Belting, Lutz
Der Wert eines Kunden - Möglichkeiten und Grenzen zur Bestimmung des Kundenwertes
Vertiefungsfach Marketing
Sommersemester 1999
1. Hausarbeit
Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Essen
1. Die Bedeutung des Kundenwertes
1.1 Einführung
Unternehmen leiten das Ergebnis ihrer Geschäftstätigkeit aus verschiedenen
Maßgrößen ab - Umsatz, Deckungsbeiträge, Cash Flow, Kapazitätsauslastung, etc.
Das Unternehmensergebnis wird bezeichnet als die ,,Differenz zwischen
Aufwendungen und Erträgen einer Unternehmung"1. Doch was trägt hauptsächlich zum
Ergebnis einer Unternehmung bei? Die Einnahmen, die es erwirtschaftet. Diese
Einnahmen stammen von den Kunden des Unternehmens.
Schon 1963 definieren Cyert / March in der ,,Behavorial Theroy of the Firm"
Unternehmen als Koalitionen aus Individuen oder Gruppen von Individuen.2 ,,In a
business organization the coalition members include managers, workers,
stockholders, suppliers, customers, lawyers, tax collectors, regulatory agencies,
etc."3 Pfeffer und Salancik entwickeln den Koalitionsgedanken in ihrem
,,Ressource-Dependance-Ansatz" weiter. Unternehmen müssen demnach, um ihre
Geschäftstätigkeit kontinuierlich weiterlaufen lassen zu können,
Koalitionspartner finden, die ihnen (den Unternehmen) Ressourcen überlassen, die
zur Erreichung dieses Unternehmenszieles beitragen. 4
Der Fokus dieser Koalitionspartner soll im folgenden der Arbeit auf den Kunden
eines Unternehmens liegen. Doch sind alle Kunden gleich und was ist der Wert
eines Kunden? Die folgenden Ausführungen beschreiben, wie verschiedene Kunden
wertmäßig klassifiziert werden können, und welche verschiedenen Werte ein Kunde
für ein Unternehmen haben kann. Erkenntnisse der Kundenbewertung werden heute
nur rudimentär eingesetzt. So sind nur gut ein Drittel der Unternehmen in der
Lage, die Erfolgspotentiale ihrer Kunden zu ermitteln. Nur circa 40 % der
Unternehmen bewerten ihre Kunden nach Umsatz oder Deckungsbeitrag.5
1.2 Einordnung der Kundenbewertung in das Marketing
1.2.1 Relationship Marketing (Beziehungsmarketing) ,,Das klassische
Marketing befindet sich in einem Wandel. Während bisher das Kundenmarketing aus
den klassischen 4 P´s (Produkt, Price, Promotion und Place) besteht, gewinnt
zukünftig das Beziehungsmarketing oder auch Relationship Marketing an
Bedeutung."6 Das Relationship Marketing führt den weitverbreiteten Ansatz der
Kundenorientierung noch weiter fort. Sein Ziel ist, intensive (persönliche)
Beziehungen zu Kunden und Kooperationspartnern aufzubauen. Die Distanz zwischen
dem Unternehmen und seinem dominierenden Beziehungspartner, dem Kunden, soll
verringert werden. Im Rahmen einer Erhebung zum Status Quo des Relationship
Marketing der Management-Unternehmensberatung HPP GmbH und der Zeitschrift ,,absatzwirtschaft"
werden folgende Einsatzmöglichkeiten des Relationship Marketing genannt:
· Lang- und Mittelfristplanung
· Key-account-Management
· Kundenbindungssysteme
· Kooperationen7
Doch lohnt es sich überhaupt, Zeit und Geld in den Aufbau einer ,,Relation" zu
einem Kunden zu investieren? Genau hier setzt die Bedeutung des Kundenwertes an.
Mit ihm als Meßgröße kann festgestellt werden, ob ein Kunde es ,,wert" ist, die
spezielle Kundenbindungsform des ,,Relationship Marketing" zu erhalten.
1.2.2 Vertriebscontrolling
Nach einer Studie des ,,Vereins deutscher Ingenieure" (VDI) haben 2/3 der
deutschen industriellen Anbieter erkannt, daß sie ohne Vertriebscontrolling
nicht mehr auskommen und Projekte zum Vertriebscontrolling planen. Ein
,,ertragsorientiertes Controlling der Kundenbeziehung" erkennen fast alle
Vertriebsmanager als notwendig an. Ebenso ist es nach dieser Studie wichtig, den
Ertragswert einer einzelnen Kundenbeziehung zu kennen. Wie Einschätzung und
Realität aber divergieren, zeigt die Tatsache, daß Unternehmen 90 % ihrer Kunden
als ,,Gewinnbringer" oder ,,Neutrale" einschätzen. Dies ist kaum vorstellbar, da
sich jedes vierte der befragten Unternehmen in der Verlustzone bewegt, und es
kaum vorstellbar ist, daß nur 10 % ihrer Kunden für diese Lage verantwortlich
sind.8 Daher soll in den folgenden Ausführungen dargestellt werden, wie Kunden
korrekt klassifiziert werden können und somit auch Vertriebscontrolling effektiv
gehandelt werden kann.
