1 Einleitung
,,Halt's Maul und mach' was!!!"# Durch den letzten Satz der Anfang 1961 entstandenen
Gemeinschaftsarbeit Das Zweite Programm von Arno Schmidt und dem Maler Eberhard
Schlotter darf und soll sich der Leser provoziert fühlen. Er ist im Text als Aufforderung zu
politischem Handeln an den Leser adressiert, sei er Künstlerkollege, Verleger, Reporter oder
eben einfach der undefinierbare »Leser« (Vgl. S. 31). Mit der vorliegenden Arbeit soll das
Gesellschaftsbild in Das Zweite Programm untersucht werden, das diesem Appell zugrunde
liegt.
In einem Brief vom 28.3.1961 schreibt Arno Schmidt an Eberhard Schlotter über ihr Werk:
,,Die politische Satire war schon bei=Dir präformiert; ich habe lediglich Einiges
>ausgesprochen< : der Sinn der gramvollen Groß=Anklage bleibt. Bei Dir, wie bei mir.-"#
Diese Arbeit wird sich zwar immer wieder auf das Bild beziehen, sich aber in der Hauptsache
mit dem Text auseinandersetzen, dessen satirische Qualitäten durch Übertreibung, Sarkasmus
und Komik deutlich hervortreten. Die angesprochene ,,Groß=Anklage" zielt konkret auf das
Deutschland der Nachkriegszeit, aber auch auf die menschliche Gesellschaft an allen Orten
und zu jeder Zeit. In der Einleitung des Textes schreibt Arno Schmidt: ,,Ort: Im Beschauer"
und ,,Zeit: Das Stück spielt zu der Zeit, wo es gelesen wird" (S. 7). Das konkrete und
allgemeingültige Weltbild, das als Motivation dieser Kritik zu vermuten ist, wird im Hauptteil
der Arbeit analysiert, im Anschluß an die knappe Schilderung der Umstände, unter denen sich
Schmidt und Schlotter kennengelernt haben, und der Entstehungsgeschichte ihres
umfangreichsten gemeinsamen Projektes.
Zu diesem Gemeinschaftsprojekt von Arno Schmidt und Eberhard Schlotter gibt es nur wenig
Literatur. Die Ausführungen über die Entstehungsgeschichte stützen sich hauptsächlich auf
den Briefwechsel der beiden Künstler und als Basis des Hauptteils dient Joachim Kleins
Untersuchung Arno Schmidt als politischer Schriftsteller.# Klein hat aus Arno Schmidts
frühen Texten das pessimistische Bild einer Gesellschaft herausgearbeitet, die sich aus Volk,
Herrschenden und Intellektuellen zusammensetzt und von einer destruktiven
Gesetzmäßigkeit, dem leviathanischen Prinzip, in den Untergang getrieben wird. Die
Hauptaussagen Kleins zu diesem Weltbild und seinen Konstituenten werden zu Beginn des
Hauptteils dieser Arbeit zusammengefaßt und die Aussagen zu jeder der drei
Gesellschaftsgruppen werden jeweils in einem eigenen Kapitel auf Das Zweite Programm
projiziert. Das Ziel dieser Arbeit ist festzustellen, ob und wie sich dieses Gesellschaftsbild auf
Das Zweite Programm anwenden läßt.
Das Zweite Programm besteht aus dem Ölgemälde von Eberhard Schlotter und Arno
Schmidts Bühnentext, mit dem er den Figuren auf dem Triptychon in zehn kurzen Szenen
Dialoge in den Mund legt. Nicht alle Figuren des Triptychons und des Textes können hier
berücksichtigt werden; als Orientierungshilfe sollen sie aber zum Schluß dieser Einleitung in
einer kurzen Beschreibung des Bildes vorgestellt werden.
Das Gemälde zeigt eine Theaterszene. Auf der, vom Betrachter aus, linken Tafel ist der
Zuschauerraum mit Publikum dargestellt und ein Teil der Bühne. Hinter dem Vorhang
verbirgt sich die Mestizin, auf einer Stange über dem Bühnenrand sitzen zwei Kakadus. Die
mittlere Tafel zeigt die eigentliche Bühne, auf der die Komödianten dargestellt sind. Als
erstes fällt hier der Starke Mann auf, eine Karikatur Konrad Adenauers. Im Hintergrund
stehen Bänkelbock und Präserlotte neben dem Getümmel auf Goldgrund, einem
Schlachtengemälde. Zu ihren Füßen sitzt die Gruppe Muskelmann, Atomschulmeister und
Dackel Michel und am linken Rand schielt der Souffleur um die Ecke. Die rechte Tafel zeigt
den Blick in die Kulissen, wo das technische Personal sich aufhält. Im Hintergrund stemmt
der Künstler, der große Ähnlichkeit mit Eberhard Schlotter aufweist, die Jalousie, im
Vordergrund sitzt die Neunfach=Muse an ihrer Harfe und zwischen den beiden sind
Schwesterchen Pandemos und eine Harlekinfigur dargestellt.
Diese Arbeit hebt aus der Gruppe der Zuschauer den Soldaten, rechts im Hintergrund, den
Schlaukopf, unmittelbar vor dem Soldaten, und den Geistlichen, in der Mitte mit weißem
Kragen, hervor. Desweiteren konzentriert sie sich auf den Starken Mann, den Bänkelbock und
den Künstler. Andere Figuren werden auch erwähnt, aber nicht so genau betrachtet, wie die
genannten.
