Vorwort
Die Bronzezeit vor mehr als 2000 bis 800 v. Chr. gilt als die erste und längere der Metallzeiten in Europa. In dieser Zeit wurden Werkzeuge, Waffen und Schmuck aus Bronze hergestellt. In einigen Gebieten hatte die Bronzezeit eine andere Zeitdauer. So begann sie in Süddeutschland schon vor etwa 2300 v. Chr. und endete um 800 v. Chr. In Norddeutschland dagegen währte sie von etwa 1600 bis 500 v. Chr. Zu den in Deutschland verbreiteten Kulturen der Bronzezeit gehört die Hügelgräber-Kultur vor etwa 1600 bis 1300/ 1200 v. Chr. Nach heutigem Kenntnisstand war die Hügelgräber-Kultur von Ostfrankreich (Elsaß) bis nach Ungarn (Kapatenbecken) verbreitet. Sie ist in diesem Gebiet mit der Mittelbronzezeit identisch und läßt sich in zahlreiche Lokalgruppen gliedern.
Der Begriff Hügelgräber-Kultur beruht darauf, dass sich etwa um 1600 v. Chr. in weiten Teilen Europas die Bestattungssitten radikal änderten: Statt die Toten wie in der Frühbronzezeit in Flachgräbern beizusetzen, schüttete man nun häufig über den Gräbern ein bis zwei Meter hohe Grabhügel auf und setzte dann nicht selten noch weitere Verstorbene darin bei.
Der Text über die Hügelgräber-Kultur stammt aus dem vergriffenen Buch „Deutschland in der Bronzezeit“ (1996) des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung und entspricht dem damaligen Wissensstand. Weitere Kulturen der Bronzezeit aus Deutsch-land werden ebenfalls in Einzelpublikationen vorgestellt.
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PAUL REINECKE, geboren am 25. September 1872 in Berlin-Charlottenburg, gestorben am 12. Mai 1958 in Herrsching. Er wirkte 1897 bis 1908 am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. 1908 bis 1937 war er Hauptkonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München. 1917 wurde er kgl. Professor. Reinecke teilte 1902 die Bronzezeit in die Stufen A bis D ein. 1902 sprach er von der Grabhügelbronzezeit und später von der Hügelgräber-Bronzezeit.
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Etwa um 1600 v. Chr. änderten sich in weiten Teilen Europas die Bestattungssitten radikal: Statt die Toten wie in der Frühbronzezeit in Flachgräbern beizusetzen, schüttete man nun häufig über den Gräbern ein bis zwei Meter hohe Hügel auf und setzte dann nicht selten noch weitere Verstorbene darin bei. Auf diesem neuen Brauch beruht der Begriff „Hügelgräber-Kultur“, den 1902 der damals am Römisch-Germanischen Zentralmuseum, Mainz, tätige Prähistoriker Paul Reinecke (1872-1958) geprägt hat. Bei der Namenswahl wurde er vermutlich durch die 1887 erschienene Publikation „Die Hügelgräber zwischen Ammer- und Staffelsee“ des Münchener Historienmalers und Altertumsforschers Julius Naue (1832-1907) inspiriert. Nach heutigem Kenntnisstand war die Hügelgräber-Kultur etwa ab 1600 bis 1300/1200 v. Chr. von Ostfrankreich (Elsaß) bis nach Ungarn (Karpatenbecken) verbreitet. Sie ist in diesem Raum mit der Mittelbronzezeit identisch und läßt sich in zahlreiche Lokalgruppen gliedern. Zu den im Gebiet von Deutschland vertretenen Lokalgruppen gehören die Württembergische Gruppe, die Oberbayerische Gruppe, die Oberpfälzisch-böhmische Gruppe, die Rhein-Main-Gruppe, die Werra-Fulda-Gruppe und die Lüneburger Gruppe. Die Lokalgruppen unterscheiden sich durch die
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Keramik sowie bronzene Schmucktracht und Bewaffnung voneinander.