2. Begriffsdefinitionen - Kunde und Wert
2.1 Wer ist eigentlich der Kunde?
Bezogen auf den Konsumgüterbereich läßt sich das Individuum Kunde leicht definieren. Konsumgüter sind Produkte, die großteils von privaten Einzelpersonen oder auch Haushalten gekauft werden und dem persönlichen Gebrauch oder Verbrauch bestimmt sind. Konsumgüter werden ohne differenziertes Abwägen vor oder während des Kaufes erworben (bspw. Zahncreme, Käse).9
Im Business-To-Business-Marketing stellt sich die Eingrenzung des Kunden weitaus diffiziler dar. Allgemein wird immer das ,,Unternehmen" als Kunde bezeichnet. Diese Definition reicht aus den folgenden dargelegten Gründen aber nicht aus:
· Falls mehrere Unternehmen in einem Unternehmensverbund agieren (Konzern)
stellt sich die Frage, ob die Spitze des Konzerns - die Konzernleitung - der
Kunde ist. Davon ist aber wohl kaum auszugehen. Gerade große Unternehmen
bestechen durch dezentrale Entscheidungsorganisationen, wobei bei strategisch
wichtigen oder im allgemeinen bei Investitionen von immenser Größe eventuell
wieder die Konzernleitung zum Kunden wird. Wir wissen also nicht, mit wem in der
XYZ AG eine persönliche Geschäftsbeziehung besteht.
· In zweiseitigen Business-Beziehungen ist besonders der Einsatz von sogenannten
,,Buying Centers" zu berücksichtigen, die aus verschiedenen Personen bestehen:
Verwender, Einkäufer, Beeinflusser, Entscheider und Gatekeeper. Besteht die
Geschäftsbeziehung nun zum kompletten Unternehmen oder nur zum ,,Buying Center"?
Und zu welcher Person im ,,Buying" Center? Eventuell nur zum Entscheider,
möglicherweise aber auch zu der ,,Decision making unit" als Ganzem.10
Diese drei hier aufgeführten Problemdarstellungen des Begriffes ,,Kunde" zeigen,
daß in Business-Geschäftsbeziehungen nicht genau identifiziert werden kann, wer
nun die Kaufentscheidung trifft (,,Decision making Unit"). Demzufolge müssen die
in Kapitel 3 angestrengten Versuche, Kundenwerte zu ermitteln und Kunden zu
klassifizieren, immer unter dem Aspekt gesehen werden: Wer ist denn eigentlich
der Kunde? Der Einfachheit halber wird im folgenden davon ausgegangen, daß der
Kunde immer gleich der ,,Decision making unit" ist, also Entscheidungsbefugnis
hat.
2.2 Definition des Wertes
Der Begriff des ,,Wertes" läßt sich am besten anhand der ,,Wertanalyse" definieren: Die Wertanalyse ist ein Verfahren mit dem finalen Ziel, das Ergebnis eines Unternehmens zu verbessern. An einem bestimmten Teil eines Unternehmens wird mit Hilfe eines Teams aus Fachleuten eine Analyse und Planung vollzogen, um die Erlös-Kosten-Relation dieses Teils des Unternehmens zu optimieren. Endzweck dieser Wertanalyse ist die Etablierung einer optimalen Wirtschaftlichkeit der Unternehmung.
Wertanalyse kann dazu dienen, bestimmte Produkte, Produktionsvorgänge oder
Produktionsfaktoren wirtschaftlich zu gestalten (,,Value Engineering").11
In unserem Fall ist die Wertanalyse jedoch dazu geeignet, das Ergebnis eines
bestimmten Kunden zu definieren, mit dem Ziel zur persönlichen Förderung dieses
Kunden12, der Vernachlässigung des Kunden oder sogar der Abstoßung. Im folgenden
Kapitel werden einige Ansätze zur Bestimmung von Kundenwerten und
Kundenklassifizierungen dargelegt.
3. Methoden zur Analyse des Kundenwertes
3.1 Monetäre Maßgrößen
3.1.1 Umsatz / Deckungsbeitrag
a) Die einfachste Methode, einen Kunden zu bewerten, ist die Umsatzmethode.