2 Entstehungsgeschichte
Arno Schmidt und Eberhard Schlotter lernten sich 1955 durch die Vermittlung des
Schriftstellers Ernst Kreuder kennen. Kreuder hatte dem in Darmstadt lebenden Maler von der
gegen Schmidt erstatteten Anzeige wegen Pornographie und Gotteslästerung in dessen
Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas und dem drohenden Gerichtsverfahren erzählt. Das
war eine ernste Situation für Schmidt, in der er dringend Unterstützung brauchte.# Schlotter
half dem Ehepaar Schmidt beim Umzug nach Darmstadt, wo mehr Hoffnung auf Einstellung
des Verfahrens bestand als an ihrem bisherigen Wohnort, dem ,,konservativen Gerichtsbezirk
Trier"#. Diese Bekanntschaft entwickelte sich zu einer engen Freundschaft, aus der sich
selbstredend wechselseitige Beeinflussung und Anregung ergab, aber auch künstlerische
Zusammenarbeit. Über die gemeinsame Zeit in Darmstadt schreibt Schlotter: ,,Wir trafen uns
2 x in der Woche, jeder mit seinem Paket, da floß so viel zusammen."#
Erstes Zeugnis gemeinsamer Arbeit sind drei Bildbeschreibungen, die Arno Schmidt für den
Katalog der Schlotter-Ausstellung von 1957 im Aachener Suermondt-Museum verfaßte:
Aufgang der weißen Tafel, Bugwelt und Drinnen und Draußen.# Für diese Ausstellung
lieferte Schmidt nicht nur die genannten Bildbeschreibungen; auch die Titel aller übrigen dort
gezeigten Bilder stammten von ihm.#
Die Arbeit an Das Zweite Programm wurde von Eberhard Schlotter angeregt. Am 27.12.1960
schrieb er an Arno Schmidt: ,,Wollen wir mal was gemeinsam machen? Sprich der Texter und
der Maler. Ganz aus unserer Ecke, voll mit den Würmern, sprich Menschen die uns
umgaukeln."# Dem Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Eberhard Schlotter und den
dort beigefügten Tagebuchauszügen läßt sich entnehmen, daß Das Zweite Programm in den
folgenden drei Monaten Gestalt annahm. In einem Brief vom 20.3. 1961 schreibt Schlotter an
Schmidt, er sei noch mit dem Triptychon beschäftigt, das seien allerdings nur ,,unwichtige
Feilereien"#, am 28.3. 1961 schickte Arno Schmidt den fertigen Text an Eberhard Schlotter#
und in einem Schreiben vom 8.4.61 bemerkt Schlotter, er sei ,,seit der großen Arbeit ... völlig
ausgepumpt"#. Die Arbeiten an Text und Gemälde waren also ungefähr zur gleichen Zeit
beendet.
Das Triptychon hatte Schlotter zunächst als Radierung angefertigt, diese lag Arno Schmidt in
einer frühen Fassung zu Beginn seiner Arbeit am Text vor. Die Radierung# unterscheidet sich
in einigen Details vom Gemälde; diese Veränderungen sind zum Teil auf Vorschläge Arno
Schmidts zurückzuführen. In den von Januar bis April 1961 datierenden Briefen, in denen
sich Schmidt Einzelheiten des Bildes von Schlotter erläutern läßt, sich gewissermaßen das
Einverständnis des Malers mit seiner Deutung des Gemäldes holt, finden sich auch einige
Vorschläge, die Schmidt für die Gestaltung des Triptychons macht und solche, die auf die
Ausgewogenheit des Verhältnisses zwischen Bild und Text in der fertigen Arbeit zielen.
Beispielsweise stammt von ihm die Idee, dem Muskelmann im mittleren Teil den Schatten zu
nehmen und dem Starken Mann dafür zwei zu geben. Anscheinend dachte Schlotter daran,
dem Muskelmann abweichend von der Radierung ein Gesicht zu geben; auch hier akzeptierte
er den Vorschlag Schmidts, ihn gesichtslos zu lassen.#
Vermutlich fanden zwischen den beiden Künstlern noch weitere Besprechungen der Arbeiten
an Gemälde und Text statt; in den Briefen finden sich Hinweise darauf, dokumentiert sind
diese Diskussionen allerdings nicht.
Um die Veröffentlichung der Arbeit gab es in den folgenden Jahren langwierige
Verhandlungen, die aber nie zur Zufriedenheit der beiden Künstler ausfielen. Einem Auszug
aus Eberhard Schlotters Tagebuch ist zu entnehmen, daß Schmidt zunächst an eine
Veröffentlichung der gemeinsamen Arbeit in der Wochenzeitschrift Die Zeit oder bei seinem
Verleger Ernst Krawehl dachte.# Mit Krawehl wurde lange Zeit darüber verhandelt, es kam
jedoch zu keiner Einigung bezüglich der Honorare und Ende Mai 1962 teilten Schmidt und
Schlotter dem Verleger Krawehl mit, daß für sie eine Veröffentlichung dieser Arbeit in
seinem Verlag nicht mehr in Frage käme.# In der Zwischenzeit hatte Eberhard Schlotter einen
Düsseldorfer Verleger kennengelernt, der Interesse daran zeigte, Das Zweite Programm
herauszugeben. Schmidt war jedoch von dieser Idee wenig begeistert. Sein Haupteinwand
lautete: ,,es muß ein ganz rennommierter Verlag >dahinter< stehen; sodaß das Unternehmen
von vornherein als >seriös< gekennzeichnet ist."#; ein Umstand, den er aus Angst vor
juristischen Folgen für notwendig hielt und bei dem von Schlotter akquirierten Verlag nicht
erfüllt sah.
Zum ersten Mal veröffentlicht wurde Das Zweite Programm schließlich 1967 in der
Zeitschrift Akzente#, mit einer verkleinerten Reproduktion der Radierung, und später in
protokolle 76/1. Wiener Halbjahresschrift für Literatur, Bildende Kunst und Musik#; dort
wurde das Tryptichon zwar farbig reproduziert, aber spiegelverkehrt abgebildet. Im
Briefwechsel zwischen Schmidt und Schlotter finden sich keine Bemerkungen zu diesen
Publikationen.# Im Mai 1971 fand in Kaiserslautern die Uraufführung als szenische Lesung
vor dem auf der Bühne aufgestellten Triptychon statt.#
In der Zeit nach der Fertigstellung der Gemeinschaftsarbeit Das Zweite Programm gab es
noch einige Anläufe zu ähnlichen Projekten, von denen aber keines realisiert wurde. Die
Initiative ging immer von Eberhard Schlotter aus, Arno Schmidt sagte zunächst zu und nahm
später aus Zeitmangel wieder Abstand davon.#
3 Das Zweite Programm als satirisches Gesellschaftsbild
Der von Arno Schmidt angeregte Titel der Gemeinschaftsarbeit - Schlotter hatte sein
Triptychon Das große Welttheater betitelt -#, läßt verschiedene Lesarten zu. Er kann auf eine
neue Phase der künstlerischen Entwicklung Eberhard Schlotters bezogen werden, die er selbst
als ,,die bildkünstlerische Auseinandersetzung mit der Spezies Mensch im Raum des 20.
Jahrhunderts", als sein ,,II. Programm" beschreibt.# Ebenso könnte man hinter diesem Text
den Beginn eines neuen Abschnittes im literarischen Schaffen Arno Schmidts vermuten.
