengstoffabriken, 27 Kampfstoffwerke sowie 241 Munitionsanstalten. Die im Zusammenhang mit Werk Tanne genauer zu betrachtende Steigerung der Sprengstoffproduktion im Deutschen Reich war enorm. 1936 wurden 25.000 Tonnen Sprengstoff hergestellt, im Jahre 1943 hatte sich die Menge fast verzehnfacht (240.000 t) und Anfang 1945 bestand eine Jahreskapazität von 380.000 t. Unberücksichtigt bleibt bei diesen Mengenangaben der "zivile" Sprengstoff, wodurch sich die potentiell verfügbare Sprengstoffmenge nochmals verdoppelt hätte. Für den bekanntesten Sprengstoff, das Trinitrotoluol (kurz: TNT), der auch im Werk Tanne Clausthal hergestellt wurde, gab es im Reichsgebiet eine Kapazität von 55.000 Jahrestonnen. Die fünf größten Werke für die Produktion militärischen Sprengstoffes waren Stadtallendorf bei Marburg (5.400 Monatstonnen), Hessisch-Lichtenau bei Kassel (3.750 moto), Krümmel-Geesthacht (2.950 moto), Elsnig in Sachsen (2.950 moto) und das Werk Tanne in Clausthal (2.800 moto). Standortwahl und Aufbau von „Werk Tanne“
Die ehemalige Sprengstoffabrik Clausthal, mit ihrem Tarnnnamen auch als "Werk Tanne" bezeichnet, liegt am östlichen Ortsrand der Stadt Clausthal-Zellerfeld im Oberharz in Niedersachsen (Landkreis Goslar, ehemals Landkreis Zellerfeld). Das Werksgelände ist zum größten Teil bewaldet und befindet sich im Besitz der IVG-AG. Ein Teil des Geländes war nach dem Krieg an die Bundeswehr verpachtet, einzelne Gebäude werden heute von der Technischen Universität Clausthal, dem Reitverein Clausthal-Zellerfeld sowie von Privatunternehmen genutzt. Der Großteil der Fläche ist jedoch wegen des dort vor- handenen Gefährdungspotentials nicht frei zugänglich.
Ein Vergleich von Werk Tanne mit anderen ehemaligen Sprengstoffwerken zeigt, daß eine Reihe von standortspezifischen Kriterien ausschlaggebend für die Wahl des jeweiligen Produktionsstandortes war. Hierzu zählen außer der Möglichkeit einer weitestgehend ungestörten Produktion, eine strategisch günstige Lage, geeignete Verkehrsanbindungen, ein Reservoir ausgebildeter Fachkräfte, eine ausreichende Wasser- und Abwassersituation sowie die natürliche Tarnung durch den umgebenden Wald. Das Gelände des Werk Tanne bot in jeder Hinsicht ideale Voraussetzungen. Der Harz lag im Zentrum des Deutschen Reiches, war dadurch gut zu verteidigen und wies wegen seiner Bewaldung hervorragende Tarneigenschaften auf. Aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte fiel die Errichtung einer Muinitionsfabrik kaum auf, andererseits verfügte der Oberharz aber über eine genügende Auswahl williger und handwerklich geschickter Fachkräfte, die durch das Grubensterben im Oberharzer Erzbergbau um 1930 arbeitslos geworden waren. Auch die Logistik stimmte. Ende der zwanziger Jahre war eine von Langelsheim kommende Eisenbahnlinie fertiggestellt worden, die in der Nähe des vorgesehenen Werksgeländes vorbeiführte. Kühlwasser für die Sprengstoffproduktion gab es ausreichend in den zahlreichen Bergwerksteichen, die Frage nach dem Verbleib der Abwässer spielte bei der Werksplanung eine unterge-ordnete Rolle.
Der ehemalige Leiter der TNT-Fabrik Stadtallendorf bei Marburg, Dr. Bernhard Kratz, faßte 1949 die Auswahlkriterien für Standorte der Sprengstoffproduktion wie folgt zusammen: "Etwa Mitte der dreißiger Jahre war mit dem Bau mehrerer TNT-Fabriken begonnen worden. Bei der Festlegung dieser Standorte waren vielfältige Gesichtspunkte maßgebend: geographische und militärische, Rücksichten auf Luftschutz und Tarnung, Hilfe für Notstandsgebiete, usw. Auch waren diese Fabriken als reine Bereitschaftsanlagen gedacht, ohne Absicht einer Inbetriebnahme. So kamen die Werke teilweise in den Harz und das hessische Bergland, abseits von größeren Flüssen zu liegen. Dadurch war das Abwasserproblem von vornherein nicht ganz einfach."