Die Angehörigen der süddeutschen Hügelgräber-Kultur stammen von den Menschen der Frühbronzezeit im selben Gebiet ab. Sie sind nicht eingewandert, wie der Marburger Prähistoriker Friedrich Holste (1908-1942) in einer 1953 posthum erschienenen Publikation meinte. Nach seiner Ansicht spiegelten angeblich die mittelbronzezeitlichen Fundstellen in einigen Gebieten Süddeutschlands eine andere Verbreitung als die frühbronzezeitlichen Fundorte wider. Doch später wurden viele der vermeintlichen Fundlücken durch neue Entdeckungen geschlossen. Wie groß die damaligen Menschen waren, wird anhand von sieben Bestattungen bei Nersingen (Kreis Neu-Ulm) in Bayern ersichtlich, die durch den Münchener Anthropologen Peter Schröter untersucht wurden. Dort erreichten die Männer eine Größe zwischen 1,60 und 1,70 Metern und die Frauen zwischen 1,52 und 1,57 Metern. Ein sechsjähriges Kind brachte es auf eine Körperhöhe von etwa einem Meter. Als ungewöhnlich groß für jene Zeit gilt ein Mann von angeblich 1,93 Metern aus Gauingen-Hochberg (Kreis Reutlingen) in Baden-Württemberg. Diese Maßangabe beruht jedoch auf einer Messung des Ausgräbers bei der Grabung und nicht auf einer anthropologischen Körperhöhenschätzung. Mit Prunk und Pomp vorgenommene Bestattungen deuten auf erhebliche gesellschaftliche Unterschiede in der Bevölkerung hin. Offenbar hat es Häuptlinge oder „Fürsten“ gegeben, die großen Reichtum anhäufen konnten. Ein solcher Anführer war wohl der „Fürst“ von Hagenau bei Regenstauf (Kreis Regensburg) in Bayern. Auch bei der übrigen Bevölkerung gab es merkliche Unterschiede zwischen arm
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und reich innerhalb einer Sippe sowie zwischen verschiedenen Gegenden.
Frauen wurden mit ihrem gesamten Schmuck beerdigt. Nur ihnen legte man wertvolle Bernstein- und Glasperlen mit ins Grab. Der Weimarer Prähistoriker Rudolf Feustel vertritt die Ansicht, daß die bronzenen Schmuckstücke die Frauen nicht nur schmücken, sondern vor allem den Reichtum ihrer Ehemänner demonstrieren und so deren gesellschaftliche Reputation und Macht erhöhen sollten. Feustel hat nach Untersuchungen von Hügelgräbern in Thüringen zahlreiche interessante Schlüsse über die damalige Gesellschaft gezogen. Das ausgeglichene Verhältnis der Bestattungen von Männern und Frauen sowie vereinzelte Doppelbestattungen von Mann und Frau beispielsweise deuten nach seiner Auffassung auf Monogamie hin. In der Gesellschaft hatten anscheinend die Männer das Sagen, vermutet Feustel. Denn anders ließe es sich kaum erklären, warum unter hohem Arbeitsaufwand und sicherlich als Gemeinschaftsunternehmen fast alle Grabhügel für jeweils einen Mann errichtet worden seien. Zudem lagen fast sämtliche Männer im Zentrum und auf dem Grund des Grabhügels, während die Frauen und Kinder meist am Rand bestattet wurden.