Eine weitere Fährte, die die vorliegende Arbeit aufnimmt, liefert Günther Flemming, der den
Titel mit Schlotters Wahrnehmung der politischen Lage Deutschlands Ende der fünfziger
Jahre in Verbindung bringt.# Zu diesem Zeitpunkt, als der Maler nach einem mehrjährigen
Spanienaufenthalt wieder nach Deutschland zurückkehrte, besaß die Bundesrepublik wieder
eine Armee und war infolge der Eingliederung in die NATO politisch an die Westmächte
gebunden. Diese Entwicklung, von Adenauer begrüßt und gefördert, habe Schlotter als das
zweite Programm für das Deutschland der Nachkriegszeit angesehen. Das damit implizierte
erste, und auch von Schlotter favorisierte Programm sei die politische Neutralität
Deutschlands und die Besinnung auf seine geistigen und kulturellen Leistungen und
Traditionen gewesen. In Neutralität und Weiterbestehen als Kulturnation bestand unmittelbar
nach dem Krieg für viele Intellektuelle die einzige Perspektive, eine Hoffnung, die durch die
politische Realität allerdings sehr schnell zunichte gemacht wurde.#
Ein konkreter Bezug des Titels, auf den Eberhard Schlotter selbst hingewiesen hat,# besteht
zu dem Versuch Konrad Adenauers, sich mit der Gründung einer zweiten deutschen
Senderkette neben der ARD das Fernsehen als Medium politischer Einflußnahme dienstbar zu
machen. Besonders mit Blick auf den Wahlkampf im Jahre 1961 versuchte er gegen den
Widerstand der Länderregierungen die Einrichtung dieser zweiten Senderkette durch
Bundesrecht durchzusetzen und gründete nach dem Scheitern einer entsprechenden
Gesetzesvorlage im Juli 1957 die Deutschland Fernsehen GmbH, die nach Verfassungsklage
der SPD-regierten Länder Hamburg, Bremen, Hessen und Niedersachsen und einer
einstweiligen Verfügung gegen die Ausstrahlung ihres Programms im Februar 1961 als
verfassungswidrig eingestuft wurde.# Im März 1961 beschlossen die Länder, per
Staatsvertrag das ,,Zweite Deutsche Fernsehen" zu gründen, das von einem Fernsehrat
überwacht wird, in dem die Vertreter der SPD bezüglich der Spitzenpositionen nach wie vor
in der zweiten Reihe sitzen.#
Die durch dieses Kratzen an der Oberfläche zutage getretene gesellschafts-politische Ebene
des Textes soll nun etwas gründlicher freigelegt werden. Das Ziel ist dabei aber nicht die
Entschlüsselung der zahlreichen Anspielungen auf konkrete Geschehnisse in Gesellschaft und
Politik in der konstituierenden Phase der BRD, sondern vielmehr eine Darstellung, wie sich,
so schreibt Eberhard Schlotter in der bereits erwähnten Zeitschrift protokolle, ,,die Summe der
Ereignisse der 50er Jahre zwischen Maas und Memel, zwischen Etsch und Belt"# als
Gesellschaftsbild in Das Zweite Programm niedergeschlagen hat. Als Fundament dieser
Analyse dient Joachim Kleins Arbeit Arno Schmidt als politischer Schriftsteller, deren
wichtigste Ergebnisse im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen.
Klein untersucht Arno Schmidts Frühwerk, die zwischen 1945 und 1960 entstandenen Texte,
auf politische Stellungnahmen und legt ihnen das Raster eines Weltbildes auf, das er aus Arno
Schmidts erster Erzählung Leviathan oder Die beste der Welten# herausarbeitet. Das Zweite
Programm wird in dieser Analyse nicht mehr berücksichtigt, da es aus dem zeitlichen Rahmen
fällt. Klein kommt zu dem Schluß, daß Arno Schmidt aufgrund seines Frühwerks als
politischer Schriftsteller bezeichnet werden kann, der sich durch ein starkes
Sendungsbewußtsein auszeichnet und in seinen Texten ständig aktuelle politische Ereignisse
und gesellschaftlich relevante Themen der Zeit verarbeitet. Im Zentrum von Kleins Analyse
steht die Weltanschauung, die Arno Schmidt in der Erzählung Leviathan entwickelt und
dargelegt habe. Ihr zufolge liege jeglichem menschlichen Handeln eine destruktive
Gesetzmäßigkeit, das ,,leviathanische Prinzip", zugrunde. Dies sei allerdings nicht im
religiösen Sinn zu verstehen, sondern als Metapher für eine aus dem Verlauf der
Menschheitsgeschichte herausgelesene Norm, nach der sich die Menschheit letztendlich in die
eigene Vernichtung treiben muß. Dieses Prinzip erkennt Klein als eine Art Leitlinie in
Schmidts literarischer Bearbeitung der Themenkomplexe Vergangenheitsbewältigung,
Wiederaufbau, politisches Bewußtsein und Antikommunismus an, die für die politische und
gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland in den fünfziger Jahren
besonders bedeutend waren. Von hohem Stellenwert ist in diesem Zusammenhang das Bild
und die Aufgabe der Intellektuellen, die Klein aus den frühen Texten Arno Schmidts
herausarbeitet. Der Ausweg aus dem Teufelskreis des leviathanischen Prinzips bestehe in der
Besinnung auf nicht näher beschriebene, diesem aber entgegengesetzte, positive und »ewige«
Werte. Deren Vermittlung sei Aufgabe der Intellektuellen. Kleins Erläuterungen zum Begriff
der `Intellektuellen' sollen hier nicht vollständig dargestellt werden. In diesem
Zusammenhang soll nur wiederholt werden, was nach Kleins Ansicht einen Intellektuellen
nach Arno Schmidts Geschmack auszeichnet. Zu diesem Personenkreis können nur Künstler
und Wissenschaftler gezählt werden, und von denen nur diejenigen, die ,,bereit sind, ihre
Arbeit in den Dienst für den Frieden zu stellen".# Vor diesem Hintergrund werden die
Ausdrücke `Künstler' und `Intellektuelle' in dieser Arbeit von nun an synonym gebraucht. Die
Künstler sind nach Kleins Interpretation in die Pflicht genommen, ihr Medium für die
Beförderung der ,,antileviathanischen" Werte zu nutzen. Den Intellektuellen stehe in Schmidts
Weltbild die Rolle der obersten moralischen Instanz und damit der gesellschaftlichen Elite zu.
Ihre Gegenspieler, die Herrschenden, suchen die Erfüllung dieser Aufgabe und die Einnahme
einer herausgehobenen Position zu verhindern. Durch ihren Machtanspruch befördern die
Politiker das leviathanische Prinzip und können das Volk, das keinerlei Wissen über die
geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten besitzt und dem die abstrakten Wertvorstellungen der
Intellektuellen nicht attraktiv erscheinen, auf ihre Seite ziehen. Das Scheitern der
Bemühungen der Intellektuellen, schreibt Klein, sei innerhalb des Weltbildes in Arno
Schmidts frühen Texten bereits vorprogrammiert, da sie dort naturgemäß in der Minderheit
seien und ihnen von Seiten des Volkes keine oder nur äußerst geringe Aufmerksamkeit zuteil
werde. Diese Aussichtslosigkeit dürfe, so interpretiert er Schmidt, aber kein Grund sein, die
künstlerische Arbeit einzustellen.