Anhand der Umsatzerlöse läßt sich feststellen, welche finanziellen Mittel der
Kunde dem Unternehmen während einer Periode zugeführt hat. Die Ermittlung des
Umsatzes ist aufgrund der Rechnungsschreibung relativ einfach zu handhaben.
Danach gilt folgende einfache Regel: Je größer der Umsatz eines Kunden, desto
höher auch sein Wert.
b) Die Deckungsbeitragrechnung schließt dagegen bereits eine weitere Größe
mit ein: die variablen Kosten pro Kunde. Unter den variablen Kosten pro Kunde
seien hier die Kosten zu verstehen, die dem Kunden in einer Periode genau
zugerechnet werden können. Daraus ergibt sich als Kundendeckungsbeitrag:
Nettoverkaufserlöse pro Kunde
- variable Kosten pro Kunde
__________________________
= Deckungsbeitrag pro Kunde13
Zur Klassifizierung von Kunden nach der Deckungsbeitragsanalyse gilt: ,,Je
größer der Deckungsbeitrag, desto größer die Mittel, die dieser Kunde
bereitstellt, um nicht durch diesen Kunden verursachte Kosten zu decken, desto
größer die Bedeutung des Kunden."14
3.1.2 Rentabilität
Rentabilität beschreibt grundlegend das Verhältnis einer Erfolgsgröße zum
eingesetzten Kapital innerhalb einer Rechnungsperiode. Beispielsweise wird
Gesamtkapitalrentabilität ausgedrückt als:
(Anm. d. Red.: Graphik kann nur in der Flashansicht und im E-Book angezeigt werden)15
Analog dazu kann eine Kundenrentabilität konstruiert werden. Sie setzt sich zusammen aus:
(Anm. d. Red.: Graphik kann nur in der Flashansicht und im E-Book angezeigt werden)
Dabei gilt zu beachten, daß die Gesamtrentabilität des Kunden geringer ist, desto früher die Kundenbeziehung abbricht (hohe Akquisekosten zu Beginn der Kundenbeziehung). Es ist also nicht korrekt, den Wert des Kunden anhand der gegenwärtigen Rentabilität festzulegen. Das Kundenpotential ist hier mit einzubeziehen.16,17
3.2 Verfahren zur Bestimmung des Kundenwertes
3.2.1 Kundenbewertung nach der Net Present Value - Methode18
(Anm. d. Red.: Graphik kann nur in der Flashansicht und im E-Book angezeigt werden)
Der Net Present Value ist die ,,Summe aller nach dem Zeitpunkt t anfallenden,
auf t abdiskontierten Einzahlungsüberschüsse (Nettoeinzahlungen). Die nach t
folgenden Zahlungszeitpunkte seien t + 1, t + 2, ..., t + n."19Der in der
NPV-Methode zugrundegelegte Kalkulationszinsfuß r spiegelt die Risikoklasse der
Anlage wieder. Ein Kalkulationszinsfuß von r = 3 % bezeichnet eine relativ
risikolose Anlage (risk-free-asset), während r = 25 % ein sehr hohes Risiko der
Anlage ausdrückt.
C0 stellt die im Zeitpunkt t = 0 bereits vorliegenden Einzahlungen dar, Ct die
in Zukunft zu erwartenden Zahlungen.20
Auf das Problem der Kundenbewertung angewandt, stellt sich der NPV wie folgt
dar: C0sind die Einzahlungen (bezahlten Rechnungen) des Kunden, die dem
Unternehmen heute vorliegen. Ct sind die in Zukunft von dem Kunden an das
Unternehmen zu erwartenden Zahlungen. r beschreibt den Risikofaktor des Kunden.
Er kann sich beispielsweise negativ zusammensetzen aus schlechter Zahlungsmoral,
Konkursgefahr, etc.; t zeigt die erwartete Länge der Kundenbeziehung in Jahren
an.
Zur Veranschaulichung dieser Theorie sei nachfolgend ein Beispiel aufgeführt:
Dem Unternehmen X liegen momentan Zahlungseingänge des Kunden Y in Höhe von DM
10.000 vor. X erwartet, daß die Kundenbeziehung zu Y noch 5 Jahre lang anhält.
In diesem Zeitraum wird X seinem Kunden aller Voraussicht nach ca. DM 56.000 in
Rechnung stellen. Da die wirtschaftlichen Aussichten des Kunden Y gut sind, und
Kunde Y zudem stets pünktlich seine Rechnungen bezahlt, wird das Risiko der
Investition in den Kunden Y mit 4 % eingestuft. Daraus ergibt sich folgender
momentaner Wert des Kunden Y für das Unternehmen X:
(Anm. d. Red.: Graphik kann nur in der Flashansicht und im E-Book angezeigt werden)
Der Kunde Y hat also für das Unternehmen X einen momentanen Wert von DM
56027,92. X kann diesen Kunden nunmehr, wenn er den Wert seiner übrigen Kunden
ebenso auf diese Weise quantifiziert hat, relativ gegenüber den Gesamtkunden
betrachten.