Für die möglichst geheim zu haltende Rüstungsproduktion war ein "beruhigendes" politisches Klima am jeweiligen Standort nicht zu unterschätzen. Hier spielte Clausthal-Zellerfeld eine Vorreiterrolle. Bereits
bei den Reichstagswahlen 1930 wurde die NSDAP mit 34,6% stärkste Partei (Reichsdurchschnitt 18,4%). Zusammen mit der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot erreichte die NSDAP bei den Märzwahlen 1933 in Clausthal-Zellerfeld 66% der Stimmen, im Reichsdurchschnitt unterstützten bei diesen Wahlen 52% die Regierung Hitler.
Jüngste Untersuchungen des Historikers Günther Hein aus Langelsheim zeigen, daß es schon im Vorfeld der MONTAN-Aktivitäten Versuche gab, in Clausthal-Zelllerfeld eine Rüstungsproduktion aufzubauen. Sie gehen auf das Jahr 1933 zurück. Im Spätsommer/Herbst 1933 unternahmen lokale Behördenvertreter und der Landrat den Versuch, das Magdeburger Poltewerk für die Ansiedelung eines Zweigbetriebes im Landkreis Zellerfeld zu gewinnen - allerdings erfolglos. Stattdessen errichtete das Poltewerk im Jahr 1939 eine Fabrik für Infanteriemunition in Duderstadt.
Eine neue Möglichkeit zur Industrieansiedlung im Oberharz zeichnete sich nach den Recherchen von Hein im Dezember 1933 ab. Zu diesem Zeitpunkt trat ein Dr. Klügmann als Vertreter eines aus drei Personen bestehenden „Sprengstoff-Konsortiums Hamburg“ an den Oberberghauptmann Winnacker aus dem Reichswirtschaftsminsterium in Berlin mit dem Plan heran, sowohl für zivile als auch für militärisch nutzbare Sprengstoffe eine Fabrik zu errichten. Geplant war eine Produktionsanlage, in der ca. 30 Angestellte und 500 Arbeiter zivil nutzbaren Sprengstoff und ca. 200 Angestellte und 3000 Arbeiter militärisch nutzbaren Sprengstoff produzieren sollten. Oberberghauptmann Winnacker, der gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der Preussag war, erwähnt in einem Aktenvermerk vom 19.12.1933, daß er mit Herrn Dr. Klügmann besprochen habe, „daß die Sprengstoffabrik am zweckmäßigsten in den Oberharz gelegt werde. Die staatlichen Bergwerksgesellschaften hätten ein Interesse daran, daß hier eine Industrie geschaffen werde, die den vielen erwerbslosen Bergarbeitern Beschäftigungsmöglichkeit gebe. Die Preussag werde durch Hergabe von billigem Strom und Wasserkraft die Errichtung des Werks unterstützen. Im Gegenzug wären die Bergwerksgesellschaften bereit, ihren benötigten Sprengstoff - nach Ablauf eines bis Ende 1934 gültigen Vertrages - von der neu zu errichtenden Sprengstoffabrik zu beziehen."
Bereits am 19.1.1934 fand daraufhin mit dem Bergrat a.D. Hast als lokalem Vertreter der Preussag eine Ortsbegehung bei Clausthal-Zellerfeld statt, bei der das Gebiet um die Neue Mühle an der oberen Innerste als geeigneter Standort für eine Sprengstoffabrik ausgewählt wurde. Wasser, Strom und auch die für eine Sprengstoffherstellung benötigte Salpetersäure sollten von der Preussag geliefert werden. Die Preussag sei aber an diesem Vorhaben nach Aussage von Bergrat a.D. Hast nicht nur deshalb interessiert, weil sie dadurch Strom und Salpetersäure verkaufen könne, „sondern vor allem auch deshalb, weil hier unter ihrer maßgeblichen Mithilfe endlich vielleicht einmal etwas von Bedeutung für die arbeitslos gewordenen Belegschaften der stillgelegten Werke (der Preussag, die Verfasser) im Oberharz getan werden könnte“. Gleichwohl muß seine Meinung über diese ehemaligen Preussag-Belegschaftsmitglieder nicht allzu hoch gewesen sein, wie die im folgenden zitierte Zusatzbemerkung belegt: „Es steht außer Zweifel, daß die Beschäftigung in einer Sprengstoffabrik den Oberharzern eher liegen würde als manche andere Arbeit, vor allem deshalb, weil sie mit keiner körperlichen Anstrengung verbunden ist, dafür aber eine gewisse Geschicklichkeit und Intelligenz zur Auswirkung kommen läßt“.