Über das Verhältnis der drei Gruppen, aus denen sich in Schmidts Weltbild die Gesellschaft
zusammensetze - Volk, Herrschende und Intellektuelle - schreibt Klein:
Unter der Ägide des leviathanischen Prinzips definieren sich in Schmidts Verständnis `gute
Staatsbürger' nach Auffassung der Machthaber als Bewohner, die sich kritiklos der Politik
anpassen. Intellektuelle hingegen denken aufgrund ihrer Orientierung quer zu der
herrschenden gesellschaftlichen Ausrichtung. Das führt zu einer extragesellschaftlichen
Position der Intellektuellen.#
In den folgenden Kapiteln wird untersucht, inwieweit sich Kleins Deutungen auf Das Zweite
Programm projizieren lassen.
3.1 Die dreigeteilte Gesellschaft und das leviathanische Prinzip
Das vereinfachte Schema der Dreiteilung der Gesellschaft läßt sich in erster Näherung
adäquat auf Das Zweite Programm übertragen. Daß die beiden Künstler politisch und
gesellschaftlich relevante Inhalte in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen wollten, deutet der
bereits erwähnte Arbeitstitel Das große Welttheater an, der an Shakespeares ,,The world is but
a stage" erinnert. In Arno Schmidts Einleitung der ersten Szene taucht der ursprüngliche Titel
noch einmal auf: ,,...das Publikum, 9 Mann & Weib stark, vollzählig versammelt - jenun, es
ist ja nur I kleiner Teil des Welttheaters" (S. 9). Rein äußerlich kann bereits in der Anlage des
Gemäldes als Triptychon ein Hinweis auf die Teilung dieser Gesellschaft in drei Gruppen
gesehen werden. Zwar ist diese Aufteilung im Bild nicht plakativ eindeutig vorgenommen,
indem jede Tafel einer gesellschaftlichen Gruppe gewidmet wäre, die Liste der dramatis
personae vor Arno Schmidts Text ordnet die Figuren aber in drei Abteilungen ein. Benannt
sind diese mit ,,Links: Die Zuschauer", ,,Mitte: Die Komödianten" und ,,Rechts: Das
technische Personal" (S.7). Schmidt verweist damit zwar noch auf die drei Tafeln des
Gemäldes, folgt aber bei seiner Gruppierung der Figuren nicht genau den Vorgaben von
Schlotters Bild. Die Mestizin, die auf der linken Tafel des Triptychons hinter dem Vorhang
steht, ordnet Schmidt, ebenso wie die beiden Kakadus, der Mitte und damit den Komödianten
zu.
Schwesterchen Pandemos, die im Text zu Wort kommt (S. 29), wird in der Liste der dramatis
personae überhaupt nicht genannt und der Reporter, der in der Szene ,,Interview mit einer
Neunfach=Muse" (S. 26ff) auftaucht, ist eine Erfindung Arno Schmidts.
In den folgenden drei Unterkapiteln werden die drei Gruppen, die Zuschauer, die
Komödianten und das technische Personal, unter Zuhilfenahme des Bildes und anhand
genauer Betrachtung des Textes unter die Lupe genommen und mit den drei Gruppen aus dem
oben zusammengefaßten Weltbild verglichen. Wenn dabei die Ausdrücke `Volk',
`Herrschende', `Künstler' und `Intellektuelle' gebraucht werden, dann immer im Sinne dieses
vereinfachenden Weltbilds.
3.1.1 Die Zuschauer: das Volk
Bereits eine oberflächliche Betrachtung läßt es zu, die Zuschauer im Bild als Darstellung des
Volkes aufzufassen. Sie sind grau und schlecht beleuchtet gemalt, was den Eindruck der
Dumpfheit noch verstärkt, den ihre Gesichter erzeugen. Im Parkett stehend, und damit schon
rein räumlich auf einer tieferen Ebene als die anderen Figuren, haben sie weder Einfluß auf
das Geschehen auf der Bühne noch Einblick in die Vorgänge hinter den Kulissen. Diese
Deutungen nach dem Augenschein korrespondieren bereits mit der Unwissenheit, dem
Desinteresse und der Unterdrücktheit des Volkes.
Die Suche nach Entsprechungen im Text fördert weitere Zusammenhänge zutage. In den
Äußerungen der Zuschauer zeigt sich das mangelnde Interesse an der Erkenntnis von
Zusammenhängen, die Einsicht in das dahinterstehende leviathanische Prinzip ermöglichen
könnte. Auf die Äußerung des Schlaukopfes ,,Warum eigentlich ? - Ich frage immer gern
>Warum<." (S. 9) erwidert der Soldat: ,,Sie immer mit Ihrem >Warum<. Daß man Sie nur
nich ma auf die Wache bringt, mit Ihren anstößigen Fragen." Den Soldat, im Bild rechts hinter
den übrigen Zuschauern stehend, hat Schmidt als ,,unverkennbar Stahlhelmer" (S.7)
eingeführt. Durch den Helm hat ihn Schlotter als Soldat gekennzeichnet, `Stahlhelm' war aber
auch der Name einer Wehrmachtsorganisation in der Nazizeit. Mit dieser Doppeldeutigkeit
und mit der Drohung des Soldaten an den Schlaukopf, er würde ,,auf die Wache" gebracht,
wenn er weiter nach Begründungen verlangt, ist eine Beziehung zwischen der neugegründeten
Bundeswehr und der Wehrmacht als Instrument eines autoritären Staates hergestellt. Der
Status des Soldaten als Befehlsempfänger niederen Dienstgrades - anderenfalls wäre er als
Offizier dargestellt - ordnet ihn der Sphäre der Beherrschten, also des Volkes, zu und zeigt
dessen kritiklose Haltung gegenüber den Herrschenden. Zu einem späteren Zeitpunkt wird
noch die Rede von kritischen Äußerungen der Zuschauer sein, an dieser Stelle ist das
`Warum' des Schlaukopfes aber als banale Leerformel aufzufassen, denn es folgt genauso an
der Oberfläche bleibend auf die Erzählung der Greisin, daß ihre Tochter im Sommer immer
Schweißfüße bekäme. Diese Banalität verstärkt wiederum die Kritik an der
Wiederbewaffnung Deutschlands, die mit dem Vergleich der Bundeswehr mit der Wehrmacht
ausgesprochen ist.