3.2.1.1 Probleme der Bewertung nach der Net Present Value - Methode
Zur Analyse eines Kunden durch die Net Present Value - Methode bedarf es
folgender Kennziffern: heute vorliegende Zahlungen des Kunden, Annahme über die
Dauer der weiteren Geschäftsbeziehung zu dem Kunden, Annahme der in der weiteren
Geschäftsbeziehung eingehenden Zahlungen des Kunden, Risikoklasse des Kunden.
Sind die heute vorliegenden Zahlungen des Kunden aufgrund von Rechnungen und den
dazugehörigen Zahlungen noch leicht quantifizierbar, stellt sich die Betrachtung
der weiteren Größen als äußerst schwierig dar. Wer kann schon sagen, wie lange
(besonders im Business-Bereich) eine Geschäftsbeziehung aufrecht erhalten wird.
Und wer weiß vielmehr, welche zukünftigen Zahlungen ein Unternehmen von einem
Kunden erwarten kann. Sicherlich sind diese Kennziffern aufgrund von
Erfahrungswerten aus bereits bestehenden Geschäftsbeziehungen konstruierbar,
doch niemals mit letzter Gewißheit zu bestätigen.
Aus diesen Gründen birgt die Analyse eines Kunden mit Hilfe der NPV-Methode
stets Risiken in sich.
3.2.2 Customer Life Time Value
Was ist ein Kunde langfristig gesehen wert? Dieser Frage geht die Bewertung
eines Kunden nach der Customer Life Time Value (CLTV) - Analyse nach. Aufgrund
zunehmenden Wettbewerbsdrucks und schwindender Loyalität nimmt die Bedeutung des
zu erwartenden Wertes eines Kunden immer mehr zu. Die Kennzahl des Customer Life
Time Value errechnet sich durch Addition der aufgrund der Dauer der erwarteten
Geschäftsbeziehung zu erwartenden Umsätze abzüglich der den Umsätzen direkt
zurechenbaren Kosten.21
Daraus ergibt sich mathematisch:
(Anm. d. Red.: Graphik kann nur in der Flashansicht und im E-Book angezeigt werden)
T = prognostizierte Dauer der Kundenbeziehung
xt = kundenindividueller Umsatz im Jahr T
p = Preis
k = den Umsätzen durch den Kunden direkt zurechenbare Kosten
mT = kundenspezifische Marketingaufwendungen in T
Zur Veranschaulichung dieses recht abstrakt erscheinenden Customer Life Time
Value sei an dieser Stelle ein Beispiel aus der Gastronomie aufgezeigt.
Untersucht werden drei verschiedene Arten von Besuchern einer Gaststätte:
· ,,lebendes Inventar": ein Kunde, der fünfmal in der Woche die Gaststätte
besucht.
· ,,häufiger Gast": ein Kunde, der einmal pro Woche die Gaststätte besucht.
· ,,Gelegenheitsgast": ein Kunde, der die Gaststätte einmal pro Quartal besucht.
Die musterhafte Berechnung des Customer Life Time Value dieser drei Arten von Kunden ergibt folgende Ergebnisse:23
(Anm. d. Red.: Tabelle kann nur in der Flashansicht und im E-Book angezeigt werden)
Tabelle 1: Musterhafte Berechnung des Customer Life Time Values anhand von Gaststättenbesuchen
Diese Berechnung zeigt stark divergierende Werte zwischen Stammkunden einer
Gaststätte und Gelegenheitsbesuchern Aufgrund des relativ sehr hohen
Deckungsbeitrages des Stammkunden zeigt sich, wie notwendig es ist, auch hier ,,Relationship
Marketing" zu betreiben und zu versuchen, den Stammkunden an die Gaststätte zu
binden. Der Wegfall dieses Kunden macht einen immensen Verlust von
Deckungsbeitrag aus. Zur Kompensierung des Ausfalls eines Stammkunden müßten
circa 65 Gelegenheitsgäste hinzugewonnen werden.
