2
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Begriffsgeschichte
3) Öffentliche Meinung als Raisonnement
4) Öffentliche Meinung als soziale Kontrolle
5) Vergleich der Konzepte
5.1) Unterschiede in den Begriffsdefinitionen
5.2) Exkurs: Meinungsforschung
5.3) Wissenschaftstheoretischer Vergleich
6) Fazit
Literaturverzeichnis
3
1) Einleitung
Der Begriff „Öffentliche Meinung“ wurde schon in der römischen und griechischen Antike wie selbstverständlich gebraucht. Seit Menschendenken thematisiert, hat sich seine Definition im Laufe der Zeit dabei jedoch erheblich verändert. Noch im 17. und 18. Jahrhundert schloss der Begriff - wie auch schon in der Antike - das gesamte gesellschaftliche Leben, wie z.B. auch die Mode mit ein. Mit öffentlicher Meinung waren auch häufig Urteile gemeint, „die (…) wegen ihrer moralischen Qualität Druck auf einzelne Gesellschaftsmitglieder ausübten.“ 1 Im 19. und 20. Jahrhundert verengte sich die Betrachtungsweise dann überwiegend auf den Aspekt der Politik, woraus eine große Verwirrung darüber entstand, wie nun öffentliche Meinung richtig zu definieren sei. 2 Nicht zuletzt aufgrund dieser Begriffsverschiebung haben sich „schon Generationen von Philosophen und Juristen, Historikern, Politologen und Publizistikwissenschaftlern die Zähne [an dem Versuch, öffentliche Meinung zu definieren] ausgebissen.“ 3 Harwood Childs zitiert in seinem Werk „Public Opinion: Nature, Formation and Role“ (1965) insgesamt 50 verschiedene Definitionen, die im Laufe der Zeit aufgestellt wurden. In den 50er und 60er Jahren führte die allgemeine Verwirrung - nicht zuletzt auch durch Childs Veröffentlichung genährt - sogar vermehrt zu Forderungen nach Aufgabe des Begriffs, da es sich bei ihm um reine Fiktion handele. Am Ende dieser Arbeit soll unter anderem beantwortet werden können, ob diese Forderung ihre Berechtigung hat(te) oder nicht. Es scheint aber, „daß der Begriff öffentliche Meinung eine Wirklichkeit trifft, auch wenn es noch Schwierigkeiten macht, diese Wirklichkeit präzise zu fassen.“ 4 Denn nicht nur in der Umgangssprache wird nach wie vor an diesem Begriff festgehalten, „auch die Wissenschaften, vor allem Jurisprudenz, Politik und Soziologie, sind offensichtlich außerstande, traditionelle Kategorien wie...>öffentliche Meinung< durch präzisere Bestimmungen zu ersetzen.“ 5 Was also ist öffentliche Meinung?
1 Brettschneider, Frank: Öffentliche Meinung und Politik: Eine empirische Studie zur Responsivität des deutschen
Bundestages zwischen 1949 und 1990. Opladen 1995, S.21
2 Vgl. ebd.
3 Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale: Öffentliche Meinung - unsere soziale Haut. München 2001,
S.84
4 Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung. IN: Noelle-Neumann, Elisabeth/ Schulz, Winfried/ Wilke,
Jürgen: Fischer Lexikon: Publizistik, Massenkommunikation. Frankfurt a. M. 2000, S.366
4
Beim Vorgehen zur Beantwortung dieser zentralen Fragestellung habe ich mich stark an Noelle-Neumanns Vorschlag im Kapitel „Manifeste und latente Funktion öffentlicher Meinung: Eine Zusammenfassung.“ 6 orientiert. Als erstes interessiert ein Überblick über die Geschichte des Begriffs: Hier wird die Begriffswandlung öffentlicher Meinung noch einmal näher beleuchtet und ansatzweise verschiedene Funktionen verschiedener Konzepte öffentlicher Meinung herausgearbeitet. Kapitel drei und vier befassen sich dann ausführlich mit den zwei wichtigsten Konzepten von öffentlicher Meinung, damit sie im fünften Kapitel auf verschiedene Art und Weise verglichen und eingeordnet werden können. Den Beginn stellt eine Unterscheidung der zentralen Funktionen öffentlicher Meinung in den beiden Konzepten dar. In einem zweiten Schritt wird der Begriff dann in seine Bestandteile zerlegt und die Interpretation der jeweiligen Richtungen verglichen. Im folgenden Exkurs sollen die Beziehungen der verschiedenen Konzepte zu Meinungsumfragen (sagen sie etwas über die öffentliche Meinung aus?) dargestellt werden und zuletzt werden auch auf wissenschaftstheoretischer Ebene Unterschiede herausgearbeitet. Welches der beiden Konzepte die größere Leistungsfähigkeit hat, also auch die bessere Erklärung dafür liefert, was öffentliche Meinung eigentlich ist, kann auf diese Weise geklärt werden.