Ein weiteres Beispiel für die kritiklose Anpassung des Volkes an die Politik bietet ebenfalls
der Soldat: ,,... Wenn nachher der Starke Mann auftritt, da könn'Se was sehen : der biegt
Ihnen das Grundgesetz, als wär's `n Ring Warme !" (S. 9). Der Starke Mann ist eine Karikatur
Konrad Adenauers; daß er das Grundgesetz nach Belieben umformen kann, als wäre es eine
warme Wurst, deutet auf die beschriebene Affäre um die Gründung des ZDF hin, aber auch
ganz allgemein auf seinen autoritären Regierungsstil. Die von den Regierenden gewünschte,
sich unterordnende Haltung des Volkes drückt sich sehr klar aus im ,,Chor (der meisten
Zuschauer): Dir dienen wir / Und zu Dir rufen um Hülfe wir / leite uns den rechten Pfad / Den
Pfad Derer, Denen Du gnädig bist / nicht Derer Denen Du zürnest / und nicht den der irrenden
Antipoden" (S. 13). Dieser gebetsartige Vortrag korrespondiert mit der einer Predigt
ähnelnden Ansprache des Starken Mannes, auf die im nächsten Kapitel hingewiesen wird.
Vom autoritären Staat wird später noch die Rede sein.
Auch der Geistliche, stellvertretend für die Institution der Kirche, tut sich nicht durch
Weitsicht oder wenigstens ein Interesse an ihr hervor: ,,... ich kümmere mich nie ums Ganze;
wenn I schöne Stelle kommt, ruf ich mein >Hallelujah<, und damit Gottbefohlen" (S. 9).
Das mangelnde Interesse an den Wertvorstellungen der Intellektuellen zeigt sich in den
bevorzugten Kunsterlebnissen, von denen der Postbeamte, im Bild links mit der Schirmmütze
auf dem Kopf, spricht: ,,Sie heut früh, beim Gastwirt, >Balduins Hochzeit<, im Fernsehen,
das war was : diese Kostüme ! Und dabei Sittlichkeit & Gesinnung - wenn's jetzt=hier nur
halb so schön wird, bin ich schon zufrieden" (S. 9). Der Titel Balduins Hochzeit - mir ist nicht
bekannt, ob dieses Stück tatsächlich existiert - ist hier Platzhalter für die Vielzahl von
Schwänken und Heimatfilmen, die das Publikum der fünfziger Jahre nicht mit der
unverarbeiteten jüngsten Vergangenheit konfrontierten oder sie zur Auseinandersetzung mit
ihren alltäglichen Problemen und gesellschaftsrelevanten Fragen drängten, sondern diese
,,Realität illusionistisch verzerrten oder traumbildartig auflösten, [und damit] über das
Zeitgeschehen einen »verunklarenden Schleier« breiteten."# Die Unvereinbarkeit solcher
Formen der Unterhaltung, die anstelle von Vergangenheitsbewältigung eine heile Welt
vorgaukeln, mit dem Kunstverständnis der Intellektuellen und somit auch die Distanz
zwischen ihnen und dem Volk, wird besonders deutlich im übernächsten Kapitel, in dem es
um den Künstler geht. Im folgenden Kapitel wird untersucht, was die Zuschauer im
,,Welttheater" von den Komödianten geboten bekommen.
Die Haupteigenschaften des Volkes, seine Unwissenheit und seine mangelnde Initiative,
etwas an diesem Umstand zu ändern, seine damit verbundene Distanz zu den Intellektuellen
und den von ihnen zu vermittelnden Moralvorstellungen und seine unkritische Haltung
gegenüber den Herrschenden sind auch auf Das Zweite Programm übertragbar.
Allerdings muß angemerkt werden, daß es aus den Reihen der Zuschauer auch durchaus
Äußerungen gibt, die eine allzu strenge Auslegung dieses Weltbildes ins Wanken bringen
könnten. Nur zwei davon sollen hier zitiert werden. Wissensdrang und Neugier spiegeln sich
im Text der Kleinen, des Mädchens, das links vor der Gruppe der Zuschauer steht: ,,Du=Omi.
: iss'nn hinner dem Vorhank=hier ?" (S.10). Sie wird von Schmidt auch einigermaßen
hoffnungsvoll beschrieben: ,,... ganz Pony : die Nase wird vieles riechen..." (S.7). Im
Jungarbeiter regt sich leiser Widerstand gegen die Verunglimpfung aller Künstler, die der
Atomschulmeister anstimmt (S. 24f.) und die die Zuschauer mit Begeisterung aufnehmen. Er
erwidert: ,,Wenn aber nun doch einmal I=Einzelner Recht hätte : wie dann?! -". Eine
mögliche Antwort verhindert der ,,Gong (spöttisch): Nu bong. Nu bong." (S. 25).
3.1.2 Die Komödianten: die Herrschenden
Die Komödianten, dargestellt auf der mittleren Tafel des Triptychons, lassen sich als die
Gruppe der Herrschenden auffassen. Hier ist die auffälligste Figur der Starke Mann, dessen
unzweifelhafte Ähnlichkeit mit Konrad Adenauer dieser Deutung die erste Berechtigung gibt.
Der Bänkelbock, die mit Offiziersuniform und Kapitalistenzylinder bekleidete Teufelsfigur,
steht für die militärische Befehlsgewalt und die Wirtschaftsmacht, über die die Herrschenden
verfügen. Er preist vor dem Schlachtengemälde den Krieg und versucht aus dem Publikum
Soldaten zu rekrutieren. Die Darstellung der Herrschenden als Komödianten kann als
Anspielung auf die bereits angesprochene verschleiernde und einlullende Wirkung der
Schwänke nach Art von Balduins Hochzeit verstanden werden, aber auch als ironischer
Kommentar, auf die unfreiwillige Komik der Herrschenden.
Am Beispiel des Starken Mannes und des Bänkelbocks kann auch die Verbindung der
Herrschenden mit dem leviathanischen Prinzip belegt werden. In seiner ersten Erzählung
Leviathan oder die beste der Welten läßt Arno Schmidt seinen Protagonisten den Leviathan
als einen Teufel bezeichnen.# Auf Eberhard Schlotters Triptychon sind auf Anhieb zwei
Teufelsfiguren zu entdecken: der Bänkelbock, dessen Bocksbeine den Betrachter an den
Teufel denken lassen und auf den ich später eingehen werde, und der Starke Mann, der zwei
Schatten besitzt. Die zwei Schatten mögen im Bild als Andeutung schon genügen, im Text
wird der beabsichtigte Zusammenhang aber besonders klar. Im Dialog zwischen Muskelmann
und Atomschulmeister antwortet der Muskelmann auf die Frage ,,Und sag, schlemihlt es nicht
um Dich ? Wohin ist denn Dein Schatten geraten ?": ,,Den hab'ich dem Starken Mann
gegeben; für'n Erbschein - nun kann ich ruhig sterben" (S. 23). Die Anspielung auf Adalbert
von Chamissos Peter Schlemihls wundersame Geschichte löst eindeutige Assoziationen aus:
Der Starke Mann und damit Konrad Adenauer werden in die Nähe des Teufels gerückt. Der
Leviathan der Bibel ist natürlich nicht identisch mit dem Teufel, vor dem hier skizzierten
Hintergrund sei dieser interpretatorische Brückenschlag aber zunächst gestattet - schließlich
sind beide Sinnbilder des Bösen und Zerstörerischen. Ein anderer Ansatz erscheint aber
vielversprechender: der Vergleich des Starken Mannes mit dem Leviathan von Thomas
Hobbes.