Fremde Schmuckformen in manchen Frauengräbern beweisen Einheirat von Frauen aus anderen Gegenden. So trug eine Frau, die in Neuenstein-Obergeis (Kreis Hersfeld-Rotenburg) in Hessen bestattet wurde, eine Radnadel und eine Fibel, die für die Lüneburger Gruppe in Niedersachsen typisch ist. Im Grab eines Mädchens von Hünfeld-Molzbach (Kreis Fulda) lagen einige Schmuckstücke aus dem Maingebiet. Nach Erkenntnissen des Prähistorikers Albrecht Jockenhövel
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aus Münster/Westfalen dürften Frauen selten weiter als in ihre direkte Nachbargruppe eingeheiratet haben. Mitunter sind ältere Männer nach weiblichem Ritus beigesetzt worden. Der Prähistoriker Alexander Häusler aus Halle/Saale deutete 1966 diese Bestattungen als solche von Homosexuellen und Transvestiten. Die Hügelgräber-Leute sind meistens nicht sehr alt geworden. Unter den 16 Verstorbenen von Wixhausen (Kreis Darmstadt-Dieburg) in Hessen wurde kein einziger älter als 60 Jahre und nur einer überschritt das 40. Lebensjahr. Von den neun Erwachsenen in Wixhausen waren zwei Männer und sieben Frauen. Auch die beiden Jugendlichen von dort sind weiblich, der Rest starb bereits im Kindesalter. Auf ungünstige Lebensbedingungen deuten auch die bei Jüchsen (Kreis Schmalkalden-Meiningen) in Thüringen entdeckten Bestattungen hin. Von sieben Männern sind fünf (71 Prozent) schon im Alter von 20 bis 35 Jahren gestorben, ein Mann wurde um die 40 Jahre alt und ein weiterer mindestens 40 bis maximal 60 Jahre.
Untersuchungen der Gebisse aus Nersingen zeigten, daß es um die Zähne häufig schlecht bestellt war. Der Mann in Grab 2 hatte alle Zähne des Oberkiefers sowie die Mahlzähne und den rechten zweiten Vormahlzahn des Unterkiefers verloren. Die wenigen noch vorhandenen Zähne waren stark abgeschliffen, und der linke erste Vorbackenzahn war von Karies befallen. Bei der Frau aus Grab 3 sind die Zähne auf der rechten Seite des Ober- und Unterkiefers stärker abgekaut als links. Ihre oberen ersten Backenzähne sind von Karies geschädigt, und an etlichen Zähnen im Ober- und Unterkiefer haften Zahnsteinreste. Beim Mann aus Grab 6 ist der untere zweite Vormahlzahn ausgefallen, die Schneidezähne
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sind relativ stark abgeschliffen, und es konnte geringer Zahnsteinbefall festgestellt werden. Ein mindestens 14jähriger Jugendlicher von Wilsingen (Kreis Reutlingen) in Baden-Württemberg hat nach einer Entzündung im Oberkiefer den rechten ersten Vormahlzahn verloren. Im Unterkiefer war sein linker zweiter Vormahlzahn ungewöhnlich klein und bildete nur einen Lückenfüller zwischen dem ersten Vormahlzahn und Mahlzahn. Eine Frau aus Wixhausen hatte Überbiß.
Auch an den Skeletten sind mancherlei Krankheiten ablesbar. So litt der erwähnte Mann aus Grab 2 von Nersingen unter degenerativen Gelenk- und Wirbelschäden. Ein mehr als 40 Jahre alter Mann aus Wilsingen hatte in der Hals- und Brustwirbelsäule eine Spondylitis (Wirbelentzündung). Und der ebenfalls erwähnte 40 bis 60 Jahre alte Mann aus Jüchsen muß große Arthroseprobleme gehabt haben. Sogar Opfer von Gewalttaten sind aus einigen Hügelgräbern in Bayern und Thüringen bekannt. Es handelt es sich hierbei um Menschen, die durch Pfeilschüsse ums Leben gekommen sind.
So steckte einem Toten in der Gegend des unterfränkischen Ortes Stetten (Kreis Main-Spessart) die eingeschossene bronzene Pfeilspitze noch in einem seiner Oberarmknochen. Ob dieser Mensch an seiner Verwundung starb, ist unbekannt, weil weitere Skelettreste fehlen. Wahrscheinlich hat er diese Verletzung nicht lange überlebt. Auf eine Tragödie lassen auch die Funde in der Grabkammer eines Hügels bei Jüchsen schließen. Dort hatte man drei männliche Tote gleichzeitig bestattet. Obwohl die Grabkammer genügend Platz bot, bettete man zwei der Männer nicht nebeneinander, sondern in entgegengesetzter Richtung über-
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einander. Zwischen den Skelettknochen dieser beiden Männer lagen insgesamt acht Pfeilspitzen, die ihnen wahrscheinlich den Tod gebracht haben. In einigem Abstand war in extremer Hockstellung - möglicherweise gefesselt - ein dritter Mann niedergelegt worden.