Doch trotz dieser Berechnung läßt sich heutzutage noch folgende Folgerung
ziehen: ,,Bis heute jedoch wird Relationship Marketing, also die Festigung und
Verbesserung bestehender Beziehungen, nur von wenigen Unternehmen
realisiert,..."28Doch die Erkenntnisse bezüglich der Wichtigkeit bestehender
Kundenbeziehungen scheinen sich durchzusetzen: ,,für 90 % der Unternehmen ist
Relationship Marketing für den Geschäftserfolg sehr wichtig oder wichtig. Ohne
Beziehungen zu Kunden und deren peripheren Entscheidungsträgern sowie ohne
Vertrauensbasis wird kein Verkaufserfolg gesehen. ... Auch wird die Beziehung
zum Kunden als Instrument zur Wettbewerbsdifferenzierung immer wichtiger, gerade
in Bereichen, in denen Angebote immer vergleichbarer werden."29
3.2.2.1 Probleme der Kundenbewertung anhand des Customer Life
Time Value
Im Abschnitt 3.2.1.1 sind schon die schwierigsten Probleme bei der rechnerischen
Bestimmung des Kundenwertes anhand der Net Present Value - Methode dargestellt
worden. Bei der Kundenbewertung anhand des Customer Life Time Value stellt sich
diese Problematik analog. Selbst bei einer retrospektiven Betrachtung CLTV kann
man einige Kennziffern nicht exakt zuordnen:
Wie sind bspw. die marketingspezifischen Aufwendungen je Kunde pro Jahr quantifizierbar? Oder die dem Kunden direkt zurechenbaren sonstigen Kosten? Auch bei dieser Analysemethode stellt sich das Problem der nicht 100 prozentigen Datenqualität. Es sind ebenfalls wieder Schätz- oder Näherungswerte zu benutzen, die das errechnete Ergebnis von einem realen Ergebnis abweichen lassen.
3.3 Anwendungsverfahren des bestimmten Kundenwertes
(Kundenklassifizierungsverfahren)
Nach Bestimmung des Wertes einzelner Kunden ist es notwendig, ertragreiche Kunden von Verlustbringern zu trennen mit dem Ziel, erfolgreiche Kunden stärker zu bearbeiten und zu binden, die Verbindung zu Verlustkunden zu mindern oder zu beenden.
3.3.1 ABC-Analyse
3.3.1.1 Definition
Die ABC-Analyse ist eine ,,Technik zum Erkennen von geschäftspolitischen (operativen, taktischen oder strategischen) Maßnahmeschwerpunkten durch Ordnung und Aufteilung von mengen- und wertmäßigen Merkmalen von
Sachgesamtheiten in Kategorien (A-Kategorie: hoher Wert-, geringer
Mengenanteil, B-Kategorie: mittlerer Wert- und Mengenanteil, C-Kategorie:
geringer Wert- und hoher Mengenanteil). - Ziel der ABC-Aanalyse ist es,
dieRessourcen des Unternehmens auf jene Sachverhalte zu konzentrieren, deren
Lösung den höchsten Erfolg verspricht."30
In unserem Fall sind die ,,wertmäßigen Merkmale von Sachgesamtheiten" demnach
die Bedeutung eines Kunden oder einer Kundengruppe für das Unternehmen. Die
daraus resultierenden ,,Maßnahmeschwerpunkte" sind die Marketing- und
Vertriebsaktiviäten, die aufgrund der ermittelten Bedeutung des Kunden und
seines Wertes zielgerecht durchgeführt werden können.
Mit Hilfe der ABC-Analyse ist es also möglich, eine Rangordnung nach der
Bedeutung eines Kunden vorzunehmen. Kunden können aufgrund Ihres durch die
ABC-Analyse bestimmten Wertes beispielsweise in vier Klassen eingeteilt werden:
· A = ,,Schlüsselkunden"
· B = ,,Gute Kunden"
· C = ,,Normale Kunden"
· D = ,,Kleinkunden"31
3.3.1.2 Durchführung der ABC-Analyse
Beispielsweise soll eine ABC-Analyse anhand des jährlichen Umsatzes von 10
verschiedenen Kunden eines Unternehmens durchgeführt werden. In einem ersten
Schritt werden in Form einer Tabelle für jeden Kunden folgende Größen ermittelt:
· Umsatz in DM
· Kumulierter Umsatz in DM und in %
· Anteil eines Kunden an der Gesamtkundenzahl in %
Daraus könnten sich folgende Werte ergeben:32,33
(Anm. d. Red.: Tabelle kann nur in der Flashansicht und im E-Book angezeigt werden)
Tabelle 2: Rangordnung der Kunden eines Unternehmens nach Höhe des Umsatzes
3.3.1.3 Analyse der Ergebnisse