In seiner Herleitung des leviathanischen Prinzips sieht Klein zwar ebenfalls die Anspielung
des Titels Leviathan auf das biblische Seeungeheuer#, kommt aber zu dem Schluß, daß ,,der
unüberwindliche Gegensatz zwischen Schmidt und jedweder Religion, speziell des
Christentums und den ihn [sic] tragenden Institutionen [ausschließt], im leviathanischen
Prinzip ein religiös oder metaphysisch determiniertes Weltbild zu sehen."# Ob Schmidts
Leviathan auch einen Verweis auf Thomas Hobbes beinhaltet, hält er für unklar, da sich
dieses Buch weder in Schmidts Bibliothek befinde, noch Hinweise existieren, ob Arno
Schmidt Hobbes jemals gelesen habe.# Der Ausklammerung dieses möglichen Bezuges kann
gleich mehrfach widersprochen werden. Bei einem so belesenen Schriftsteller wie Arno
Schmidt ist es unwahrscheinlich anzunehmen, daß er Hobbes' berühmte und einflußreiche
Schrift nicht gekannt haben sollte. Daß sich das Buch nicht in Arno Schmidts Bibliothek
befunden habe, wie Klein es anführt, muß als Begründung seiner Unkenntnis dieses Werkes
und erst recht der Unabsichtlichkeit dieser Anspielung in Frage gestellt werden. Ob Arno
Schmidt bewußt auf Thomas Hobbes' Leviathan angespielt hat oder nicht, ist letztlich
unerheblich, wenn sich, wie es für Das Zweite Programm der Fall ist, eine Beziehung
zwischen Hobbes' Leviathan und dem von Klein konstruierten Weltbild Schmidts herstellen
läßt. Thomas Hobbes hat mit seinem Leviathan, dem Symbol des absoluten Souveräns, dem
das Volk aus freien Stücken alle Macht anvertraut, den Weg für den Absolutismus geebnet.
Der Satz des Starken Mannes: ,,Es ist kein Recht außer mir : ist es mir recht, so ist es Recht !"
(S. 13) verweist deutlich auf das Ludwig dem XIV. zugeschriebene Verdikt ,,L'état, c'est
moi", zu übersetzen sowohl mit ,,Das Recht bin ich" als auch ,,Der Staat bin ich". Hobbes'
Leviathan hat, ist er einmal an der Macht, keine Gegner mehr, der Starke Mann sagt ,,(in
gewaltiger Verachtung): Antipoden?! : Ich habe keine ! Ich bin mir zu gut, Jemandes
Antipode zu sein. Manchmal schwindelt mir's selber, wenn ich meine Größe so ermesse" und
,,Ich verkündige Euch große Freiheit, die allem Volke widerfahren wird : Jeglichem steht die
Wahl offen, ob er verboten werden will, oder unter die 5% Klausel fallen!" (S. 13). Beide
Zitate drücken mit der Ablehnung aller Gegner, die vor die Alternative: Anpassung oder
Verbot gestellt werden, auch die Forderung nach Bürgern aus, die sich kritiklos der Politik
anpassen. Diese Untergebenen, die folglich durch ihre Anpassung an die Machtpolitiker das
leviathanische Prinzip und damit ihren eigenen Untergang durch Rüstung und Krieg
befördern, sind weiter oben schon beschrieben worden. Wie weiter oben schon angekündigt,
stellt die predigtartige Ton zu Beginn des letztgenannten Zitates eine Art religiöser
Verbindung zwischen Zuschauern und Starkem Mann und damit zwischen Volk und
Herrschenden her. Dahinter verbirgt sich auch eine der bei Arno Schmidt sehr beliebten
Repliken gegen Kirche und Religion.
Auch die wichtigsten Merkmale der Herrschenden, ihr Bestreben, das Volk zu unterdrücken
und ihre Beförderung des leviathanischen Prinzips sowie die damit implizierte ablehnende
Haltung gegenüber den Intellektuellen im Schmidtschen Weltbild nach Klein lassen sich auf
Das Zweite Programm anwenden. Auch in diesem Fall besteht aber die Möglichkeit einer
genaueren Differenzierung der Zusammensetzung dieser Gruppe, denn die Funktion des
Souffleurs konnte hier nicht unter die Lupe genommen werden und die Gruppe Muskelmann,
Atomschulmeister und Dackel Michel scheint sich einer eindeutigen Zuordnung zunächst zu
widersetzen.
3.1.3 Das technische Personal: die Intellektuellen
Den Intellektuellen als dritter Gruppe im Schmidtschen Weltbild nach Klein entspricht in Das
Zweite Programm das technische Personal. Dazu gehören der Künstler, der im Bild auf der
rechten Tafel im Hintergrund die Jalousie stemmt und große Ähnlichkeit mit Eberhard
Schlotter aufweist, und seine Neunfach=Muse. Sie sitzt im Vordergrund der rechten Tafel an
der Harfe, mit der sie während des ganzen Stückes immer wieder musikalische Kommentare
wie ,,Plemm=plemm : Plemm=plemm" (S. 9) einstreut. Zwischen Künstler und Muse wird
Schwesterchen Pandemos von einer Harlekinfigur begattet, was sich als Allegorie über den
Künstler bei der Arbeit deuten läßt, wenn man Schwesterchen Pandemos und den Harlekin als
Verdoppelung von Muse und Künstler ansieht.# Die von Schmidt für den Künstler und die
Muse gewählte Bezeichnung technisches Personal vergleicht die Intellektuellen mit
Bühnenarbeitern, die für den Betrieb des Welttheaters unerläßlich sind, aber nie gewürdigt
werden und immer hinter den Kulissen bleiben, unsichtbar für das Publikum. Dieser Eindruck
wird durch die größtmögliche räumliche Distanz verstärkt, die auf dem Gemälde zwischen
Künstler und Volk besteht, und durch einen Satz der Muse bestätigt: ,,Wir kommen nie nach
vorn, ich & der Künstler. ... Sich=isolieren ist die erste Voraussetzung zum
produktiv=werden" (S. 27). Damit ist allerdings nicht ausgesprochen, daß die völlige
Absonderung von der Gesellschaft notwendige Bedingung sei, um künstlerisch tätig zu
werden, denn das widerspräche der den Intellektuellen gesetzten Aufgabe, gegen das
leviathanische Prinzip zu agieren. Gemeint ist die Maxime, nach der bekanntermaßen Arno
Schmidt sein Leben eingerichtet hatte, daß das persönliche Auftreten des Künstlers nicht
erforderlich ist, es reicht, wenn sein Werk zur Kenntnis genommen wird. Der Künstler in Das
Zweite Programm will Klarheit schaffen, die verschleierten gesellschaftlichen Prinzipien und
Mißstände beleuchten und sichtbar machen: ,,... ich muß doch gleich noch etwas mehr Licht
machen!.....(er stemmt die Jalousie I Stückchen höher)" (S. 30). Gleichzeitig ist er sich aber
bewußt, daß er damit beim Publikum keinen großen Anklang finden wird: ,,Sicher schreien
99% sofort >LUZIFER !<, wenn's n bißchen heller wird - (berichtigend): zu werden droht.
