Universität Karlsruhe Institut für Geschichte Proseminar: "Die Novemberrevolution 1918"
WS 1995/96
Proseminararbeit:
Der Erste Weltkrieg als Voraussetzung für die Novemberrevolution
Michael Krinzeßa
HF.: Geschichte (2. Semester)
NF.: Pädagogik (2. Semester) NF.: Mediävistik (2. Semester)
Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2. Vorgeschichte zur Entstehung des Ersten Weltkriegs . . . . . . . .
3. Die Situation in Deutschland während des Ausbruchs des
Ersten Weltkriegs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1. Die Stimmung in der deutschen Zivilbevölkerung zu Beginn des Krieges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2. Die Lage bzw. Stimmung in der deutschen Reichswehr zu Beginn des Krieges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4. Die Situation in Deutschland und an der Front im Verlaufe des Krieges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1. Vom Bewegungskrieg zum Stellungskrieg . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2. Der Einsatz neuer Waffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3. Untergang der deutschen Kriegswirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . 4.4. Ernährungspolitik bzw. die Nahrungsmittelversorgung des deutschen Volkes und des Soldaten an der Front . . . . . . . . . .
5. Schlußteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Abkürzungsverzeichnis
GWU - Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Hrsg.
OHL Wehrwiss. Rdsch. - Wehrwissenschaftliche Rundschau
3
1. Einleitung
Am 3. November 1918 erschütterte eine Welle der Gewalt Deutschland. In Kiel eröffneten kaisertreue Soldaten das Feuer auf eine Gruppe von Matrosen und Werftarbeitern, die gegen die Verhaftung von Matrosen am 31. Oktober demonstrierten. 1 Auch im übrigen Deutschland gab es Demonstrationen. Wichtige militärische Anlagen wurden von den Aufständischen besetzt, das militärische, kaisertreue Führungspersonal (Offiziere und Unteroffiziere) wurde entmachtet und die ersten Arbeiter-und Soldatenräte gebildet. 2 Dies geschah, wie z.B. in Hamburg, teilweise unter Anwendung von Gewalt, da sich die monarchischen Kräfte diesen Zwangsmaßnahmen der Revolutionäre widersetzten 3 . Immer mehr Menschen, darunter auch viele Soldaten, solidarisierten sich mit den Aufständischen, so daß die Revolution nicht mehr aufzuhalten war 4 . Der Auslöser dieser Ereignisse war eine Meuterei, die von den Mannschaften der deutschen Kriegsflotte, Ende Oktober durchgeführt wurde. Diese widersetzten sich dem Befehl der deutschen Seekriegsleitung, in See zu stechen, um gegen die englische Marine militärisch vorzugehen. Die Matrosen erkannten aufgrund der Überlegenheit der Engländer die Sinnlosigkeit eines solchen Unternehmens und verhinderten durch passiven Widerstand das Auslaufen der Schiffe. 5 Die Folge war eine Welle von Verhaftungen aufständischer Matrosen. Diese Maßnahme steigerte die Unzufriedenheit der restlichen Seeleute und Werftarbeiter, 6 und veranlaßte sie daraufhin, den o. g. Aufstand zu wagen. Daraufhin erfolgten die ersten Verhaftungen. Der 3. November, der von der Geschichtsschreibung als Beginn der deutschen Novemberrevolution festgesetzt wurde, bedeutete für Deutschland das Ende der Monarchie. Die traditionsreiche Epoche der mächtigen deutschen Herrscher war damit endgültig beendet. Mit Wilhelm II. dankte der letzte deutsche Kaiser ab.
1 Günter Hertzschansky u.a. (Hrsg.), Illustrierte Geschichte der deutschen Novemberrevolution 1918/1919, Berlin 1978, S.81, 82. 2 Ebenda, S.86 ff. 3 Ebenda, S.93. 4 Ebenda, S.86. 5 Ebenda, S.75. 6 Ebenda, S.81.