Durch die Analyse der Tabelle ergeben sich folgende Ergebnisse:
· 20 % der Kunden erwirtschaften 80 % des Umsatzes
· die darauf folgenden 25 % der Kunden tragen mit 15 % zum Umsatz bei
· die restlichen 55 % der Kunden erwirtschaften nur 5 % des Umsatzes
Durch diese Analyse lassen sich auf obiger Grundlage der Einteilung von Kunden
nach der ABC-Analyse folgende Kundengruppen bilden:
Gruppe A (Kunden 1-3): ,,Schlüsselkunden"
Gruppe B (Kunden 4-6): ,,Normale Kunden"
Gruppe C: (Kunden 7-10): ,,Kleinkunden"
Durch diese Einteilung lassen sich Rückschlüsse auf den Wert der einzelnen Kunden ziehen. Kunden der Gruppe A haben umsatzmäßig für das Unternehmen eine größere Bedeutung und einen höheren Wert als die Kunden der beiden anderen Gruppen. Es scheint deshalb sinnvoll, Gruppe A eine weitaus größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen als den anderen Kunden.34
3.3.2 Die Portfoliotechnik
Die Portfoliotechnik ist eine Erweiterung der ABC-Analyse. In unserem Beispiel werden die in der ABC-Analyse bereits berechneten Umsatzanteile des jeweiligen Kunden nun den eigenen Lieferanteilen bei den Kunden gegenübergestellt.35
(Anm. d. Red.: Grafik kann nur in der Flashansicht und im E-Book angezeigt werden)
Abb. 1: Kundenportfolio mit Umsatz- und Lieferanteilen36
In diesem Portfolio zeigen sich durch die Gegenüberstellung zwischen den
Umsatzanteilen eines Kunden bei einem Unternehmen und den Lieferanteilen des
Unternehmens beim Kunden ,,strategische Machtverhältnisse". Es ist ersichtlich,
wer von wem in welchem Maße abhängig ist. Zudem sind die relativen Kundenwerte
der einzelnen Kunden zueinander erkennbar. Exemplarisch wird auf zwei Felder
dieses Portfolios näher eingegangen:
Feld 3, ,,eigene Abhängigkeiten": In diesem Feld liegen Kunden, deren
Umsatzanteil beim Unternehmen sehr hoch ist, andererseits ist der Lieferanteil
des Unternehmens bei den Kunden sehr gering. Daraus läßt sich folgern, daß das
Unternehmen von diesem Kunden sehr abhängig ist. Der Wert dieser Kunden für das
Unternehmen ist aufgrund des hohen Umsatzanteils besonders hoch. Diese Kunden
gehören in die oberste Zielgruppe des ,,Relationship Marketing", ihnen gegenüber
müssen aufgrund ihrer exquisiten Stellung dem Unternehmen gegenüber besondere
Kundenbindungsmaßnahmen durchgeführt werden.
Feld 1, ,,abhängige Kunden": Diese Kunden besitzen für das Unternehmen einen
sehr geringen Wert, da ihr Umsatzanteil relativ schwach ist. Das Unternehmen
nimmt bei diesen Kunden jedoch aufgrund des hohen Lieferanteils eine bedeutende
Stellung ein. Spezielle Kundenbindungs- und kommunikationsmaßnahmen sollten hier
nicht durchgeführt werden.
4. Nicht-monetäre Kundenwerte
,,Der Kunde ist mehr wert als der Umsatz, den er tätigt." Diese Aussage
zeigt, wie der Wert eines Kunden meistens beurteilt wird: nämlich nach dem
Umsatz. Auch die Analysen und Verfahren zur Kundenwertbestimmung in Teil 3
dieser Arbeit beziehen sich nahezu ausschließlich auf monetäre Größen. Nun
sollen aber andere Werte betrachtet werden, die ebenso gut zu dem Wert eines
Kunden beitragen können:
,,Allerdings existieren neben den quantifizierbaren Komponenten des
Kundenertragswertes (KEW) noch andere, weiche Faktoren, die den Wert eines
Kunden bestimmen. Beispielhaft kann hier Entwicklungspotential, Referenzkunde,
Technologieführerschaft etc. genannt werden."37 So führt bspw. die Publicis
Communication Deutschland auf Ihrer Website international tätige Konzerne als
Referenzkunden auf.38 Die Auflistung dieser Referenzkunden verfolgt den Zweck,
potentielle Interessenten darüber zu informieren, mit welch renommierten Kunden
ein Unternehmen schon zusammenarbeitet; in einem nächsten Gedankenschritt ist
diese Auflistung nicht mehr als eine Selbstempfehlung des Unternehmens.