>Mehr Licht< will Niemand ! Nich mal die eigne Umgebung woll'n se deutlich sehen" (S. 30)
und direkt im Anschluß kreidet er seinen Gegnern, den Regierenden, ihre Doppelmoral im
Umgang mit den Künstlern an:
,,Wer ausspricht, daß die Welt zur Hälfte Geschtank & Schock & Irrsinn ist, kriegt eins mit'm
Notstandsgesetz. Und wenn Einer redlich & künstlerisch schildert, wie'n Mensch gemacht
wird, bestrafen se'hn wegen >Obszönität<. Und gehen anschließend hin, in'n Puff; oder
beschnuppern die Sättel von Damen=Fahrrädern." (S. 30)
Sein Sendungsbewußtsein und seine elitäre Position formuliert der Künstler deutlich: ,,Nicht
ich, Ihr Bundes=Genossen, bin da, von euch zu lernen; sondern Ihr seid da, von mir zu lernen
!" (S. 31) Das erinnert stark an einen dort als Zitat gekennzeichneten Satz des Protagonisten in
Schmidts Roman Das Steinerne Herz: ,,Nicht ich, Ihr Athener, bin da, von euch zu lernen :
sondern Ihr seid da, von mir zu lernen !"# Es ist zu vermuten, daß das Zitat von Sokrates
stammt, das Original konnte aber nicht aufgespürt werden. Mit ,,Bundesgenossen" spricht er
den ,,Nachbarn Ucalegon" (S. 30) an. Ukalegon (gr.: unbekümmert) ist in Homers Ilias der
Name eines der Ältesten, die über Troja regieren.# Der Ukalegon in der Ilias ist ein Weiser,
beim ,,Nachbarn Ucalegon brennt's mal wieder im Oberstübchen" (S.30), von Weisheit kann
hier also nicht die Rede sein. Was bleibt ist das fortgeschrittene Alter des
Regierungsmitgliedes und damit ist der Bezug zu Konrad Adenauer hergstellt, der sich 1961,
im Alter von über 80 Jahren, nochmals zum Bundeskanzler wählen ließ.# Daß er seiner
Meinung nach für dieses Amt schon viel zu alt ist, läßt Schmidt die Mestizin hinter
vorgehaltener Hand formulien: "dabei kann er gar nicht mehr; dessen Glans=Zeit ist vorbei"
(S. 12).
In einer weiteren Äußerung seiner oppositionellen Haltung gegenüber den Herrschenden
verbirgt sich ein Hinweis auf die bereits für die Person Schlotters genannte Ablehnung der
Westorientierung der jungen Bundesrepublik und auf den Wunsch nach politischer
Neutralität: ,,Ich werd'Euch beibringen, mir die Wahl zwischen Cowboy und Kosack
aufzwingen zu wollen" (S. 30). Mit ,,Cowboy" sind natürlich die USA gemeint, mit ,,Kosack"
die UdSSR.
Auch die Überzeugung, daß die scheinbare Aussichtslosigkeit seiner schöpferischen Tätigkeit
kein Grund zur Aufgabe der Bemühungen ist, spricht der Künstler aus. ,,Ohne Arbeit bin ich
bloß'n Lump. :Wenn ich arbeit', werd'ich zu was" (S. 30). Auf eine knappe Formel bringt
diese Haltung auch der schon angesprochene letzte Satz des Textes: ,,Halt's Maul und mach'
was !!!" (S. 31).
Das Zweite Programm stellt allerdings noch eine zweite Künstlerfigur vor. Der schon als
Teufelsfigur mit dem leviathanischen Prinzip in Verbindung gebrachte Bänkelbock, kann
ebenfalls als Künstler betrachtet werden. Allerdings steht er auf der anderen Seite, im Dienste
der Herrschenden, und unterstützt damit das leviathanische Prinzip, was, wie schon
angesprochen, durch sein Erscheinungsbild unterstützt wird. Im Gegensatz zum wahren
Künstler steht er im Dialog mit dem Publikum und fungiert dabei als Interessenvertreter der
Herrschenden. Eine seiner Parolen ist das leicht variierte Schiller-Zitat: ,,Es soll der Dichter
mit dem König gehen" (S. 18)#. Unterstützt durch seine Muse, genannt Präserlotte, bietet der
Bänkelbock den Zuschauern, die er sarkastisch mit ,,meine verehrten Beeinflußbaren" (S. 17)
anspricht, Proben seiner Dichtkunst und redet dabei jeder im Publikum vertretenen Institution
und den Regierenden nach dem Mund (S. 19). Er preist den Krieg, ,,Sieg ! Großer Sieg ! Ich
sehe Alles auf dem Goldgrund unserer Schwerindustrie !" (S. 21), und verharmlost die
atomare Aufrüstung: ,,Es ist nicht schad'! Eure Lieben in der Heimat harren Eurer Rückkehr,
wohlverwahrt in atomsicheren Mänteln mit Kapuze - eine rein deutsche Erfindung übrigens :
die Waffen wechseln : der Goldgrund bleibt !" (S. 22).
Trotzdem sagt der Künstler über den Bänkelbock: ,,Hör'ma : der Schnell=Dichter. - Der Kerl
iss tatsächlich gar kein >Feind< : der Kerl iss ja Lyriker !" (S. 31). Diese Anerkennung, die
der Künstler über seinen politischen Gegner ausspricht, ist ein Indiz dafür, daß auch das Bild
des Intellektuellen in Das Zweite Programm differenzierter ist, als Klein es für die frühen
Texte Schmidts herausgearbeitet hat. Es scheint so etwas wie Negativ-Intellektuelle zu geben,
bei denen allerdings nicht alle Hoffnung verloren ist. Die Übertragbarkeit der anderen
Charakteristika des Intellektuellen auf Das Zweite Programm, seine Opposition zu den
Herrschenden und damit seine antileviathanische Haltung, sein Sendungsbewußtsein in
Verbindung mit seiner aufklärerischen Aufgabe und seine unermüdliche Arbeit trotz deren
Aussichtslosigkeit, wurde klar herausgearbeitet.