4
Es stellt sich nun die Frage nach den Ursachen und Gründen für diese zur Revolution tendierende Stimmung in Deutschland. Was veranlaßte das deutsche Volk, diese Revolution tatsächlich durchzuführen? Der direkte Auslöser war der Konflikt zwischen der Arbeiterschaft bzw. der Gewerkschaft auf der einen Seite und der Regierung, der reaktionären OHL bzw. der Unternehmerschaft auf der anderen Seite. Schon im Wilhelminischen Kaiserreich war der Zwiespalt zwischen der Arbeiterschaft und dem besitzenden Bürgertum erkennbar 7 , doch die Situation verschärfte sich im Ersten Weltkrieg. Es entstanden soziale Konflikte aufgrund des Scheiterns der deutschen Kriegswirtschaft 8 . Die Kluft zwischen den o. g. Gruppierungen vergrößerte sich dadurch zusehends. Diese Faktoren führten dann u. a. zur Revolution. Es existierten jedoch tiefere Ursachen, die das deutsche Volk dieser Zeit prägten und in ihm jenen Nährboden schufen, der dafür verantwortlich war, daß der deutsche Bürger die Skrupel verlor, die auftretenden Mißstände notfalls auch mit Gewalt zu beseitigen. Der Schwerpunkt liegt hier in der Kriegsmüdigkeit des hungernden und am Sieg zweifelnden Volkes, sowie in den offenen Mißständen in der Wirtschaft und in der Nah-rungsmittelversorgung, respektive in der Ernährungsfrage. Ebenfalls wird die Situation der Soldaten an der Front erörtert. Was dieses Thema betrifft, ist ausreichend Literatur vorhanden. Es existieren auch einige bemerkenswerte Quellen dieser Zeit, die die prekäre Situation dieser Zeit recht eindrucksvoll schildern. Vorsicht ist aber bei Darstellungen ehemals kommunistischer Staaten, unter anderem der DDR, geboten, denn hier findet eine erkennbare, extreme Glorifizierung der Arbeiterschaft und gleichzeitig eine "Verteufelung" des westlichen Kapitalismus und Imperialismus statt, so daß die Literatur zu diesem Thema nicht unbedingt als objektiv zu bezeichnen ist. Das übrige Material dieser Darstellungen ist durchaus brauchbar. Im Folgenden werden die Ereignisse dargestellt, die dafür verantwortlich waren, daß das deutsche Volk zur Revolution bereit war und dieses riskante Unternehmen auch letztendlich durchführte.
7 Jürgen Kocka, Das kaiserliche Deutschland, Düsseldorf 1977 2 , S.265 ff. 8 Hans-Jürgen Puhle, Ebenda, S.340 ff. Deutschland im Ersten Weltkrieg. Texte und Dokumente 1914-1918, hrsg. von Ulrich Cartarius, München 1982, S.43-47.
5
2. Vorgeschichte zur Entstehung des Ersten Weltkriegs
"Ein Krieg, wie er auch ausgeht, hat eine Umwälzung alles Bestehenden zur Folge. Ringsherum Verblendung, dicker Nebel über dem Volke. In ganz Europa das gleiche. 9 " (Zitat) Schon Theobald von Bethmann Hollweg, deutscher Reichskanzler von 1909-1917, erkannte die möglichen Ausmaße eines bevorstehenden Großmächtekrieges. Die ökonomischen und sozialen Folgen eines länger andauernden Krieges wären verheerend für alle Nationen, befürchtete der Militärhistoriker Jean de Bloch schon am Ende des 19. Jhdts.6
10 Angesichts der nationalistischen Tendenzen in den europäischen Staaten, dem zunehmenden Streben der Kolonialmächte nach territorialer Expansion zur Erweiterung der Wirtschaftsräume (vgl. Kielmansegg / Kriegsziele) und den daraus resultierenden politischen Spannungen der europäischen Großmächte, war in absehbarer Zeit eine militärische Auseinandersetzung zu erwarten. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Gemahlin in Sarajewo am 28. 06. 1914 durch südslawische Nationalisten 11 war dann nur noch der Funke, der die zum Krieg tendierende, hochexplosive politische Stimmung in den europäischen Völkern zur Explosion brachte. Mit den Schüssen von Sarajewo begann der 1. Weltkrieg.
3. Die Situation in Deutschland während des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs
3.1. Die Stimmung der deutschen Zivilbevölkerung zu Beginn des Krieges
Das Wachsen des "Nährbodens", der die deutsche Nation zur Revolution veranlaßte, wird besonders deutlich, wenn man die Stimmung des deutschen Volkes einschließlich der Reichswehr in Bezug auf den Krieg zu
9 Zitiert nach Jost Dülffer (Hrsg.), Ploetz. Geschichte der Weltkriege. Mächte, Ereignisse, Entwicklungen 1900-1945, Freiburg 1981 S.14.
10 Jost Düllfer (Hrsg.), Ploetz. Geschichte der Weltkriege. Mächte, Ereignisse, Entwicklungen 1900-1945, Freiburg 1988, S.14. 11 Brockhaus Bd. 24, S.27.
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Magister Artium Michael Krinzeßa, 1996, Der Erste Weltkrieg als Voraussetzung für die Novemberrevolution, München, GRIN Verlag GmbH
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