Doch ein Kunde kann auch auf der persönlichen Ebene weitere Werte haben:
Jedes Unternehmen hat täglich Kontakt mit seinen Kunden. Egal, ob der Kunde das
Unternehmen lobt, sich beschwert oder sogar die Geschäftsbeziehung beendet, aus
diesen Kontakten ergeben sich zahlreiche Informationen und Anregungen, die das
Unternehmen zur stetigen Verbesserung seiner Dienstleistung nutzen kann. In der
Meinungsäußerung des Kunden liegt somit Optimierungspotential für das
Unternehmen (Kunde als Informant).
Ein zufriedener Kunde wird ein Unternehmen, mit dem er eine Geschäftsbeziehung
unterhält, weiterempfehlen. Diese Weiterempfehlung kann oftmals weitaus mehr
wert sein als strategisch gesteuerte Werbe- und Verkaufsförderungsmaßnahmen.
Einige Unternehmen fördern diese Weiterempfehlung mit sogenannter
,,Freundschaftswerbung". Ein bereits bestehender Kunde, der einen neuen Kunden
für das Unternehmen wirbt, wird mit einer Prämie bedacht.39 (Kunde als
Fürsprecher)
Ein zufriedener Kunde kann als Fürsprecher, wenn nicht sogar Werbeträger, für
ein Unternehmen agieren. Ein unzufriedener, verärgerter Kunde kann aber ebenso
zum Gegner des Unternehmens werden mit der Folge, daß er potentielle neue Kunden
von einer Geschäftsbeziehung mit dem Unternehmen abhält und sogar bestehende
Kunden von dem Unternehmen entfernt und sie zum Abbruch der Geschäftsbeziehung
drängt. Deshalb ist es im Rahmen des ,,Relationship Marketing" zwingend
notwendig, ein gut funktionierendes und den Kunden ,,begeisterndes"
Beschwerdemanagement aufzubauen, und die Zahl der widerspenstigen Kunden zu
minimieren (Kunde als Gegner).40
Doch abschließend läßt sich in Bezug auf diese nicht-monetären Faktoren folgende
Aussage treffen: ,,Letztendlich sind jedoch nicht die weichen Faktoren das
Unternehmensziel, sondern dienen nur als Instrument zur Gewinnerzielung und
damit der langfristigen Unternehmenssicherung."41
4.1 Probleme der Messung nicht-monetärer Kundenwerte
Wie schon in den Teilen der Arbeit zur Kundenbewertung anhand der Net Present
Value - Methode und des Customer Life Cycle beschrieben, ist es äußerst
schwierig, diverse Kennziffern zur Bestimmung des Kundenwertes exakt zu
bestimmen.
Nicht-monetäre Werte zu messen ist noch weitaus schwieriger. Sicherlich ist zu
erkennen, ob ein spezieller Kunde täglich reklamiert oder ob er einen Lobesanruf
tätigt, doch trotzdem ist es nahezu unmöglich, Kundenwerte genau - wie bspw. den
Umsatz eines Kunden - zu messen.
Und selbst wenn diese Werte meßbar wären: Wie sollten sie relativ zu den
monetären Kundenwerten quantifiziert werden? Auch diese Frage stellt ein
elementares Problem der Messung nicht-monetärer Kundenwerte dar.
5 Fazit
Als abschließende Schlußfolgerung der Arbeit läßt sich folgendes festhalten:
Die Messung, Bestimmung und Analyse des Kundenwertes stellt heutzutage eine
unabdingbare Voraussetzung für ein erfolgreiches Kundenbindungsmarketing dar.
Obwohl Kundenwerte sowohl monetärer als auch nicht-monetärer Art nicht exakt
quantifizierbar sind, legt ihre Ermittlung doch den Grundstein für ein
erfolgreiches ,,Relationship Marketing" und Vertriebscontrolling, und somit für
den weiteren wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens:
,,Erfolgsentscheidend ist es, mit den >richtigen<, das heißt: gewinnbringenden
Kunden ... im Geschäft zu bleiben. Nur mit einem effektiven Kundenmanagement,
das detaillierte Kenntnisse über Kundenstruktur und Kundenertragswerte
voraussetzt, werden sich Unternehmen auf Dauer im Wettbewerb behaupten
können."42
Literaturverzeichnis
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1963
Pfeffer, J.; Salancik, G.: The external control of organizations: a resource
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Schierenbeck, H.: Grundzüge der Betriebswirtschaftlehre, 12. überarb. Aufl.,
München, 1995
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Geschäftsbeziehungsmanagement, 1. Aufl., Berlin, 1997
Waltermann, A.; Speth, H.; Borgmann, R.; Beck, T.: Rechnungswesen, 4. Aufl,
Rinteln, 1996
Brealey, R.; Myers, S.: Principles of Corporate Finance, 5. Aufl., New York,
1998
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Aufl., München, 1993
Harnischfeger, U.: Umziehen in ein House of Relations?; in: Absatzwirtschaft,
39. Jahrg., Sondernr. Oktober 1996, S. 13 ff.
Krafft, M.; Marzian, S.: Dem Kundenwert auf der Spur; in: Absatzwirtschaft, 40.