Nach Ansicht des erwähnten Prähistorikers Rudolf Feustel kann man darüber spekulieren, ob alle drei Männer hingerichtet worden waren, oder ob der dritte, gefesselte Mann die beiden anderen erschossen hatte. War letzterer vielleicht wegen der Bluttat zum Tode verurteilt und aus Vergeltung lebend zu seinen Opfern ins Grab gelegt worden? Zumindest sollte seine Wiederkehr aus dem Jenseits verhindert werden.
Als weiteres Zeugnis dafür, daß Pfeil und Bogen nicht nur als Jagdwaffen, sondern auch bei Konflikten eingesetzt wurden, gilt eine Bestattung aus Klings/Rhön (Wartburgkreis) in Thüringen. In diesem Fall steckte eine Pfeilspitze in einem menschlichen Rückenwirbel. Eine Schußverletzung in Saalfeld (Kreis Saalfeld-Rudolstadt) in Thüringen war offenbar nicht tödlich, weil die Pfeilspitze von Knochenwucherungen umgeben ist.
Ein anderer seltener Fund beweist, daß es auch im Verbreitungsgebiet der Hügelgräber-Kultur Medizinmänner gab, die Schädeloperationen (Trepanationen) vornahmen. Der entsprechende Nachweis - ein Schädel mit rundlicher Öffnung - gelang in einem der Hügelgräber von Lochham (Kreis München). Die Bronzeobjekte aus den Hügelgräbern von Lochham wurden 1938 durch den Prähistoriker Friedrich Holste als älteste Funde der Hügelgräber-Kultur bezeichnet und dem sogenannten Lochham-Horizont zugerechnet. Die Haltung von Schafen und Funde von tönernen Spinn-
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Zwei Frauen mit langärmeligen Blusen, knöchellangen Röcken, Schulter- und Kopftüchern aus Schwarza (Kreis Schmalkalden-Meiningen)
des Weimarer Prähistorikers Rudolf Feustel von 1958.
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wirteln zum Spinnen von Wolle deuten darauf hin, daß die damalige Kleidung aus Schafwolle angefertigt wurde. Spinnwirtel kennt man aus Gräbern von Holzalfingen bei Lichtenstein und Hundersingen bei Münsingen (beide Kreis Reutlingen) in Baden-Württemberg. Die Kleidung war vielleicht teilweise mit ähnlichen Mustern verziert, wie sie auf der Oberfläche mancher Tongefäße zu sehen sind. Das Gewand der Männer wurde durch eine bronzene Nadel zusammengehalten. Die Prähistoriker unterscheiden zwischen Kolbenkopf-, Lochhals- und Trompetenkopfnadeln. Bei diesen Nadeln gab es einen Trend zu bombastischen Formen, der in Häuptlings- beziehungsweise „Fürstengräbern“ besonders drastisch zum Ausdruck kommt. Zur Garderobe der Männer gehörte ein Gürtel aus Wolle oder Leder, der manchmal mit einem bronzenen Gürtelhaken oder -blech versehen war.
Als Gürtelhaken bezeichnet man jenen Teil des Gürtels, der beim Verschließen zum Einhängen in ein anderes Teil diente. Er besteht aus einem Haken oder Dorn und einer Vorrichtung zur Befestigung am Gürtel. Beliebt waren Gürtelhaken aus Bronzedraht mit Spiralscheiben an beiden Enden. Man fand kleine Exemplare von nur zwei Zentimeter Länge, wie in Wilsingen (Kreis Reutlingen), aber auch große von 24 Zentimeter Länge, wie in Mehrstetten (Kreis Reutlingen). Von den Gürtelhaken unterscheiden sich die nach dem gleichen Prinzip angefertigten Gürtelbleche, die ebenfalls Teil eines Gürtels aus organischem Material waren.
Im Gegensatz zum Gewand der Männer wurde das Kleid der Frauen an beiden Schultern durch je eine bronzene Radnadel zusammengehalten, oder man hatte damit den Schulter-
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Arbeit zitieren:
Ernst Probst, 1996, Die Hügelgräber-Kultur, München, GRIN Verlag GmbH
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