2) Begriffsgeschichte
Öffentliche Meinung hat eine sehr seltsame Begriffsgeschichte. „Die Erscheinung, die hier unter dem Begriff öffentliche Meinung behandelt wird, das heißt, ist - soweit sich das heute erkennen läßt - pankulturell, das heißt, man trifft die öffentliche Meinung bei allen Völkern und zu allen Zeiten.“ 7 Sogar in im Alten Testament findet man zahlreiche Stellen, die sich nur aus dem Prozeß der öffentlichen Meinung erklären lassen. Genauso kann man den Prozess der öffentlichen Meinung auch in Märchen und Sagen entdecken. 8 Seit Jahrtausenden wurde der Begriff dabei zur Beschreibung des Konformitätsdrucks der Gesellschaft, der sozialen Kontrolle zur Sicherung des Zusammenhalts der Gesellschaft gebraucht, wenn auch oft abgekürzt einfach als „Meinung“ bezeichnet. In der römischen und griechischen Antike
5 Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen
Gesellschaft. Neuwied 1962 hier zitiert nach: Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale., S.85
6 IN: Öffentliche Meinung: Die Entdeckung der Schweigespirale. Frankfurt a.M., Berlin 1996, S.323-342
7 Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung. a.a.O., S.366
5
benannte man sie würdevoll die „ungeschriebenen Gesetze“, „Lois parlante“ zur Zeit Richelieus. Aber mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts, mit der Aufklärung, setzte eine Begriffswandlung ein. „Öffentliche Meinung“ nahm die Bedeutung von: die Meinung der urteilsfähigen, der gut informierten, der verantwortungsbewußten Bürger, an, die Meinung derer, die zur Mitwirkung am Gemeinwesen bereit seien, und die durch Raisonnement, durch öffentlichen Austausch von Argumenten als Kontrolle und Korrelat zur Regierung wirkten.“ 9
„Die begriffliche Gemengelage, die mit der Sinnverschiebung seit Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden ist, kann man mit einer von Robert Merton eingeführten Unterscheidung aufklären.“ Dieser schlägt in seinem Klassiker „Social Theory and Social Structure“ von 1949 vor, manifeste und latente Funktionen in der Gesellschaft zu differenzieren. Erstere beschreiben solche Einflussnahmen und Konsequenzen, die das System regulieren (können), beabsichtigt sind und bewusst wahrgenommen werden. Das berühmte Beispiel hierfür sind die Regentänze der Hopi-Indianer, die zum einen eine Bitte an die Götter um Regen darstellen, zum anderen für die Integration des Stammes in Krisenzeiten sorgen. Es wird in der späteren Betrachtung noch eine große Rolle spielen, dass manifeste und latente Funktionen inhaltlich Verschiedenes sind.“ 10 Das Konzept der öffentlichen Meinung als Korrelat zur Regierung beschreibt eine solche manifeste Funktion. Latente Funktionen regulieren das System zwar ebenfalls, d.h. sie hinterlassen wirksam Spuren, sind aber weder beabsichtigt noch bewusst. 11 Öffentliche Meinung als soziale Kontrolle ist hierfür ein Beispiel. Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung sollen die beiden Konzepte im nächsten Kapitel zunächst einmal ausführlich vorgestellt werden.