Allerdings wurde auch dieses Projekt nicht realisiert, da u.a. durch die SA-Führung der Wunsch geäußert worden war, die Anlage unterirdisch anzulegen, was die Baukosten enorm in die Höhe getrieben hätte. Außerdem bestanden hinsichtlich der Honorität und Liquidität des „Sprengstoff-Konsortiums Hamburg“ Bedenken. Als eigentlicher Grund für das Scheitern des Hamburger Konsortiums am Stand-ort Clausthal ist jedoch anzunehmen, daß dem Reichswirtschaftsministerium die I.G. Farben als Partner für die Errichtung eines Sprengstoffwerkes genehmer waren. So erwies es sich für das „Sprengstoff-Konsortium Hamburg“ letztendlich auch als wenig hilfreich, daß es eine Realisierung des Projektes mit Unterstützung der Stahlkonzerne von Thyssen und Stinnes in Aussicht stellte. Auch der I.G.Farben-Konzern zeigte anfangs wenig bis gar kein Interesse, im Oberharz eine Sprengstoffabrik zu errichten. So war die I.G. Farben Tochter Dynamit-Actien-Gesellschaft vormals Alfred Nobel & Co. (D.A.G.) nur aufgrund der Drohung, ansonsten der Sprengstoffaufträge für die Bergbauindustrie verlustig zu gehen, bereit, im Landkreis Zellerfeld tätig zu werden. Auch wollte die D.A.G. ursprünglich keinen Sprengstoff, sondern Knöpfe (aus Kunstharz) im Zellerfelder Tal und Pappe
im Nachbarort Wildemann herstellen. Da aus kartellrechtlichen Gründen dann allerdings keine Pappe-Fabrik gebaut werden durfte, plante die D.A.G eine Verlegung der Munitionsfabrik Gustav Gentschow & Co. aus Durlach/Karlsruhe nach Clausthal und die zusätzliche Errichtung einer Anlage zur Produktion von Zündhütchen.
Anfang des Jahres 1934 hielten Vertreter der D.A.G. im Oberharz Ausschau nach einem geeigneten Gelände für eine „Tri-Fabrik“ („Tri“ steht hier für Trinitritoluol, die Verfasser) und eine Infanterie-Munitionsfabrik. Dabei wurden sie auf dem Hochplateau zwischen Clausthal und Altenau fündig, wo alle erforderlichen Rahmenbedingungen wie Verkehrsanbindungen, Strom- und Wasserversorgung, Tarnung etc. erfüllt waren.
Auf Anregung der D.A.G. erwarb 1935 und Anfang 1936 die MONTAN von der Preußischen Staats-forstverwaltung eine ca. 120 ha große Waldfläche am Ortsausgang von Clausthal, Richtung Altenau, östlich der heutigen Kreisstraße K 38. Ein Teil der Bäume auf dem Gelände wurde gefällt, eine Schienenverbindung zur existierenden Bahnstrecke errichtet sowie eine Ringstraße im vorgesehenen Werksgelände angelegt. Man achtete jedoch darauf, daß während der Bauphase sowenig Bäume wie möglich abgeholzt werden mußten, um die natürliche Tarnung des Werkes nicht zu gefährden. Von der Straße oder den benachbarten Wohnhäusern in Clausthal waren die Werksanlagen nicht einsehbar. Ende 1936 war die Sprengstoffabrik in ihren Grundzügen bereits fertiggestellt. Wie viele seiner Schwesterwerke, so z.B. in Hessisch-Lichtenau, war auch Werk Tanne ein sog. "Schlafwerk", das nach seiner Fertigstellung zunächst "eingemottet" wurde, um erst in Krisenfällen bzw. im Zuge akuter werdender Kriegsvorbereitungen in Betrieb genommen zu werden.
Angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden Aggressionsabsichten Hitler-Deutschlands gegenüber seinen Nachbarländern wurde der "Schläfer" Werk Tanne Anfang 1938 geweckt und weiter ausgebaut. Anfang 1939 bestand fast jede Werksabteilung doppelt, um Produktionsausfälle möglichst zu vermeiden - sei es durch Betriebsstörungen, Sabotage oder Kriegseinwirkung 1 . Dieses System von pa- rallelen Produktionsstrukturen gab es nicht nur im Werk Tanne, sondern auch bei den anderen Spreng-
stoff-Fabriken der D.A.G. Sie waren z.T. identisch aufgebaut, so daß heute bei der Kenntnis eines Werkes die Funktionszuordnung der einzelnen Gebäude in den anderen Werken sehr erleichtert wird. Die gesamte Werksanlage in Clausthal bestand aus 214 Einzelgebäuden. Die meisten dieser Gebäude waren in der sog. Skelettbauweise errichtet und hatten als Außenwand eine sehr leichte Bimssteinfüllung zwischen dem zumeist aus Fertigbauteilen errichteten Stahlbetonskelett. Diese ausgemauerten Leichtbauwände sollten bei kleineren Explosionsereignissen im Inneren eines Gebäudes als erste dem Exposionsdruck nachgeben und ihn nach außen abführen, um größere Schäden an tragenden Teilen möglichst zu vermeiden. Der Einbau und die Installation der größeren technischen Anlagen wie Tanks, Rührwerke, Kessel etc. in die Gebäude mußte allerdings vor der endgültigen Ausmauerung der Außenwand erfolgen. Die Flachdächer der Gebäude bestanden aus Stahlbeton, waren mit einer Erdschicht bedeckt und aus Tarnungsgründen mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt. Als bauliche Besonderheit waren die Dachkanten gezackt, um eine Entdeckung durch feindliche Luftaufklärung zu erschweren. Wie ein Zeitzeuge berichtet, der als Lehrling einer Maurerfirma öfters im Werk zu tun hatte, wurde die Sprengstoffabrik regelmäßig von Aufklärungsflugzeugen der Marke Fieseler Storch überflogen, um die Tarnung zu überprüfen, die durch die Produktionsabgase sowie die Versickerung von Betriebsabwässern auf dem Werksgelände stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Nach den Flügen erfolgte eine Auswertung und die Gebäude, deren Tarnung durch Säuredämpfe zerstört war, wurde neu mit Bäumen und Büschen bepflanzt. Wie stark die säurebedingten Auswirkungen waren, belegt sein nachfolgendes Zitat: „Wenn bei einem leichten Nieselregen die Tropfen von den Bäumen und Tarnnetzen fielen und man bekam etwas auf die Haut, war ein brennender Schmerz zu verspüren.“ Während man sonst in chemischen Betrieben darauf bedacht ist, zur Vermeidung langer Transportwege alle Verfahrenseinheiten in möglichst kompakter Form auf ein oder mehrere benachbarte Fabrikhallen zu konzentrieren, trennte man bei den Sprengstoffwerken aufgrund der latenten Explosionsgefahr den mehrstufigen Produktionsprozeß in einzelne Verfahrensschritte auf. Für jede in sich abgeschlossene Pro- zeßstufe gab es ein separates Gebäude, wodurch sich letztendlich auch die Vielzahl an Einzelgebäuden
erklärt. Um dennoch einen möglichst effektiven Produktionsablauf zu gewährleisten, wurden die einzelnen Gebäude unter Berücksichtigung der erforderlichen Sicherheitsabstände möglichst eng nebeneinander gruppiert.