4 Fazit
In erster Näherung, das hat diese Arbeit gezeigt, läßt sich das Weltbild, das Joachim Klein aus
Arno Schmidts frühen Texten hergeleitet hat, stimmig auf Das Zweite Programm übertragen.
Ebenso läßt sich seine Aussage, der frühe Arno Schmidt sei ein politischer Schriftsteller, auf
Das Zweite Programm anwenden. In bezug auf das leviathanische Prinzip ergibt sich unter
Einbeziehung des Leviathan von Thomas Hobbes eine sinnvolle Erweiterung dieses Ansatzes
für das Gemeinschaftswerk von Arno Schmidt und Eberhard Schlotter. Bei genauerem
Hinsehen und Nachlesen werden jedoch Abweichungen von dem einfachen Schema der
Dreiteilung sichtbar, die auf die Notwendigkeit einer tiefergehenden und umfassenderen
Analyse des zugrundeliegenden Gesellschaftsbildes hinweisen. Um diese Differenzierungen
durchzuführen, wäre eine genaue Betrachtung aller Figuren und eine Analyse des gesamten
Textes nötig, die sich bei der großen Zahl an Chiffren und Zitaten im Text sehr umfangreich
gestaltete. Als Beispiele dieser verschlüsselten Anspielungen, deren Einbeziehung tiefere
Ebenen des Textes freilegen könnte, sei hier nur das ,,Corned Beef, Marke >tat=twam=asi<"
(S. 10) angeführt. In Sanskrit bedeutet ,,tat tvam asi" ,,das bist du" und ist eine philosophische
Belehrung über das Selbst, über die sich Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die
Grundlage der Moral äußert.#
Das vereinfachte Weltbild mit Volk, Herrschenden und Intellektuellen, gesteuert vom
zerstörerischen leviathanischen Prinzip, das durch den Machtanspruch der Herrschenden und
die kritiklose Folgsamkeit des Volkes gefördert wird, ist für die Satire fruchtbarer Boden. Die
weiteren Übertreibungen - beispielsweise die Parallelisierung der Bundeswehr mit der
Wehrmacht oder Adenauers mit einem absolutistischen Herrscher - können darauf gut
gedeihen. Das Verständnis dieser Anspielungen entzieht sich zwar dem oberflächlichen
Lesen; sind sie durchschaut, erscheint die satirische Wirkung dafür umso gelungener. Neben
allen deutlichen Bezügen auf Politik und Gesellschaft im Deutschland der Nachkriegszeitdie Kritik an Konrad Adenauer und seinem Umgang mit dem Grundgesetz am Beispiel der
Gründung des ZDF, die Ablehnung der Politik der Westintegration, und die Mißbilligung der
Wiederbewaffnung und der Verdrängung der Naziverbrechen sind hier zu nennen - ist Das
Zweite Programm auch von frappierender Aktualität. Die Diskussionen um mögliche
rechtsradikale Tendenzen in der Bundeswehr und in der Gesellschaft und um den Wert der
Intellektuellen in einer Demokratie sind nur zwei Beispiele von vielen die zeigen, daß der
Satz aus Arno Schmidts Einleitung: ,,Das Stück spielt zu der Zeit, wo es gelesen wird." nach
wie vor gültig ist. Das Gleiche gilt für die politische und moralische Aufforderung aktiv zu
werden und nicht aufzugeben: ,,Halt's Maul und mach' was!!!".
Die Beschäftigung mit Arno Schmidts Werk im allgemeinen und mit Das Zweite Programm
im besonderen wird den Autor dieser Arbeit so schnell nicht loslassen.
5 Literatur
Quellen:
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dies.: Das Zweite Programm. In: Höllerer, Walter / Bender, Hans (Hg.): Akzente. Zeitschrift
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b)
von Chamisso, Adalbert : Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Stuttgart 1980.
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Staates. Herausgegeben und eingeleitet von Iring Fetscher. Übersetzt von Walter Euchner.
Frankfurt 1992.
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Johann Heinrich Voss. (Bd. 1) Zürich 1980.
Maass, Max Peter: Eberhard Schlotter. Monographie in vier Bänden. Altea/Alicante 1985.
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von Wiese und Lieselotte Blumenthal. Weimar 1948. (Bd. 9) S. 165 - 315.
Schlotter, Eberhard: Betroffen. In: Otto Breicha (Hrsg.): Protokolle. Wiener Halbjahresschrift
für Literatur, bildende Kunst und Musik. 1/1976, S. 216.
ders.: Werkverzeichnis der Radierungen von 1936 - 1968. Darmstadt.
Arno Schmidt: Leviathan oder Die beste der Welten. In: Ders.: Romane Erzählungen
Gedichte Juvenilia. Bargfeld 1987. (Bargfelder Ausgabe 1/1) S. 33 - 54.
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(Bargfelder Ausgabe 2/1) S. 7 - 163.
Schopenhauer, Arthur : Preisschrift über die Grundlage der Moral, nicht gekrönt von der
Königlich Dänischen Societät der Wissenschaften, zu Kopenhagen, am 30. Januar 1840.
Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe. Bd. VI) S. 143 - 317.
Darstellungen:
Benz, Wolfgang (Hg.): Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. 4 Bände. Frankfurt
1989.
Flemming, Günther: Letternspuren. Arno Schmidt und Eberhard Schlotter - die Außenseite
ihrer Freundschaft. München 1983.
Glaser, Hermann: Deutsche Kultur. Ein historischer Überblick von 1945 bis zur Gegenwart.
München / Wien 1997.
Klein, Joachim: Arno Schmidt als politischer Schriftsteller. Tübingen 1995.
Arbeit zitieren:
Florian Rieger, 1997, "Halt`s Maul und mach was!!!" Das satirische Gesellschaftsbild in "Das Zweite Programm" von Arno Schmidt und Eberhard Schlotter, München, GRIN Verlag GmbH
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Schmidt, Arno - Joyce-Rezeption 1956 - 1970 mit einem komparatistische...
Facharbeit (Schule), 55 Seiten
Schmidt, Arno - Die Gelehrtenrepublik (1957) und KAFF auch mare crisiu...
Facharbeit (Schule), 30 Seiten
Utopie als alternative Ordnung - Hermann Hesses "Glasperlenspiel&...
Examensarbeit, 108 Seiten
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