3) Öffentliche Meinung als manifeste Funktion: Raisonnement
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts und bis heute dominiert in der Wissenschaft das Konzept eines rationalen Charakters der öffentlichen Meinung mit Funktionen für die Meinungsbildung in der Demokratie. „Das 18. Jahrhundert hatte von der öffentlichen Meinung eine Art
8 Vgl. ebd.
9 Ebd., S.369
10 Noelle-Neumann, Elisabeth: Vorwort zur vierten Auflage. IN: Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche
Meinung. a.a.O., S.II
11 Merton, Robert K.: Soziologische Theorie und soziale Struktur. Berlin, New York 1995, S.65ff.
6
Wegfiltern von privaten Interessen und spezifischen Rollenanliegen erwartet und als Lohn für diese L eistung den Titel Vernunft in Aussicht gestellt. Das entsprach dem politischen Liberalismus, der durchgehend solche Neutralisierungskonzepte (Individuum, Freiheit, Gleichheit, etc.) bevorzugte, um die alte Ordnung der Ständegesellschaft, der religiösen Bindungen, der Patron/Klientverhältnisse zu demontieren und von dieser Demontage die Freigabe einer neuen Gesellschaftsordnung erhoffte.“ 12 Rational heißt hier, dass Sachverhalte und Zusammenhänge bewusst und mit den Mitteln des Verstandes erkannt werden und daraus begründete Urteile abgeleitet werden. 13 „Rationalität arbeitet mit Begriffen, die für sich klar und eindeutig definiert sind und in ein Gerüst von anderen Begriffen so eingebaut sind. Rationalität erfaßt also einzelne Gegenstandsbereiche mit gesetzmäßigen Aussagesystemen. Die Beschäftigung mit solchen Gegenstandsbereichen ist dadurch von Logik, Kausalität und Widerspruchsfreiheit geprägt. Die Ergebnisse rationalen Denkens sind einleuchtend, vernünftig und intersubjektiv nachvollziehbar.“ 14
Hans Speier stellte eine Definition öffentlicher Meinung auf, die in diesem Sinn auf Rationalität gegründet ist: „Unter öffentlicher Meinung soll in der vorliegenden historischen Abhandlung verstanden werden: Meinungen über Fragen von nationaler Bedeutung, die frei und öffentlich geäußert werden von Männern außerhalb der Regierung, die das Recht beanspruchen, daß ihre Meinungen die Handlungen, Personalentscheidungen und Strukturen ihrer Regierung beeinflussen oder bestimmen.“ 15 In diesem Konzept sind öffentliche Meinung und Rationalität identisch. Gleichzeitig fallen öffentliche und veröffentlichte Meinung, wenn eine freie Presse gewährt wird, weitestgehend zusammen. 16 Außerdem sind hier beabsichtigte und bewusste Einflussnahmen als sogenannte manifeste Funktionen hier gleich mit eingeschlossen. Bis heute wird in Enzyklopädien und Lexika der ganzen Welt dieses Verständnis öffentlicher Meinung als politisches Raisonnement in der öffentlichen Sphäre als Korrelat zur Regierung propagiert. Ein anderes Beispiel für das Konzept einer rationalen
12
Luhmann, Niklas: Die Beobachtung der Beobachter im politischen System: Zur Theorie der Öffentlichen
Meinung. IN: Wilke, Jürgen: Öffentliche Meinung: Theorie, Methoden, Befunde. Freiburg, München 1992, S.77-
86, S.78f.