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Hasselkamp, E.; Lorenzen, M.; Kothes, B.: Kunden in den Mittelpunkt?; in:
Absatzwirtschaft, 40. Jahrg., Ausgabe November 1997, S. 153
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http://www.abseits.de/cltv.html, 02.07.1999
http://www.bankmagazin.de/lexikon-controlling/daten/001.htm, 02.07.1999
http://www.publicis.de/d101_031086.html, 02.07.1999
http://www.d2privat.de/services/vona-z_serviceworld.html, 05.07.1999
http://www.phocus-marketing.com/wert1.html, 05.07.1999
1 Gabler Wirtschaftslexikon, 1997
2 vgl. Cyert / March 1963, S.27
3 Cyert / March 1963, S.27
4 vgl. Pfeffer, J., 1978, S. 53
5 vgl. http:/www.strehler.de/my_html/ext.acquisa_kundklas.htm
6 Harnischfeger, U., 1996
7 vgl. Harnischfeger, U., 1996
8 vgl. Krafft, M.; Marzian, S., 1997, S.105
9 vgl. Schierenbeck,, H., 1995, S. 248f.
10 vgl. Plinke, W., 1997, S. 119 f.
11 vgl. Gabler-Wirtschaftslexikon, 1997
12 s. S. 2, ,,Relationship Marketing"
13 vgl. Waltermann, A; Speth, H.; Borgmann, R.; Beck, T, 1996
14 vgl. Plinke, W.,1997, S. 128
15 vgl. Gabler Wirtschaftslexikon, 1997
16 vgl. www.strehler.de/my_html/ext-acquisa_kundenklas.html
17 weitere Maßgrößen zur Berechnung des Kundenwertes sind u.a Cash Flow, Kapazitätsauslastung, Deckungsbeitragsanteil eines Kunden am Gesamtdeckungsvbeitrag, etc (vgl. Plinke, W.,1997, S. 128)
18 Diese Methode wird hier aus Vereinfachungsgründen anhand von Umsatz-Zahlungsströmen dargestellt. Verwendbar sind aber durchaus auch die in 3.1 genannten übrigen Maßgrößen.
19 Gabler-Wirtschaftslexikon, 1997
20 Brealey, R.;Myers, S., 1998
21 vgl. www.database-marketing.de/dbmanalyse.htm
22 vgl. Link, J.;Hildebrandt, V., 1993; S.55
23 zur Berechnung vgl. www.abseits.de/cltv.htm
24 aktuelle Statistiken über Außer-Haus-Verzehr
25 Wareneinsatz und variable Kosten (zur Vereinfachung 50 % des Nettoumsatzes)
26 lt. Erfahrungswert scheidet monatlich 1 % aus dem Kundenkreis aus
27 auf eine Abdiskontierung der Deckungsbeiträge in den Folgejahren wurde aus Vereinfachungsgründen verzichtet.
28 Harnischfeger, U., 1996
29 Harnischfeger, U., 1996, S.14
30 vgl. http://www.bankmagazin.de/lexikon-controlling/daten/001.htm
31 vgl. Plinke, W.,1997, S. 129
32 Anm.: Die hier verwandten Werte sind vollkommen fiktiv.
33 zum Aufbau der Tabelle vgl. Plinke, W., 1997, S. 130
34 ABC-Analysen lassen sich auch mit anderen Kennzahlen durchführen: Deckungsbeitrag, Cash-Flow, Break-Even-Umsatz. vgl hierzu: Plinke, W.,1997, S. 133 ff.
35 vgl. www.strehler.de/my_html/ext-acquisa_kundklas.html
36 www.strehler.de/my_html/ext-acquisa_kundklas.html
37 Hasselkamp, E.; Lorenzen, M.; Kothes, B., 1997, S.153
38 vgl. www.publicis.de/d101_031086.html
39 vgl. ,,D2-ServiceWorld" von D2privat: http://www.d2privat.de/services/vona-z_serviceworld.html
40 vgl. www.phocus-marketing.com/wert1.htm
41 Hasselkamp, E.; Lorenzen, M.; Kothes, B., 1997, S. 153
42 Krafft, M.; Marzian, S., 1997, S. 104
Arbeit zitieren:
Lutz Belting, 1999, Der Wert eines Kunden - Möglichkeiten und Grenzen zur Bestimmung des Kundenwertes, München, GRIN Verlag GmbH
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