Die mit einer 300er Numerierung versehenen Gebäude lagen im mittleren Werksbereich und wurden für die eigentliche Sprengstoffproduktion genutzt. Die 400er Gebäude befanden sich im östlichen Werksbereich und dienten der Abfüllung und Lagerung der Sprengstoffe. In den 500er Gebäude erfolgte die Werksver- und entsorgung mit Strom, Wasser und Wärme. Die berühmt- berüchtigte „deutsche Gründlichkeit“ ging soweit, daß sogar die einzelnen Toilettengebäude durchnummeriert waren. Eine Zuordnung der Gebäudenummern zu ihren Funktionen findet sich im Anhang unseres Buches. Die explosionsgefährdeten Produktions- und Lagergebäude waren aus Sicherheitsgründen in einem ausreichenden Abstand voneinander errichtet und mit hohen Erdwällen - den sog. Sprengmauern - nach allen Seiten gesichert. Diese Sprengmauern sollten im Fall einer Explosion die entstehende Druckwelle nach oben ablenken und damit die umstehenden Gebäude schützen. Die Bauweise dieser Sprengmauern war typisch für deutsche Sprengstoffanlagen. Hauptbestandteil war ein ca. 2 m dicker Betonkern mit einem Erdpfeiler von ca. 5 - 6 m auf jeder Seite, so daß die Sprengmauer im Querschnitt die Form eines Trapezes hatte. Der gesamte Wall war aus Tarnungsgründen mit bepflanzt. Um einen Zugang zu den Gebäuden zu gewährleisten, waren die Sprengmauern mit einem in Beton ausgeführten, ca. 3 m breiten Durchgang versehen. Im Inneren dieser Sprengmauern waren in dem Betonkern Tunnel angelegt, die bei Explosionen oder Fliegeralarm Schutz bieten sollten. Diese unterirdischen Schutzräume sowie auch die als Schutzraum benutzten, unter dem Werksgelände durchziehenden Wasserläufe des Oberharzer Wasserregals sind wahrscheinlich der inhaltliche Kern von nichtverstummenden Gerüchten in der Clausthaler Bevölkerung über riesige unterirdische Produktionsanlagen von Werk Tanne. Solche - und das bestätigen die bisherigen Standortuntersuchungen - hat es in Werk Tanne nicht gegeben. Arbeitskräfte für den Werksaufbau
Angesichts der durch die Grubenschließungen entstandenen hohen Arbeitslosigkeit im Oberharz wurde die Errichtung der Munitionsfabrik von der einheimischen Bevölkerung im wesentlichen positiv aufge-
nommen. Der neue Arbeitgeber bot zudem den ehemaligen Bergleuten eine körperlich leichtere Arbeit, als sie es von untertage gewohnt waren. Dies beschrieb 1983 ein ehemaliger Bergmann: "Vorher habe ich immer schwer gearbeitet, ich bin Hüttenmann gewesen. Hier war das Geld leichter zu verdienen, da war ich an der frischen Luft. Es waren sehr gute Arbeitsbedingungen; da bekam der Arbeiter wie der Angestellte jedes Jahr am Anfang des Jahres und Mitte Mai eine Gratifikation." Ebenfalls profitierten die regionalen Firmen der Harz- und Vorharzregion, so die Fa. Sievers und Co. aus Vienenburg oder die Fa. Knobloch aus Goslar und Clausthal, die Teilaufträge beim Bau des Sprengstoffwerkes erhielten. Sprengstoffproduktion
In der Sprengstoffabrik Tanne wurde zum einen der Sprengstoff Trinitrotoluol (TNT) hergestellt, des weiteren wurden TNT und andere angelieferte Sprengstoffe in Bomben, Minen und Granaten abgefüllt. Ein wichtiger dritter Bereich war die Sprengstoffaufbereitung aus Fehlchargen und Beutemunition. Der Göttinger Historiker Gregor Espelage hat in einem Quellenreport die Geschäftsberichte der Verwertchemie ausgewertet und unter Hinzuziehung weiterer Quellen für Werk Tanne Clausthal eine detaillierte Aufstellung erarbeitet. Diese Geschäftsberichte - nachfolgend VC-Berichte genannt - sind z.T. erst mehrere Jahre nach Ablauf des Geschäftsjahres erstellt worden, so z.B. die VC-Berichte für 1943/44 und 1944/45 erst nach Kriegsende im September 1948 bzw. Juli 1949.
Werk Tanne wird in den VC-Berichten erstmals für das Geschäftsjahr 1938/1939 genannt. Seine Inbetriebnahme als neu hinzugekommenes Verwert-Werk war eigentlich schon für den 1.1.1939 vorgesehen, die eigentliche TNT-Produktion erfolgte aber erst zum 1.4.1939.
Im VC-Bericht von 1939/40 wird für diesen Zeitraum eine TNT-Produktion von etwas über 6.200 t angegeben. Darüber hinaus gibt dieser Jahresbericht Auskunft über Erweiterungsbauten. Hier werden insbesondere ein zusätzliches Toluollager für 2.000 Tonnen, die Erweiterung der Trinitrierung, ein Reser- vekesselhaus sowie einige Nebenbauten angeführt.
Arbeit zitieren:
Friedhart Knolle, Dr. Michael Brädt, Hansjörg Hörseljau, Frank Jacobs, 1999, Die Spengstoffabrik "Tanne" in Clausthal-Zellerfeld, München, GRIN Verlag GmbH
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