13 Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. a.a.O., S.325
14 Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung. (1996), S.325
15 Speier, Hans: Historical Development of Public Opinion IN: American Journal of Sociology 55 (1950) S.376-
388, S.376
16 Vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale. a.a.O., S. 326
7
öffentlichen Meinung stellt James Bryces Einschränkung des Begriffs für seine Untersuchungen der öffentlichen Meinung in England und den USA dar. Als rationale Diskussion politischer Streitthemen in der Demokratie ein, wird er hier definiert. Auch Robert Ezra Park versuchte in seiner Dissertation „Masse und Publikum (1904) 17 einen Ausweg zu finden, indem er der öffentlichen Meinung den Verstand zuschrieb, da sie im Raisonnement entstehe. Dass der Gegner dabei nicht überzeugt werden muss, sondern lediglich unterworfen wird, scheint hier kein Widerspruch zum eigentlichen Anspruch der Rationalität zu sein. Nur der Masse werden Gefühle zugeschrieben. „Die Arbeit an dieser Dissertation habe Park erschöpft und enttäuscht, heißt es in einer amerikanischen Monographie von 1979.“ 18 „Ähnlich geht es wohl bis den Autoren, die öffentliche Meinung mit Rationalität gleichzusetzen versuchen.“ 19
Das Konzept der öffentlichen Meinung als manifeste Funktion wurde fast überall mit derselben Systematik abgehandelt. Der Begriff wird dabei zunächst in seine Bestandteile „öffentlich“ und „Meinung“ zerlegt. Danach werden die Beziehungen von Meinung und Öffentlichkeit, Öffentlichkeit und Regierung sowie Meinung und Regierung untersucht. Dabei dreht sich alles um den Schlüsselgedanken der Partizipation, wobei die Öffentlichkeit auf den Kreis derjenigen verengt wird, die das Recht der Mitwirkung an der Regierung haben. „Der Druck der öffentlichen Meinung wird als Last der Verantwortung auf den Schultern der Regierenden verstanden.“ 20 Warum dies der Fall ist, wird allerdings in all diesen Konzepten nur unzureichend bewiesen.
Anfang der 30er Jahre kamen die ersten Repräsentativumfragen auf, was eine neue Auseinandersetzung mit dem Begriff „öffentliche Meinung“ erzwang. Oft wurde ganz unbefangen von sogenannten „public opinion polls“ gesprochen - doch handelte es sich bei den Ergebnissen der Umfragen überhaupt um DIE öffentliche Meinung? Lucien Warner ist nur ein Beispiel für eine damals beliebte Methode diese Frage zu umgehen, indem hier die Ergebnisse kurzerhand mit öffentlicher Meinung gleichgesetzt wurden. Strategisch bewältigte
17 Erst 1972 unter dem Titel „The Crowd and the Public“ ins Englische übersetzt worden.
18 vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung. (1996) a.a.O., S.327
19 Ebd.
20 Ebd.
Arbeit zitieren:
Nannette Remmel, 2002, Was ist öffentliche Meinung?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Massenmedien und Öffentlichkeit - die mediale Wirkung auf öffentliche ...
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Seminararbeit, 20 Seiten
Das Prinzip Gerda - Gerda Buddenbrook als 'bedeutungsvolle Leerste...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Systemtheoretischer Begriff der Öffentlichkeit: Öffentlichkeit und öff...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Das Arena-Modell der Öffentlichkeit - Öffentlichkeit, öffentliche Mein...
Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik
Seminararbeit, 20 Seiten
Neue Geographie des Welthandel...
Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Michael Meusers (nach Bourdieu) und Erving Goffmanns Ansätze zur Gesch...
Hausarbeit, 18 Seiten
Konversationsanalyse - Vorgehensweisen, Theorien und Ziele
Soziologie - Methodologie und Methoden
Hausarbeit, 18 Seiten
Die Theorie der Schweigespirale - Das sozialpsychologische Konzept der...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Seminararbeit, 21 Seiten
Isolationsfurcht als Bestandteil der Theorie der Schweigespirale - Ei...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Seminararbeit, 20 Seiten
Über den Dualis - Der Einfluss Wilhelm von Humboldts auf die Ich-Du Ph...
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hausarbeit, 24 Seiten
Die interaktive Konstruktion von Geschlecht übertragen auf die virtuel...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Seminararbeit, 27 Seiten
WTO und handelspolitischer Regionalismus: Konkurrenz oder Ergänzung?
Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Untersuchung des polnischen Mediensystems im politischen Wandel
Politik - Internationale Politik - Region: Osteuropa
Hausarbeit (Hauptseminar), 35 Seiten
Nannette Remmel hat den Text Was ist öffentliche Meinung? veröffentlicht
Nannette Remmel hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare